Banshee Neue Folge 46

Nachricht von Ayse Konopski

Und ich fragte, darf ich das? ich fragte das wirklich, darf ich da rein? und PvM sagte, du willst das doch sehen, dann musst du auch rein, vor draußen siehst du nichts.

Ich hatte Herzklopfen, richtiges Herzjagen, und ich weiß nicht einmal, warum. Da jetzt reingehen – unwiderruflich – irgendwie so. Vor allem mal, das ist kein Gebäude, ich meine, die Kathedrale. Wirklich nicht. Das ist was, das ist einfach da. Ein Wesen. Wenn ich da reingehe, das ist nicht mehr rückgängig zu machen. Ja. Das ist der Punkt. Wenn ich da reingehe, bin ich ein für alle Mal die, die da reingegangen ist.

An PvM’s Arm. Der alte Mann ging einfach weiter und zog mich mit, die Steinstufen waren so warm, und die Frauen in den Bögen um die Tore, die lächelten so lieblich, und alles war so hoch, so riesig, und alles sah mich an. Die Steine sahen mich an, und die redeten. Da wurde überall geredet, da war ein Gespräch im Gange, äußerst feierlich, irgendwo wurden Ankündigungen ausgerufen, richtig mit sonorer Stimme, erhaben, überall waren Sätze, die wollten was gelten.

Wir gingen durch eine der seitlichen Eingangstüren, und da war die Maus. Ernsthaft. Die Tür stand offen, nach innen, also, und wenn Türen offenstehen, da ist ja immer ein Spalt zwischen dem Pfosten und der Türkante, und in dem Spalt saß eine Maus, die machte Männchen und sah zu mir hoch, eine richtige kleine graue Maus, mit süßen schnobernden Barthärchen, und sie hielt die Vorderpfoten in die Luft, und ich tappte auf bloßen Füßen auf sie zu, und meine Zehennägel schimmerten, weil, das hab ich wohl nicht gesagt, also, nachdem mir der Gedanke gekommen war, ich geh heute barfuß raus, als statement piece, hab ich mir natürlich die Zehennägel lackiert. Perlmutt. Und die Maus war grau und hatte schwarze Augen und schnupperte, die Augen waren schwarz wie Jade, und weil die Maus so grau war und ihre Augen so schwarz, sahen meine Füße aus weiß und rosenrot, und da war dieser Perlmuttschimmer, alles auf einmal, das war einfach schräg, und entschieden zu viel für mich, ich ließ PvM’s Arm los und bückte mich und pflückte die graue Maus aus ihrem Winkel, die ließ sich das einfach gefallen, ich hielt sie in der hohlen Hand, und ich spürte, wie sie da ein bisschen herumstöberte, sie versuchte, den Ausgang zu finden zwischen meinen Fingern, und dann gab sie Ruhe, saß in meiner Hand, Vorderpfoten auf meinem Zeigefinger, und guckte raus, wie einer zum Balkon runterguckt, und als ich sie mit dem Daumen ein bisschen streichelte, zwinkerte sie, und ihre Barthaarte zitterten und waren dünn wie Spinnweben.

„Na ja“, sagte PvM, „Kois gibt’s hier ja nicht.“

Ich lächelte ein bisschen einfältig, um nichts in der Welt hätte ich es über mich gebracht, die graue Maus wieder auf den Boden zu setzen. „Wovon lebt die hier?“ fragte ich.

„Das ist eine Kirchenmaus“, sagte PvM, „üblicherweise leben die von Wachsresten.“

Weiß nicht, ob der das ernst meinte, aber es schien mir einleuchtend. Kerzen. PvM schob mich weiter, denn hinter uns waren Touris, die wollten auch rein, und dann waren da Kerzen. Überall. Brennende Kerzen, Kerzen die sangen. Die sangen nicht nur, die tanzten. Überall. Wir traten ein ich trat ein, ich weiß noch, da war etwas wie ein Vorraum, eine ungeheuer hohe Halle, steinern, nicht besonders hell, und dann kam eine Wand, eine Wand aus Säulen und Pfeilern, und darin waren nochmal Türen, und ich wusste nicht, was das alles bedeuten sollte, aber egal, mein Herz wollte nicht aufhören zu jagen, ich hielt meine Hand mit der Maus an meine Brust gedrückt, und die Maus ließ sich von mir tragen und schaute von ihrem Balkon hinaus in die Welt, und mit der anderen Hand hielt ich mich an PvM’s Arm fest, und wir traten durch diese andere Tür, durch diesen anderen Durchgang, und dann ging das mit den Kerzen los.

Schwebende Lichter tanzende Lichter singende Lichter. Ganze Chöre von Lichtern, die klangen wie sausende und brausende Chöre von elektrischen Gitarren, ihr kennt das, wenn in einer Ballade der feierliche Chorus beginnt, und ewige Liebe geschworen wird, und jetzt fängt an eine neue Welt, so klang das.

Und die Lichter tanzten vor Fenstern. Fenster schmal und hoch, Millionen Fenster, so hoch wie die ganze Welt, und die Fenster schwebten, ja, ihr müsst das verstehen, die standen frei über uns in der Luft, und zwischen ihnen jagten Pfeiler in die Höhe, die wollten unbedingt den Himmel erreichen, also, die jagten schneller hoch als Fontänen von Wasser, sprangen aus der Erde und jagten hoch in den Himmel, die hörten gar nicht auf damit, und zwischen ihnen schwebten diese Fenster, buntes Geschiller und Geglitzer in allen Farben, und Licht kam herein, das wollte unbedingt rein, weil es mit den tanzenden und singenden Kerzen was haben wollte, all diese Flämmchen, die da überall schwebten, die badeten richtig in dem Licht, das durch die Fenster hereinkam, in dem Licht von draußen, was war das nur für ein Licht, eben ein Licht aus dem Draußen, weiß nicht, wo das herkam, aber auf jeden Fall, von ganz weit her, das hatte eine endlos weite Reise hinter sich, das Licht, um durch diese Fenster hindurch diesen innigen süßen kleinen Flirt zu haben mit den Kerzenflämmchen, oder war das was Ernstes zwischen denen, was richtig Ernstes, kann ich ja nicht wissen.

Und da war ein gewaltiges Bündel von Säulen, steinerne Säulen, die richteten gewaltig sich auf, mir wurde ein bisschen schwindlig, ich legte den Kopf in den Nacken, und der alte Mann hielt mich fest, denn ich taumelte ein bisschen, und da oben waren die Gewölbe fremder Himmel, mit Sternenbahnen überkreuz, und ich drehte mich um, um zu sehen, woher wir eigentlich gekommen waren, und da war die Wand weg, die war auf einmal weg, und ich wusste doch genau, wir waren durch Türen gekommen, zum Beweis hatte ich ja die kleine graue Maus in der Hand, die hatte in der Tür gesessen, aber da hinter uns war keine Wand mehr, da war nichts als eine ungeheure gleißende und brennende Rose, riesenhoch, schwebend in der Höhe, und Licht fiel ein, Licht aus diesem unbegreiflichen Draußen, Licht durch die Rose.

(Nachricht eingegangen am 05.06.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 06.06.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)