Banshee Neue Folge 61

Nachricht von Ayse Konopski

„Meine kleine Freundin besuchte mich jeden Tag“, erzählte PvM, „und ich dachte nicht darüber nach. Ich war sehr jung, ich nahm das einfach hin. Ich hatte keinen Verdacht, das weiß ich. Ich kam nicht auf die Idee, dass sie ein schlechtes Gewissen haben könnte. Immerhin hatte sie das, muss zu ihrer Ehre gesagt werden. Sie hatte ein schlechtes Gewissen, aber vielleicht belauerte sie mich auch. Vielleicht kam sie jeden Tag um rauszukriegen, ob ich ihr auf die Schliche gekommen sei. Ob mir die Wahrheit aufgedämmert sei. Mir oder den Therapeuten. Da hätte sie ganz beruhigt sein können. Ich hatte keine Ahnung, keine Idee, keinen Schimmer, was eigentlich mit mir los war. Nur dass die Theorien, die mir von den Hochstaplern angeboten wurden, frecher Schwindel waren, das wusste ich mit Gewissheit. Die Geschäftsgrundlage der Schwindler war: Du kennst dich nicht, wir kennen dich. Du bist dir selber unverständlich, wir aber blicken in dich hinein und sehen bis auf den Grund deines Bewusstseins. Du weißt nicht, was sich da alles abspielt, in dir drinnen, wir wissen das. Wir sind die Experten. Wir durchschauen dich.

Das ist wirklich die Geschäftsgrundlage. Die Menschen wissen nicht, was sich in ihnen drin abspielt. Die Experten wissen das. Man sollte meinen, ich kenne mich. Du kennst dich. Wir sind erwachsene Menschen, wir kennen unsere Gedanken, wir kennen unsere Gefühle. Nichts da, rufen die Experten, ihr habt alle keine Ahnung, was mit euch los ist, wir aber, wir Experten, wir wissen das.  

Ich frage mich bis heute, und heute mehr denn je, wie die mit sowas durchkommen können. Frecher Schwindel, der aus dem Leiden der Menschen Kapital schlägt. Millionenindustrie. Was sage ich. Milliardenindustrie. Wer sich dem Verein anschließt, hat ausgesorgt. Muss nichts wissen nichts können, muss nur alle moralischen Bedenken über Bord werfen und entschlossen sagen, ab heute lebe ich von den Kranken und Bedürftigen, von den Geplagten und Gepeinigten. Ich verkaufe denen Hoffnung, ich belüge die nach Strich und Faden, ich hab nichts, was ich denen geben könnte, ich sauge und schmarotze an den Wehrlosen. Ich helfe denen nicht. Ich belüge die, mein ganzes Wesen ist Schwindel und Betrug, und jedes Mal, wenn es einem von denen besser geht, schreie ich mit zeigendem Finger: Unsere Therapie! Das ist wegen unserer Therapie!“

PvM stellte seinen Teller auf den Tisch, nickte unter sagte: „Natürlich geht es Leuten wie uns früher oder später wieder besser. Weil nämlich die Erkrankungen der Seele die gleiche Tendenz haben wie die Erkrankungen des Körpers: früher oder später heilen sie wieder ab. Von selber. Das ist der Punkt. Die Riesenmenge all der Verwirrten und Beängstigten, all der Gepressten und Bedrängten, die wird von selber wieder gesund. Weil weder die Seele noch der Körper krank sein wollen. Selbst gebrochene Knochen heilen wieder zusammen. Infektionen heilen aus. Du hast dir den Magen verdorben? Bestes Heilmittel: zwei Tage Fasten, schon ist alles wieder im Lot. Die Menschen überleben. Und ich hab auch überlebt. Du hast überlebt. Nicht wegen der Therapie. Eher trotz der Therapie. In den meisten Fällen plagt und quält die Therapie die Patienten noch zusätzlich. Die wären ohne die Therapie viel besser dran. Die Therapie konzentriert sich nicht auf die Heilung. Statt dessen lädt sie die Patienten ein, noch zusätzlich in ihren „verdrängten frühkindlichen Erinnerungen“ herumzubohren.

Die Wunde heilt dann am besten, wenn man ununterbrochen in ihr herumstochert, das ist die Botschaft der Schwindler. Wie können die damit durchkommen? Wie ist es möglich, dass die solche Macht angesammelt haben?

Wenn du in die Bibliothek gehst, steht da Regalbrett um Regalbrett voller Schwindlerliteratur. Auf hundert Bücher, die die Schwindler preisen, kommt kaum eines, das die Schwindler kritisiert. Die Bücher der Schwindler sind voll mit Fallgeschichten, die saftigen Fallgeschichten, die bringen der Lügenliteratur den Erfolg. Immer wird erzählt, wie durch die Therapie die „verdrängten Erinnerungen befreit“ wurden, und wie dann wunderbar Heilung wurde.

Es ist mit Händen zu greifen, wie all dieses wunderbaren Heilungsgeschichten frecher Schwindel sind. Sie sind frei erfunden, von vorne bis hinten. Nicht eine dieser Geschichten ist nachprüfbar. Aber die Geplagten und Gepeinigten, die Hoffnungsvollen, die greifen nach dieser Literatur wie nach einem Rettungsanker. Statt ihr Leben selber in die Hand zu nehmen, hoffen sie, hoffen sie gegen alle Vernunft, da sind diese Kundigen, die wissen, was mit mir los ist.

Die Kundigen sind Schwindler.

Bei mir kam einiges zusammen. Ich erfuhr dann endlich, was eigentlich mit mir los war. Mein Glück. Erzähl ich dir gleich noch, wie es dazu kam. Und das gab mir Auftrieb, als ich das endlich wusste, was die Ursache meiner Höllenplage war. Nur wurde ich dadurch dieses Kreiseln der Angst in meinem Hirn nicht los, noch nicht. Ich fing an, Ausschau nach allem zu halten, was mir helfen konnte.

Ich war in einem katastrophalen Zustand. Ich zwang mich, wieder rauszugehen, die Klinik wieder zu verlassen. Ich steuerte meine Wohnung an. Quer durch die Universitätsstadt schlängelte sich ein Flüsschen, und wenn ich von der Klinik rüber zu meiner Wohnung wollte, musste ich über die Brücke. Ich hielt mich angstvoll am Geländer fest. Du musst dir vorstellen, ich war noch ein Junge damals. Ziemlich schmächtiges Kerlchen. Seitlich vom Geländer ging es tief runter in den Fluss, und plötzlich war da wieder dieser saugende drehende Schwindel in meinem Hirn, und ich hatte plötzlich die Gewissheit, wenn ich so dicht am Geländer stehe, da kommt ein Hebel von hinten, zwingt sich zwischen meine Beine, und katapultiert mich hoch und über das Geländer weg runter in den Fluss, mit unwiderstehlicher Gewalt, ich spürte schon das Sausen der Luft um meinen Körper und die ungeheure Wucht, mit der ich hoch ins Leere gejagt wurde. In heller Panik floh ich weg von dem Geländer und hielt mich am Rand des Fußweges zur Fahrbahn hin, aber da stand ich erst recht im Freien, links und rechts kein Halt, und wieder war da der Schwindel in meinem Hirn, immer dieser drehende und sausende Schwindel, und ich wusste, wenn ich hier bleibe, legt es mich der Länge nach hin auf den Asphalt, aber was sollte ich machen, auf der einen Seite war das Geländer, auf der anderen Seite die offene Fahrbahn, über mir der leere Himmel, da war nirgendwo Halt, nirgendwo Sicherheit.“

Ich kann nicht gerade sagen, dass ich PvM gern so reden hörte. Der beschrieb die Sache so anschaulich, dass ich mich an den Armlehnen meines Stuhls festhielt, auch der war elegant und italienisch, und ich sah PvM an und fragte: „Und was hast du gemacht?“

„Ich bin gerannt“, sagte PvM amüsiert, amüsiert offenbar in der Erinnerung an sich selber. „Ich bin gerannt wie ein Hase. Ab durch die Mitte. Und da entdeckte ich was. Wenn ich rannte, bis mir die Luft wegblieb, rannte, bis mein Herz nicht mehr konnte: ging es mir wunderbarerweise besser. Die Panik hatte auf einmal keinen Mut mehr, keine Kraft. Das ist lange her, damals gab es das Joggen als Sport noch nicht. Wenn da einer mit fliegenden Absätzen durch die Straße rannte, zog er die Aufmerksamkeit auf sich. Ich entschloss mich, eisern alle Blicke zu ignorieren. Damals hab ich das gelernt. Einfach nicht achten auf die Gaffer. Einfach nicht hingucken. Rennen. Drauflos. Rennen war besser als Radfahren, weil ich beim Rennen schneller außer Atem geriet. Und darauf kam es an, das war die Therapie, die ich brauchte. Außer Atem geraten. Rennen bis zur Erschöpfung. Wenn ich so gerannt war, rund um die Höhen, wo die Klinik lag, gerannt in den Abend hinein, konnt ich auf einmal wieder schlafen. Die Schlaftabletten hatten mir nichts genützt, das Rennen nützte.

Und dann bekam ich Besuch von diesem Blumenmädchen.“

(Nachricht eingegangen am 20.06.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 21.06.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)