Banshee Neue Folge 52

Nachricht von Ayse Konopski

„Und woher weiß ich, was das Richtige ist?“ fragte ich.

„Das weißt du ganz einfach“, sagte PvM, sehr ernst. „Jeder weiß das. IHRE Stimme in jedem Menschen. Mach die Probe. Tu was Falsches. Du weißt sofort, dass es falsch ist, oder dir wird erst hinterher klar, dass es falsch war, dann hast du ein schlechtes Gewissen.“

„Und wenn jetzt einer behauptet, er hat kein Gewissen, er hört IHRE Stimme nicht?“

„Dann lügt er. Jeder hört IHRE Stimme. Es gibt kein Unrechttun der Menschen in gutem Glauben. Wer Unrecht tut, weiß das auch. Als die Deutschen die Juden umgebracht haben, haben sie gewusst, dass sie bitteres Unrecht taten. Keiner von den Tätern hat sich hinterher damit verteidigt, ja, ich hab aber geglaubt, ich mach da was besonders Gutes. Alle haben sie behauptet, da war ich nicht dabei, da hab ich nicht mitgemacht, ich hab überhaupt erst hinterher davon erfahren. Davon haben wir nichts gewusst, das war immer der Satz. Und nie: Wir haben dabeigestanden und zugeguckt, weil wir ehrlich geglaubt haben, das ist das Richtige. Bei den Kommunisten ist es nicht anders. Die sperren alle, gegen die sie was haben, in Konzentrationslager, und dort foltern und morden sie, sie nennen das „Umerziehung“. Die Lager aber halten sie geheim, und wenn mal was rauskommt, sagen sie, alles Lügenpropaganda unserer Feinde. Warum wohl? Weil sie wissen, dass es falsch ist, was sie da machen. Hab keine Angst. Das Richtige ist kein Geheimnis. Das Richtige zu tun, ist unser täglicher Auftrag, und was das Richtige ist, wissen wir, und wenn wir was Falsches machen, wissen wir das auch.“

Worte des Alten Mannes. Ich seufzte ein bisschen und lehnte meinen Kopf an seine Schulter, ich hielt mich ja sowieso schon mit beiden Händen an seinem Arm fest, da kam das jetzt auf ein bisschen Mehr auch nicht mehr an. Und Scheiße, ich wusste einfach, der alte Mann hatte recht.

„Als ich da in der Nacht rausgerannt bin in die Gärten“, sagte ich leise, „da hab ich auch gedacht, ich tu das Richtige.“

„Ich weiß“, sagte PvM. „Du hast ja das Richtige getan, du hast keine Wahl gehabt. Das ist die Botschaft, dass du keine Wahl hattest. Eine klare Botschaft an uns alle, dass diese Besucher uns was angehen, dass wir nicht so tun können, als wär da nichts. Und wir kümmern uns ja auch. Wir machen uns Gedanken um die. So gut wir eben können. Wir tasten uns voran. Wir brauchen den großen Entwurf gar nicht. Das große Konzept. Wir springen ja auch nicht von einem Stadtteil zum anderen, wir gehen in Schritten, ein Schritt nach dem anderen, eine Straße nach der anderen. Wenn ich dich damals noch erwischt hätte, in dieser Nacht, hätt ich dich eingefangen und nach Hause gebracht, zur Not mit Gewalt, ich hätt dich getragen. Und das wär auch das Richtige gewesen, und ich hab es versucht.“

„Ja“, sagte ich und stand und lehnte mit dem Kopf an der Schulter des alten Mannes, und hinter uns standen die beiden Polizisten und sahen uns zu, ich möchte wohl wissen, was die sich bei unserem Anblick gedacht haben.

Also. Das hab ich jetzt verstanden. Nicht auf alles gibt es die einfachen Antworten. Es muss aber jeder für sich das Richtige tun, ihr versteht, nicht das absolut Richtige, das Große Richtige, mit dem ganz großen „R“, sondern das Richtige jetzt, in diesem Augenblick. Als ich fortgerannt bin in der Nacht, als ich mit meinen Fans mitgegangen bin, hab ich das Richtige getan, und PvM, als er mir nachgerannt ist, um mich einzufangen, der hat auch das Richtige getan. Es war richtig für mich, fortzulaufen, und es wär nicht richtig gewesen für PvM, einfach zuzugucken und mich machen zu lassen. So einfach, oder so kompliziert. Es ist deshalb barbarisch, wenn welche rumrennen und ihr Heiliges Buch schwenken und brüllen, was da drin steht, das gilt für jeden, und in jedem Augenblick, da gibt es keine Fragen mehr. Es gibt immer Fragen, ich seh das doch, wenn ich bloß in so eine Christenkathedrale reinstolpere, auf bloßen Füßen, und Mann, hat es mir dort gefallen, nur bin ich froh, dass ich heil wieder rausgekommen will.

„Als ich jung war“, sagte PvM vergnügt, „haben sie überall „Das Kapital“ geschwenkt, von diesem Marx-Vieh, und haben versichert, das sei jetzt Gottes Wort. Alles Gesellschaft! haben sie geschrien, alles das gesellschaftlich vermittelte Bewusstsein! Und eine andere Fraktion hat das Gesamtwerk von Sigmund Freud geschwenkt, diese Wiener Koksnase, du weißt, und immer war irgendein Buch die Schlagwaffe. Damals hab ich gelernt, was von diesem Dreck zu halten ist, und ich hab nie bereut, dass ich das gelernt hab. Aber ich hab eben auch gelernt dabei, dass jeder seine Entscheidungen selber treffen muss. Da gibt es kein Ausweichen. Wenn einer sagt, also, ich muss mich nicht mehr entscheiden, es gibt ja das Heilige Buch, an das halt ich mich – dann ist eben das seine moralische Entscheidung, und meistens ist es eine schlechte Entscheidung. Es endet damit, dass die mit dem Heiligen Buch dann aller Welt sagen, wir wissen besser als ihr selber, was gut ist für euch.“

Oh ja, das kenn ich. Ich war in der Klapse, ich weiß, was die dort alles gewusst haben. Vor allem weiß ich, dass die mir einreden wollten, ich wär das, die therapiert werden müsste. Nicht der Islam, nicht meine Scheiß Familie. Nein. Ich. Dabei wären die das gewesen, die Therapie gebraucht hätten, aber sowas von dringend.

Ich drückte meinen Kopf in PvM’s Schulter und sagte: „Also, aber jetzt will ich mein Eis.“  

(Nachricht eingegangen am 11.06.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 12.06.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)