Banshee Alte Folge 47

Nachricht von Peter Flamm, vom 06.04.2022

PvM‘s Häuschen war hell erleuchtet. Die kleine Laterne funzelte vor sich hin, über den wenigen Stufen vor dem Hauseingang, im Erdgeschoss waren alle Fenster erleuchtet, und im Obergeschoss auch. Nur hinter der kleinen Dachluke war es dunkel.

Bei dem ist Auftrieb, dachte ich.

Ich drückte mich im Dunkel herum, ich vermied das Licht der Straßenlaternen. An der Straße parkte ein Edelgefährt, ganz Weiß und Silber und Gefunkel und Geblinke, das sagte, komm mir nicht zu nahe. Das konnte nur Reginas Wagen sein. Regina Austri, die Chefin des Fons. Dass die nicht ständig zwei Bodyguards hinter sich herlaufen hat, ist alles, dachte ich und blickte mich nervös um.

Nein. Alles still auf der Straße.

Ich hatte mir ein Zimmer drüben in Montbel gesucht, wo die Unterkünfte billiger sind als in der Altstadt und um die Kathedrale herum. Ist mir klar, ihr lacht euch jetzt kringelig, aber meine Bleibe war genau zwei Straßen entfernt von Balbutins Unterkunft. Wusste ich natürlich nicht. Balbutin hatte Montbel in dem gleichen Gedanken aufgesucht wie ich selber, dort ist es preiswert, dort fall ich nicht so auf.

Allerdings, in Weldbrüggen fallen Fremde sowieso nicht auf, die Touristen kommen hierher zu allen Jahreszeiten, Bildungsreisende, die die Kathedrale bestaunen wollen, gerne in geführten Gruppen, und dann die sortierten und vorangemeldeten Gäste, die runter dürfen, in die bewachte Gedenkstätte.

Drüben auf den Wiesen, gegenüber von PvM‘s Haus, lagerten sie. Unsere Besucher. Unsere Heimsuchung. Eine unübersehbare Menge. Ayses Gefolge. Ayses Volk. Hunderte. Spinnengliedrige Wesen mit hageren weißen Gesichtern, tastende Bewegungen, und die Frauen so schön, oh, so schön, und alle sahen sie aus wie Diana, ich dachte, mir müsse das Herz brechen. Sie saßen und standen auf den Wiesen, dichtgedrängte Herde, sie hingen in den Ästen der Straßenbäume herum, sie saßen auf den Dächern der benachbarten Bäume, ließen die Beine, die langgliedrigen Beine hängen die Dachrinnen herunter, sie saßen in den Vorgärten, an dem Teich in Nachbars Garten, sie saßen auch in PvM‘s Vorgarten, zwei saßen auf dem Dach von Reginas Wagen. Sie waren überall, und wenn ich sie ansah, sahen sie zurück mit langen Blicken, denen nichts abzumerken war. Waren sie irritiert, dass ich sie sehen konnte? Dachten sie überhaupt etwas?

Ich wusste ja, wusste aus Erfahrung, ich könnte einfach durch sie hindurchgehen wie durch Nebel. Und dennoch saßen sie und standen sie im Gelände, als wären sie körperhaft. Sie tun das in der Stadt, wenn sie sich im Straßencafé auf einen freien Platz setzen, mitten zwischen den ahnungslosen Gästen, und wieder dachte ich, wer weiß, wie lange die das schon tun, vielleicht seit Jahrhunderten, seit Jahrtausenden? sitzen zwischen den Lebenden, und immer gibt es wenige, wie uns, die sie sehen können, und die nichts sagen, aus guten Gründen.

Warum kommen sie nicht in die Wohnungen, in die Häuser? Gibt diese alte Ansage, wenn fremde Wesen auftauchen auf dem Planeten Erde, kommen sie nur in die Häuser rein, wenn sie ausdrücklich eingeladen werden. Man müsste das mal ausprobieren. Um sie dann unwiderruflich in der Wohnung zu haben? Danke.

Wiewohl PvM‘s Häuschen festlich beleuchtet war, drang kein Laut heraus. Die sitzen in der Küche zusammen, dachte ich. Sollte ich lauschen? Wozu das? Ich war hier, um Balbutin zu erwischen.

Ich schlich mich ein Stück die Straße hinunter, um den besseren Überblick zu haben. Die Besucher beachteten mein Treiben nicht weiter, richteten ihre Blicke auf das Haus, als sei es das Heiligtum. Der Tempel, in dessen Innern die Bundeslade aufbewahrt wird, oder sonst ein Heiliges Gefäß. Der Heilige Gral vielleicht, der wunderwirkende Kelch. Ayse. Das Mädchen.

Warum, überlegte ich, warum haben die sich ausgerechnet die kleine Türkin ausgesucht?

Bleibt die Antwort, sie haben sich Ayse nicht ausgesucht. Es ist etwas mit Ayse. Etwas, was sie von uns anderen unterscheidet. Sie haben es gemerkt, irgendwann, vielleicht in der Nacht, als Ayse zum ersten Mal diesen Schrei hörte, der wie der Schrei der Banshee klang. Seither versammeln sie sich um sie.

Und jetzt ist auch Burroblast hinter ihr her.

Nicht Burroblast. Das Ding, das da bei ihm ist. Der Schatten. Das Muränengesicht.

Und plötzlich kam mir der Gedanke, der mir gleich hätte kommen müssen, und der die ganze Zeit an mir genagt hatte, irgendwo im Hintergrund meines Bewusstseins. Das Muränengesicht. Es war in der Wohnung gewesen. Drinnen, in Burroblasts Zimmer. Nicht draußen. Das war reingebeten, das war eingeladen worden.

Mir wurde schlecht, ich spürte eisigen Schweiß auf meiner Stirn, ich musste mich setzen, glücklicherweise war da ein Mäuerchen, vor einem Vorgarten. Ich hatte das Gefühl, mir gleitet alles aus der Hand, alles.

Nachricht von Peter Flamm, vom 07.04.2022

Irgendwie fühlte ich mich dumm im Kopf. Ich war losgerannt in dem edlen Bestreben, jetzt endlich Balbutin zu finden. Was ich gefunden hatte, war nur ein Sack voller Fragen.

Ich sollte reingehen ins Haus, dachte ich, und denen wenigstens sagen, dass ich in der Stadt bin.

Aber das tat ich nicht. Ich blieb sitzen, wo ich war, als dürften die drin in PvM‘s Häuschen nicht wissen, dass ich hier war, als würde das meine Chancen vermindern, Balbutin zu finden.

Etwas aus der Distanz gesehen, im Licht der Straßenlaternen, wirkte die Gemeinde der Besucher mehr denn je wie eine Menge stiller Wartender, vollkommen auf das Häuschen konzentriert, auf den Eingang. Sie sahen aus, als erwarteten sie, dass jeden Augenblick Ungeheures sich ereigne, Tore sich öffnen würden, ein neuer Morgen hereinbräche.

Andererseits, Fans, die vor dem Eingang zur Halle warten, dass sich die Türen öffnen für das Popkonzert, die sehen auch nicht anders aus.

Das ist doch absurd, dachte ich. Ich bin alt, ich hätte jetzt gerne eine Kanne Tee, was mach ich hier überhaupt. 

Ich stand entschlossen auf, querte die Straße. Folgte dem schlängeligen Weg durch die Wiesen, den vor ein paar Tagen PvM lang gerannt war, in der Hoffnung, Ayse noch einholen zu können. Ich blickte zurück. Die erleuchtete Straße sah aus der Entfernung ganz still und friedlich aus, die Besucher fielen kaum auf, sie regten sich ja nicht, sie waren auf PvM‘s Häuschen konzentriert. Als ob sie die Anwesenheit Ayses auch durch die Mauern hindurch spürten, und damit zufrieden wären. So wie Gläubige vor dem Allerheiligsten knien, sie sehen zwar nur ein kostbares, verziertes Kästchen, funkelnd in Gold und Edelsteinen und leuchtendem Glas, aber sie wissen, verborgen da drin ist – ja, was eigentlich? Die Nonnen meiner Kindheit hatten auf das Allerheiligste gezeigt und gesagt: Da drin wohnt Gott.

Da drin, in PvM‘s Häuschen, wohnte Ayse. Und wer oder was wohnte in Ayse? Vielleicht ist sie auch – so etwas wie ein Gefäß? Kostbar und glänzend? Hat das nicht mal jemand gesagt, die Nacktheit der Frauen ist der kostbarste Schmuck, den es auf Erden gibt?

Ich sollt meine Gedanken auf Balbutin konzentrieren, überlegte ich, für Mystik ist später noch Zeit.

Also kehrte ich wieder zurück auf die Straße, und da weiterhin alles still war, schlug ich einen weiten Bogen um PvM‘s Häuschen herum und tappte durch die winkeligen Gartenwege hinter den Häusern, an Zäunen und knarrenden Toren vorbei. Da und dort eine Garage. Die Beleuchtung war schlecht, und die Nacht dunkel, der Himmel hatte sich zugezogen, kalt war es nicht, aber ich sah kaum etwas. Balbutin hätte stehen können in jedem Schattenwinkel, ich wäre einfach an ihm vorbeigegangen. Natürlich hatte ich das Gefühl, beobachtet zu werden. Hat jeder, der durch finstere Winkel schleicht, in denen er eigentlich nichts zu suchen hat. Hätte mich einer von den Nachbarn gesehen und die Polizei gerufen, ich wäre schwer in Erklärungsnot geraten.

Um es kurz zu machen, ich streifte alle Wege auf und ab und alle Straßen in der Umgebung. Fenster waren genug erleuchtet, und ab und an kam auch einmal ein Auto vorbei, das war es aber auch schon. Kein Betrieb in PvM‘s Vorort. Zweimal sah ich von Weitem einen, der seinen Lumpi spazieren führte, und ich hielt Abstand, um nicht Aufmerksamkeit zu erregen.

Als ich das alles satt hatte, als ich wirklich alle Straßen und Wege durchsucht hatte und dachte, nun muss die Nacht doch bald um sein, da schlugen die Kirchtürme gerade mal halb elf. Okay, dachte ich, ich bin für sowas nicht geeignet, das ist jetzt amtlich.

Ich kehrte zurück zur Straße vor PvM‘s Haus und warf noch einmal einen langen Blick auf die stille Gemeinde der Besucher, dann setzte ich mich in mein Auto. Hundemüde. Verdrossen. Ich dachte, wenigstens die Fahrt hierher hat sich gelohnt, dieses dunkle stille Flusstal die Ourthe hinauf. Und dann die Kathedrale im Sonnenuntergang, das war auch schön, das mal wieder gesehen zu haben. Ich schlief ein. Wachte wieder auf mit leerem Kopf, war froh, dass Zeit vergangen war. Ich bin ein schöner Detektiv, dachte ich, ich habe keine Ahnung, wie man sowas macht.

Ich wollte aufgeben, riss mich aber zusammen. Ich stieg aus, und klapperte noch einmal alle Wege ab, hinten durch die Gärten, alle die wenigen Straßen in der Umgebung von PvM‘s Haus, aber dann dachte ich, wenn Balbutin hier ist, dann bewacht der das Haus, was soll der sich irgendwo in den Straßen rumtreiben? Und plötzlich kam mir der Gedanken, was, wenn der sich einfach unter die Besucher gemischt hat, und ich hab den übersehen?

Ich sah es richtig vor mir, wie der irgendwo in einem Hauswinkel stand, zwischen zwei von den Adoranten, mit ihren schwarzen Kleidern, mit ihren Spinnengliedern, im Schatten, ich hätt den doch gar nicht bemerkt!

Ich hastete zurück zum Haus, nahm die wartende und betende Menge genauer in Augenschein, ja, ich sag das nicht nur so, die sahen wirklich aus, als ob sie beteten. Manche knieten sogar. Blicke gerichtet auf das erleuchtete Haus, in dessen Innerem sie Ayse wussten. Ayse, das Mädchen. Das Gefäß.

Ich ging wirklich hin, ich sah ihnen in die Gesichter, in die bleichen hageren Gesichter, und sie blickten zurück aus schwarzen Augen, schwarz wie Teiche in der Nacht.

Wenn mich jemand beobachtet hätte, der hätte nur einen alten Mann gesehen, der prüfend in leere Winkel blickte, mal dahin mal dorthin, als ob er etwas zu sehen erwarte in der Dunkelheit, armer verrückter Alter.

Kein Balbutin.

Nachricht von Peter Flamm, vom 08.04.2022

Ich trieb es so die ganze Nacht, meine Niederlage war vollkommen, ich wollte sie mir nicht eingestehen. Mal setzte ich mich in meinen Wagen, für Minuten, für eine halbe Stunde, ich weiß es nicht, dann ging ich wieder hinaus und graste die Wege ab rund um das Haus, und drinnen blieben die Fenster erleuchtet. Ich sagte mir, wenn Balbutin hier zugange war, müsste er mich doch längst gesehen haben. Wahrscheinlich hat der mich gesehen, dachte ich, und hat sich in Sicherheit gebracht. Aber der kann nicht wissen, weshalb ich überhaupt hier bin, er könnte ja auch denken, ich streich hier ums Haus rum im Auftrag von den anderen, um ein bisschen Wache zu halten, irgendwas in der Art.

Mir wurde mit jeder Minute deutlicher, dass ich meine Zeit verschwendete, ich machte dennoch weiter.

Einmal, als ich mich mit ausgestreckten Händen durch die Finsternis der Gartenwege tastete, stolperte ich über einen Eimer, den jemand dort stehengelassen hatte. Ich fuchtelte wild und bekam den Pfosten eines Gartentores zu fassen, grad noch, sonst wäre ich lang hingeschlagen. Der Eimer war leider ein Blecheimer gewesen, und noch ehe das Scheppern verklungen war, erhob sich aus dem Garten gellendes Geschrei und Geröhre, ich hatte eine Herde Gänse geweckt, die dort untergebracht waren, die Tiere schnatterten und schrillten und trompeteten, dass die Finsternis zitterte, und natürlich wachten rundum alle Hunde auf und schlugen an. Ich machte, dass ich weiter kam, blind vor mich hin tastend, es ging aber nirgendwo Licht an.

Jetzt tat mir auch noch das Schienbein weh, von dem Kontakt mit dem Eimer, und ich humpelte über eine beleuchtete Seitenstraße zurück zu meinem Wagen, in den amerikanischen Detektivfilmen sieht das alles immer so leicht aus.

Endlich rührte sich was, es wurde fast schon hell, Regina verließ das Haus. PvM begleitete sie bis zu seinem Gartentor, die beiden standen eine Weile und tuschelten dringlich miteinander, und ich kam mir unendlich blöd vor, als ich in der Finsternis stand und sie beobachtete. Jedenfalls wusste ich jetzt, da drin haben sie alles beredet. Diana ist noch im Haus, sie schläft also hier. Ich hörte undeutlich, dass die Stadt erwachte, da und dort klatschte mal eine Autotür. Regina fuhr fort, und ich dachte, damit ist meine Nachtwache beendet.

Ich wusste nicht, was ich jetzt tun sollte, ich muss erst mal schlafen, dachte ich, vielleicht kommt mir dann ein neuer Gedanke.

Also setzte ich mich hinter mein Steuer, nicht ohne mich noch einmal nach allen Seiten umzublicken, und fuhr in die Stadt und über die Brücke hinüber nach Montbel.

Ich erklärte der Hotelwirtin, ich hätte eine lange Nacht gehabt, was sie mir wohl auch ansah, und ich wolle erst mal schlafen. Sie nickte und erklärte mir mit leicht französischem Akzent, ich könne so lange schlafen, wie ich wolle. Ich glaube nicht, dass sie wirklich Französin war. Die Weldbrüggener machen das manchmal, sie schalten einen französischen Akzent ein, wenn sie mit Leuten sprechen, die „aus dem Reich“ herüber kommen, um zu signalisieren, wir sind hier anders.

Bevor ich zu Bett ging, hab ich noch meinen Laptop aufgeklappt und den vorbereiteten Text auf der Verlagsseite eingestellt. Nach kurzem Überlegen hab ich auch auf der Seite von Burroblast nachgeschaut, ob der womöglich Bemerkungen zu meinem Besuch eingestellt hatte, aber da war nichts.

Peinlich, aber ich schlief wie ein Toter. In Romanen heißt es gern, „ich schlief ein paar Stunden, und erwachte erfrischt.“ Von „erfrischt“ konnte keine Rede sein, und es war schon lange nach Mittag, ich sah mir mein zerknittertes Gesicht im Spiegel an, und also brachte ich mich erst einmal in einen präsentablen Zustand, Dusche Rasur, dabei überlegte ich, wie geht es weiter. Ich wollte nicht aufgeben, das war jetzt schon der dritte Tag, den ich in die Suche investiert hatte, da gibt man doch nicht so einfach auf?

Ich ging hinunter in das kleine Restaurant des Hotels, ich bekam meinen Tee, ich setzte mich an eines der Fenster, die auf die Straße hinausschauten, schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite lag der Parkplatz, darauf stand mein Wagen, und auf dem Boden, Rücken gegen die Fahrertür gelehnt und die Beine behaglich ausgestreckt, saß Balbutin.

Ich stand auf, ging hinaus, überquerte die Straße, stellte mich hin, sagte: „Balbutin.“

Balbutin blinzelte mich von unten her an durch seine Hornbrille, nickte. „Hello, old man“, sagte Balbutin.

Nachricht von Peter Flamm, vom 09.04.2022

„Du hast mich gesehen“, stellte ich fest, während wir am Restauranttisch einander gegenüber saßen und unseren Käsekuchen vernichteten.

Die Bedienung hatte mein plötzliches Verschwinden nicht weiter beunruhigt, da ich meinen geöffneten Laptop auf dem Tisch stehen gelassen hatte, als ich aber jetzt mit Balbutin wieder aufgetaucht war, hatte sie doch leicht die Augenbrauen gehoben. Balbutin machte einen verwahrlosten Eindruck, es war nur noch die Brille, die ihm einen Rest von Respektabilität wahrte. Die Brille und das Handy, an dem er nervös herumfummelte.

Ja, er hatte mich gesehen, kaum dass ich gestern abend in PvM’s Straße aus dem Wagen gestiegen war. Und ja, er hatte sich einfach unter die Besucher gemischt, bevor ich auf den Gedanken gekommen war, mir die genauer anzusehen, und ja, er wusste, Diana war bei PvM. Und ja, ich kann es ja jetzt schreiben, Ayse weiß es inzwischen, und ich nehme an, sie hat es geschluckt, Balbutin war ziemlich die ganze Zeit hinter ihr her gewesen, als sie sich in den Gärten und auf der Wiese herumgetrieben hatte, ja, er hatte alles gesehen, und er war zum Schluss fast genauso fertig gewesen wie sie selber, zwei Nächte und zwei Tage im Gelände, und nein, er hatte sie nicht aufgehalten, er war unmittelbar hinter ihr gewesen, als PvM ihr Verschwinden bemerkt hatte, er war ihr einfach gefolgt, zusammen mit der Herde der Bewunderer, der Gemeinde, er hatte frierend und hungrig und durstig sich im Gebüsch herumgedrückt und sich gefragt, wie lange hält die das durch, er war zuweilen eingeschlafen und wieder hochgeschreckt, dann war er ihr wieder gefolgt über Stock und Stein, sie hatte ihn nicht bemerkt, sowenig ich ihn bemerkt hatte, verborgen in der Menge der Besucher, die hatten sich um ihn nicht weiter gekümmert, und er hatte gesehen, was auch PvM und Regina gesehen hatten, das Leuchten, das von Ayse ausging, die hingerissene Anbetung der Besucher, und ja, Ayse hatte sich nicht geirrt, als sie von ihrem Gefühl redete, ihr Kopf habe im Schoß von einer von den Frauen gelegen, als sie — das war so gewesen, soweit der in der mondenen Dunkelheit spähende und blinzelnde Balbutin das hatte erkennen können.

„I had to“, versicherte er mir ernsthaft. „I simply had to know. Things are going on.“

Kann man wohl sagen. Ich erzählte ihm, was ich in Deutz gesehen hatte, und ihm klappte der Unterkiefer runter. „You have seen it“, sagte er wieder und wieder und vergaß sogar seinen Käsekuchen. „That — that thing. You’ve seen it.“

Ich erzählte ihm auch, was Burroblast von den Toten und von dem Mädchen geredet hatte, und endlich waren wir gleich auf gleich. Balbutin hatte sich die meiste Zeit in Berlin verborgen gehalten, wo er Unterschlupf bei einer evangelikalen Sekte gefunden hatte, Amerikaner, die in Deutschland missionierten. Nein, die hatten ihm kein Geld gegeben. Das Geld, das er Diana geschickt hatte, das war sein eigenes gewesen. Er hatte, ernsthaft, er hatte ein Konto, von dem Diana nichts gewusst hatte. Aus einer Erbschaft, er hatte das aufbewahrt für den äußersten Fall, als Notgroschen. Der Notfall jetzt eingetreten, hatte er den größeren Teil des Geldes Diana geschickt, von dem Rest hatte er gelebt, notdürftig, die Evangelikalen hatten ihm Unterschlupf gewährt, er hatte denen aber nicht viel erzählt. Dann war er beim Surfen im Internet auf Burroblast gestoßen, genau wie ich, und hatte den aufgesucht. Genau wie ich hatte er gesehen, was zu sehen war. Genau wie mir gegenüber, hatte Burroblast angefangen, von dem Mädchen zu faseln. Balbutin war einige Zeit in Köln geblieben, und ja, er hatte den Burroblast gemolken, der hatte ihm Geld gegeben, und Balbutin hatte ihn mit Auskünften versorgt, über das Aussehen der Besucher und was sie taten, wie sich gaben, und er hatte dem Burroblast auch beschrieben, wie das Wesen aussah, das Muränengesicht, das sich in seinem Zimmer bewegte, das war genug, um den Burroblast aus dem Häuschen zu bringen, aber alles hatte der nicht rausgelassen, Balbutin wusste nur, der ist nicht alleine.

„There’s a group“, sagte Balbutin düster. „They’re up to something. They call themselves ‚Brüder der Neuen Erde‘. Know what that means?“

Ich nickte. „Offenbarung des Johannes“, sagte ich. „Dort heißt es: ‚Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde, denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, auch das Meer ist nicht mehr.‘“

„End of times“, sagte Balbutin. „Beginning of a new era.“

„Und die glauben, sie sind Zeugen?“

„They feel called t‘help t‘make it come true.“

Mir fiel das Herz in die Hose. Schlechteste aller denkbaren Nachrichten. Wir haben nicht nur die Besucher am Hals. Da draußen sind Irre unterwegs, die von den Besuchern gehört haben und die nun glauben, das Ende der Zeit ist gekommen. Noch mehr, sie glauben sich berufen, dem Ende nachzuhelfen. Irgendwo geistert da eine Nachricht herum von einem Mädchen. In der Offenbarung des Johannes ist die Rede von einer Frau, von der Sonne umkleidet. Ich weiß nicht, was das alles mit dem Wesen zu tun hat, das der Burroblast heraufbeschworen hat. Ich weiß nur, dass Ayse in Gefahr ist. Die wollen sie haben.

Nachricht von Peter Flamm, vom 10.04.2022

Und endlich fragte ich: „Wie hast du mich überhaupt gefunden?“

Aber das war einfach gewesen. Balbutin hatte mich gesehen in der Minute, da ich aufgetaucht war. Er hatte sich schon so etwas wie eine Routine herausgebildet: Er schlief am Tag in dieser elenden Kammer, die er sich in Montbel angemietet hatte, und am Abend fuhr er mit dem Bus erst bis zum Landtag, dort stieg er um in einen anderen Bus nach PvM’s Vorort. Und dort bewachte er die ganze Nacht das Häuschen. Er ging davon aus, Ayse musste bewacht werden. Irgendwann würden die kommen, die sich um Burroblast versammelt hatten. Oder andere. Egal. Da waren Mächte und Gewalten unterwegs, die es auf Ayse abgesehen hatten, auf das Mädchen, das Gefäß. Das Mädchen, das die Besucher um sich versammelte.

„Schöne Scheiße“, entfuhr es mir.

Am gestrigen Abend, als ich aufgetaucht war, hielt sich Balbutin bedeckt, beobachtete mich, und sah bald ein, es habe nun wohl keinen Sinn mehr, dass er sich noch weiter verstecke. Als er abgehauen war, war sein Ziel nur gewesen, die Besucher von Diana fernzuhalten. Soweit hatten wir richtig kombiniert. Mission gescheitert. Diana war in PvM’s Haus, und die Besucher hatten sie gesehen. Er lungerte nervös zwischen den Besuchern herum, hielt nach mir Ausschau, was treibt der Alte da eigentlich, wollte aber seine Position in der Verborgenheit noch nicht aufgeben, er hatte sich daran gewöhnt. Er, Balbutin, Wächter in der Finsternis, das war jetzt seine Rolle. Also hatte er abgewartet und zugesehen. Er sah mir auch zu, wie ich in meinem Auto saß und unruhig ein paar Minuten schlief. Als ich mich wieder aufmachte und in den Gärten hinter dem Haus die Gänse hochscheuchte, da war er hingeschlichen und hatte sich meine Autonummer gemerkt, dann hatte er sich wieder in irgendeinem Winkel versteckt und die Dinge abgewartet.

„Woher nimmst du nur die Geduld?“ fragte ich. „Ich hab das kaum die eine Nacht ausgehalten.“

„That‘s my job, old man“, sagte er ganz ernsthaft und sah mich an durch seine fingerdicken Brillengläser.

Jedenfalls, als es hell wurde und Regina das Haus verließ, war die Nachtwache für diesmal beendet, er sah mir noch zu, wie ich davonfuhr, und dann machte er sich auf den Weg hinüber zur Bushaltestelle und fuhr zurück in seine Bude.

Dort legte er sich erst einmal auf seine Matratze und schlief ein bisschen, und ein bisschen länger, und als er aufwachte, war es schon bald Mittag. Er hielt sich nicht erst lang mit Körperpflege auf, er sah längst aus wie ein Penner, da war nichts mehr zu retten, er überlegte kurz, und überlegte richtig. Der alte Mann wird auf den Inhalt seines Geldbeutels achten, dachte er. Der hat sich eine preiswerte Bleibe gesucht. Die preiswerten Unterkünfte in Weldbrüggen sind alle hier, auf der rechten Flussseite, in Montbel.

Also machte er sich auf und graste die paar Sträßchen von Montbel ab, in denen sich die Hotels und Pensionen konzentrieren, für die weniger betuchten Touristen und sonstigen Besucher der Stadt. Er musste nicht weit laufen, und es kostete ihn kaum eine halbe Stunde der Suche, dann hatte er meinen Wagen gefunden auf dem kleinen Hotelparkplatz, und statt reinzugehen und nach mir zu fragen, hatte er gedacht, lass mal den Alten noch schlafen, und hatte sich einfach neben dem Wagen auf den Boden gesetzt, wie ich ihn dann gefunden hatte.

Soviel zu dem Kapitel, das ich in der Geschichte des Detektivwesens geschrieben habe. Immerhin, auf das Ergebnis kommt es an, ich war ausgezogen, Balbutin Hindrance zu finden, und hier saß er, mir gegenüber, und kaute an seinem dritten Stück Käsekuchen, der Mann war ausgehungert.

Was jetzt?

Ich telefonierte, PvM’s Telefon war lebendig, aber PvM ging nicht ran. Das war der Nachmittag, da PvM und Ayse und Diana oben auf dem Fons waren, bei Regina, und Ayse dieses Interview mit den Schlapphüten hatte, bevor dann auch noch alles andere beraten wurde, aber das wisst ihr ja schon.

Es blieb uns nichts anderes übrig als zu warten, bis PvM auf meine Anrufe antwortete. Um uns die Zeit zu vertreiben, schlenderten wir durch Montbel, dann bis zu Balbutins Bleibe. Der Nachmittag ging dahin, und wir kamen überein, wir würden rausfahren zu PvM’s Haus, wenn sich nicht bald jemand meldete. Einmal kommen die nach Hause, sagten wir uns. Je näher der Abend rückte, desto zappeliger wurde Balbutin.

„Da musst du jetzt durch“, sagte ich. „Irgendwann musst du doch deiner Diana wieder unter die Augen treten.“

„She’s going to make mincemeat of me“, sagte er düster, was, wenn ich es richtig verstehe, bedeutet, die macht Kleinholz aus mir.

„Wie auch immer, sie ist deine Frau“, sagte ich.

„Yeah“, antwortete er, und alle Hoffnung der Welt leuchtete in seinen blinzelnden Augen.

Und da war es, dass unter meinen nervös tippenden Fingern das Telefon zum Leben erwachte, und PvM sich endlich meldete.

Was weiter geschah, wisst ihr schon.

(Nachrichten vom 06. bis 10.04.2022, neu eingestellt auf dieser Seite am 07.06.2022 von Peter Flamm, © Verlag Peter Flamm 2022)