Banshee Neue Folge 55

Nachricht von Ayse Konopski

Und dann sind wir in die Stadt gegangen. Ich weiß nicht, wann ich das zum letzten Mal hatte, Abend in der Stadt, Trubel, Sommernacht, Lichter, all die Straßencafés auf dem Kopfsteinpflaster, und da waren alte Hofeingänge zwischen den Häusern, und auf den Mauern war buntes Laub, und hinten waren Terrassen mit Tischen und Stühlen, und überall Menschen, und Lichter, und sogar Musik. Ich meine, ich hab’s ja gern still um mich rum, aber das hat mir gefallen. Ab und zu haben wir welche von den Besuchern gesehen. Da war ein Brunnen, auf einem kleinen Platz, so ein alter Brunnen mit vielen Becken und Ecken, und schmiedeeisernen Verzierungen, und einer Figur obenauf, da saßen drei von den Frauen, dreimal Diana, und haben mich traurig angeguckt. Und über den engen Straßen, da sind sie hin und her geflattert, unter dem Nachthimmel, wie Fledermäuse, einmal hab ich einen gesehen, der hat sich an der senkrechten Hauswand festgeklammert, die Finger gekrümmt wie Krallen, und die Schuhe mit den Spitzen balancierend auf dem Bogen über einem Fenster, so hing er da, flach gedrückt gegen die Wand, und hat über die Schulter auf mich herabgesehen.

Natürlich waren Türken unterwegs. Rudel von jungen Männern, aber auch Frauen, Kopftuchfrauen, mit ihren Kinderwagen. Die sind überall. Ich spürte die Blicke, auf meinem Outfit, auf meinen bloßen Füßen, auf meinen Händen an PvM’s Arm. Missbilligende Blicke, ich hielt den Kopf oben, und PvM, nach seiner Art, sah überhaupt nichts, nur wenn mal wieder einer von den Besuchern über unsere Köpfe wegflatterte, blickte er auf.

Ich weiß nicht, was das ist, wieso die Türken auf der Straße mich sofort als Türkin erkennen, sorry, ich bin Deutsche, steht so in meinem Personalausweis, aber das ist denen egal, wir sind alle zuerst mal Türken, sagen sie, und sie gucken, einmal hörte ich sogar ein missbilligendes Zungenschnalzen, von einer Kopftuchfrau, ich kenn die Sorte von Schnalzen, es war nicht so, dass unbedingt ich das hören sollte, die anderen Türken sollten das hören, die sollten hören, dass die Schnalzerin mein Gehen mit einem Deutschen missbilligte, ohne Kopftuch auf der Straße, hängend am Arm von dem Kerl, der offensichtlich nicht mein Mann war, ihr versteht, wie das läuft, die Schnalzerin sieht uns, mich und PvM, und es reißt sie, sie lässt das Schnalzen hören, damit die anderen Türken auf keinen Fall denken, sie billigt, was sie sieht, die Schnalzerin wird wahrscheinlich zu Hause geprügelt, aber auf der Straße stellt sie sich hin, das will ich so, ist ihre Botschaft, das ist der Islam, das ist ganz mein Ding, da stehe ich vorne dran.

Ich kann gar nicht sagen, wie ich das hasse. Wenn die, die am meisten unter dem Daumen stehen, schreien, das will ich so! das ist meine freie Entscheidung!

Ich hab mal mit PvM darüber geredet, der nennt das „überschießende Zustimmung“. Die Unterdrückten überbieten sich gegenseitig im Eifer, ihre Zustimmung zu der Unterdrückung zu bekunden. PvM sagt, das hat’s in Deutschland auch gegeben, als im Osten die Kommunisten noch geherrscht haben. Da sind auch immer wieder welche aufgestanden und haben ihre Treue zum Sozialismus rausgebrüllt, ohne dass sie jemand danach gefragt hätte. Wenn das passiert ist, erzählt PvM, konnte man sicher sein, die Stasi hatte was gegen die in der Hand.

Vorauseilende Zustimmung. Signal an die Machthaber, ich bin ja für euch, ich bin ja sowas von auf eurer Seite, ich lass mich von niemandem in meiner Zustimmung überbieten.

Mir wurde ganz schön aufsässig zumute. Ich dachte daran, wie ich durch den Vorgarten getänzelt war, als ich an PvM’s Rad geklempnert hatte, nackte Beine, die Jeans so weit abgeschnitten, dass man die Bäckchen sehen konnte, und die Bluse unter den Möpsen zusammenknotet. Wenn ich das nächste Mal abends durch die Stadt gehe, dachte ich, zieh ich mich so an, oder vielmehr aus, damit ihr’s wisst.

Werd ich natürlich nicht machen, aber das ist genau das, was PvM gesagt hat. Zivilisationsmerkmal. Wenn die jungen Frauen in der Sommernacht halbnackt durch die Stadt spazieren können, und sie werden nicht blöd angemacht: dann ist Zivilisation. Und wenn sie Angst haben müssen, missbilligend beschnalzt zu werden, oder gar belästigt und betatscht, dann ist eben nicht Zivilisation, sondern Neandertal.

Was das mit dem Neandertal auf sich hat, das hab ich dann gegoogelt, erwähnte ich schon mal? jedenfalls, da gab es auch Abbildungen von Neandertalern, wie die wahrscheinlich ausgesehen haben, und als ich soweit war mit Denken, hab ich gelacht, und PvM hat mich gefragt, warum, und ich hab ihm erzählt, was ich gerade gedacht hab, und dann haben wir beide gelacht, und auf einmal hatten wir eine richtig gute Zeit.

Wir haben uns dann in ein Straßencafé gesetzt, und über den Dächern konnte man die Türme der Kathedrale sehen, wie üblich bunt angestrahlt, und ich hab endlich mein Eis gekriegt, das war auch bunt, aber nicht so arg, ich hab’s mit Vanille und Zitrone und Pistazien, PvM hat sich mit einer Schokoladenkugel begnügt, weil, wenn er sich zu viel von dem gefrorenen Wasser einfüllt, sagt er, schlabbert es ihm dann im Bauch, aber von meinem Pistazieneis hat er doch mal probiert, weil er das noch nicht kannte, und die Eiskelche waren glänzend und versilbert, es hat sich gleich Tau auf ihnen gebildet, in der warmen Nachtluft, und ich hab gespannt zugeguckt und gewartet, dass das erste Tröpfchen runterrinnt, und eine Bahn fährt durch die anderen Tropfen, und weil die vom Eiscafé natürlich wissen, dass das passiert, ist unten um den Kelchstiel rum immer eine kleine runde Papierserviette, die fängt das Wasser auf, und die Tröpfchen rinnen den Stiel runter und langsam wird die Serviette nass, richtig nass, also, das seh ich gar zu gern, und um uns rum war Murmeln und Gläserklirren und Sommernacht, und auf den Tischen standen überall Teelichter in ihren Glasschalen, und die Flämmchen waren ganz still und fein, und ab und zu ist mal einer von den Besuchern über unsere Köpfe weggeflattert, und ich hab gedacht, so könnt’s jetzt eigentlich immer sein.

(Nachricht eingegangen am 14.06.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 15.06.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)