Banshee Neue Folge 60

Nachricht von Ayse Konopski

„Verstehst du“, sagte PvM, „die hatten einen ganzen Satz von Redereien, einen richtigen Werkzeugkoffer, der sorgte dafür, dass sie immer recht behielten. Ich sagte, die Angst sitzt auf mir drauf wie ein fremdes Wesen? Als ob sie nicht zu mir gehörte? Sie wurden nicht etwa misstrauisch, sie sagten nicht etwa, müssen wir nachprüfen, vielleicht ist da tatsächlich was Fremdes drin in dem, und wenn sie soweit gedacht hätten, wär ja der Gedanke an eine Vergiftung das Nächste gewesen, sagten sie aber nicht, sondern sie fingen an, von der ‚Verdrängung‘ zu reden. ‚Abgespaltene Persönlichkeitsanteile‘, das war das Wort, und sie taten ganz frech so, als ob es das wirklich gebe, als sei das wissenschaftlich nachgewiesen, in wiederholbaren und standardisierten Experimenten, ‚abgespaltene Persönlichkeitsanteile‘, ins Unbewusste abgesunken, von dort aus machen sie sich geltend, und weil die bewusste Persönlichkeit das nicht will, reagiert sie mit Angst. Klingt doch logisch, oder? So logisch wie jedes Wahnsystem. Alle Wahnsysteme sind streng logisch aufgebaut. Übrigens auch ein Indiz dafür, dass wir, wir mit unseren Besuchern, keinen Wahnvorstellungen aufsitzen. Denn an unseren Sichtungen der Besucher, da ist nichts logisch. Und ein System steckt schon gar nicht dahinter.

Da ich immer aufsässiger wurde, und dabei blieb, diese irre Angst, die hat nichts mit mir zu tun, das kommt von draußen, und verdammt, ich war es doch, der diese Angst hatte, ich wusste doch, wovon ich redete – fingen sie also an, von ‚meiner Homosexualität‘ zu reden.

Ich bin nicht schwul, sagte ich. Müsst ich ja wohl wissen!

‚Unbewusst eben doch!‘ riefen sie. ‚Das ist dieser starke unbewusste Drang, dieses übermächtige Verlangen! Aber das entspricht eben nicht dem Bild, das du von dir selber hast! Da wehrst du dich mit Händen und Füßen gegen die Einsicht! Daher die Angst!‘

Du erkennst den Trick. Wenn ich widersprach, riefen triumphierend: ‚Da! Da sieht man den Widerstand! Den unbewussten! Das ist die Verdrängung! Das zeigt doch, dass wir recht haben!‘

Es ging denen nur noch darum, recht zu behalten, und mich niederzusiegen. Unbedingt diesen widerspenstigen Patienten niedersiegen! Unbedingt den übermachten! Rechtbehalten!

Ich war aber eisern entschlossen, zum nächsten Semester an der Uni wieder auf der Matte zu stehen, ihr macht mich nicht zu eurem Dauerpatienten, dachte ich, und ich sah ja, sah mit eigenen Augen und Tag für Tag, was für ausgestopfte Schwindler das waren.

Der Tiefpunkt war erreicht, als ich in einer der quälenden Therapiesitzungen, irgendwann mal, ich weiß nicht mehr, in welchem Zusammenhang, von der Geschichte von Adam und Eva sprach, ihr Muslime kennt die Geschichte ja auch, Erzählung vom Sündenfall, steht, glaub ich, sogar im Koran —“

Ich nickte, und PvM nickte auch und fuhr fort: „Also, die Geschichte erwähnte ich, und in dem Gesicht von der Cowboy-Tussi ging sofort das Licht an, und es wusste aus ihr heraus, in unüberbietbarer Einfalt: ‚Ja, da geht es um die Sexualität, und wie die Menschen sich schuldig fühlen wegen ihrer Sexualität, da werden den Menschen die Schuldgefühle eingeredet! Wegen ihrer Sexualität!‘

Das gehört zur Geschäftsgrundlage dieser Idioten, sie hätten gewissermaßen die Sexualität entdeckt, und vor ihnen hätte die Menschheit nie nie nie was davon gewusst, das glauben die wirklich.

Ich sah die Tussi bloß an und fragte freundlich: ‚Könnten wir vielleicht von was reden, wovon wir beide was verstehen?‘

Und wirklich, die starrte mich einfach bloß an, und brachte kein Wort raus, und ich sagte es, sprach es aus, ich sagte: ‚Sie scheinen weder von Theologie noch von Sexualität etwas zu verstehen. Also, warum darüber reden?‘“

Oh Mann. Wieso fallen mir so großartige Beleidigungen nicht ein? Und wie der das so einfach erzählte! Ich wünschte, ich hätte in der Klapse auch den Mut gehabt, mich so zu wehren. Aber ich, ich war zwangseingewiesen. Ich hatte versucht, mich umzubringen. Ich musste gehorsam sein, ich musste allem zustimmen, wenn ich wieder raus wollte in die Freiheit, und das wollte ich. Außerdem war ich nur ein Mädchen, ein stilles Kopftuchmädchen, das sich hatte von dem Falschen ficken lassen und darüber den Kopf verloren hatte, also, ziemlich wörtlich. Keine Position, um aufsässig zu werden.

PvM überblickte nachdenklich den Tisch und sagte: „Wir haben uns noch ein Stück Käsekuchen verdient, oder nicht?“

„Ja“, sagte ich, „oh ja, bitte“, und dabei dachte ich, red doch weiter, erzähl doch weiter, wie ging das aus?

Und PvM winkte dem Kellner und bestellte den Käsekuchen, und die hatten wirklich welchen in der Tiefkühltruhe, obwohl das ja eigentlich ein Eiscafé war, und die eleganten dünnen italienischen Porzellanteller kamen, Käsekuchen mit Keksboden und einer dicken Lage Johannisbeergelee obenauf, das war sowas von köstlich, und PvM saß zurückgelehnt, den Teller in der einen Hand, die Kuchengabel in der anderen, und sagte nachdenklich: „Mit der Therapie bei der Cowboy-Tussi war es nach diesem Auftritt natürlich vorbei, sie reichte mich an einen Kollegen weiter, der noch blöder war als sie, der ließ mich gar nichts mehr sagen, in den Sitzungen, der redete selber, und alleweil nur von meinem ‚Widerstand‘, und wie ich den überwinden müsste, sonst hätte alle weitere Therapie keinen Sinn. Wenn ich heute daran zurückdenke, sage ich mir, ich hätte einfach gehen sollen. Aber die Wahrheit ist, ich konnte nicht. Die Fehlschaltung war einmal in mir drin. Irgendwelche Synapsen im Gehirn hatten sich koordiniert, und die Angst raste im Kreis. Wie gesagt. Hatte ich mal keine Angst, hatte ich Angst davor, dass die Angst wiederkommt, und diese Erwartung, diese rasende Angst vor der Angst, die war fast noch schlimmer als die Angst selber. Rückkoppelung. Irgendwas war schiefgelaufen mit mir, katastrophal schiefgelaufen. In der Tat. Ich war vergiftet worden, und diese Fehlschaltung war die Folge davon. Mein Gehirn war unter eine Droge gesetzt worden, und ich schob Panik, blanke Panik, und hatte keine Ahnung, was eigentlich mit mir los war. Und die frechen Hochstapler in der Klinik hatten erst recht keine Ahnung und bohrten herum an meiner ‚verdrängten Homosexualität‘. Als ich wieder draußen war, hätt ich die verklagen sollen, aber das ist ewig her, das waren andere Zeiten damals, Klage gegen die Mediziner einer Universitätsklinik, von vornherein aussichtslos.“

„Du bist aber wieder rausgekommen?“ fragte ich eifrig, blöde Frage, natürlich war er rausgekommen, sonst säße er ja wohl nicht hier.

Er sah seinen Käsekuchen an und antwortete ganz ernst: „Ich bin wieder rausgekommen, und ich hab aus der Sache immerhin für‘s Leben was gelernt, und das ging so.“

(Nachricht eingegangen am 19.06.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 20.06.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)