Banshee Neue Folge 56

Nachricht von Ayse Konopski

Und dann haben wir angefangen zu reden. Ich meine, wir reden ja ständig. Daheim, wenn wir in der Küche sitzen. Ich hab noch überhaupt mit niemandem so viel geredet wie PvM. Manchmal denk ich hinterher, ich plappere und plappere, geh ich dem nicht irgendwann mal auf die Nerven.

Das Schlimmste, was dir passieren kann, sagt er mit seinem amüsierten Lächeln, das ist, du endest als eine Romanfigur von mir.

Na ja, so ein schlimmes Schicksal ist das vielleicht gar nicht. Wenn ich so darüber nachdenke, eigentlich würd ich das sogar gern lesen. Ob ich mich wiedererkenne. Wenn meine Familie über mich redet, ich weiß jetzt schon, ich würd mich fragen, von wem reden die. Und der Konopski? Ich frag mich, ob der mich überhaupt wahrgenommen hat. Für den war ich die Tussi, der man alles erzählen kann, und die glaubt das. Glaubt das mit feuchten Augen. Mir wird schlecht vor mir selber, wenn ich daran denke. Aber PvM, der hört wirklich zu, und dann nehm ich mal an, sollte der mich jemals schreiben, richtig so, nicht bloß über mich schreiben, sondern richtig mich schreiben, wie eine Romanfigur, als eine Romanfigur, dann könnte es sein, also da wär richtig eine winzige Chance, dass ich mich wiedererkenn.

Fragt sich dann nur noch, wird mir das gefallen, wenn ich mich wiedererkenn. PvM liebt nicht alle seine Romanfiguren, und wenn er eine nicht liebt, gar nicht liebt, dann geht das blutig aus.

Egal, ich hab wieder angefangen zu plappern, ich hab von dem Konopski erzählt, und wie ich Wochen wie auf Wolken gelaufen bin, da war diese winzige Wohnung, in so einem sozialen Brennpunkt, da waren auch Türken, und einmal haben die mich im Treppenhaus aufgehalten, junge Bengels, haben mich gefragt, warum ich mit einem Christen verheiratet bin, und das hat mir gar nichts ausgemacht, ich hab die zusammengeschissen, dass sie gelaufen sind. Die sind hohl. Die sind gar nichts. Da ist nichts, worauf die wirklich stolz sein könnten. Keine Leistung, keine Arbeit, keine guten Schulabschlüsse. Nur dass sie Männer sind (sind sie nicht), dass sie Muslime sind (sie haben keine Ahnung, was im Koran steht), dass sie Türken sind (ihr ganzes Leben wird von den deutschen Behörden finanziert), und dass sie nicht schwul sind, dass vor allem, das erzählen sie jeden Tag jedem dem sie begegnen zehn Mal, dass sie nicht schwul sind, das ist ihr Ding, und wenn sie nicht einverstanden sind mit jemandem, fragen sie den, bist du schwul oder was?

Und das hat mir alles nichts ausgemacht, ich bin rumgelaufen einen Meter über dem Erdboden und hab die Wohnung geputzt und Bilder aufgehängt und Blumenkästen auf den Balkon gehängt, und ich hab schon daran gedacht, dass doch auch für ein kleines Kätzchen noch Platz wär in der Wohnung, und zur Nacht hab ich unter dem Konopski gestöhnt, das war was, da hat der sich richtig ins Zeug gelehnt, war ja auch kostenlos, die Nutten, zu denen er sonst gegangen ist, die hat er bezahlen müssen, und dann war ich eines Tages einkaufen, und an der Kasse wurde meine Kreditkarte nicht angenommen, ich hatte gerade noch genug Bares bei mir, um die Einkäufe zu bezahlen, und ich ging heim und dachte dabei, daran kann ich mich noch genau erinnern, ich dachte, ich räum jetzt erst mal die Einkäufe in unseren neuen Kühlschrank – wir hatten einen, beim amazon gekauft, so ein superteures Teil, eigentlich viel zu teuer für uns, ganz Silber und Gefunkel, aber wir hatten es zu einem Spottpreis gekriegt, weil, an der Seite war ein tiefer Kratzer eingeschürft, unverkäuflich, und wir haben es so aufgestellt, dass die Seite mit dem Kratzer gegen die Wand stand, und da stand es also, das edle Teil, beschädigte Ware, wie ich heute, aber man hat es nicht gesehen, und der Konopski hat sogar noch die Türen richtig eingehängt, dass sie bequem nach der richtigen Seite aufgingen, und ich war stolz auf das Teil und auf Konopskis Arbeit wie die Königin der Nacht und hab Einkäufe gemacht auf Vorrat, konnt ich ja jetzt, da war ein Gefrierschrank drin – und das hab ich also gedacht an dem Tag, ich bring jetzt schnell die Einkäufe in den Schrank, und dann geh ich nochmal raus und klär das ab mit der Bank, was das ist mit meiner Kreditkarte, der Kredit war noch gar nicht angebrochen gewesen, da war ein Guthaben drauf, und als ich heim kam, da lag da dieser Zettel auf dem Küchentisch, bin dann mal weg, stand da drauf, richtig in diesen Worten, bin dann mal weg, ich hab das erst gar nicht verstanden, nicht den Inhalt, nicht den Ton, nicht die Kälte, diese hämische Eiseskälte, die verfolgt mich bis heute, bis in meine Träume hinein, ich hör den höhnischen Ton, ich bin dann mal weg, und dann wach ich auf und krieg keine Luft mehr und sitz aufrecht im Bett und schnapp nach Luft, deswegen schlaf ich auch nackt, ich weiß, wenn ich so aufwach aus so einem Traum und hab einen Pyjama an, ich erstick, bevor ich rechtzeitig die Knöpfe aufkrieg.

Ich bin also raus und zur Bank, der Konopski hatte meine Kreditkarte leergeräumt bis zum Anschlag, mein Sparbuch, und den Dispokredit auf meinem Girokonto, kam er überall ran, ich hatte ihm Karten ausfertigen lassen, denn ich hatte unter ihm ja nicht nur gestöhnt, sondern hatte geglaubt, Glück meines Lebens, Liebe meines Lebens, mein Leben, mein ganzes Leben.

Ich brauchte, so blöd bin ich, ich brauchte volle zwei Tage, um zu begreifen, dass das wirklich passiert war, ich ging sogar zur Arbeit und tat so, als wär nichts, und wenn ich nach Hause fuhr, bildete ich mir fest ein, da ist der Konopski in der Wohnung und wartet auf mich, und es war alles bloß ein blöder Irrtum, und in der dritten Nacht, mitten in der Nacht, es muss so zwei Uhr morgens gewesen sein oder so, bin ich raus gegangen auf den Balkon und bin runtergesprungen, vom dritten Stock. Kopfüber. Ich hab’s so gemacht, wie ich’s bei den Turmspringerinnen in der Glotze gesehen hab, wenn die ins Becken springen, kopfüber bin ich gesprungen, und mit dem Kopf unten auf den Steinplatten gelandet, vor dem Eingang. Jemand hat mich gesehen, oder das Klatschen gehört, als ich aufschlug mit meinem dämlichen Kopf, und dann kamen sie mit Tatü-tata, und als sie mich fanden, lag ich, gegen die Hauswand gelehnt, ich war aufgeschlagen und nicht bewusstlos geworden, oder nur kurz, und dann bin ich aus eigener Kraft zur Hauswand gekrochen und hab mich da angelehnt, und ich hatte die Augen offen, und ich war in einer riesigen schwarzen Höhle, da redeten von allen Seiten Stimmen auf mich ein.

Das Furchtbare war, ich hab den Konopski immer noch geliebt, ich hab einfach nicht aufgehört, den zu lieben.

Die haben mich in die Notaufnahme gebracht und gleich in die Intensivstation, die mit dem Tatü-tata, Schädelbasisbruch, ich wurde operiert, dann war ich drei Monate in der Klinik, und danach fast ein Jahr in der Klapse, und natürlich wurde meine Familie benachrichtigt, ich hatte eine Karte in der Tasche, da stand drauf, bei Notfällen zu benachrichtigen, das war natürlich der Konopski, der war nicht aufzutreiben, so haben die sich an meine Familie rangewanzt, ohne mich überhaupt zu fragen, aber ich war ja auch nicht ansprechbar, und natürlich kamen die nicht, ich hätt die auch gar nicht sehen wollen, Mann, müssen die geschwelgt haben in Befriedigung, dass ich jetzt mein Fett wegbekommen hatte. Wahrscheinlich haben sie denen mit dem Tatü-tata dasselbe gesagt wie nachher PvM, wie kennen keine Ayse, wir haben keine Tochter.

Das hab ich dem PvM erzählt, und um mich herum war Lachen und Gläserklirren, und die ganze Zeit, während ich geredet hab, hab ich den Tautropfen zugeguckt auf dem Eiskelch, wie sie an dem silbernen Stiel runterrannen und nach und nach diesen kleinen Papierkragen durchnässten, ich hab nicht PvM angeguckt, konnt ich nicht, ich hab den Tropfen zugesehen, wie sie rannen und rannen.

(Nachricht eingegangen am 15.06.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 16.06.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)