Banshee Neue Folge 54

Nachricht von Peter von Mundenheim

Ayse brennt darauf, euch zu schreiben, ich will doch ein paar Worte erst noch loswerden. Nein, ich bin Diana nicht böse, dass sie das gesagt hat, Ayse als Versuchskaninchen. Deshalb hab ich Ayse ja mehrmals gefragt, ob sie das wirklich will, da runter in die Gedenkstätte gehen, da unten haben schon erwachsene Männer das ganz große Heulen gekriegt, und die Putzfrauen, die die Scheiben und den Boden saubermachen, die kündigen regelmäßig, und dann müssen neue gefunden werden, die meisten Bewerberinnen winken bloß ab, wenn es heißt, sie sollen da runter, sind nur ein paar Veteraninnen dabei, die bleiben jahrein jahraus, eine von denen hat Regina mal erzählt, sie betrachtet die Arbeit da unten als eine Art Gottesdienst, sie putzt und betet dabei, ununterbrochen, und sie hat versichert, dabei würde ihr ganz still und friedlich, ganz demütig, sie würde fühlen, alles ist Gottes Wille, das hat diese Putzfrau gesagt, sie ist seit mehr als dreißig Jahren dabei.

Wo war ich. Also, ich hab gewusst, und Regina hat das auch gewusst, was wir Ayse da aussetzen, und ich hab meine Zweifel gehabt, deshalb kann ich auch Diana nicht böse sein, wenn sie sagt – was sie gesagt hat. Sandra hat absolut recht: sollten die Medien sich eines Tages entschließen, aus uns eine Geschichte zu machen, die ihnen Quote bringt, eine „Story“, eine „Titelstory“, dann werden wir durch die Mühle gedreht. Ja. Deshalb müssen wir zusammenhalten. Zusammenhalten. Aber das bedeutet nicht, dass wir uns gegenseitig Gefängniswärter sind. Dass wir ein bisschen aufeinander aufpassen, das ist doch selbstverständlich. Diana passt ja auch auf ihre Kinder und auf ihren Balbutin auf. Aber wir sind uns nicht gegenseitig Wächter. Nie im Leben. Ich kann immer nur zusehen, dass ich – um Ayse rum bin. Dass ich immer in der Nähe bin. Dass ich da bin, wenn sie kommt und sagt, sie braucht mich. Aber ich bin nicht ihr Aufpasser.

Nachricht von Ayse Konopski

Nochmal zum Mitschreiben. Ich bin freiwillig da runter gegangen, in die Gedenkstätte. Und die Kathedrale, da wollt ich reingehen, das war ich, die das gewollt hat, das war mein Vorschlag. Ich weiß nicht, was ich mir denken soll bei dem, was ihr da sagt. Manchmal find ich das süß, wie ihr euch Sorgen macht um mich, dann wieder find ich das übergriffig. Liegt wohl irgendwo in der Mitte, ihr macht euch eben Sorgen um mich, aber hoppla, das hab ich ja grad eben gesagt. Bloß, ich bin da ein bisschen allergisch. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, da bin ich rund um die Uhr bewacht worden und bevormundet und zensiert und beaufsichtigt, mir fallen gar nicht genug Worte ein um das zu beschreiben, und das einzig Gute daran war, die haben mich so beobachtet, dass wenigstens nicht nachts einer von den Kerlen zu mir ins Bett kriechen und seinen muslimischen Schwanz in mich reinschieben konnte, das immerhin ist mir erspart geblieben, man muss ja für alles dankbar sein.

Nachher der Konopski, der durfte dann seinen christlichen Schwanz in mich reinschieben, das hab ich ihm erlaubt, dafür hab ich willig die Beine breit gemacht, und das endete für mich in der Klapse, soviel zu diesem Thema.

Ich hab diese Damen und Herren gesehen, die da in der Kathedrale aus den Wänden gekommen sind, ich meine, ich glaub nicht wirklich, dass die aus den Wänden heraus kamen, aber andererseits, ich hab gesehen, wie die eingetreten sind, sehr vornehm, mit den vielen Falten in ihren Gewändern, abgesehen von dem festen Kerl mit den Bauernbeinen, also die kamen irgendwoher, aus dem Dahinter der Wände, und das waren alles Stellvertreter, die haben was dargestellt, die haben was sichtbar gemacht, sich selber natürlich, sie haben sich sehen lassen, so wie wir uns reinstellen in die Blicke, wenn wir vor die Tür gehen, oder wenn wir rausgehen in die Stadt, wir lassen uns sehen, sagt man doch auch so, aber das ist nur ein Teil von uns, was die Leute da zu sehen kriegen, unsere Außenhaut, von unseren Gedanken und Gefühlen und Wünschen wissen die erstmal nichts, so war das auch mit PvM und mir, als wir dann runter in die Altstadt sind, der würdige alte Mann mit der kleinen Türkin, die sich an seinem Arm festgehalten hat, und die barfuß war, wir sind ziemlich neugierig angestarrt worden, und ich möchte wohl wissen, was die Leute da gesehen haben, von all unseren wirklichen Sorgen jedenfalls nichts, und so war das eben auch mit den Figuren in der Kathedrale, die waren wirklich, die haben mich angesehen, und vor allem haben sie sich von mir ansehen lassen, aber ich hab eben nur sehen können, was sie mir sozusagen in den Blick gestellt haben, und ich hab gewusst, hinter denen ist was, hinter denen ist jemand, die stellen was dar. Bringt mich zu unseren Besuchern, die ja auch nicht bloß Erscheinungen sind. Ha, da hab ich’s gesagt. Erscheinungen. Sind die nicht. Die sind irgendwie – Personen. In denen drin oder hinter denen ist jemand, in jedem einzelnen von denen ist jemand, das sind Personen, viele verschiedene Personen.

Und das mit der Rose, also, ich hab auf einmal verstanden, wie winzig unsere Welt ist. Gott hält unsere Welt in der Hand wie Blütenstaub, nicht mehr, ein Hauch könnte uns wegpusten. Deshalb diese Mauern überall um uns rum, diese Grenzen. Da ist ein solcher Tumult da draußen, ein solcher Orkan aus Licht und Jubel und Lärm und Schöpfung, dass unsere kleine Welt von allen Seiten einfach geschützt werden muss, sie würde sonst weggespült werden. Wir sind, unsere Welt ist wie eine Perle in der Muschel, und draußen ist der Ozean, oder wie ein winziger Kristall in einer kostbaren gläsernen Schatulle, und draußen ist das Universum, so in der Art, wir würden doch verlorengehen im All, unsere ganze Welt würde doch verlorengehen, wenn da nicht diese schützenden Mauern wären, um uns rum.

Ich dreh mich im Kreis, ich weiß. Da draußen passieren Sachen, und wir hängen mit drin. Wir haben was damit zu tun, PvM und Regina haben das ja ausdiskutiert, oben auf dem Fons, endlos ausdiskutiert haben die das, und ich hab ja schon aufgeschrieben, was die gesagt haben. Aber das Ergebnis war auch nicht anders: wir hängen da drin, wir haben was damit zu tun, und wir müssen rauskriegen, was unsere Aufgabe ist. Da draußen sind – Gestalten Personen Wesen, ich weiß doch auch nicht – die wollen was von uns, die brauchen uns vielleicht. Vielleicht sind das auch Personen, die gucken zu uns rein, wie wir durch die Fenster da unten in der Gedenkstätte zu diesen – diesen – diesen Reisenden reingucken, und ich hab ja gehört, dass die miteinander reden und Sachen ausdiskutieren, und ich hab mir so gewünscht, dass wenigstens einer von denen mal hochguckt und meinen Blick erwidert, nur einer, weil mir das sowas von wichtig gewesen wär. Und vielleicht gucken da also von draußen Leute zu uns rein, und hoffen sehnsüchtig, wir merken was und gucken zurück. Versteht ihr. Es geht nicht bloß darum, dass wir nach draußen brüllen, Hilfe, helft mir doch, als wären da draußen überall nur Helfer unterwegs, sondern, also, da draußen sind vielleicht welche, die ganz umgekehrt zu uns reingucken und die unbedingt unsere Aufmerksamkeit wollen. Und sogar die Typen da in der Kathedrale, die da so feierlich aus dem Licht heraus und herein in unsere Höhle treten – sogar die wollen ja von uns wahrgenommen werden, sonst würden sie sich nicht so auffällig uns in den Blick stellen, ja, genau, so war das, so sind die aufgetreten, jetzt guckt uns doch an, hat das bedeutet, guckt doch genau hin, wir bedeuten was, wir haben euch was zu sagen. Und, so sagen die zu uns, ihr müsst das schon selber rauskriegen, was wir sagen wollen, weil, ihr seid keine kleinen Kinder, man muss euch nicht alles sagen, seid selber schlau, ihr müsst selber schlau sein, denn ihr seid schließlich erwachsen.

Wir Frauen müssten das doch eigentlich verstehen, denn wir machen das doch die ganze Zeit, sagen zu den Kerlen, aber hallo, muss ich dir erst noch groß erklären, was ich will, du musst das selber rauskriegen, hier steh ich, guck mich an, also, ist doch offensichtlich, was ich will, oder?

Das weiß sogar ich, Ayse, auch wenn Diana meint, ich wär noch ein Kind, bei all meinen runden Sachen.

(Nachricht eingegangen am 13.06.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 14.06.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)