Banshee Neue Folge 58

Nachricht von Ayse Konopski

PvM atmete einmal tief ein, als ich ihm das alles erzählte, er tat so einen richtigen Schnaufer, dann guckte er auf meinen Eiskelch und fragte: „Schaffst du noch ein Pistazieneis?“, oh ja, schaffte ich, und so winkte er dem Kellner und gab die Bestellung auf.

„Ich hab auch mal die Nervenklinik von innen gesehen, wenn auch nur kurz“, sagte er dann, und ich glaube, mir fiel der Unterkiefer runter.

„Doch, das stimmt“, sagte PvM. „Das ist Jahrzehnte her, ich war Student, und ich hatte eine Freundin, die konnte ich nicht leiden. Hab ich nie wieder gemacht, mich mit jemandem abgeben, den ich eigentlich gar nicht leiden kann, aber damals war ich jung, ich hab mich allein gefühlt, und also hab ich was angefangen, einfach so. Es lief nicht gut, und die kleine Frau dachte, sie müsste was tun, dass ich nicht so verkrampft wär, so hat sie das empfunden, und also hat sie mich vergiftet.“

Der Kellner kam, servierte mein Eis, und ich starrte PvM an, ich glaube, ich machte richtige Kulleraugen.

„Iss dein Eis, bevor es schmilzt“, sagte PvM amüsiert. „Sie hat mich nicht mit Absicht vergiftet, sie wollte das nicht. Sie hatte ein Rudel sonderbarer Freunde, das war auch so was, weshalb es zwischen uns nicht so richtig klappte, und die besorgten ihr ein Fläschlein mit Haschischöl. Sie hatte keine Ahnung, wie man damit umgeht, oder sie hatte doch Ahnung und dachte, viel hilft viel, jedenfalls war ihr gesagt worden, misch dem das unter den Tee, dann wird der richtig locker, du wirst sehen, und sie tat das. Sie war so blöd. Ich hab mich hinterher noch daran erinnert, dass der Tee so einen sonderbar bitteren Beigeschmack hatte, nicht unangenehm, ich trank die ganze Kanne aus, und dann gingen wir zu Bett.

Ich glaube, ich schlief ziemlich gleich ein, und dann wachte ich auf, und starrte ins Dunkel, ich lag auf dem Rücken, und über mir drehte sich ein ungeheurer Trichter, ein Wirbel, der bildete einen Rüssel aus, so wie der Rüssel eines Tornados, und die Spitze des Rüssels tanzte eine Weile über meiner Stirn herum, als suche sie mich, und dann fand sie meinen Kopf, und alles, mein Körper, mein ganzes Bewusstsein, geriet in einen rasenden Kreisel, einen Schwindel, einen Strudel, auf einmal war ich draußen aus dem Bett und schnappte nach Luft und griff wild um mich, und dann war da eine Angst, wie ich sie noch nie erlebt hatte, Todesangst, ich bekam keine Luft mehr, Panik, ich wusste, sie sind hinter mir her, sie kamen von allen Seiten, ich wusste nicht, wer die waren, ich wusste nur, ich muss weg von denen, aber sie waren überall, sie kreisten mich ein, ich rannte raus, raus aus der Wohnung, auf die Straße, nackt wie ich war, aber draußen war es noch schlimmer, da waren noch mehr von denen, und irgendwo ging Licht an, und meine kleine Freundin, die dachte gar nicht daran, mir hinterher zu kommen, ich vermute, die blieb einfach im Bett und zog sich die Decke über den Kopf und tat so, als wär nichts.

Irgendjemand rief die Polizei, da tanzt ein Nackter auf der Straße rum, und die kamen dann, ich wurde nicht einmal beim Anblick von dem Blaulicht richtig nüchtern, die hängten mir eine Decke um die Schultern, ich erinnere mich noch daran, wie das kratzte, und irgendwie bekamen sie aus mir raus, wo ich wohnte, und dann hämmerten sie an unsere Tür, und die kleine Blonde kam endlich raus und tat erschrocken und fassungslos und unschuldig und sagte, mit hoher Stimme, ich hab gar nicht gemerkt, dass der aus der Wohnung raus ist, ich hab geschlafen.

Und die Polizisten fragten immer wieder, was haben Sie genommen, was haben Sie genommen, ich wusste gar nicht, was die meinten.

Ich hatte eine Überdosis Cannabis genommen, mit anschließender Panikattacke, aber davon wusste ich ja nichts, und die kleine Frau, die sagte nichts.

Also wurde ich zur Untersuchung in die Psychiatrie gebracht, und da fing der Spaß erst richtig an. Ich wurde untersucht, kein organischer Befund, und dann wurde ich nach den Symptomen befragt, und ich gab an, was anzugeben war: unbeherrschbare Angst. Todesangst.

Das ist so lange her, damals waren Panikattacken noch nicht als eigenständiges Krankheitsbild bekannt, nur als Symptom. Also diagnostizierten die bei mir eine „generalisierte Angststörung“, heute ist mir klar, die wussten nicht einmal selber, was sie damit meinten, und ich hatte Todesangst, ich wollte nur noch raus, aber wenn ich an die Nacht draußen dachte, war die Angst vor der Dunkelheit noch größer, und irgendwie war da noch ein Rest von Vertrauen in mir, die müssen doch wissen, wovon sie reden, dachte ich, ich hab doch keine Ahnung, was mit mir los ist, und als die sagten, es ist besser, Sie bleiben erst mal hier, zur Beobachtung, unterschrieb ich.

Selbsteinweisung.

Die kleine Frau kam am nächsten Tag und besuchte mich, immerhin, selbst in meinem derangierten Zustand fiel mir auf, wie fahrig sie hin und her redete und wie doch alles halb so wild wär, die brächten mich hier schnell wieder auf die Beine, und sie hätte die Sache ja schnell klären können, und dann hätten diese Idioten von Weißkitteln vielleicht auch die richtige Therapie gefunden, nämlich die richtige Medikamentierung, aber sie sagte kein Wort. Nein. Tat sie nicht.

Und ich fiel von einer Angstattacke in die andere, ich weiß nicht einmal, wovor ich eigentlich Angst hatte, dass furchtbare Dinge mit mir geschähen, dass ich plötzlich keine Luft mehr bekäme und ersticken müsste, oder dass mein Herz in einen langsamen, grauenhaften Krampf geriete, ich fühlte mich schon wie im Todeskampf, und ich bekam Beruhigungsmittel, die nichts nützten, und Schlafmittel, die nichts nützten, einmal blieb mir eine solche Pille im Hals stecken, und ich wäre beinahe wirklich daran erstickt, aber die Angst vor dem Ersticken machte mir nicht viel aus, im Vergleich zu dieser anderen Angst, dieser furchtbaren Angst, vor dem, was da draußen auf mich wartete, und ich wusste doch nicht, was das war, und meine kleine Freundin sagte nichts, sie kam mich besuchen, sie sagte nichts, und dann wurde ich therapiert.

Wir müssen nach den Ursachen dieser Angst suchen, sagten die Idioten, und ich bekam einen ganzen Schwung Therapien verordnet, da war sogar etwas dabei, was die „Gestaltungstherapie“ nannten, man musste malen und zeichnen, ernsthaft, erwachsene Menschen saßen da über einen Zeichentisch gebeugt, und dann wurden die Werke therapeutisch ‚ausgewertet‘, seit dieser Zeit weiß ich, was für ein frecher Schwindel dieser ganze Betrieb ist.

Die bekamen nicht raus, was tatsächlich mit mir los war, sie kamen nicht einmal in die Nähe.“

 (Nachricht eingegangen am 17.06.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 18.06.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)