Banshee Neue Folge 45

Nachricht von Ayse Konopski

Wenn man von unten, vom Fluss und vom Landtag her kommt, steuert man geradewegs auf den Chorumgang der Kathedrale zu, das ist die gegenüberliegende Seite zum Hauptportal, hab ich alles gelernt, alles gegoogelt, das Hauptportal ist nach Westen gerichtet, der Chor nach Osten, und wie jede große Kirche hat auch diese ein reiches Südportal, mit Treppenaufgang und Figurenschmuck und allem Drum und Dran. Unter dem Chorumgang, das hab ich schon erzählt, liegt der Eingang zur Gedenkstätte, da waren wir in der Nacht gewesen. Ich wollt dort nicht wieder hin, ich wollt das nicht wieder sehen, ich hing mal wieder mit beiden Armen an PvM und druckste rum, und er sah meinen angstvollen Blick, da hob sich das ungeheure Fensterrund des Chors schon über uns, mit all den steinernen Bögen und Pfeilern, und PvM nickte, ohne ein Wort zu sagen, und führte mich seitwärts herum um das Raumschiff, da war ein Park mit Bänken und viel bunten Blüten an Spalieren, und Kieswege führten hindurch, in Schlangenlinien, das ist eine ziemlich neue Anlage, sagte PvM, im 19. Jahrhundert ist hier gebaut worden, eine Destillerie, ausgerechnet, fast hundert Jahre hat der Kartoffelgeruch über der Gegend gehangen, dann hat sich der Betrieb nicht mehr rentiert, die Schande ist abgerissen worden, und lange Zeit war hier eine Brache, mitten in der Stadt, es gab Bebauungspläne, die Kirche wollte erst ein Gemeindezentrum errichten, dann ein Studienseminar, die Stadt wollte nicht, die Stadt wollte ein allgemein zugängliches Erholungsgebiet zum Spazierengehen, die Stadt setzte sich durch, es wurde ein Park angelegt mit Spielplatz und Schachecke und was weiß ich, und natürlich wurde der Ruf der Ecke immer schlechter, nachts trafen sich hier die Junkies, und in den Sandkästen für die Kinder lagen die Wegwerfspritzen, dann schloss die Stadt den Park, warf Geld aus für eine komplette Neugestaltung, und für die Junkies und die Nutten und die Zuhälter galt fortan ein Null-Toleranz-Programm, und seither ist der Ort der friedlichste von der Welt, im Sommer treffen sich hier die Schüler sogar zum Hausaufgabenmachen, und in der Nacht knutschen die Liebespaare, und auf den Bänken sitzen die Rentner, die noch nicht schlafen wollen.

Erzählte alles PvM, während mir der Kies unter den Füßen krabbelte und kitzelte. Es gab einen kleinen Teich mit diesen kleinen Enten, die aussehen wie aus Holz geschnitzt und bunt lackiert, und blühende Büsche und viele Winkel mit überraschenden Ausblicken, und über uns waren immerfort die ungeheuren Türme der Kathedrale, je öfter ich hochguckte, desto höher schienen sie mir, ich sah einen Umgang im Gemäuer, mit Säulchen geschmückt, und das schräge Dach, hoch wie eine Steilwand im Gebirge, stell ich mir so vor, bin noch nie im Gebirge gewesen, und da waren überall Türmchen und Fenster und steinerne Bögen ohne Ende, da war eine ganze Stadt dort oben, steinerne Figuren standen da rum, und PvM erzählte weiter, da oben sind auch kleine Hütten und Katen, geduckt in Winkeln im Gestein, da haben sich Leute versteckt, während der Nazizeit, und der Messner, also der Hausmeister von der Kathedrale, hat heimlich Essen und Wasser hochgebracht, und regelmäßig die Pisspötte entsorgt, das wär nur eine Legende, ist lange behauptet worden, aber dann sind die überlebenden Zeugen ausfindig gemacht worden, und die Geschichte ist bestätigt worden, sogar vor Gericht, und der alte Mann, der Messner, hat noch gelebt, konnte kaum mehr laufen, ist dann aber doch nach Israel geflogen worden, dort wurde er in einer feierlichen Zeremonie in Yad Vashem in die Liste der „Gerechten“ aufgenommen, ja, er durfte das noch erleben, unter ungeheurer Anteilnahme der Weldbrüggener, die sich einmal mehr bestätigt fühlten, wir waren das nicht, das waren die Deutschen, die im Reich.

Und ich hab natürlich mal wieder geschnieft, als PvM diese Geschichte erzählte, ich liebe das, Geschichten von Rettung und Überleben, das will ich doch auch, gerettet werden, oh ja bitte, bitte.

Und der Kies hörte nicht auf zu kitzeln, unter meinen blanken Sohlen, irgendwie fand ich meine Idee mit dem statement piece jetzt so richtig gut. Ich weiß jetzt schon, wenn ich mich später mal an diesen Tag erinnern werd, werd ich immerfort an diese seltsamen Gefühle unter meinen Füßen denken.

Und schließlich steuerten wir von der Seite her auf das Hauptportal zu. Die Glocken schlugen die volle Stunde, und der Schall fiel vom Turm herab wie ein goldenes Gewicht und schlug auf dem Vorplatz auf, das gab ein wummerndes und schrummendes Getön, wie füllige Gesänge, also ich weiß auch nicht, wie ich das erklären soll, es klang ein bisschen wie in der Badewanne, wenn ihr den Kopf unter Wasser taucht und mit dem Knöchel an den Wannenrand klopft, das schallt und hallt und tönt und hat Echos, und ungefähr so klangen die Glocken auf dem Vorplatz, der hatte natürlich auch Kopfsteinpflaster.

Mir war feierlich und ängstlich zumute, es standen ziemlich viele Touris herum auf dem Platz, und da waren breite Treppen, und zu Seiten der Treppen gemauerte Bögen, ganz seltsam gestaffelt, wie Vorhänge, und in den Falten standen vornehme Gestalten, die sahen auf mich herab, Männer und Frauen in reichen Gewändern, die erinnerten mich an die Gewänder der Reisenden da unten im Bauch des Raumschiffs, und manche schauten ernst, manche freundlich, die Frauen lächelten zuweilen ein sonderbar liebliches Lächeln, mit Grübchen in den Mundwinkeln, und alle sahen sie mich an, und die Stufen unter meinen Füßen waren warm, warm wie ein menschlicher Körper, da war immer noch das Licht der untergehenden Sonne, und vor uns waren gewaltige Portale, aus Messing, die mussten ungeheuer schwer sein, die werden nur zu den hohen Feiertagen geöffnet, sagte PvM, aber zur Seite waren mehrere kleinere Türen, die standen einladend geöffnet, Touris kamen heraus oder gingen rein, und auf einmal dachte ich, aber ich hab doch gar kein Recht, hier reinzugehen, ich bin doch Muslima, und ich sah noch einmal zu den lächelnden Frauen hoch, die hatten alle irgendeine Art von Kopfbedeckung auf, sowas wie Krönchen manche, andere hatten einfach einen Zipfel ihres Gewandes über den Kopf gezogen, und ich dachte, müsst ich nicht ein Kopftuch tragen, und Schuhe hab ich auch keine an, aber die Frauen von den Touris, die gingen ein und aus, und trugen auch alle offene Haare, und PvM sagte ganz trocken, rein mit dir, die freuen sich da drin, wenn du kommst.

(Nachricht eingegangen am 04.06.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 05.06.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)