Banshee Neue Folge 62

Nachricht von Ayse Konopski

Der Abend hatte sich inzwischen gemütlich eingerichtet über Weldbrüggen. Weiß nicht, wie ich das anders ausdrücken soll. Als wir aus der Kathedrale rausgekommen waren, war es noch hell gewesen, gerade noch, und überall in den Straßen war irgendwie Aufregung gewesen, ein Gefühl von Aufbruch, jetzt geht es in die Nacht hinein, jetzt wird es dunkel, jetzt passieren aufregende Sachen. Jetzt erleben wir was. Da waren junge Kerle, die wollten ihrer Liebsten ein Geständnis machen. Da liefen welche rum, die hofften, heut Nacht passiert was. Diese Aufregung, ihr kennt das, alles wird neu, alles wird anders. Na ja, und dann vergeht Zeit, und die Nacht wird richtig dunkel, überall funkeln Lichter, es ist Betrieb in den Gassen, und die Aufregung legt sich, der Abend gerät ins Gleis. Spät, gegen zwei Uhr morgens, werden dann so langsam die letzten Tische vor den Straßencafés zusammengeräumt, dann ist die Nacht zu Ende, nur an den Springbrunnen, da sitzen welche noch rum, die sich gar nicht damit abfinden wollen, dass nun bald wieder ein neuer Tag anbricht. Also. Und zwischen diesem aufgeregten Aufbruch bei Sonnenuntergang und dem schläfrigen Zusammenräumen vor Morgen liegen diese langen Stunden, da ist die Sommernacht fest eingerichtet in den Straßen, wie ein Land, in dem eigene Gesetze gelten. Und alle halten sich an die Gesetze, Polizei wird nicht benötigt.

Höchstens, wenn welche unterwegs sind wie wir, PvM und ich. Die beiden bewaffneten Polizisten folgten uns auf Schritt und Tritt, sehr professionell, sehr unauffällig, und all die Nachtschwärmer taten, als wär nichts, und jeder fragte sich, was lungern die Bullen da rum, und immer dauerte es nur wenige Minuten, und jeder bekam mit, das ist wegen den beiden da, dieser Alte mit seiner kleinen Türkin.

Es war, als wären wir in einer anderen Welt. Ich bin jetzt ja auch in einer anderen Welt, das ist eine andere Welt als die, in der ich aufgewachsen bin. Nichts hat mich darauf vorbereitet, es könne eine solche Welt geben, eine Welt, in der die Besucher über der Straße hin und her flattern, eine Welt, in der Frau Professor Regina Austri was zu sagen hat (sie hat Anspruch auf die Anrede „Euer Exzellenz“, aber von mir lässt sie sich mit „du“ anreden), eine Welt, wo Wächter mit halbautomatischen Gewehren vor diesem Eingang zur Gedenkstätte stehen, oder wo dieser schlängelige Weg durch den Bergwald hoch zum Fons führt, mit dem Dschungel und dem Teich, an dessen Ufer es keinen Handyempfang gibt, überhaupt diese Welt, wo es Nacht wird, und gestern war ich noch Ayse, die Kopftuchmaus, und jetzt bin ich eine nackte Göttin, vor der die Besucher in die Knie sinken, Licht in der Finsternis, nein, nichts und niemand hatte mich darauf vorbereitet.

Wir hatten unseren Käsekuchen klein gemacht bis auf den letzten Krümel, PvM und ich, und auch die beiden Polizisten, abhängend an einem Tisch schräg neben uns, hatten ihr Eis bekommen, und PvM hatte bezahlt, und jetzt sagte PvM: „Wir gehen noch ein bisschen, und ich erzähl dir die Geschichte fertig. Du sollst wissen, wie das gelaufen ist, mit mir.“ Er überlegte einen Augenblick, wobei er die Augen auf Fernsicht stellte, und sagte dann: „Wenn du ein Kind wärst, wär das ein Fehler, was ich gerade mache. Einem Kind sollte man immer zeigen, wie doch so ungefähr alles seinen guten Sinn hat. Oder wie man das Gute in allem sehen kann. Ja. Aber es ist nicht alles gut in dieser Welt.“

„Und ich bin kein Kind“, sagte ich, überflüssigerweise.

„Nein“, sagte PvM, „du bist die kleine Göttin dieser Welt, und wir sind alle damit beschäftigt, das zu sortieren. Es wär doch viel einfacher, wir könnten uns einfach daran freuen, dass du da bist, und du wärst einfach da, und das wär gut, denn du würdest fehlen, wenn du nicht da wärst. Und früher oder später kommt auch die Zeit, wo das so ist. Wo alles seinen Gang geht, und alle Dinge sind an ihrem Platz. Im Augenblick müssen wir für die Dinge ihren Platz noch finden.“

Er hatte mich nicht angesehen, während er so redete, jetzt aber lächelte er, langte rüber, nahm meine Hand und sagte: „Lass uns noch ein bisschen gehen, und ich erzähl dir die Geschichte zu Ende. Normalerweise rede ich nicht drüber, es ist nichts, woran ich gerne denke, die Geschichte gehört nicht einmal richtig zu mir, sie ist mir aufgezwungen worden, und ich fühle noch heute Widerwillen, wenn ich daran denke. Manchmal geht das so, man hat die Dinge am Hals, und man muss damit zurechtkommen, ob man will oder nicht, ob man das verdient hat oder nicht.“

Wir standen auf, und was soll ich sagen, wir standen noch kaum, da hing ich schon wieder mit beiden Händen an PvM’s Arm, das ist erst neuerdings, dass ich so eine Kletterpflanze bin, aber ich war ja barfuß, da brauchte ich ein bisschen Halt auf dem Kopfsteinpflaster, und die runden glatten Steine unter meinen Fußsohlen, die waren immer noch warm, vom Tag. Ich schaute hoch zu PvM, und er redete, und ich merkte mir jedes Wort, und dabei hörte ich in meinem Hinterkopf das Echo von Amys Stimme, ja, Amy, deiner Stimme, wie sie sagt: „ … also da frag ich mich doch, ist es da wirklich um das gegangen, worüber ihr geredet habt, oder habt ihr in Wirklichkeit von was ganz anderem geredet?“

Und die Nacht war ganz still und mit sich im Reinen, als wollte sie jetzt dauern für immer, für immer diese Sommernacht mit dem warmen Kopfsteinpflaster, mit dem Gemurmel der Brunnen und den Lichtern vor den Häusern, und ich am Arm des alten Mannes, Kopf an seiner Schulter.

(Nachricht eingegangen am 21.06.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 22.06.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)