Banshee Neue Folge 64

Nachricht von Ayse Konopski

Der Brunnen hatte ein umlaufendes kleines Bänkchen, und da setzten wir uns, indes die Polizisten sich irgendwo weiter seitwärts im Schatten rumtrieben. Ich hörte das Plätschern in meinem Genick, ganz gleichmäßig und sprudelnd, und der alte Mann erzählte seine Geschichte fertig, immerhin, das war eine Geschichte, die war fertig,  meine ist das nicht meine ist das nicht meine ist das nicht

„Das Blumenmädchen, wirkte irgendwie verwirrt“, sagte PvM, „aber auch entschlossen. Und als erstes erzählte sie von ihrem Hund, der unten am Portal auf sie wartete, zur Erklärung, warum sie es so eilig hatte. Sie saß vor mit, aber sie sah mich nicht an. Entweder blickte sie zu Boden, oder an mir vorbei. Sie tat mir leid, ich weiß auch nicht warum, und irgendwie tat mir das gut, auf einmal hatte ich das Gefühl, die ist noch mieser dran als ich. Ich weiß nicht, warum ich das dachte, aber mir kam vor, die hängt fest in ihrem Leben wie in einem Gefängnis, die kommt da nie raus.

Wie auch immer, sie berichtete von meiner Freundin, wie die in der Selbsthilfegruppe von mir erzählt hatte, und mir klappte der Unterkiefer runter. Jung wie ich war, hatte ich keinen Begriff davon, dass so von mir geredet werden könnte. Verstehst du, dass da Leute saßen und quasselten über mich und ich war nicht dabei, ich hatte nichts zu sagen, meine Sicht der Dinge zählte überhaupt nicht. Das war Verrat. Ich hatte ganz lebendig das Gefühl, verraten worden zu sein. Da saß also meine kleine Freundin, und erzählte alles über mich, alles, was sie beim Zusammenleben von mir gesehen hatte und alles, was sie über mich rausbekommen hatte, und sie erzählte das genauso, wie sie es sah, und wie sie es mitbekommen und aufgeschnappt hatte, und wenn sie sich Sachen bloß zusammengereimt hatte, erzählte sie die trotzdem, als wären sie Tatsachen, und alles, was sie erzählte, das war nicht etwa ihre Sicht der Dinge, nicht etwa ihre Meinung, sondern das war der Mittelpunkt der Welt, das war die Wahrheit, das war das Ding. Das Ding, wie es wirklich war. Und nein, ich war nicht dabei, ich hatte nichts zu melden. Es zählte nicht, dass ich die gleichen Dinge womöglich ganz anders sah, ganz anders erlebt hatte. Meine kleine Freundin hatte die Dinge erlebt, und für sie zählte allein das.

Ich hatte immer gewusst, dass sie ein Spatzenhirn hatte, sie konnte das einfach nicht fassen, dass die Dinge mehrere Seiten haben, sie sah immer nur die eine Seite, nämlich ihre eigene, aber das war doch ein bisschen stark. Es stellte sich raus, sie war der Mittelpunkt. Bei allem. Dass wir beide zusammen waren, das drehte sich um sie. Ich war da nur Zubehör, wie das Mobiliar in der Wohnung, und ich funktionierte nicht so, wie sie sich das vorgestellt hatte. Sie war enttäuscht, von mir, von unserer Beziehung. Und sie lief herum und erzählte von ihrer Enttäuschung und ihren Problemen, und wenn sie dann nach Hause kam, hatte sie einen so merkwürdigen Blick, den ich damals nicht verstanden hatte. Jetzt auf einmal verstand ich ihn. Sie hatte über mich geredet, wie über ein Objekt. Du hältst dich für groß, sagte der Blick, aber du weißt gar nichts. Ich rede über dich, und ich mache dich genauso, wie ich dich denke. Ich rede von dir, und dann bist du genauso, wie ich das will. Wenn ich erzähle, ist alles genauso, wie ich das haben will. Wenn ich erzähle, dann heißt das, jetzt rede ich, und alles ist genauso, wie ich das sehe.

Da war irgendwie ein einfältiger Triumph in ihrem Blick gewesen, wenn sie mich anschaute. Verstand ich jetzt. Du weißt ja gar nicht, was ich über dich rede, sagte der Blick.

Und eines Tages, so berichtete das Blumenmädchen, sei sie ziemlich aufgelöst in der Selbsthilfegruppe aufgetaucht. Da wär was passiert. Sie hätte nicht etwa gesagt, ich hab was Schlimmes gemacht, sondern, da ist was Schlimmes passiert. Dass schlimm war, was da passiert war, das hatte sie immerhin verstanden. Also. Kurzfassung. Sie hatte ja vorher schon erzählt, dass es mit uns beiden nicht so gut lief, Sex eingeschlossen, sie hatte nichts ausgelassen. Und dann hatte sie von einem der Idioten in der Gruppe einen Tipp bekommen, einen Tipp und eine Adresse. Da war irgendwo ein Arsch, der hatte alle Stoffe im Angebot. Sie ging hin, und der Arsch sagte ihr, du musst den locker machen, das ist so ein Klemmi, bei dem geht alles über den Kopf, bei dem musst du erst mal den Bauch offen machen. Und er gab ihr eine kleine braune Medizinflasche mit ein paar Tropfen Haschischöl drin. Als Bezahlung machte sie die Beine breit, ernsthaft, sie erzählte das auch noch, sie hatte sich ficken lassen zur Bezahlung, und am Abend, zu Hause, hatte sie wieder diesen einfältig triumphierenden Blick gehabt, mit dem sie mich ansah, an den Blick erinnerte ich mich jetzt, dieser Blick, der sagte, du weißt gar nichts, ich bin groß, ich mach was ich will, du bist gar nichts.

Und dann hatte sie mir am Abend noch Tee gekocht, und auch daran erinnerte ich mich, weil sie so eilig gesagt hatte, ich mach das, bleib nur sitzen, und schon war sie in die Küche gesprungen, ich tat das sonst immer selber. Und also bekam ich meinen schwarzen Tee, den ich immer trank vor dem Schlafengehen, andere Leute werden wach von schwarzem Tee, ich nicht, egal, und der schwarze Tee hatte diesen angenehm feinbitteren Geschmack, neue Sorte, sagte meine kleine Freundin zu Erklärung, schmeckt er dir?

Und dann, ja, dann saß sie in der Selbsthilfegruppe und ließ nach und nach alles raus, wie der verklemmte Freund keineswegs locker geworden sei, sondern jetzt in der Universitätspsychiatrie abhänge, behandlungsbedürftig, unkontrollierbare Panikattacken, eine nach der anderen.

Hast du denen das gesagt, was du gemacht hast? war sie gefragt worden.

Natürlich nicht, hatte sie protestiert. Bin ich blöd? Dann bin ich doch dran! Dann fragen die mich, wo ich den Stoff her hatte.

Das sind Ärzte, wurde ihr entgegengehalten. Die halten den Mund.

Das ist allein meine Sache, sagte meine kleine Freundin. Das geht niemanden was an.“

(Nachricht eingegangen am 23.06.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 24.06.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)