Banshee Neue Folge 48

Nachricht von Ayse Konopski

Dann war da etwas, was PvM „Altäre“ nannte. Das waren steinerne Tische, behängt mit kostbaren Stoffen, und Blumen standen darauf, und funkelnde Kerzen, über dem Tisch trat gewöhnlich eine würdige Gestalt aus der Wand, die schaute ernst hinunter auf alle, die sich zu ihren Füßen versammelten, denn da waren Bänke, alle von diesem starken glänzenden Braun, und manchmal waren die Bänke und der Altartisch mit der Figur darüber umgittert, man musste eintreten wie durch ein Gartentor, das Tor war aber nicht verschlossen, man konnte hineingehen und sich hinsetzen, und das Tor klirrte und schmetterte, wenn man es öffnete oder schloss.

Das hab ich alles gesehen.

Und gehört hab ich Dinge, sonderbare Dinge, hallende Rufe, zuweilen ein Klappern oder Schaben, und in den Gewölben oben war viel Geräusper und Gerücke, da waren welche zugange, ich konnt aber nicht sehen, ob das Menschen waren oder sonst Wesen, da waren also welche zugange, die ordneten die Dinge neu, die schoben und rückten Sachen hin und her, es klang nach Umräumen und nach Aufräumen, da waren welche zu Werke, die hatten die Ärmel aufgekrempelt, sozusagen, vielleicht waren da auch Mädchen zugange, wie ich, wenn ich in PvM’s Garten am Rad klempnerte, mit abgeschnittenen Jeans und die Bluse unter den Möpschen verknotet, so machten die sich irgendwo da oben zu schaffen und waren am Aufräumen und Umräumen, manchmal quietschte es sogar, das war eindeutig, da wurde gerückt und geschoben und verrückt, ich bekam richtig Lust mitzumachen, denn ich hab ja auch dieses Gefühl, hier in der Welt gibt es immer was zu ordnen und zu basteln, man soll die Dinge nicht liegenlassen, alles Gerümpel aufheben ist nicht in Ordnung, aber alles wegwerfen auch nicht, und ich lauschte und spitzte die Ohren, das könnt ihr mir glauben, und dann kam mir der Sinn bei von all diesem Rücken und Räumen, es ging um die Beziehung der Dinge zueinander, hab ich ja für PvM’s Häuschen auch vor, also, ihr stellt die Möbel neu auf im Wohnzimmer, rückt und räumt, es bleiben immer die gleichen Möbel, aber auf einmal ist alles anders, da sind neue Gruppen, die Teile gehören anders zusammen als vorher, sowas spielte sich auch da oben ab in diesen hallenden Räumen, ununterbrochen ergaben sich neue Anordnungen, ich weiß nicht, ob ihr versteht, was ich meine, aber das war, was ich gehört habe, und die ganze Zeit um mich herum kicherten die Lichter die Flämmchen in der Umarmung des Lichts, die hatten Spaß, keinen Zweifel, so wie ich Spaß gehabt hatte auf der Wiese in der Nacht, ziemlich genau so.

Da waren Touris zugange, und ich machte es PvM nach, sah die einfach nicht, und auf einmal waren die schmale gleitende Schatten im Gelände, lang und schlank, die zogen an mir vorbei, aber bunt, bunte Schatten, und verbogen sich dabei, so wie wenn ihr eine metallene Teekanne tragt durch eure Zimmer, da spiegeln sich allerlei Dinge auf der blanken Haut, aber wie eilende Streifen und Linien, so spiegelten sich die Touris auf der blanken Haut meines Bewusstseins, lange gleitende Stifte, die verbogen sich bunt und waren vorbei.

Dann war da eine Leiter aus weißen Tönen, fein wie Kreidestaub, Leiter, die stellte sich einfach auf mitten in der hallenden Halle, unter den Gewölben, wo ungerührt das Räumen weiterging, „das wird jetzt gleich laut“, sagte PvM warnend, „da probiert einer an der Orgel“, und wie gut, dass er das gesagt hatte, denn es wurde wirklich laut, unglaublich laut, Brüllen und Sturm von irgendeinem Anfang her, und ein unterirdischer Donner, der fuhr mir hinein in den Bauch, das war Gejohl und Gebrüll von diesen Lobgesängen her, die da jenseits der Rose erklangen, in diesem Lichtozean, der gegen die Rose brandete, und die Rose schützte uns ja davor, dass der Ozean hier hereinkrachte, aber jetzt mischte sich  einer ein hier drinnen in den Lärm, macht nach das Jubeln und Stampfen und Schreien, und ich fühlte, wie mein Fleisch in Splitter ging, als wär es aus zartestem Eis, und ich spürte das Schnobern der Maus in meiner Hand, ich meine, ich spürte das Zittern dieser winzigen Barthärchen, spürte es so mächtig, wie ihr auf einem Schiff das Donnern der Motoren spürt, und dann packten sich die Klänge von der Orgel übereinander, um die Höhe der Gewölbe zu erreichen, nehm ich mal an, und weil die einzelnen Pakete und Ballen sich aneinander rieben, quollen aus den Ritzen und Fugen immer noch mehr Töne hervor, splitternde Töne, glänzende Töne, mit scharfen Spitzen, die rieselten und schütteten herunter und klirrten auf die Sandsteinplatten am Boden, und auf einmal schoben sich meine nackten Füße durch ganze Berge von Schnee, aus Glassplittern aus Schneekristallen, das waren die Töne, die wehten sich zusammen wie Sand zu Dünen, und ich trat hinein und schob sie auseinander, und die Kristalle spritzten nach allen Seiten, schnitten mich aber nicht, obwohl, scharfkantig waren sie schon, aber scharf eher von der süßen Sorte, irgendwie wie Curry, ich weiß nicht, es krabbelte richtig, ich musste lachen, und dann war Schnauben in den Lüften, wie das Trompeten einer Herde von Elefanten, und ich hörte donnernde Herden jagen über einen Boden, der musste hohl sein, warum hätte das sonst so gepoltert und gebollert und geschollert? Und grüner Sturm war da auch, Orkan in den Wipfeln eines stöhnenden Waldes, ich hörte das Ächzen der Stämme, und das Heulen und Rauschen der Blätterburgen, und PvM schlang auf einmal seinen Arm um mich und zog mich im Gehen an sich, das war mir gerade recht, denn mit dem aufrechten Gang hatte ich es nicht mehr so, meine Beine machten nur noch ungefähr, was ich wollte, und dann war da ein riesiges Pauken und Platschen, wir sind in einem Flussbett, dachte ich, in einem ausgetrockneten Flussbett, und da kamen auch schon die Ströme gerauscht, wirbelnd und grün und gurgelnd, und trieben uns vor sich her, einmal rund um die Säulen und das Meer der tanzenden Flämmchen, wir kamen vorbei an wunderbunten Palmen und Blumentöpfen, das war eine gute Gelegenheit, und ich setzte die Maus in einen von den Töpfen, wo sie sofort zwischen den Blättern verschwand, und dann trieb uns das Gepolter weiter, das Wasser überschlug sich, wir mussten zusehen, auf den Beinen zu bleiben, dann war wieder die Rose vor mir, wir gingen direkt darauf zu, und ich hatte auf einmal Angst, konnte ich PvM wirklich trauen, dass der mich nicht dort hinaus führte, in diesen Ozean aus Licht, so gut kann ich doch gar nicht schwimmen, das ist, weil, ich hab in der Schule nie am Schwimmunterricht teilnehmen dürfen, hätt mich ja ausziehen müssen dafür, das tut eine fromme Muslima doch nicht, aber dann war da wieder diese Mauer, aus dem Nichts heraus, diese Mauer unter der Rose, und in der Mauer waren Türen, und vor den Türen war die weite Halle, und dann kamen weitere Türen, und eh ich’s richtig verstand, standen wir draußen, auf dem Vorplatz, und es war weicher grauer Abend, noch ein bisschen Rot in den Lüften, von der sinkenden Sonne, und auf einmal war alles still um uns herum, und PvM hatte noch immer seinen Arm um mich geschlungen und hielt mich fest, und ich atmete auf, „oh Mann“, sagte ich, „was war das denn, krieg ich jetzt ein Eis?“   

(Nachricht eingegangen am 07.06.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 08.06.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)