Banshee Neue Folge 57

Nachricht von Ayse Konopski

Von den drei Monaten in der Klinik weiß ich überhaupt nichts mehr. Ich lag in einem Gestell, dass mein Schädel verheilen konnte, und überall in mir steckten Kanülen, da lief Flüssigkeit ab, oder wurde Flüssigkeit eingeträufelt, wie es halt so geht. Woran ich mich erinnern kann, das ist, wenn ich mal bei mir war, dachte ich ununterbrochen an das kleine Kätzchen, das ich hatte haben wollen, und wie froh ich war, dass es nie dazu gekommen war, denn was wär aus dem armen Tier jetzt geworden, allein in der Wohnung?

Ich hatte mir nicht nur den Schädel gebrochen, ich hatte eine Gehirnquetschung, und sie nahmen mir einen Teil der Schädeldecke raus, weil da Schwellungen waren, die Platz brauchten, so wurde mir das jedenfalls erklärt, später.

Als ich wieder aufstehen konnte, musste ich erst wieder laufen lernen. Na ja, ich musste überhaupt erst mal wieder lernen, auf meinen Füßen zu stehen. Ich hatte ein Zimmer oben im zehnten Stock in der Poliklinik, supermodern das alles, ich hab den Geruch noch in der Nase, und dieses ständige Summen und Piepsen, ich lag in der Traumatologie, ich hatte auch Schulterverletzungen, und mein rechter Unterarm war eingegipst, und einmal kam ein Chirurg und untersuchte mich und sagte dabei, wir haben hier auf der Station eigentlich Patienten, die wollten das alles gar nicht. Ich kam nach und nach zu Kräften, und die Kräfte benutzte ich, den Balkon anzusteuern, zehnter Stock, wie gesagt, und natürlich erwischten sie mich. Das war es dann. Zwangseinweisung. Ich wurde hinüber in die Psychiatrie gebracht, geschlossene Abteilung. Akute Selbstgefährdung.

Hier bekam ich so viele Medikamente, dass ich als Zombie durchs Gelände schlurfte. Ich bekam die Medikamente auch nicht zum Einnehmen, ich bekam sie gleich gespritzt. Es gab Diagnosen, es war von meiner Depression die Rede. „Meiner“. Das sagten sie immer wieder, das war der Punkt, mit mir stimmte was nicht, ich musste behandelt werden. Ich. Selbst in meinem benebelten Zustand dachte ich, ich hab doch nichts Unrechtes getan, mit mir ist doch nichts falsch, greift euch den Konopski, greift euch den Islam, greift euch meine Familie, und behandelt die. Die haben sich immer an mir den Arsch abgewischt, bis ich als Rolle Klopapier durchs Leben gelaufen bin und gedacht hab, ich will das nicht mehr, ich entsorg mich, sollen die sich ihr Klopapier beim Aldi kaufen. Als ich ein bisschen zu mir kam, wurde mir schnell klar, damit würde ich hier nicht durchkommen. Von mir wurde williges Mitmachen verlangt. Ich sollte einverstanden sein mit der Therapie.

Ich wurde richtig eifrig. Ich kämpfte wie die Deutschen, in ihrem Ersten Weltkrieg, an mehreren Fronten gleichzeitig. Ich musste mit meiner Scheiß Liebe fertigwerden, dieser idiotischen Sehnsucht, nach dem Konopski, mein Herz tat mir weh, wenn ich an den dachte, und wenn der zur Tür reingekommen wär und mich mitgenommen hätte, ich hätt dem alles verziehen, einfach so. Ich wusste, diese blöde Liebe muss ich loswerden, jeden Tag muss ich ankämpfen gegen die. Die andere Front war die Erinnerung an meine Familie. Und die richtigen Grabenkämpfe, mit schwerer Artillerie und allem Drum und Dran, das war die Therapie. Vor allem die Therapie, die musste ich bewältigen, ich wollt ja wieder raus aus dem Gefängnis. Also spielte ich denen alles vor, was sie hören wollten, ich war die willige Patientin, die Einsichtige, ich nahm musterhaft und pünktlich meine Medikamente, die durfte ich jetzt schlucken, und ich stimmte allen „Maßnahmen“ zu. Die Therapeuten waren meine Feinde, genauso schlimme Feinde wie meine Familie, wie der Konopski, wie der Islam, und die kamen von allen Seiten, und ich musste sie besiegen. Mit besiegen meine ich, ich durfte die nicht in mich rein lassen. Genau wie die Deutschen, in ihrem Ersten Weltkrieg. Auf keinen Fall die Feinde reinlassen, ins Land. Und die wollten das, in mich reinkommen, alle. Die wollten alle in mir drin sein, die wollten mich ficken. Mein Familie hatte das gewollt, von allem Anfang an, immer in mir drin sein. Auch wenn sie nicht um mich rum waren, wenn ich in der Schule war, zum Beispiel, hatten sie in mir drin sein wollen, ich sollte immer an sie denken. An ihre sprechenden Gesichter, an dieses unaufhörliche Besserwissen und Runtermachen. Immer sollte ich wissen, dass sie mich angucken, wo ich auch bin, dass sie mich sehen, mich ansehen, und dass ich nur ein Stück Dreck bin vor ihren Augen, und dass ich alles falsch mache, alles, weil ich nämlich falsch bin. Allah sieht dich! Allah sieht dich, und er liebt dich nicht. Ich weiß, wie das ist, wenn man angesehen wird und nicht geliebt wird dabei. Augen, die dich ansehen und dich lieben, sind weit offen, die trinken deinen Anblick. Augen, die dich ansehen und dich nicht lieben, die stechen wie Dolche. So sah mich die Therapie an, jetzt. Stechend. Die Therapie wollte was rauskriegen gegen mich. die Therapie wollte in mir drin sein, und noch viel mehr. Auch wenn ich allein in meinem Zimmer war, im Bett lag oder so, ich sollte an die Therapie denken und was mir da „vermittelt“ wurde. Ich sollte daran denken, wie recht die Therapie doch hätte, und wie alles, was ich selber will, doch falsch wär, weil, das wär ja alles unbewusst. Ich wusste nie, was ich dachte tat fühlte wollte, die Therapie wusste das für mich, ich wusste nichts. Alles was ich tat war unbewusst, und die Therapie kriegte das für mich raus. Die Therapie sagte mir haarklein, warum ich was tat, und ich musste mich beugen. Unterwerfen. Zustimmen. Ayse, braves Kind. Ayse, gläubiges Kind. Ayse, einverstanden mit ihren Vormündern. Das wollen alle Vormünder so. Die wollen nicht nur Vormünder sein, die wollen auch akzeptiert werden als Vormünder. Ich sollte vor der Therapie auf dem Bauch kriechen und erklären, wie ich das doch alles einsähe, und wie es mir jetzt schon viel besser ging, unter der Bevormundung. Wie wohltätig mir die Vormundschaft wär. Und natürlich, auf keinen Fall durfte ich die Vormundschaft Vormundschaft nennen, obwohl ich doch noch immer zwangseingewiesen war, da war ein Richter, der hatte alles unterschrieben, ich meine, ich hatte den niemals zu sehen bekommen, aber er hatte alles unterschrieben, und wegen der Unterschrift durften die mich gefangen halten, die durften das, ich durfte nichts, die durften alles, und wenn ich hier jemals wieder rauskommen wollte, musste ich sagen, wie einverstanden ich doch wär mit all dem, wie ich das einsäh, dass das alles gut und richtig wär für mich, wie sie die Guten wären, und ich die, die das einsäh. Freudig einsäh. Ich spielte denen das vor, und innerlich kämpfte ich drum, sie alle zu vertreiben. Ihr habt in mir drin nichts zu suchen, dachte ich. Der Islam hat in mir drin nichts zu suchen, meine Familie hat in mir drin nichts zu suchen, nicht der Konopski, schon gar nicht die Therapie, für wen haltet ihr euch eigentlich, das hier innen drin, das ist mein Land, nicht eures.

Nur das kleine Kätzchen, das es nicht gab, und für das ich gesorgt hätte, das hatte einen Platz, in mir drinnen.

Sorry. Besser konnt ich mich nicht wehren, als innerlich. Aber es war richtig, dass ich mich gewehrt hab, so wie es richtig war in dieser Nacht, dass ich nackt hinaus in die Gärten gerannt bin, irgendwo tief in mir drin ist da was, das weiß, was richtig ist für mich.  

(Nachricht eingegangen am 16.06.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 17.06.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)