Banshee Neue Folge 59

Nachricht von Ayse Konopski

Ich löffelte mechanisch mein Pistazieneis, und hörte zu, und PvM redete weiter, ganz gemütlich, als ob er von einem Bootsausflug erzähle.

„Wir müssen die Ursachen finden, sagten sie, die unbewussten Ursachen für Ihre Angstzustände. Da sind unbewusste Konflikte, denen haben Sie sich nicht gestellt. Die müssen wir an’s Licht bringen, und dann müssen wir die gemeinsam bearbeiten. Um die unbewussten Ursachen, um die unbewussten Konflikte, um die geht es. Sie müssen sich endlich ihren verdrängten Konflikten stellen.

Mir wurde klar, die glaubten den Müll wirklich. Die hielten daran fest wie eine abergläubische Alte an ihrem Amulett. Die hatten keine Ahnung von irgendwas. Die hatten ein paar Sprüche, und an denen klammerten sie sich fest. Die Ursache von seelischen Nöten, das sind immer unbewusste Konflikte, und die Konflikte sind unbewusst, weil der Patient sie verdrängt. Der Patient will sich den Konflikten nicht stellen, die Verdrängung muss aufgebrochen werden, dann wird Heilung. Auf dieser Basis waren sie Mediziner, auf dieser Basis behandelten diese Kurpfuscher Patienten, auf dieser Basis hatten sie sich ihre Doktortitel erschlichen.

Meine kleine Freundin kroch derweilen aus und ein in der Klinik und besuchte mich und trat immer zuversichtlicher auf. Je mehr Zeit verging, desto gewisser dachte sie, sie kommt heil raus aus der Sache. Sie hatte mich vergiftet, ich hing fest in der Psychiatrie, ich war krank geschrieben, ich verlor ein ganzes Semester bei dem Spaß, und sie dachte an nichts anderes als, niemand kann mir beweisen, dass ich mit der Sache was zu tun hab.

Die unbewussten Ursachen. Sie konnten nicht wissen, dass ich vergiftet worden war. Aber Panikattacken sind kein ganz untypisches Symptom als Folge einer Vergiftung mit Halluzinogenen. Hätten die Schwindler das nicht wissen müssen? Hätten die da nicht ein bisschen intensiver nachforschen müssen? Statt dessen fingen sie an, mich zu therapieren, und die Therapie bestand in unermüdlichem Bohren nach den unaufgelösten Konflikten meiner Kindheit.

Es gab Gesprächstherapie, es gab Gruppentherapie, es gab gemeinsames Turnen, müsstest du kennen, mit den albernsten Übungen, Ball Zuwerfen gegenseitig, ‚um Vertrauen aufzubauen‘, und noch anderer Scheiß, gnadenlos. Zu meinem Glück stand oben in dem Raum für ‚therapeutischen Gestalten‘ ein Klavier, konnt ich, wenn die Luft rein war, wenigstens meine Tonleitern üben.

Einmal kam ich zur Einzeltherapie, ich weiß noch, die Therapeutin trug unter ihrem weißen Kittel diese lächerlichen Cowboystiefel, richtig spitz und mit silbernen Nieten, sollte wohl Individualität ausdrücken, und ich setzte mich und sah sie erwartungsvoll an, und sie sagte, kaum dass ich saß, ohne dass ein Wort gewechselt worden wäre, ohne jede Vorbereitung oder Erklärung: ‚Sie müssen ja eine unheimliche Wut haben auf Ihre Mutter.‘

Ich sah sie bloß an und fragte sanft: ‚Könnten Sie das lassen?‘ Und als sie mich dumm anstarrte, sagte ich: ‚Die Idee ist doch wohl, mal provozieren den, einfach mal was ranballern gegen den, ohne Vorwarnung, dann ist der überrumpelt, dann lässt der was raus, auf diese Weise krieg ich was raus gegen den, der ist so blöd, der springt da sofort drauf an, der merkt das gar nicht.‘

Merkwürdigerweise fing sie aus dem Stand heraus an zu schreien. ‚Es geht hier darum, Ihnen zu helfen! Nicht Sie reinzulegen! Wir wollen helfen! Helfen!‘

Ja, Hilfe hätt ich schon gebrauchen können. Ich hab niemals in meinem Leben solche Angst gehabt wie damals. War, wie wenn ein Gitarrist sein Instrument nahe an den Verstärker ranbringt. Entsteht dieses Jaulen, diese Rückkoppelung. Genauso war es bei mir. Ich hatte nicht nur Angst, ich hatte vor allem dann Angst, wenn ich grad mal keine Angst hatte. Nämlich Angst davor, dass die Angst wiederkommt. Und wenn sie dann da war, dass sie immer noch schlimmer wird, dass sie unerträglich wird, dass ich zu Boden stürze unter dem Anfall. Ich traute mich nicht mehr raus aus der Klinik, wiewohl ich ja hätte rausgehen können, ich war ja freiwillig da, aber ich hatte eine Todesangst, dass die Angst mich überfiel in der Öffentlichkeit, mitten auf einem belebten Platz, und dass ich dann wehrlos zu Boden ginge, oder sowas, ich hatte nicht einmal eine richtige Vorstellung, was mir eigentlich passieren würde, nur dass mir was Schreckliches, was unausdenkbar Schreckliches passieren würde, das wusste ich, und davor hatte ich eine Höllenangst.

Ich ging nicht einmal die zehn Wegminuten rüber zur Universitätsbibliothek, um mir Bücher zu holen, aus Angst, die Angst könnte mich grad dort überfallen.

Die Angst war ein fremdes Wesen, mit schwarzen Flügeln, das hockte mir auf den Schultern und hackte in meinem Gehirn rum, meine Schädeldecke war offen, wie bei dir. Ich erzählte den Therapeuten davon, die hätten nur zwei und zwei zusammenzählen müssen, sie waren dazu ganz außerstande, das sind die unbewussten Konflikte, wussten sie, das sind die unbearbeiteten frühkindlichen Konflikte, das ist das Unbewusste, das ist die Verdrängung.“

(Nachricht eingegangen am 18.06.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 19.06.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)