Banshee Neue Folge 63

Nachricht von Ayse Konopski

„Die war nicht wirklich ein Blumenmädchen“, sagte PvM. „Ich nenn die nur immer so, wenn ich an sie denke. Sie hatte nicht viel Sympathie für mich, aber immerhin, sie kam und besuchte mich, und ich hatte keine Ahnung, wer sie eigentlich war. Sie sagte es mir.

Du musst dir das so vorstellen, ich hatte gerade Pause, zwischen zwei Therapiegruppen. Ich war ziemlich geladen, und gleichzeitig durcheinander, ich wollte raus aus diesem Bunker, hatte es aber immer noch nicht geschafft, mich bis zur Universitätsbibliothek durchzuschlagen. Hingekommen wäre ich schon, da hätte ich rennen können, aber drin hätte ich bei der Buchausgabe vor dem Schalter Schlange stehen müssen, das war damals noch so, die Bibliotheken waren noch nicht automatisiert, und wenn ich irgendwo stehenbleiben musste, womöglich eingezwängt zwischen Leute, kam die Panik, setzte sich auf mich drauf, ich sah den Fußboden auf mich zukommen. Also. Ich war gekettet an diese Klinik, und ich saß im Aufenthaltsraum auf der Station und versuchte zu lesen, Zeitvertreib bis zur nächsten Therapiesitzung, und da kam das Blumenmädchen.

Zehn Jahre zuvor hatte es diese Bewegung gegeben, flower power. Alles Friede und Verständnis zwischen den Menschen, wir teilen alles, Blumen in die Gewehrläufe, Hare Krishna und was weiß ich. Das war schon wieder vorbei zu der Zeit, als meine kleine Freundin mich vergiftet hatte, aber einzelne Personen hingen fest in diesem Dreh, in Endlosschleife. Das Blumenmädchen war eine von denen, deshalb nenne ich sie so. Sie hatte diesen ausweichenden Blick, die ganze Welt ist falsch, sagte der Blick, man kann nur den Kopf schütteln, wir Wenigen, Stillen, wir finden uns. Es gab dann welche, die würden für ihr ganzes Leben aus dem Modus nicht wieder rauskommen, würden sich nacheinander der Friedensbewegung und der Umweltlobby und grünbewegten Parteien anschließen, und nirgendwo würde es ihnen friedlich genug und blumenkindlich genug zugehen, endlich würden sie in Esoterikzirkeln landen und die Heilkraft der Chakren studieren, oder das geheime Wissen der Frauen, oder die spirituelle Connection der Edelsteine, was weiß ich. So eine war das, das Blumenmädchen, aber ich bin der bis heute dankbar, wegen der kam ich raus aus der Klinik.

Ich saß also in diesem Aufenthaltsraum, am Nachmittag, und das Blumenmädchen kam zur Tür rein, von einem Pfleger geleitet, wir hatten Pfleger, wir Kranke, so krank waren wir, jawohl, und ich sah, dass der Pfleger auf mich zeigte und dann verschwand, und das Blumenmädchen kam rein und steuerte auf mich zu, nicht in direkter Linie, sondern indem sie einen Bogen durch den Raum beschrieb, fast an der Wand lang. Und dann stand sie vor mir und fragte mich, ob ich der PvM sei, und ich nickte.

Sie setzte sich auf einen Stuhl, so dass wir uns ins Gesicht sehen konnten, sie blickte aber meistens zu Boden, sie war zehn Jahre älter als ich, und wirkte irgendwie verhärmt, alles an ihr war selbstgestrickte, naturbelassene Wolle. Auch die Art, wie sie redete. Alles aus Wolle. Ich erfuhr später, dass sie einen riesigen Labrador besaß, der wartete auf sie, treu und traurig, unten an der Klinikpforte, angeleint, der hatte nicht mit rein dürfen. Deswegen hatte sie es auch eilig und fasste sich kurz.

‚Ich kenne deine Freundin‘, sagte sie. ‚Ist egal, woher und wie. Ich hab was gehört über dich, und ich will das nicht länger für mich behalten.‘

Aus dem, was sie erzählte, ging ziemlich klar hervor, dass sie meine kleine Freundin aus einer Selbsthilfegruppe kannte. Meine kleine Freundin war in einem Dutzend von Selbsthilfegruppen, das war eine Zeit, da war man stolz darauf, ‚von der Gesellschaft‘ beschädigt worden zu sein. Ich glaube, die Zeit hat bis heute nicht aufgehört, nein? Wie auch immer. Theoretisch ist alles, was in Selbsthilfegruppen verhandelt wird, vertraulich. Aber andererseits, schriftliche Vereinbarungen gibt es da nicht. Und die meisten Selbsthilfler lügen ohnehin das Blaue vom Himmel runter. Was da alles von ‚spirituellen Erfahrungen‘ und ‚Jenseitsreisen’ erzählt wird … Egal. Mein kleine Freundin, so erfuhr ich, war eine von den ganz großen Plapperinnen, und ich war noch kaum in der Klinik interniert worden, sorry, ich hatte mich noch kaum selbst eingewiesen, da hatten sich bei ihr die Schleusen geöffnet, und sie hatte alles erzählt. Wie sie sich bei ihren Junkie-Freunden beklagt hatte, dass ich immer so angespannt sei, und mit dem Sex liefe es auch nicht so richtig, die hatte keinerlei Hemmungen gehabt, alles rauszulassen, aber wirklich alles, nur der Gedanke, dass es zwischen uns vielleicht deshalb nicht so richtig lief, weil ich sie nicht leiden konnte, der kam ihr nicht, aber das war meine Schuld, ich hätte es ihr eben sagen müssen, und ich hätte überhaupt nichts mit ihr anfangen dürfen. Es ist ein Verbrechen, wenn man mit jemandem etwas anfängt und weiß dabei von vornherein, das wird niemals was werden. Wenn man das weiß, muss man es halt lassen und allein bleiben. Das hab ich damals gelernt, auf die harte Tour, und vielleicht war mein Aufenthalt in der Klinik die gerechte Strafe, so könnte man das auch sehen. Jedenfalls, zu meiner Verteidigung will ich sagen, ich hab das niemals wieder gemacht, niemals wieder. Wenn man keine trifft, von dem man weiß, das ist die Richtige, muss man halt allein bleiben, so bitter das auch ist. Trifft man die Richtige, muss man daran festhalten, mit allen Kräften. Das Gefühl trügt nie.“

„Ich hab aber auch geglaubt, Konopski ist der Richtige“, sagte ich. Wir standen mal wieder vor einem Brunnen, vor einem dieser zahllosen Altstadtbrunnen, die es in Weldbrüggen gibt, und da war ein Fisch, aus Messing wohl, aber das war schon blau vor Alter, und aus seinem aufgerissenen Mäulchen spuckte der Fisch Wasser in ein steinernes Becken, und am Grund des Beckens lagen ein bisschen Sand und viele viele Münzen, die hatten Liebespaare dort hinein geworfen.

„Ja“, sagte PvM, „also hast du nichts falsch gemacht. Du hast geglaubt, er ist der Richtige, und du warst entschlossen, dich hineinzustürzen in die Sache und etwas daraus zu machen. Konopski war es, der von vornherein gewusst hatte, er wollte dich nur betrügen. Er hat sich schuldig gemacht, nicht du. Was er getan hat, war ein Verbrechen. Was du getan hast, war das Richtige. Nirgendwo gibt es eine Bibel, in der geschrieben steht, man wird glücklich, wenn man das Richtige tut. Im Gegenteil. Das Richtige zu tun, das kann oft ins Unglück führen. Hast du ja selbst erlebt. Du hast dennoch das Richtige getan. In keinem Augenblick hast du was falsch gemacht. Dein Konopski, der hat alles falsch gemacht. Der war ein Gauner und ein Verbrecher. Du hast ihn aber geliebt. Er hätte das Geschenk annehmen können, auf den Knien dankbar, und sich entsprechend verhalten. Oder er hätte sagen müssen, von vornherein, es tut mir leid, aber ich kann das nicht annehmen, ich liebe dich nicht. Einfach, oder? Statt dessen hat er dich ausgenutzt. Was hast du dabei falsch gemacht? Nichts.“

So hatte ich das noch nicht gesehen. Ich hatte immer nur gedacht, was war ich für eine Idiotin. Jetzt sagte der alte Mann, ich war keine Idiotin, ich hatte einfach das Richtige getan, und das Richtige hatte verheerende Konsequenzen gehabt, für mich, aber das passiert zuweilen, wenn man das Richtige tut, es bleibt dennoch das Richtige.   

(Nachricht eingegangen am 22.06.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 23.06.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)