Banshee Neue Folge 47

Nachricht von Ayse Konopski

Die Rose drehte sich in den Himmeln, vor einem Hintergrund aus Nacht, und Licht dröhnte herein, brüllend wie ein Sturzbach wie ein Wasserfall, ich hab das gesehen, mit Augen, Gischt spritzte da, wie von Meereswogen im Sturm, wie wenn die Brandung an Klippen sich bricht, so flogen Fetzen von Licht durch die Luft, wie Schaum von den Mäulern jagender Pferde, durch die braune und goldene Luft hier drinnen, und die Flämmchen tanzten und kicherten vor Entzücken, und ich hatte auf einmal Angst, dass die Welt nicht standhält, versteht ihr, dass plötzlich die Wände der Welt einkrachen und der Donner der Lichtfluten hereinbricht und alles wegschwemmt, aber dafür war ja diese Rose da, verstand ich auf einmal, diese gewaltige Rose aus Feuerrot und Mitternacht, Gewitterblau, ich sah die Blitze zucken, da war Geburt der Donnerwesen, geflügelte Drachen entsprangen,  und ich sah, das war die Aufgabe dieser Rose, ein wenig von dem Licht durchzulassen, so dass das Licht die süßen tanzenden Flämmchen hier drinnen ficken konnte, die trieben es miteinander, in ihrem Meer aus Braun und Gold, aber der ganze Ozean aus Licht da draußen, der brach nicht herein durch die Rose, die Rose hielt stand, die Rose war dazu da, ein bisschen von all dem Licht durchzulassen, aber auch, das brüllende und johlende Meer da draußen zu halten, wo es hingehört, draußen, weit oben, über uns, und ich verstand auch, was da los war, in diesem Ozean aus Licht, was das bedeutete, dies Brüllen und Grölen und Johlen und Donnern, die lobten Gott da oben, die tobten und schrien vor Begeisterung, der Gischt klatschte gegen Felsentürme hinauf ins Oberhalb, hinauf zu den Gesängen der Höhen, wo Gott wohnt, und das Licht jubelte und johlte, dass es mein Fleisch in Fetzen gerissen hätte, uns alle in Fetzen, mich PvM die Maus in meiner Hand, wäre da nicht diese Rose gewesen, die den tobenden Himmelslärm gerade so weit durchließ, dass etwas wie ein Echo hindurchdrang, wer könnte das auch ertragen, wer könnte das hören mit ungeschützten Ohren, den Jubel der Milchstraßen?

Ich hörte die Stimme von PvM an meinem Ohr, seltsam gedämpft und dunkel, wie durch Wolle, „willst du dich setzen?“ fragte er, und ich schüttelte hastig den Kopf, mir dachte, wenn ich mich jetzt setze, komme ich nicht wieder hoch, wie es alten Frauen zuweilen passiert, so war das bei meiner alten Oma, die setzte sich eines Tages in ihren Lieblingssessel vor dem Fernseher und kam nicht wieder hoch, das soll mir nicht passieren, dachte ich, nicht hier drin, nicht in der Christenkirche, nicht in der Welthöhle, nicht unter diesem Sturm von Morgen her.

Ich war so froh, dass ich keine Schuhe anhatte, denn ich fühlte unter meinen Sohlen, dass ich noch den Boden berührte, so wurde mir nicht schwindelig, jedenfalls nicht sehr, und ich wusste, wir fliegen nicht so einfach durch die Luft, PvM und ich und die Maus in meiner Hand, wir bewegen uns ordentlich auf der Erde, da sind Steinplatten unter mir, weiche Platten aus Sandstein, unter denen ruhen zufrieden die Toten, die Gesichter zu uns hinaufgewendet, und ich sah Bänke aus leuchtendem Braun, das gleißte so sehr, dass mir die Augen tränten, ihr müsst euch das so vorstellen, da ist Abend, und über euch, da ist ein Tumult von tintenblauen Wolken, das Gewitter wird gleich losgehen, und ihr rennt, ihr wollt heimkommen, bevor die ersten Tropfen platschen, da jagen schon die ersten Windstöße, aber es ist ja Abend, und die Sonne steht ganz tief, und im Westen öffnen sich noch einmal die Wolken, Sonnenlicht fällt durch, fast waagerecht, waagerechte Sonnenstrahlen unter den schwarzblauen Gewitterwolken, und der waagerechte Schein der Sonne fällt auf die Blätter und die Baumstämme, da ist auf einmal überall Grün und Braun, von einer Gewalt, wie ihr das noch nie gesehen habt, so leuchteten diese Bänke, da in der Kathedrale, unter den zuckenden Flämmchen, und die Flämmchen wanden sich und jauchzten in der Umarmung des Lichts.

Und da traten überall Figuren herein, die kamen aus den Wänden und aus den Säulen, da war Geräusper und Summen, manche hielten aufgeschlagene Bücher in der Hand und wiesen darauf, und in den Gewändern war Gold und Rot und ein Blau, so tief wie der Himmel in der Sternennacht, und ich weiß nicht, was für Gewänder das waren, die die trugen, ich wünschte, ich würde mehr von Mode verstehen, um euch das zu beschreiben, auf jeden Fall waren da Falten, gewaltig viele Falten, mit Absicht, die hatten Freude daran, die Gestalten, feierlich all diesen Faltenwurf um sich zu spüren, und vor allem die Frauen, die konnten das, die hielten den Faltenwurf mit den Fingern fest, und die Finger waren so weiß und zierlich und zerbrechlich, wie Porzellan, und spielten mit den Falten, sie machten das mit Absicht, die Frauen, sie wussten, wie niedlich und zierlich und kostbar das aussah, wenn sie mit ihren weißen Fingerchen mit den Falten spielten, und einer von den Kerlen, mitten unter ihnen, war ganz einfach in ein grobes Fell gekleidet, den mochte ich, weil er mit seinen nackten Bauernbeinen so fest auf der Erde stand, das ist Johannes der Täufer, hört ich die Stimme von PvM, die war neben mir und gleichzeitig weit weg, ich hörte sie wie die Stimme eines Ausrufers, der vor unklaren Tafeln erklärende Wort ausruft, das kann der alte Mann gut, erklären, dachte ich, der wird mir das alles zu erklären haben, nachher.  

(Nachricht eingegangen am 06.06.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 07.06.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)