Banshee Neue Folge 49

Nachricht von Ayse Konopski

Wir gingen die Treppen hinunter, die Dächer der Altstadt schrieben schwarze Zeichen in den grauen Abendhimmel, ich dachte, das wäre doch schön, wenn man das alles lesen könnte, kann PvM das lesen? bestimmt kann der das, und ich hielt mich wieder fest am Arm des alten Mannes, mit beiden Händen, wir gingen „unten“ um die Kathedrale herum, wie PvM sagte, am Südportal vorbei, und immerfort waren da diese ungeheuren Zinnen und Felsnadeln über uns, Klettergebiet, Übungsgebiet für Leute aller Art, die nach oben wollten, hinauf in die Welten dort oben, die doch ohnehin die Neigung haben, durchzubrechen herab in unsere kleine Welt, ich war ernsthaft nicht mehr sicher, ob die Himmel so fest hielten, wie ich immer gedacht hatte, diese Himmelsdecke über der Welt, diese Zimmerdecke unserer Alltäglichkeit, auf einmal kommt die runter, und was machen wir dann? und ich zog PvM seitwärts, als wir wieder zum runden Ende der Kathedrale kamen, wo der bewachte Eingang zur Gedenkstätte wartete, ich wollte dort nicht vorbei, das hätte ich jetzt nicht mehr ertragen, nicht auch noch, wir kamen durch ein winziges Gässchen, dahinter war ein kleiner freier Platz, an dem standen einige Gebäude, sehr fein, sehr zierlich, nicht groß, aber irgendwie vornehm, festlich, „das ist das Neue Bischöfliche Palais“, sagte PvM, „neu heißt das natürlich nur, weil es an der Stelle schon einmal ein altes gegeben hat, neu heißt hier, zweieinhalb Jahrhunderte alt, im Vergleich zur Kathedrale ist das natürlich jung, von hier aus also wird das Bistum Weldbrüggen regiert, ja, guck dir das an.“

Und wir standen vor dem kleinen zierlichen Palast mit seinem geschwungenen Treppenaufgang und guckten uns das an.

„Und was hat Regina hier zu sagen?“ fragte ich, ein bisschen furchtsam.

„Wenn es zum Beispiel Konflikte gibt zwischen dem Bistum und dem Land Wahlburg-Sonderbüren“, erklärte PvM behaglich, „oder Konflikte zwischen dem Bistum und anderen Religionsgemeinschaften, dann ist der Chef des Fons Affluens oberste Instanz, das ist hier so, und der Chef ist gerade Regina, sie ist wie jeder Chef des Fons gewählt auf Lebenszeit, sie kann natürlich sagen, ich hab’s jetzt satt, ich will noch ein bisschen Ruhe haben in meinem Alter, dann kann sie zurücktreten, und dann wählt der Landtag einen neuen Chef, Chef des Fons Affluens, so ist das hier eingerichtet. Das gilt schon seit den neunziger Jahren, ich meine, den achtzehnhundertneunziger Jahren, die Weldbrüggener wollten es anders machen als die im Reich, strikte Trennung von Staat und Religion, aber es sollte eine unabhängige Instanz geben, die Konflikte regelt.“

„So macht ihr das hier“, sagte ich, irgendwie beeindruckt, und dann kam mir ein Gedanke. „Es gibt doch Moscheen hier in Weldbrüggen?“

„Auf jeden Fall“, sagte PvM.

„Und wenn da mal eine Moschee aneinandergerät mit dem Bischof, dann können die sich beide an den Fons wenden, und der Fons entscheidet das dann?“

„So ist das hier eingerichtet“, bestätigte der alte Mann.

Und ich fühlte, wie der Pudding in meinen Knien so langsam wieder fest wurde. Ordnung. Stabilität. Feste Abläufe. Ich sah Reginas Arbeitszimmer vor mir, all das Geglitzer von Glas und Chrom, und das Schlachtschiff, mit dem sie durch die Weldbrüggener Straßen fuhr! natürlich, da kommt die Chefin des Fons, die das Sagen hat sogar über den Geheimdienst, sobald es um Religionsfragen geht, und als ich da kam, die kleine Türkin mit dem leichten Kopfschuss, da hatte sie sich gleich um mich gekümmert, fürsorglich und achtsam, sie hatte mich keinen Augenblick bevormundet, nur geguckt, dass mir nichts passiert, und zum hundertsten Mal dachte ich daran, wie ich in der Nacht nackt hinaus in die Wälder gerannt war, und was passiert wär, wenn die Bullen mich erwischt hätten, du hast so ein Glück gehabt, Ayse, sprach ich zu mir selber, so ein Glück, du —

Und ich zuckte zusammen und sah mich hastig um. Ich hatte, hängend an PvM’s Arm, immer nur ängstlich zu den Berghängen der Kathedrale hochgeguckt, aber nie zurück über meine Schulter, und jetzt stand wir auf dem kleinen festlichen Platz vor dem bischöflichen Palast, und hinter uns hingen geduldig ab die zwei Polizisten, zu unserer Bewachung abgestellt, die hatten uns die ganze Zeit im Genick gestanden, ich hatte nicht mehr an sie gedacht, und dann fiel mir alles wieder ein, alles auf einmal, was PF und Balbutin erzählt hatten, von Burroblast und seinem irren Bruder Galgenvater, von der Schlange Azazel, und all das andere, und ich hielt mich dringlicher fest an PvM und fragte: „Mir kann hier doch nichts passieren, oder?“

Der alte Mann lächelte und sagte: „Wir passen auf dich auf“, und dann beugte er sich rüber und drückte mir einen Kuss auf den Scheitel, jawohl, das tat er, und die beiden Polizisten warteten behaglich im Hintergrund und hielten dennoch die Augen offen, das sah man ihnen an.  

(Nachricht eingegangen am 08.06.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 09.06.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)