Banshee Neue Folge 51

Nachricht von Ayse Konopski

Ihr sagt das, ihr sagt das richtig. Ich hab das von Anfang an versucht, nur zu schreiben, was ich wirklich selber gesehen und erlebt hab. Ich kann das sowieso nicht, aus dem Stand raus Sachen erfinden, wie PvM. Der kann das. Hat er schon mal gemacht, am Küchentisch, als ich nicht so gut drauf war. Hat mir einfach eine Geschichte erzählt, und alles hat geklungen, als ob es wirklich wahr wär. Hat er sich aber im Augenblick so ausgedacht. Also, dazu hab ich nicht die Phantasie, ich leb in der Wirklichkeit, und am liebsten räum ich rum an der Wirklichkeit, das ist mein Ding, im Garten sitzen und am Fahrrad klempnern, oder den Speicher aufräumen, oder die Küche auf Vordermann bringen, das sind doch alles Dinge, die müssen getan werden, und die sind wichtig. Wir müssen doch die schöne Welt am Laufen halten.

Seit das angefangen hat mit den Besuchern, seh ich Sachen, die will ich gar nicht sehen. Ich hab keine Erklärungen für all das, was um uns rum passiert. Jedenfalls weiß ich, wie wir alle, ich denk mir nichts aus. Manchmal möchte ich mich bloß noch verstecken, dann wieder nicht. Versteht ihr, früher war mein Leben vorhersagbar. Einfach Tag für Tag immer die gleiche Scheiße, alles voraussagbar. So wie die Tagesordnung in der Klapse. Wecken Aufstehen Frühstück Medikamente erste Therapiestunde, der komplette Tag voll durchgeregelt, das wär gut für uns, haben die uns gesagt, dass wir Struktur reinkriegen in unser Leben. ist ja auch nichts falsch dran. Ich hab gern Struktur in meinen Tagen, ich mach auch am Abend gern noch eine Liste, was muss ich morgen alles machen. Und dann passieren die Sachen. Die Besucher kommen, und ich fetz auf einmal draußen durch die Wälder, splitternackt. Oder ich steh in einem Teich und küss einen Koi. Oder Regina und PvM kommen und schleppen mich ab in diese Gedenkstätte unter der Kathedrale, und ich seh doch, das ist ein Raumschiff. Oder PvM führt mich in die Kathedrale selber, und da sind all diese Figuren und diese tanzenden Flämmchen. Halt, das stimmt so nicht. Das war nicht PvM, der mich dorthin geführt hat, das hab ich selber gewollt, ich wollt unbedingt die Kathedrale von innen sehen, die Weldbrüggener Kathedrale, und nachher haben mir die Beine so gewackelt, dass ich mich an PvM festhalten musst.

Ich hab euch geschrieben, was ich gesehen hab, da drin in der Kathedrale. Ich hab mir das nicht ausgedacht, ich sag euch nochmal, ich hätt gar nicht die Phantasie dazu. PvM hat dazu natürlich einen passenden Spruch drauf. „Frauen brauchen keine Phantasie“, sagt er, „alle Phantasie kreist um Frauen.“ Also, ist das jetzt frauenfeindlich, oder wie soll ich das verstehen?

Jedenfalls, weil all die Sachen passieren, die ich mir gar nicht ausdenken könnte, und sie passieren trotzdem, deshalb hab ich jetzt auf Schritt und Tritt zwei bewaffnete Polizisten im Genick.

Ich denk mir nichts aus, wir denken uns nichts aus, also hört auf mit diesen Diskussionen.

Wir haben vor dem Bischofspalast gestanden, und es wurde langsam dunkel, es war aber noch ganz warm, und ich hab mich an PvM festgehalten, und wie wir da so stehen, kommt aus dem Portal oben an der Treppe ein würdiger alter Herr raus, ganz in Schwarz, schwarzer Anzug mit weißem Stehkragen. Klein und energisch, der Mann. Kam die Treppe runtergeeilt, und PvM machte eine Bewegung, ja, ich weiß nicht, als wollte er den Hut ziehen, aber er hatte ja gar keinen auf, und der kleine Herr in Schwarz sah uns sehr freundlich an und machte eine sonderbare Bewegung mit der Hand, schnell und unauffällig, und schon war er vorbei und verschwand mit eiligen Schritten in Richtung Kathedrale.

„Ja“, sagte PvM, irgendwie zufrieden, „das war der Bischof, persönlich, jetzt hast du den auch mal gesehen.“

„Was war das, was der da gemacht hat, mit der Hand?“ fragte ich.

„Der hat uns gesegnet“, sagte PvM. „Hat mit zwei Fingern das Kreuz über uns geschlagen.“

Oh Mann. Da stand ich also, brave Muslima, und nun hatte ich also nicht nur eine Christenkirche gesehen, von innen, jetzt war ich also von einem richtigen christlichen Bischof gesegnet worden.

„Bist du eine brave Muslima?“ fragte PvM, in interessiertem Ton, aber natürlich kannte er die Antwort schon.

Ich schüttelte den Kopf. „Nie gewesen“, sagte ich. „Die haben mir mit ihrem Islam immer bloß Angst gemacht.“

„Geht vielen Christen mit ihrem Christentum auch nicht anders“, sagte PvM, „Gott ist aber trotzdem da. Nur, was SIE mit uns vorhat, das bleibt IHR Geheimnis. Aber wir müssen ja auch nicht alles wissen. Hauptsache ist, wir sind auf der Welt und tun das Richtige.“

(Nachricht eingegangen am 10.06.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 11.06.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)