Banshee Alte Folge 46

Nachricht von Peter Flamm, vom 02.04.2022

Ihr versteht, ich saß da auf der Kante. Nicht nur auf der Stuhlkante, sondern überhaupt. Mein einziger Gedanke war, was rauskriegen aus dem Monster, so viel wie möglich aus dem rauskriegen, vor allem, was Balbutin anbelangt, und jetzt hatte der auch noch angefangen, von Ayse zu reden, ich stocherte wild ins Leere hinein, der wusste nichts von Ayse, nicht ihren Namen, nicht, wo sie sich aufhält, aber da war von „dem Mädchen“ die Rede, nicht irgendeinem Mädchen, „dem“ Mädchen. Ich machte einfach weiter, redete weiter, blind ins Leere hinein, und immerfort schwebte über der runden riesigen Kopfkugel des Burroblast dieses Muränenhaupt, diese aufgerichtete Kobra, schwarz wie blutender Teer, immerfort wellend und quellend, der quallige Schlangenkörper wand sich in Schlingen in der Luft vor den Bücherregalen, und zwischen mir auf der einen Seite und Burroblast und seinem Schatten auf der anderen lagerte dieser überladene Schreibtisch, über dem Schreibtisch war eine hallende Leere, und in diese Leere redete ich hinein, ich hörte meine eigene Stimme, und gleichzeitig rotierten und wisperten die Überlegungen im Hintergrund meines Bewusstseins, hat Balbutin hier gesessen, hier, auf diesem Stuhl, natürlich hat er hier gesessen, und Burroblast hat angefangen, von „dem Mädchen“ zu reden, weil es denen um „das Mädchen“ geht, wer immer die sind, „das Mädchen“ ist für die im Augenblick das Wichtigste, über „das Mädchen“ wollen die Informationen, deshalb hat Balbutin so dringend geschrieben, Ayse solle in Weldbrüggen bleiben, bei PvM, nur dort wär sie sicher, mach jetzt keinen Fehler, lass nichts raus, wisperte das Stimmchen in meinem Hinterkopf, und dann geschah etwas Unglaubliches.

Burroblasts mondrundes Feistgesicht zerfloss in einer Grimasse schmelzender Freundlichkeit. „Da sitzt er!“ rief er im Ton jauchzender Freudigkeit. „Da ist er mitten unter uns! Heimgekehrt! Der verlorene Sohn! Oh wie haben doch die Äonen gewartet auf den Jubel der Trillionen! Und ist nicht in den Himmeln mehr Freude über einen reuigen Sünder als über tausend Gerechte? Da sitzt er! Der arme Schluri! Scheißt sich die Hosen voll vor Angst! Musst keine Angst haben! Kind! Bist heimgekehrt! Bist unter Gerechten! Wo immer du warst, du warst im Falschen! Bist jetzt im Richtigen, bist jetzt in der Gerechtigkeit! Daheim! Oh willkommen willkommen willkommen! Fühlst du nicht den Jubel der himmlischen Heerscharen?“

Und die ganze Feistgestalt da hinter der Leere des Schreibtischs, diese ganzen ungeheuren wogenden und undulierenden Fettmassen, sie flossen und wellten, mit den Schultern zuckte und tanzte das Ungeheuer, warf die Kopfkugel in den Nacken, lachte heisernd hinauf in die Höhe des Zimmers, dass der Klang in einzelnen Batzen hochflog und wieder niederklatschte auf der Schreibtischplatte, die feisten Patschhände hoben und senkten sich, klatschten auf das Holz des Tisches, dass der Laptop sprang, die ganze wogende Fettmasse tanzte im Sitzen.

So schnell, wie der Ausbruch gekommen war, war er auch wieder vorbei. Burroblast sank in sich zusammen, und der Kobrakopf über ihm öffnete sich zu einem unhörbaren Fauchen, sah eher aus wie ein Grinsen, und die haltlos greifenden und fahrenden Schinkenfinger suchten auf der Tischplatte nach dem Inhalator.

Ich sprang auf und hechtete über den Tisch und griff mir das Teil, das tat ich. Mit dem Inhalator in der Hand stand ich vor dem Tisch, vor dem ringenden und würgenden Burroblast, und ich sagte: „Hör mir zu, du Arsch. Ich bin nicht dein verlorener Sohn. Und mit Bibelzitaten solltest du etwas vorsichtiger umspringen, angesichts des Teils, das da über deinem Kopf schwebt. Du hast das Teil hergerufen, sag mir, wie du das gemacht hast.“

Der weit aufgerissene Muränenrachen stieß nach mir, traf mich aber nicht. Wie unsere Besucher war auch dieses Teil körperlos, ich widerstand der Versuchung, zurückzuweichen, blieb einfach stehen, und Burroblasts wehe Patschhändchen griffen haltlos nach dem Inhalator in meiner Hand.

„Du weiß nicht, was du redest, du Würstchen“, heiserte der fette Riese. „Das erste Kapitel ist längst aufgetan. Der Kampf hat begonnen, und da gibt es kein Beiseitestehen. Du stehst auf unserer Seite, oder auf der anderen. Sieg oder Untergang, Glanz oder Finsternis.“

Er keuchte, rang, heiserte. „Gib mir das Gerät.“

„Ich geb dir das Teil, wenn du mir was sagst. Das erste Kapitel. Was soll das heißen?“

Burroblast warf sich zurück in seinem Stuhl, riss den Mund auf, Kopf im Nacken, im Bemühen, besser Luft zu bekommen. „Nicht einmal das weiß er! Arschloch! Hat sich nicht aufgetan die Erde, und sind sichtbar geworden die Toten, sitzend in ihrem Grab, wartend auf die Stunde der Posaune? Wartend auf das Gericht?“

Obwohl mich der Blitzschlag des Begreifens durchschlug vom Kopf bis zu den Füßen, gelang es mir, Ahnungslosigkeit zu heucheln. „Die Toten?“ fragte ich. „Wovon redest du?“

„Gib mir den Inhalator“, würgte Burroblast. „Willst du, dass ich ersticke?“

„Die Toten, wo?“

„Dort, wo auch das Mädchen ist, du Schwein. Gib mir das Teil, gib es mir!“

Ich warf ihm den Inhalator auf den Tisch, rannte raus, so schnell mich die Füße trugen. Der teerquellenden Schatten war auf einmal vor mir, zwischen mir und der Tür, fauchte mir mit aufgerissenem Maul ins Gesicht, ich sah die Zähne, ich rannte einfach durch ihn hindurch und sprang hinaus auf den scheunenhohen Dachboden, wo die Wäsche von den Leinen wehte.

Nachricht von Peter Flamm, vom 03.04.2022

Ich jagte quer über den Speicher, dem Treppenabgang entgegen, und hinter mir her, durch die offene Tür, hörte ich Burroblast jaulen: „Du Schwein ! —- du Schweiiiin!!!“, die Bohlen wippten und federten unter meinen Füßen, so ein Gefühl hatte ich als Kind gehabt, als ich über das Sprungbrett rennen musste, im Schwimmbad, und Burroblasts Geheule klang durch den ganzen Speicher, vor mir flatterte eine Taube auf, mit klatschendem Flügelschlag, und meine Tritte donnerten auf dem hohlen Boden, ich dachte, der brüllt noch, wenigstens hab ich den nicht umgebracht, was, wenn der doch irgendwo Helfer hat, bloß raus hier, bloß weg —

Da war überall Holz um mich herum, hölzerner Türsturz, die hölzerne Treppe mit den gedrechselten hölzernen Balustraden, das Geländer wackelte und rüttelte, als ich mich an ihm festhielt, und ich sprang die Treppen hinunter, zwei Stufen auf einmal nehmend, unter mir ging eine Tür auf, im Vorbeirennen sah ich Kindergesichter nach mir ausspähen, braune Augen schwarze Locken, die hatten mein Trampeln über ihren Köpfen gehört, weiter, bloß weiter.

Im Rennen und Hasten und Springen dachte ich, bloß nicht fehltreten, verknacks dir jetzt nicht den Fuß, und: Wo hab ich meinen Wagen geparkt, natürlich vor diesem Laden, Handy-Repair Mahmud al-Abeidschan, wir reparieren euch alles, ich bin ein Idiot, der Burroblast hat doch gewusst, dass ich komme, vielleicht hat der da unten jemanden aufgestellt, wenn ich jetzt zu meinem Auto gehe, wissen die meine Nummer, wissen die sowieso, widersprach ich mir selber, die Karren, die hier sonst parken, haben alle Kölner Nummern, da findet sich meine ganz von selber, egal, bloß weg, runter, nur runter.

Dass ich mir nicht die Knochen gebrochen hab bei meinem Abstieg, alter Sack, der ich bin, das war wirklich alles. Und immerfort rotierte dabei der Gedanke an das Grab in meinem Hirn. Das Grab, da die Toten sitzen und warten auf das Gericht. Das Grab, da sich die Erde aufgetan hat und die Toten sichtbar geworden sind. Weldbrüggen. Nirgendwo sonst auf der Erde gibt es ein Grab, in das man hineinschauen kann, und da sitzen die Toten, man kann sie sehen, sie warten. Weldbrüggen. Unter der Kathedrale. Wie hatte Burroblast gesagt? Das erste Kapitel. Das erste Kapitel ist aufgetan. Wie in der Offenbarung des Johannes. Dort sind es sieben Siegel. Was erschien, als das erste Siegel geöffnet wurde? Ein Reiter auf einem weißen Pferd. Egal. Das erste Kapitel. Die Toten werden sichtbar. Die Toten sitzen und warten auf den Tag der Posaune, auf den Tag des Gerichts. Weldbrüggen.

Es war mir so deutlich wie in Stein gemeißelt, Balbutin ist in Weldbrüggen. Der hat das Wesen gesehen über Burroblasts Kopf. Und Burroblast hat dieselbe Geschichte erzählt, von dem Mädchen und dem ersten Kapitel. Ich muss nach Weldbrüggen, dachte ich, auf dem schnellsten Wege. Dort sind die Toten, dort ist Ayse. Ayse, das Mädchen. Ich muss Balbutin finden.

Wie soll ich den dort finden? Wenn der sich versteckt?

Ich schaffte es bis in den steinernen Hausflur runter, wo die Kinderwagen standen und die Briefkästen an der Wand klapperten, und draußen auf der Straße schien unwirsch eine rote Sonne, da war Staub, und vor der Tür des Handyladens stand einer und beobachtete mich, wie ich aus dem Hauseingang heraushastete.

Mein erster Impuls war, einen Haken zu schlagen und in eine andere Richtung zu laufen, ich komm zurück, wenn keiner guckt, dachte ich, aber das wär erst recht auffällig gewesen, wenn ich hier lang herumgelungert und gespäht hätte, hier kennt doch jeder jeden, und alle heißen Mohammed. Seh ich vielleicht aus wie ein Mohammed?

Ich tat, was ich von PvM gelernt habe, ich gönnte der Gestalt unter dem Eingang des Repair-Shops nicht einen Blick, ich zog meinen Schlüssel aus der Tasche und weckte mein Wägelchen zum Leben, es fiepte gehorsam, und die Rücklichter blinkten, ich stieg ein, manövrierte mich raus aus der Parklücke, als hätte ichs geübt, und fort war ich, ich sah nicht einmal in den Rückspiegel, ob irgendjemand hinter mir her guckte.

Weldbrüggen, dachte ich. Ich muss auf direktem Weg nach Weldbrüggen, Balbutin ist dort, die Toten sind dort und warten.

Nachricht von Peter Flamm, vom 04.04.2022

Weiß nicht, warum ich mich in diesen großen Städten nie zurechtfinde. Quer über die Rheinbrücke hingen riesige Tafeln, mit brüllenden Weisungen, dahin! dorthin! und ich war immer gerade auf der falschen Spur, zuweilen blickte ich denn doch in den Rückspiegel, ob mir jemand folge, idiotisch, wir waren auf der Rheinbrücke zwischen Deutz und Köln, natürlich war da immer jemand hinter mir, und ich fuhr tapfer weiter, als ob ich genau wüsste, wo ich lang will.

Schließlich wies ich mein Navi an, mich nach Weldbrüggen zu lotsen. Hoch über mir, in den leeren Gewölben des immer noch hellen Abendhimmels, schwebte ein funkelnder kleiner Satellit, der nahm das Signal auf, leitete es weiter an seinen Prozessor, sandte ein Signal zurück an meinen Wagen, und in Sekunden sagte die sanfte weibliche Stimme aus meinem Armaturenbrett, übernächste Ausfahrt rechts, jetzt in die mittlere Spur einfädeln, jetzt rechts, jetzt Abfahrt. Und irgendwann war ich draußen aus der Stadt, und fand mich in Richtung Aachen.

Mir zitterten die Knie, geb ich zu. Es wurde dunkel, und ich dachte, ich brauch eine Pause, unbedingt. Ich fand eine Raststätte, parkte, setzte mich in den geräumigen Caféraum, es war wenig Betrieb, viel Platz an der verglasten Außenwand, ich ließ mich dort nieder und sah dem Lichtergefunkel zu auf der nächtlichen Autobahn. Ich speiste mir ein, was ich an solchen Orten immer von der Theke hole: Käsekuchen, und ein Glas Tee mit Zitrone. Kann man nichts falsch machen. Der Käsekuchen ist immer und überall gut, und das Teebeutelchen ist von einer etablierten Firma. Also. Man muss sich nach der Decke strecken. Ich las die Nachrichten auf meinem Handy. Mir blieb die Luft weg, dann fing ich an zu heulen. Ayse war wieder aufgetaucht. Erst war da diese kryptische Nachricht von Balbutin, don‘t worry, she‘s well, I‘ve seen her, und dann eine hektische Notiz von PvM, er hatte sie draußen im Garten gefunden, unter seinem Küchenfenster. Ich dachte, ich hätte warten sollen. Einfach diesen einen Tag noch warten sollen. Aus Balbutins Mail ging klar hervor, er war in Weldbrüggen. Hätte ich gewartet, hätte er mich selber auf seine Spur gebracht. Jetzt hatte ich womöglich uns allen Burroblast auf den Hals gehetzt.

Burroblast. Einfach nur ein einzelner Spinner? Oder waren da noch andere? Und wieviel konnten die ausrichten? Wieder dachte ich an Balbutins Mahnung, Ayse soll in Weldbrüggen bleiben. Klar, bei PvM ist sie sicher. Aber in Weldbrüggen ist auch der Fons. Und Regina Austri, die über den ganzen Apparat des Weldbrüggener Staatsschutzes die Weisungsbefugnis hat. Vielleicht hatte Balbutin das gemeint.

Ich schnäuzte mich, ich fing endlich an zu denken. Ich hantierte innerlich an mir selber rum, hatte ich diese Begegnung geträumt, mit dem Burroblast Mulkenmund? Ganz sicher nicht. Das war alles Wirklichkeit gewesen. Vor allem dieses Wesen, das da noch mit im Raum war. Dieses tintenschwarz quellende und quallende Schattenwesen, das mich beobachtet hatte. Burroblast hatte gewusst, dass das Wesen da war, aber er konnte es nicht sehen. Das hatte Balbutin geschrieben: Da seien noch andere Wesen zugange, Others, und Menschen, die sich zu ihren Sklaven machten. Und Burroblast war erfüllt von der Gier, Nachrichten über „das Mädchen“ zu bekommen. Irgendwo, irgendwie musste da die Rede umlaufen von einem Mädchen. Von einem Mädchen, das zentrale Bedeutung hat. Bedeutung? Für wen? Für was? Ich wusste da noch nicht, was Ayse alles erzählen würde, aber selbst jetzt schon wusste ich, wie unwiderstehlich sie die Besucher anzieht. Wie sie vor ihr auf die Knie sinken. Wie sie nicht genug bekommen von ihrem Anblick. Wo liegt da der Sinn? dachte ich.

Und dann Burroblasts Andeutung von den Toten, aufrecht sitzend in ihrem Grab, wartend. So dass man sie sehen kann. Es gibt nur diesen einen Platz in der Welt, wo das möglich ist. Unter der Weldbrüggener Kathedrale. Und Balbutin ist in Weldbrüggen, und Ayse ist in Weldbrüggen. Ich dachte wieder daran, wie ich durch das Schattenwesen in Burroblasts Zimmer einfach hindurch gelaufen war. Die haben keine körperliche Macht, dachte ich. Aber wenn sie Menschen finden, die sich zu ihren Werkzeugen machen, eben doch. Sklaven. Wie Balbutin sagte.

Ich muss Balbutin finden, dachte ich. Der hat länger mit Burroblast gesprochen, der hat mehr rausgefunden. So verwirrt der Amerikaner auch manchmal daherredet, er ist ein scharfer Beobachter. Der muss was gesehen haben.

Ich kam noch bis Aachen an diesem Abend, dann sah ich, ich kann nicht mehr, ich muss schlafen. Es war nicht schwer, ein Zimmer zu finden, aus irgendeinem Grund ist die Stadt voll von kleinen Hotels. Ich warf meine Reisetasche in die Ecke, nahm mir kaum Zeit, die Schuhe auszuziehen, legte mich aufs Bett, schlief ein. Die ganze Nacht, während ich schlief, hatte ich das feste Gefühl, da sind Wesen, draußen, die beobachten mich. Die warten ab. Die warten auf ihre Stunde.

Das war die Nacht, da PvM endlich Ayse ins Bett brachte und dann bis zum Morgen mit Regina Austri zusammensaß, die Nacht, da Balbutin argwöhnisch um PvM‘s Haus herumschlich und die Lage peilte. Aber das erfuhr ich erst später. Ich schlief, und die ganze Zeit verfolgte ich in meinen Träumen eine eilige kleine Maus, die kannte alle Winkel und Schlupflöcher, und ich fand nie den rechten Platz, die Falle aufzustellen. Die Wesen draußen, die mich beobachteten, sahen mir zu. Sie mischten sich nicht ein. Sie sahen mir einfach zu.

Nachricht von Peter Flamm, vom 05.04.2022

Ich erwachte früh, ich überlegte sogar, ob ich das bereits bezahlte Hotelfrühstück sausen lassen und sofort losfahren sollte, ließ es dann doch. Kurze Bemerkungen von PvM im Handy, hektische Rückfragen der anderen. Ayse war jedenfalls in Sicherheit. Das Frühstück war besser als erwartet, sie hatten eine kleine Theke, da konnte man sich selber holen, was man wollte. Die kleinen Butterwürfel waren selbstverständlich, wie überall, felsenhart gefroren.

Ich wusste nicht, wie ich nun vorgehen sollte. Erst mal Weldbrüggen, dachte ich. Was weiß ich davon, wie man nach einer untergetauchten Person sucht. Ich bin kein Detektiv.

Also fuhr ich wieder los, wenigstens geduscht und rasiert, aber verschlafen. Der Tag war hell, ich blieb hinter Aachen auf der Autobahn bis Lüttich, dachte an der Grenze wieder, wie schön, keine Kontrollen, und dann fuhr ich die Ourthe aufwärts, immer tief im Tal, zwischen den dunklen Wäldern, ich fuhr den ganzen Tag, Landstraßen durch immer schläfrigere Dörfer, schließlich hangelte ich mich nur noch von Ort zu Ort, immer Richtung Süden, und dann, irgendwann, überquerte ich die Grenze nach Wahlburg-Sonderbüren. Ich war noch nie aus dieser Richtung in das Ländchen gekommen, die Straßen waren schmal und führten in Schlangenlinien durch Wälder, die sahen aus, als seien sie von der Zeit vergessen worden, oder als riefen sie mir zu, komm doch, hier kannst du verschwinden, niemand wird dich je finden.

Ich erreichte die kleine Straße, die am Weld entlangführt, und die Wellen des eiligen Flusses waren hell und geschwätzig, die Sonne stand noch über dem Horizont, als endlich die Türme der Kathedrale auftauchten vor mir, über den Dächern von Weldbrüggen, im Licht der späten Sonne alles rosenrot überlaufen, glitzernd, ihr wisst, wie schön die Stadt ist.

Und ich sah mir das an und dachte, hier finden wir unsere Antworten, wenn nicht hier, dann nirgendwo.

Ich war mit jetzt sicher, dass mir niemand gefolgt war. Die Straßen am Oberlauf der Ourthe, und dann erst recht in den Wäldern hinüber nach Wahlburg-Sonderbüren, waren so einsam gewesen, dass ich meistens allein gewesen war, so einsam, dass mir einmal ein entgegenkommendes Fahrzeug mit der Lichthupe Grußzeichen gegeben hatte, als seien wir Wanderer im verlassensten Winkel der Erde.

Das war der Abend, da Diana auftauchte bei PvM, und da Ayse alles erzählen würde, alles, im Beisein von Regina. Ich hab dann später gelesen, was sie aufschrieb, wie ihr auch, und ich dachte beim Lesen, das Mädchen hat mehr Mut, als ich je aufbringen könnte.

Das Mädchen.

Davon wusste ich aber noch nichts, als ich einlief in Weldbrüggen. Ich stellte meinen Wagen ab in dem unterirdischen Parkhaus in der Nähe des Landtags, und dann ging ich, im letzten Licht der sinkenden Sonne, hinüber zur Kathedrale. Ich hatte keinen besonderen Grund, das zu tun. Ich hätte mich bei PvM melden können. Erst finde ich Balbutin, dachte ich. Möglichst, bevor der mich findet und gewarnt ist. Der schleicht um PvM‘s Haus herum, dachte ich. Wenn ich dort nach dem spioniere, muss ich aufpassen, dass er mich nicht früher sieht als ich ihn, sonst ist er gewarnt und ist weg.

Bist du nicht zu alt für solche Spiele? fragte ich mich.

Das Westportal der Kathedrale brannte im Glanz der untergehenden Sonne, wirklich, es sah aus, als stünde der Sandstein in Flammen. Dröhnende Gesänge die Fialen und Strebebögen, wie Wälder im Sturm.

Ich ging einmal ganz herum um das riesige Gebäude, wie die Touristen es tun, und sah hoch zu den Gerüsten, die da und dort in den Dachstreben hingen. Irgendwo wird an der Kathedrale immer gebaut, irgendwo müssen immer Steine ersetzt werden, Dachziegel erneuert. Seitlich in die Chorwandung geschmiegt der Eingang zur Gedenkstätte, klein, aber herausfordernd kontrastierend zu dem Sandstein, Panzerglas und blaues Chrom. Natürlich geschlossen um diese Uhrzeit, und dennoch standen zwei bewaffnete Posten davor. Pistolen im Halfter, Gewehr über der Schulter. In den Platanen Überwachungskameras. Ich machte, dass ich vorbeikam, und dachte an die Toten dort unten, die Toten, von denen Burroblast geredet hatte. Was haben wir mit all dem zu tun, dachte ich, lasst uns doch unser kleines Leben.

Zu spät für solche Wünsche.

Mir fiel ein, dass ich auf dem ganzen Weg seit gestern keinem von den Besuchern begegnet war. Hatten die sich schon alle vor PvM‘s Haus versammelt? Ich setzte mich in der Nähe des Südportals auf eine Bank, und es wurde dunkel.

Ich hab einen Vorteil, überlegte ich. Balbutin sieht so schlecht, mit Brille oder ohne. Wenn ich warte, bis es richtig finster geworden ist, und wenn ich dann die Straßenlaternen vermeide, dann hab ich eine Chance, den zu erwischen, bevor er mich sieht.

Bloß, der wird das auch tun. Der wird sich versteckt halten, und wahrscheinlich kennt er schon die Winkel und Seitenwege. Egal, dachte ich. Der treibt sich um PvM‘s Häuschen herum. Wenn ich ihn überhaupt irgendwo finde, dann dort.

(Nachrichten vom 02. bis 05.04.2022, neu eingestellt auf dieser Seite am 06.06.2022 von Peter Flamm, © Verlag Peter Flamm 2022)