Banshee Alte Folge 45

Nachricht von Peter Flamm, vom 27.03.2022

Burroblast spricht!

Im Ernst, so lautete der Link. Ich klickte ihn an, und wurde als Nächstes von meinem Sicherheitssystem gewarnt, keine https-Verbindung. Nicht zum ersten Mal, ich klickte dennoch auf „weiter“.

Feiste rote Lettern auf schwarzem Grund, und die Lettern in Fraktur, das sah aus wie ein Berliner Wahlplakat aus den Zwanziger Jahren, ich meine die Neunzehnhundertzwanziger-Jahre.

Burroblast spricht!

Ich bin auf eine Neonazi-Seite geraten, dachte ich. Und dann: Ich hab die Warnung missachtet. Bin ich schon auf dem Weg in das Darknet?

Gleich unter der fetten „Burroblast spricht!“-Überschrift ging der Text los, immerfort in feuerroten Lettern auf schwarzem Grund, und immer in Fraktur. Es sah aus, als würde man angebrüllt.

„Burroblast spricht!

Hört, oder hört nicht. Wer Ohren hat zu hören, der höre. Auf die anderen kommt es nicht an. Bist du bereit? Sie sind da. Der Kampf hat begonnen. Seht ihr nicht die Zeichen? Oh blinde Augen blöde Herzen! Die Erde schreit, ihr hört es nicht. Noch lacht ihr. Immerfort lacht ihr. Nur immer lacht. Euer Sturz ist nahe. Schrei wird dann sein. Euer Schrei. Du! Und du! Und du! Bist du bereit! Vertraust du der Macht? Die Macht hat dich geführt, auf diese Seite. Nimmst du an die Führung? Hier ist kein Zufall, eiserne Notwendigkeit ist hier. Hier ist das Ende der Lüge, hier ist der Anfang der Wahrheit. Bist du stark genug für die Wahrheit? Erträgst du die Wahrheit? Hier spricht Burroblast. Burroblast der Rufer. Burroblast der Trommler. Hörst du die Trommel rühren? Burroblast kündet von Dem, Der Da Kommt. Nur die starken Herzen rührt an der Ruf. Ehern waltet Notwendigkeit. Das Geschick ertragen nur die Starken. Wer den Lohn will, muss durch das Feuer. Dem ersten der Tod, dem zweiten die Not, dem dritten das Brot. Wähle du! Bist du der Stahl, den das Feuer härtet? Bist du der Furchtlosen einer? Gilt dir dein Leben nichts, für das hohe Ziel? Willst du das Ziel? Suchst du das Ziel, mit allen Fasern? Willst du fort aus dem Schmutz, fort aus dem Elend, willst du das Ziel? Siehst du das Leuchten in der Nacht? Das sind die Feuer der Vernichtung, sie lohen schon. Da musst du durch, da willst du durch? Dann bist du offen, offen für Burroblast. Burroblast spricht! Du höre!“

Ich fass das nicht, dachte ich. Noch so ein apokalyptischer Esel. Morgen der Weltuntergang, schließ dich uns an, dann wirst du einer von den Geretteten sein, vorher überweis uns noch schnell fünfzig Euro.

Was ist es diesmal? überlegte ich. Die Klimakatastrophe? Die jüdische Weltverschwörung? Eine neue laborgemachte Pest?

Ich wollte schon auf die Ergebnisseite zurückklicken, als mich etwas warnte. Ich war immer noch unter der Suche „Gefallene Engel“. Warum hatte mich die Suchmaschine auf diese Seite gelenkt?

Ich scrollte weiter nach unten, da gab es ein Menü, Impressum, Über uns, FAQ, Neueste Nachrichten, der übliche Kram. Ich klickte „Neueste Nachrichten“ an. Glaubt mir, es hob mich aus dem Stuhl.

„Wir rufen den Verlorenen. Du. Du bist der Starke, wir haben uns nicht getäuscht. Du bist der Seher, du kannst mit Wahrheit melden. Komm zurück! Wir sind bereit für dich. Verlier nicht das Vertrauen! Hier ist dein Ort. Mahnt nicht dein Geschick? Übers Meer kamst du, hast uns gefunden, nun sind wir verbunden, wehr dich nicht. Komm zurück. Du der Fotograf, wir, die zu deuten wissen. Fürchte dich nicht. Du verlorener Sohn, find heim ins Haus des Vaters. Burroblast wartet.“

Das kann doch nicht sein, dachte ich. Balbutin ist Fotograf. Und er ist übers Meer gekommen. Und eine Art Seher ist er auch, das walte Hugo. Der war bei denen, und ist wieder abgehauen, jetzt suchen die den, und wissen nicht, wo er ist.

Das kann doch nicht sein, dachte ich wieder. Das ist Zufall. Irgendwelche Übereinstimmungen. Das gibt es doch nicht, ich klicke hier im Internet rum, und finde eine Spur von Balbutin.

Ich scrollte weiter zurück unter den Nachrichten, und kam auf die Zeit, Wochen zurück, als Diana sich bei uns gemeldet hatte, Balbutin ist weg. Und da überschlugen sich die Texte. Hysterisches Gefasel, hämmerndes Zeugs, jeden Tag ein paar Satzfetzen.

„Er ist gekommen. Er ist unter uns. Er der sieht. Spricht wahre Worte, und wir wissen den Text. Oh über die Fügung! Wir wissen, er schaut. Weiß nicht, was er schaut. Wir wissen. Aufgerissen sind nun alle Horizonte, wie der Vorhang im Tempel. Das neue Äon bricht an. Jubel wird sein unter denen, die stark geblieben sind. Wir sind, die wissen. In unserer Mitte der Seher. Er weiß, er sieht.“

Das Zeug war so überdreht, dass die Wahrheit durchschimmerte. Balbutin sieht. Die um ihren Burroblast, die wissen irgendwas, sehen aber nichts.

Ich regte mich so auf beim Lesen, dass mir das Herz weh tat. Da sind irgendwelche Idioten, dachte ich, die haben mitbekommen, dass da Besucher sind unter uns. Aber sie können sie nicht sehen. Sie behaupten, sie wissen, was es mit den Besuchern auf sich hat. Und plötzlich steht Balbutin auf der Matte, abgerissen und abgehetzt, und erklärt, er kann die sehen, die Besucher. Erklärt das glaubwürdig.

Wieviel hat der denen erzählt? Können die uns auf die Spur kommen? Macht das überhaupt noch einen Unterschied? Wo ist Balbutin jetzt?

Ich klickte mich hastig zurück zum Impressum, und, ich konnte mein Glück nicht fassen, da stand eine Kölner Adresse, hätte ja auch Berlin sein können, oder noch weiter weg, nein, Köln, voller Name des Seitenbetreibers, Burroblast Mulkenmund, so heißt doch keiner, dachte ich.

Ich schloss meine Wohnung ab, schmiss mich hinters Steuer, fuhr los. Ich hatte noch so viel Verstand, ein paar notwendige Sachen in den Kofferraum zu werfen. Ayse war noch immer im Gelände verschwunden, und PvM trat auf seinem Fahrrad in den Gärten herum, sie zu finden. Ich dachte, das lass ich nicht zu, dass hier einer nach dem anderen von uns verschwindet, erst Balbutin, jetzt Ayse. Um Ayse kümmert sich PvM, der findet die, irgendwie, die taucht wieder auf, und ich finde Balbutin.

Nachricht von Peter Flamm, vom 28.03.2022

Es wurde schon Abend, als ich in Köln ankam. Lärmender Verkehr auf allen Straßen, Stoßverkehr. Auf Burroblasts Website hatte nicht nur die Adresse gestanden, sondern auch eine Telefonnummer. Ich hatte unterwegs angehalten und telefoniert, ohne große Hoffnung. Aber der Anruf war angenommen worden. Ich stand am Rand einer Straße, da konnte man den Rhein sehen. Spiegelndes weites Band, drüben Pappeln, da war eine Insel, eine von diesen langgestreckten Flussinseln, die wie Walrücken auftauchen aus den Wellen. Keine Brücke hinüber zur Insel, wohl auch kein Weg dort, nur Wildnis. Hätte Ayse gefallen. Und in meinem Ohr die Stimme, die sagte: „Ja?“

Misstrauische Stimme, gewohnt, belästigt zu werden. Irgendwie hell, irgendwie heiser, gepresst. Ich dachte an einen Übergewichtigen, der Atemnot hat. Ich hatte nicht die leiseste Idee, was ich sagen sollte. Ich hatte mir nichts überlegt.

Sag die Wahrheit, riet mir das Stimmchen, das mich gewöhnlich gut berät. Ich bin eine schlechter Lügner, ich kann nicht einfach so aus dem Bauch heraus Geschichten erfinden, wie PvM. Das Geheimnis erfolgreichen Lügens besteht nicht im Erfinden, sondern im Weglassen. Gerade soviel geben, dass die Dinge nachprüfbar sind, die du rauslässt, ohne zu verraten, was du nicht sagen willst.

Hallo, sagte ich. Ich will meinen Namen nicht nennen, ich habe Gründe. Wir kennen uns ja nicht. Aber wir haben ein gemeinsames Ziel. Wir suchen Balbutin.

Ich hörte mein Herz klopfen. Hatte Balbutin denen überhaupt seinen Namen genannt? Pfeil ins Blaue.

Traf ins Schwarze.

Was weißt du von dem? fragte die heisere Stimme. Fistelstimme, ich war mir jetzt sicher, der Mann am anderen Ende war ein Adipositas-Fall.

Ich weiß nicht viel von ihm, sagte ich und redete drauflos. Ich weiß, dass er bei euch war, und dass ihr ihn sucht, und ich such ihn auch. Seine Familie sucht ihn. Er hat euch von den Besuchern erzählt. Er sieht die Besucher, er kann die sehen, und ich seh die auch. Also. Ich will Balbutin unbedingt finden. Ihr wollt das auch. Vielleicht können wir uns helfen.

Ich ließ das alles einfach so raus, und derweilen floss der Rhein seines Weges, unter mir, denn die Straße folgte der erhöhten Uferkante. Ich dachte, ich säße jetzt gern in einem treibenden Boot, und müsste mich um nichts kümmern.

Die Stimme am anderen Ende schwieg so lange, dass ich schon fürchtete, ich hätte das Spiel verloren. Endlich sagte sie, und zwar so gepresst, dass ich dachte, der Mann sei nicht nur übergewichtig, sondern womöglich auch Asthmatiker, endlich also sagte sie: Wir müssen reden.

Ich bin unterwegs, antwortete ich. Kann ich kommen?

Ich nannte meinen ungefähren Standort, ich brauch höchstens noch zwei Stunden bis Köln, sagte ich.

Ich bin da, sagte die Fistelstimme gepresst. Du hast die Adresse? Ich warte auf dich. Hier spricht Burroblast.

Und mit diesen Worten brach die Verbindung ab. Weiter, dachte ich, immer einen Schritt weiter. Ich sag denen nichts, nur soviel, dass die auch was rauslassen. Die wollen Balbutin finden, ich will Balbutin finden, ich will nicht, dass die Balbutin finden. Mit denen stimmt was nicht.

Ich hab im Kofferraum immer einen kleinen Campingstuhl liegen, einen von der Sorte, die man zusammenklappen kann. Hätt ich mich jetzt gern ans Ufer gesetzt und den Wellen zugesehen, wie sie zu Tal schwimmen! Früher haben die Menschen das gern gemacht, haben sich an den Fluss oder an den Bach gesetzt und den Wellen zugesehen. Daheim, am Abend, haben sie vor dem Feuer gehockt und die Flammen beobachtet, die Gesichter, die dort auftauchen.

Ich seufzte, steckte mein Telefon ein und klemmte mich wieder hinter das Steuer.

Wie gesagt, schon vor Köln geriet ich in den Feierabendverkehr, aber ich musste nicht hetzen, ich wusste ja jetzt, Burroblast wartet auf mich. Der will wissen, was ich weiß, dachte ich, der geht nicht weg.

Nachricht von Peter Flamm, vom 29.03.2022

Burroblast wohnte nicht in Köln, sondern in Deutz. Rechte Rheinseite. Ich hatte nicht aufgepasst, ich geriet in den Stadtverkehr, und bis ich mich richtig für die Brücke eingefädelt hatte, das dauerte. Drüben erkannte ich nichts wieder. Ich hatte ein Gerümpel verwahrloster Altstadtbauten in Erinnerung, aber ich war vor vierzig Jahren das letzte Mal hier gewesen, jetzt sieht hier alles schick und poliert aus. Die Altbauten gibt es noch, aber sie sind gewienert und frisch verputzt. Wo immer die Straßenzüge sich passend öffneten, sah man auf der anderen Rheinseite den Dom, daran hatte sich nichts geändert.

Endlich wurde ich von dem Navi in etwas entlegenere Gassen gelenkt, wo wieder die guten alten Mülltonnen auf der Straße herumstanden. Obwohl ich die Autofenster geschlossen hatte, wehte der Geruch nach verwitterndem Sandstein herein, dieser unverkennbar kühle Geruch von vernachlässigten Hauseingängen mit bröckelndem Verputz und zusammengeschobenen Kinderwagen.

Ich fand einen Parkplatz in der Nähe eine Handy-Repair-Shops, ein Mahmud al-Abeidschan versprach, wir reparieren euch alles. Im Schaufenster ganze Berge von Billig-Handys. Jetzt kannte ich mich wieder aus.

Die Haustür stand offen, die Klingelschilder waren über und über verklebt, drei Namen, vier, an jedem Klingelknopf, Mahmud Mehmet Mohammad Muhammed Mehemmet Mahammad, und an den Briefkästen sah es noch schlimmer aus, an manchen fehlte das Türchen gleich ganz, der Briefträger hier ist nicht zu beneiden, dachte ich.

Eine alte Kopftuchfrau kam mir entgegen, die Treppe herunter, mit dem Lachen der Alten, die alles schon gesehen haben und die nichts mehr überrascht. Burroblast? fragte ich. Sie wies mit gichtig gekrümmtem Finger nach oben, und lachte dazu.

Also machte ich mich an den Aufstieg.

Die Treppe knarrte wie die Bohlen eines alten Schiffes. Die hölzernen Stufen ausgetrocknet und ausgetreten, an dem Geländer fehlten da und dort die gedrechselten Stangen, das war noch eine Anlage aus der Kaiserzeit, ihr versteht, die Treppe hatte die Kriege überlebt, die Bomben, alles. Auf den Absätzen standen Regale und Schränke, kleine winklige Gänge führten seitab zu entfernter gelegenen Wohnungen, und vor allen Türen türmten sich Berge von Schuhen. Manchmal hingen bunte Kränze von Plastikblüten an der Wand.

Burroblast wohnte unter dem Dach, ganz oben. Ich spähte auf allen Türen nach seinem Namen, vergebens. Endlich ging es nicht mehr höher, die Treppe war zu Ende. Da war ein Durchgang, ohne Tür, und ich fand mich wirklich unter dem Dach wieder, mächtige Holzkonstruktion, darauf gelagert die Dachziegel, da und dort Dachfenster, die ließen Licht herein. Und über den ganzen Dachboden kreuz und quer gespannt Wäscheleinen, darauf hing Wäsche. Ich musste mich da durchwühlen, um trocknende Bettwäsche herum, am Ende des Dachbodens sah ich nochmal Türen. Unter meinen Füßen knarrten und federten und schwankten die Holzbohlen, wer drunter wohnte, der wusste auf jeden Fall, da oben läuft einer.

Und ich glaubte es nicht, ich fand endlich die richtige Tür. „Hier ist Burroblast“, sagte ein Blatt Papier, feuerrote Lettern in Fraktur auf schwarzem Grund, offenbar ein PC-Ausdruck.

Ich weiß aus Erfahrung, egal wie verrümpelt solche Gebäude aussehen, die Leitungen für den WLAN-Anschluss verzweigen sich immer bis in den letzten Winkel. Die Wasserspülung im Klo funktioniert vielleicht nicht richtig, aber Anschluss ans Internet, das geht immer.

Ich klopfte.

„Ja“, heiserte die Stimme, die ich kannte.

Ich öffnete und trat ein in Burroblasts Reich.

Nachricht von Peter Flamm, vom 30.03.2022

Da war bloß eine Kammer. Überquellend von Papieren Büchern Ordnern. Aktenordnern. Regale an den Wänden bis zur niedrigen Decke, und auf dem Boden Bücherstapel. Türme von Zeitschriften. Hölzerne Fächer gefüllt mit Briefen. Es dauerte eine Weile, bis ich die Form eines Schreibtischs erkannte, inmitten des Gerümpels: und auf dem Schreibtisch die Rückseite eines aufgeklappten Laptops: und über der Kante des Laptops ein Paar dünner Augen, die mir entgegenstachen: das war Burroblast. Burroblast. Breite, schnaufende Masse.

Ich glaube, ich blieb für ein paar unhöfliche Sekunden einfach stehen unter der offenen Tür und starrte das Wesen an hinter seinem Laptop. Endlich rappelte ich mich zusammen und murmelte etwas wie, ich habe angerufen, und vielleicht sagte ich auch Guten Tag oder sonst etwas, das bei gutem Willen nach Höflichkeit aussah.

„Mach die Tür zu“, sagte Burroblast.

Ich gehorchte, und stand dann inmitten des Getümmels der Schriften, die machten alle den Eindruck, als wollten sie dringend was sagen, jedes einzelne Buch war auf dem Sprung, eine Botschaft loszuwerden, und dann sah ich Burroblast an und überlegte mir, wie der hinter den Schreibtisch gekommen war. Da war kein Platz, wo einer hätte gehen können.

„Du bist also der, der was weiß“, sagte Burroblast, und idiotisch genug, ich fiel in seinen Tonfall und erwiderte: „Ich bin der, der sucht. Ich suche Balbutin.“

Burroblast kicherte. Heiseres Kichern, voller Erschütterungen. Wirklich. Da war eine gewaltige Masse hinter dem Schreibtisch, das erkannte ich erst jetzt, da sie schütterte. Wie Wackelpudding. Oder wie der schwabbernde Busen einer Puffmutter bei einem Anfall von Raucherhusten. So schütterten Burroblasts Massen, als er kicherte. Das Kichern war dünn und fistelig, und die Stimme klang hell wie Kreidestaub.

„Mach dir Platz“, sagte Burroblast und deutete mit dem Kinn. Sein Kopf war eine Kugel, dünne Strähnen von schwärzlich-öligem Haar schräg über die Kalotte geklatscht. Die Kugel war gewaltig. Und in mir wuchs das Gefühl, der ist am Rande des Menschlichen. Ich blickte mich um, da stand neben mir ein Stuhl, auf dem ruhte ein ganzer Stapel von Schriften. Ufo-Zeugs, aus einer Zeit, als die Sekten ihre Mitteilungsblätter noch druckten, anstatt sie übers Internet einfach als Mail zu versenden. Ich sah mit einem Blick, Sprache Englisch, oder vielmehr Amerikanisch. Unwillkürlich richtete ich mich auf und überblickte den ganzen Raum, und dann beschloss ich, den Stier bei den Hörnern zu nehmen.

„Wenn du einmal alt bist und nicht mehr kannst“, sagte ich, „dann musst du all das hier einem Archiv vermachen. Ist vielleicht von unermesslichem Wert. Wer weiß, ob all das“ – und ich erlaubte mit eine umfassende Geste über den Raum – „noch irgendwo sonst aufbewahrt ist. Das sind Zeugnisse.“

Ich sagte nicht, Zeugnisse für was. Zeugnisse für umfassende Gestörtheit, dachte ich bei mir. So funktioniert Irrsinn. Der ganze Raum atmete Wahn. Der ganze Raum atmete Bedrohung. Ich bereute, die Tür hinter mir zugemacht zu haben. Ich wusste nicht einmal, wovor ich mich fürchtete. Dass die ungeheure Masse hinter dem Schreibtisch plötzlich hochwuchtete aus der Deckung, um über mich zu kommen? Das ist doch ein Besessener, dachte ich.

„Bist du deswegen gekommen?“ fragte Burroblast. Die Stimme heiserte und keuchte, und es lag ein tiefes Misstrauen darin.

Ich beschäftigte mich endlich damit, den Stuhl leerzuräumen, damit ich mich setzten konnte, und dabei sagte ich: „Nein, ich bin gekommen, weil ich Balbutin suche, ich suche den verzweifelt, der hat eine Frau und drei Kinder, und die wissen nicht, wo er ist.“

Wieder lachte die Masse hinter dem Schreibtisch schütternd, und dann fragte die heisere Stimme: „Weißt du denn, wo du bist – Bruder?“

Ich setzte mich, und da räumten zwei keulenartige Arme, herausragend aus wehenden schwarzen Ärmeln, den Laptop auf dem Schreibtisch zur Seite, die Arme waren madenweiß nackt unter den Ärmeln, die Fäuste schinkenfeist, die räumten also den Laptop zur Seite, so dass wir gegenübersaßen von Angesicht zu Angesicht, Burroblast und ich, und die Bewegung war von unerwarteter Energie gewesen, und Burroblasts pfeifende Stimme schrillte: „Darüber solltest du dir aber Gedanken machen, Bruder! Wenn du selber nicht weißt, wo du bist, wie willst du dann deinen Balbutin finden? Wie willst du überhaupt jemanden finden? Warum willst du jemanden finden?“

Die Stimme hämmerte wie ein Hammer, mit einem Lumpen umwickelt, nach Art der Asthmatiker, wenn sie laut zu werden suchen, und dann sah ich einen Schatten gleiten über die Bücherwand hinter Burroblast, einen Schatten, etwas wie ein gewaltiger quellender Tropfe aus schwarzem Öl, aber doch nur ein Schatten, die Bücher entlangkriechend; ungefähr wie die Sprechblase, die aus einer Comicfigur quillt, nur glänzend ölig schwarz, und der Schatten kam aus Burroblasts Kopf, und lauerte sich seines Wegs den Regalbrettern entlang. Der Schatten war kompakt, er hatte Körper. Da war noch ein Wesen mit im Raum.

„Du bist also wirklich Burroblast“, sagte ich, in feststellendem Ton.

„Ich bin Burroblast“, sagte die Masse hinter dem Schreibtisch, und die Masse schien zu quellen und zu schwanken, und der schwarze Schatten hinter und über ihr wiegte sich und wälzte sich, wie schwankende Algen in der Flut. Das war es. Das ganze verstopfte Zimmer erschien mit auf einmal wie ein Aquarium, ich mitten drin, und die Dinge schwebten und fluteten. „Ich bin Burroblast“ sagte die wellende und quellende Masse. „Burroblast spricht.“

Nachricht von Peter Flamm, vom 31.03.2022

Ich begriff, in diesem Augenblick, Balbutin war wirklich hier gewesen. Hatte hier gesessen, auf diesem Stuhl. Hatte mit seinem blinzelnden Blick durch seine backsteindicke Brille das Ungeheuer angestarrt, das Ungeheuer hinter dem Schreibtisch.

Burroblast, das Ungeheuer. War der noch ein Mensch? Nicht überall, wo Mensch draufsteht, ist auch Mensch drin.

Burroblast atmete ein, pfeifend. Die Knopfaugen in der riesigen Teigmasse seines Gesichts fixierten mich. „Er will also nicht reden“, sagte Burroblast. „Er will uns nicht seinen Namen sagen. Das will er nicht. Er will rauskriegen, was wir wissen. Rauskriegen will er was! Von uns! Ha! Wer ist er? Wer glaubt er, dass er ist?“

Ich verstand, der meinte mich. Ich sitz hier nicht wie das Kaninchen vor der Schlange, dachte ich. Den Auftritt hat der doch schon geübt. Bei jedem, der die Treppe hier hoch gefunden hat. Du kriegst mich nicht.

Der Schatten krümmte sich und verschlang sich in sich selbst. Dehnte sich, verzwirbelte sich wie eine Brezel, schlüpfte hindurch durch seine eigenen Schlingen. Und schaute mich an.

Da war etwas, das entfernt nach einem Gesicht aussah. Habt ihr schon einmal eine Muräne gesehen? Die winzigen stechenden Augen, das breite Maul, und kein Ausdruck in dem Gesicht, keiner? So sah dieses Schattengesicht aus, aber es war mehr als ein Schatten, es bewegte sich in drei Dimensionen.

Ich beugte mich vor auf meinem Stühlchen, stemmte die Hände auf die Knie, Arme nach außen gewinkelt, sah dem Burroblast ins Gesicht. „Ich sag dir, wer ich bin“, fing ich an. „Ich bin der, auf den du nicht verzichten kannst. Ich bin dein Balbutin Nummer zwei. Ich kann, was du nicht kannst. Ich seh die. Ich seh die Besucher. Ich seh sogar, was da aus dir rauskommt. Ich seh deinen Begleiter. Du fragst mich, wer ich bin? Fragst mich, was ich glaube, dass ich bin? Wer, glaubst du, bist du? Bist du sicher, dass du noch du bist? Wer warst du mal? Weshalb brauchst du Balbutin so dringend? Mich? Weil du nicht siehst, was wir sehen. Du siehst nicht einmal den, der in dir wohnt. Du siehst nichts. Ich bin, der sieht. Sieh mich an. Ich sehe.“

Erneut hatte ich ins Schwarze getroffen. Die Feistmasse hinter dem Schreibtisch saß starr, fixierte mich. Die Schattenschlange über seinem Kopf, vor den Bücherregalen, hatte sich so weit durch sich selbst hindurchgewunden, dass das schwarze Muränengesicht jetzt direkt über dem Kugelkopf des Fetten schwebte, vier Knopfaugen starrten mich an, suchten mich aufzuspießen, zwei aus den Teigmassen in Burroblasts Gesicht, zwei aus dem Schlangenantlitz, und wieder schwankte das Zimmer, oder nein, es war nicht das Zimmer, das schwankte, es war alles, was darinnen war, als seien all die Bücherstapel und die Ordner in den Regalen und die Zeitschriftensammlungen, als seien das alles untermeerische Riffe und Zacken, bewachsen von wehenden Seesternen, schaukelnd in einer gemächlich hin und her schwappenden Flut, und Burroblast schnaufte.

Sein Atem ging kurz und hechelnd, und er verlor die Contenance. „Du kannst mir viel erzählen“, heiserte er.

„Frag mich doch“, schlug ich vor. „Frag mich genau das, was du auch Balbutin gefragt hast, als er das erste Mal hier gesessen hat, auf diesem Stuhl.“

„Was hab ich ihn denn gefragt?“ Der Atem des Dicken ging rasselnd, und immer wenn er einatmete, hörte ich ein Pfeifen. Asthmatiker. Der würde in den nächsten Minuten sein Atemgerät brauchen.

„Du hast ihn gefragt, was er sieht, über deinem Kopf.“ Und ohne mich weiter aufzuhalten, beschrieb ich das Muränenantlitz, das über Burroblasts Kopf schwebte, und ich betete, dass Balbutin das Gleiche gesehen hatte wie ich.

Hatte er. Burroblasts Teiggesicht nahm eine weißgrüne Farbe an, er riss sich zusammen. „Ihr habt euch abgesprochen“, sagte er. „Balbutin hat dir das erzählt. Ihr seid Spione. Von der anderen Seite.“

Der Muränenkopf riss das Maul auf, als wolle er fauchen. Ließ mich nicht für einen Augenblick aus den Augen.

„Darum geht es“, sagte ich. „Um die zwei Seiten. Darum geht es doch immer. Um die zwei Seiten. Es gibt noch mehr Leute wie Balbutin und mich. Aber wir stehen nicht auf der einen oder anderen Seite. Wir sind reingeraten in die Sache, wir wissen nicht wie. Wir sehen, wir beobachten. Wir wollen nicht einmal, dass wir sehen.“

Schweißperlen standen auf dem Teiggesicht. „Jeder steht auf einer Seite“, heiserte er. „Auf der einen oder auf der anderen, da gibt es kein Entkommen! Ja oder nein, schwarz oder weiß, falsch oder richtig! Wie viele von euch gibt es? Was weißt du? Wo ist — wo ist das Mädchen? Das Mädchen? Ist sie eine von euch? Die Verheißene? Ist sie? Wo ist sie? Ist sie bei euch? Eine von euch? Weißt du, wo sie ist? Das Mädchen? Sags mir! Raus mit der Sprache! Weißt du was von dem Mädchen???“

Zu sagen, dass mir das Blut in den Adern gefror, wär noch zu wenig. Ich wusste, wusste mit steinerner Gewissheit, der redet von Ayse. Ayse, das Mädchen. Da ist was zugange, dachte ich, da ist was unterwegs.

Zu meinem Glück wandelte sich das Pfeifen in der Kehle des Burroblast jetzt zu einem einziehenden Grölen, er rang und schlang, wie ein Ertrinkender mit dem Wasser würgt.

Und inmitten der wühlenden Massen meiner Panik gelang mir, glaubt es oder glaubt es nicht, gelang mir der Ton kalter, angeekelter Verachtung.

„Greif dir endlich deinen Inhalator, Mann“, sagte ich eisig. „Glaubst du vielleicht, ich mach bei dir Mund-zu-Mund-Beatmung?“

Nachricht von Peter Flamm, vom 01.04.2022

Wenn Blicke töten könnten, säße ich jetzt nicht hier, diese Ereignisse zu erzählen. Burroblast stierte mich an, heraus aus den Tiefen seiner Atemnot, aber endlich gewann die Atemnot die Oberhand, und die schweißbleiche Schinkenhand des Riesen kramte hastig unter den Papieren auf dem Schreibtisch, fand das Gerät, führte es zum Mund, und Burroblast sog gierig, wie ein Säugling an der Flasche.

Die Muräne über seinem Kopf beobachtete mich.

Ich roch eine scharfe Mischung von ätherischen Ölen, und dachte mir dabei vielerlei Dinge, du müsstest nur abnehmen, dachte ich, dann bekämst du auch Luft, und: Wie kommt der hinter seinen Schreibtisch, und: Wie kommt der die Treppen rauf und runter, und: Verlässt der jemals diese Etage?

Ich sah suchend um mich, und da entdeckte ich zur Rechten eine fast verborgene Holztür, an der hing ein Regal, vollgestopft mit Papieren, und von der Kante des Regals hing herab ein wallender Morgenmantel, dunkelrot und schmutzig. Hinter dieser Tür wohnt er, dachte ich, der muss Helfer haben. Leute, die für ihn einkaufen. Oder der ist ganz alleine, ein Pflegefall, ein Hilfeempfänger, einer, den die öffentlichen Einrichtungen versorgen. Morgens kommt eine Pflegerin, und nachmittags der Sozialarbeiter, der seine Lebensmittel bringt. Und einmal in der Woche kommt sogar eine Putzfrau, wir leben schließlich in einem Sozialstaat. Niemand fällt durch den Rost.

Und die Muräne beobachtete mich.

Burroblast bekam wieder Luft. Er beobachtete mich mit unverhüllter Abneigung, oder vielleicht spiegelte sein Gesicht nur wider, was er in meinem las.

„Es gibt ein Mädchen“, sagte ich. „Warum ist dir das so wichtig?“

„Was sieht sie?“ keuchte Burroblast. „Was tut sie? Du weißt doch gar nichts, du hast keine Ahnung, was abgeht, das ist doch alles viel größer als du, du — du — Wicht du, du kleiner Zwerg, du — Gernegroß!“

Das Wort „Gernegroß“ hatte ich schon lange nicht mehr gehört, ich sagte gemütlich: „Es gibt einige von uns. Wir sehen. Wie Balbutin. Wie kann das sein, du hast einen Besucher in deiner eigenen Wohnung, der hängt wie eine Kobra über deinem Kopf, und du siehst den nicht? Ich hab deinen Aufruf gelesen. Du hast eine Mission, ja? Du bist nur der Ankündiger. Burroblast der Trommler, so rufst du dich. Wir leben alle unser kleines Leben. Da draußen sind Kämpfe zugange, ja, Kämpfe zwischen Mächten, die übersteigen unser Begreifen. Kosmische Kämpfe. Es gibt ja so viele große Worte. Haben wir überhaupt etwas damit zu tun? Wir sind nur Zuschauer, wir jedenfalls, denn wir sehen, du siehst nichts. Du bist gierig nach Leuten wie uns, nach Leuten wie Balbutin, die sehen. Aber du gibst nichts. Deshalb ist dir dein Balbutin ja auch wieder abgehauen. Lass mich raten. Du brauchst uns, wie einer eine Brille braucht, um lesen zu können. Wir sind aber keine Werkzeuge. Wir sind ganz gewöhnliche Menschen, die nicht wissen, wie ihnen wird. Für dich ist das hier dein Lebensinhalt. All diese Papiere, diese Aufrufe. Wir könnten auf unser Sehen verzichten. Wir würden gern unser ganz gewöhnliches Leben wiederhaben. Wenn da draußen wirklich kosmische Kämpfe zugange sind, kann ich nur sagen, der Planet Erde ist ziemlich randständig im Kosmos. Wir bewohnen ihn, wir sind Zuschauer von der Bande her. Sollen die ruhig kämpfen im Kosmos. Wir wollen nicht einmal zugucken. Geht uns das alles was an? Ich hab ein Geheimnis für dich, Burroblast. Du würdest dir deinen Arm abhacken, wenn du sehen könntest, was wir sehen. Wir aber, wir wollen gar nicht sehen, was wir sehen. Wir können gern darauf verzichten. Es muss einen Grund geben, dass dieses —“ ich warf einen Blick hoch zu dem Muränenkopf — „dass dieses Ding da sich in deiner Nähe aufhält. Es sieht nicht gut aus, das Ding. Du kannst es nicht einmal sehen. Hast du es herbeigerufen? Was treibst du da im Hintergrund? Da im Zimmer hinter dieser Tür? Lichtscheue Dinge? Beschwörungen? Ein kleiner Satanskult, irgendwas in der Art? Eine von uns hat gebetet, und sie ist fest davon überzeugt, sie hat die Besucher herbeigerufen. Hast du auch sowas gemacht? Gebetet? Besucher herbeigerufen?“

Er wurde so grün im Gesicht, dass ich im Augenblick wusste, ich hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. Balbutin hatte sich nicht so weit aus dem Fenster gelehnt, weil er unter allen Umständen die Spur von Diana ablenken wollte.

„Gebetet“, keuchte Burroblast. „Zu wem? Wen herbeigerufen?“

Ich gab zurück: „Wenn du mir sagst, zu wem du gerufen hast, können wir vielleicht ein paar Informationen austauschen. Ich hab immerhin die Nachricht gehabt, da sind noch andere Besucher unterwegs als die, die wir sehen. Jetzt weiß ich, was gemeint war. Da über deinem Kopf hängt das Ding. Bringt mich auf eine Idee.“

Ich setzte mich zurecht, ich redete drauflos, wie mir die Gedanken kamen, und ich glaube, es waren richtige Gedanken, und ich wollte dem Burroblast das Maul wässern machen, damit er endlich was rausließe, über Balbutin. „Das Ding da“, sagte ich, „das Ding da über deinem Kopf ist genauso körperlos, wie es die Besucher sind, die – dem Mädchen folgen. Die Besucher können nichts bewegen in der Welt, nicht auf dem Planeten Erde. Sie brauchen Menschen, die für sie handeln. Selbst Satan ist niemand auf unserem Planeten – wenn er nicht Menschen findet, die für ihn die Dreckarbeit machen.“

Der letzte Gedanke kam mir einfach so, ich sprach ihn aus, ohne nachzudenken, es ist einer von PvM‘s Lieblingsgedanken. Ich hatte alles Mögliche erwartet, aber nicht Burroblasts Reaktion.

(Nachrichten vom 27.03. bis 01.04.2022, neu eingestellt auf dieser Seite am 05.06.2022 von Peter Flamm, © Verlag Peter Flamm 2022)