Banshee Neue Folge 65

Nachricht von Ayse Konopski

Inzwischen war Schlaf über den Dächern, und das Licht auf den Straßen war goldbraun geworden, wie Honig. Es waren noch immer Leute unterwegs, aber ich hörte weniger ihre Schritte selber, als vielmehr das Echo. Da war ein zartes Getrippel und Getrappel, wie von Zwergenfüßen, oder von kleinen Kindern, die denken, wenn sie auf Zehenspitzen gehen, hört sie niemand. Der Himmel war zugezogen, ich sah keine Sterne, und es war warm, feuchtwarm. Ab und zu flatterte was über uns, aber ich konnte nicht erkennen, waren das welche von unseren Besuchern, oder Fledermäuse.

„Das Blumenmädchen“, sagte PvM, „erzählte ziemlich schnell und konzentriert. Offenbar hatte sie sich zurechtgelegt, was sie sagen wollte, und hatte das zu Hause ein paar Mal durchprobiert. Und jetzt, nachdem sie am Anfang noch gestottert und gestockt hatte, arbeitete sie ihre innere Vorlage so zügig ab wie ein Postbote, der sein Paket loswerden will.

Meine kleine Freundin hatte offenbar nicht nur gesagt, das geht niemanden etwas an, sondern auch, ich hab’s ja bloß gut gemeint. Und noch mehr Sprüche von der Sorte. Sie wollte offenbar Zuspruch von den Selbsthilflern. Sie erzählte regelmäßig und ganz genau, wie sie mich wieder besucht hätte auf der Klinik, und was ich gesagt hätte. Meistens hatte ich ja nichts gesagt. Die Therapeutin, die mit den Cowboystiefeln, hatte sie einmal abgefangen auf dem Korridor, und hatte angefangen, von mir zu reden, und wie man doch so gar nicht weiterkäme mit der therapeutischen Arbeit. Was das sei mit mir.

Mir blieb die Luft weg, als ich das hörte. Das war die krasseste Form von Vertrauensbruch, die ich mir überhaupt vorstellen konnte. Diese selbsternannte Therapeutentussi redete hinter meinem Rücken über mich. Sie erzählte meiner kleinen Freundin von dem ‚hartnäckigen Widerstand‘, den ich der Therapie entgegensetzte. Möglicherweise war das kurz nach dem Vorfall mit Adam und Eva. Und meine kleine Freundin schenkte der Schwindlerin nicht etwa reinen Wein ein, sondern schwoll vor Wichtigkeit und redete von ihren Schwierigkeiten, mich überhaupt zu ihr ins Bett zu kriegen. Aha, sagte die Therapeutin.

Leider gehöre ich zu den Leuten, die nie mitbekommen, was um sie herum vorgeht, und dann sind sie, wenn sie es rausbekommen, doppelt und dreifach erbittert. Ich hatte meine kleine Freundin nie besonders gemocht, aber vertraut hatte ich ihr doch, einfach, indem ich dachte, wir sind zusammen, und was zwischen uns ist, das ist und bleibt vertraulich. Vertraulich. Meine kleine Freundin kannte das Wort überhaupt nicht. Wenn wir miteinander redeten, konnte sie es gar nicht erwarten, rauszulaufen und zu erzählen, was der jetzt wieder gesagt hat. Die lebte in einem aufgeregten Universum, wo alles wichtiger Bericht ist. Sie war wichtig und fühlte sich wichtig, wenn sie was zu erzählen hatte. Und sie erzählte alles. Auch dass sie mich vergiftet hatte. Es musste raus. Da draußen waren sie und ihre Freunde, das ganze Selbsthilfegeschmeiß, und ich war das Objekt der Erzählungen. Ich war der, über den geredet wurde. Ich war der, über den man was rauskriegen musste, um es weitererzählen zu können. Ich war das Thema. Meine kleine Freundin fühlte sich wichtig, wenn sie dasitzen konnte und was zu erzählen hatte, so dass alle still waren und zuhörten. Ich war ihr Thema. Sie fing an, von mir zu reden, und dann sprudelte es aus ihr heraus.

Ich kann nicht sagen, wie verletzt und aufgebracht ich war. Heute würde ich nicht mehr so reagieren, ich habe die Welt inzwischen kennengelernt. Aber damals, damals war ich noch jung, und ich war sozusagen noch neu in der Welt. Ich wusste nicht, wie es hier zugeht. Ich kannte die Regeln noch nicht. Inzwischen hab ich die Regeln kennengelernt, ich kann aber nicht behaupten, dass ich mich damit abgefunden hätte. Meine kleine Freundin, die kannte sich prächtig aus in der Welt. Das war ihre Welt, von oben bis unten. Sie war hier zu Hause, sie kannte sich aus, sie kannte die Regeln und wusste, wie sie damit umgehen musste. Sie wusste, dass sie nichts riskierte, wenn sie in der Selbsthilfegruppe drauflosplapperte. Sie hatte diese Fähigkeit – zu lügen, so dass selbst die Wahrheit in ihrem Munde zur Lüge wurde. Ich mochte nicht mit ihr schlafen, weil ich sie nicht leiden konnte, und ich hatte gute Gründe zu meiner Abneigung, wie sich jetzt herausstellte. Der Therapeutin erzählte sie, der hat Schwierigkeiten mit Sex, und die Therapeutin sagte, aha. Und sie redeten gemeinsam über mich und hatten recht, und ich war der, über den geredet wurde. Ich hatte nichts dazu zu sagen, ich bekam ja nicht einmal mit, dass über mich geredet wurde.

Für einen kurzen Augenblick hatte ich einen roten Nebel vor den Augen, zwang mich dann aber zuzuhören. Das Blumenmädchen war ohnedies so gut wie fertig. Sie hatte sich die Geschichte angehört in der Selbsthilfegruppe, ohne viel zu sagen. Oder vielleicht hatte sie auch überhaupt nichts gesagt. Und mit den Wochen wurde ihr klarer und klarer, dieser Unbekannte da, von dem sie nichts wusste, als was meine kleine Freundin eben erzählte, der saß da fest in der Psychiatrie, weil meine kleine Freundin gar nicht daran dachte, mit der Wahrheit rauszurücken. Mag sein, am Anfang, im ersten Schrecken, hatte sie noch geschwankt. Aber jetzt hatte sich alles verfestigt. Ich war der Insasse da oben in der Nervenklinik, ich war der, über den geredet wurde, ich wollte einfach nicht gesund werden, ich war das Problem, mit meinen unbeherrschbaren Panikattacken, und meine kleine Freundin redete wichtig mit den Ärzten über das Problem, das ich war. Ich, nicht sie. Man machte sich gemeinsam Sorgen. Über mich. Und das Blumenmädchen hörte meiner kleinen Freundin zu beim Plappern, und quälend langsam, im Laufe von Wochen, reifte in ihr der Entschluss, ich muss was sagen, so geht das doch nicht, ich kann hier nicht einfach rumsitzen und so tun, als ginge mich das gar nichts an.“

PvM schwieg einen Augenblick, die Hände im Schoß. Dann sagte er: „Moral. Darum geht es. Moral ist eben keine Verzierung in unserem Leben. Die moralischen Entschlüsse sind der Kern unseres Lebens. Das Blumenmädchen hatte moralische Skrupel, von der ganzen Bande war sie wohl die einzige, an der die Frage nach der Moral zu nagen begann. Sie begann zu denken, das geht so nicht, ich muss hingehen und was sagen. Sie hätte ja auch denken können, was geht mich das an, ich kenn den Kerl nicht einmal, ich halt mich da raus, ich bring mich bloß in Schwierigkeiten, wenn ich mich da einmisch. Und wahrscheinlich hatte sie so gedacht, hin und her, aber dann hatte sie den Entschluss gefasst und sich gesagt, ich mach jetzt klar Schiff, ich geh hoch auf den Berg, in die Klinik, und such den jungen Kerl und erzähl ihm, was ich weiß. Und sie hatte ihren Labrador an die Leine genommen und war den langen langen Fußweg hochgestiegen durch die Weinberge, hoch zur psychiatrischen Universitätsklinik, die lag hoch über der Stadt am Waldrand, richtig erholsam, in der guten Luft, und dort fragte sie nach mir, und ich saß dort fest und wurde von einer Psychiatriegruppe in die andere weitergereicht.

Und meine kleine Freundin dachte derweilen, das weiß der ja alles gar nicht, dass ich ihm was in den Tee geschüttet hab, das weiß der ja nicht, und wenn der das nicht weiß, ist es so gut, als wär das nicht.

Und wahrscheinlich hatte sie sich längst selber überzeugt, das liegt alles an dem, mein Gott, was war das schon, so ein paar Tropfen Haschischöl, und der macht ein Gewese draus, als ob die Welt unterging, also, das ist doch offensichtlich, mit dem stimmt was nicht, ich hab nichts falsch gemacht, ich hab’s ja bloß gut gemeint.“

(Nachricht eingegangen am 24.06.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 25.06.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)