Banshee Neue Folge 44

Nachricht von Ayse Konopski

Wir fanden einen Parkplatz unterhalb des Landtags, von wo aus man die Brücke rüber nach Montbel sehen kann – über die waren wir gerade gekommen. Über den Dächern die Türme der Kathedrale, die glitzerten in der Abendsonne wie Zucker und Zimt. Zimtkuchen. Hab ich als Kind mal von einer Schulfreundin geschenkt bekommen, einer Deutschen, ich meine, ich bin ja auch eine Deutsche, aber in der Schule war das ganz klar, da waren die kleinen Deutschen und die kleinen Türken, vor allem für uns Türken war das klar, wir sind Türken, sagten die kleinen Jungs stolz, wir sind was Besonderes, und meine Freundin also, die durfte mich nie zu Hause besuchen, und ich durfte nicht zu ihr gehen, ich frage mich heute, warum ich gehorcht habe, warum ich überhaupt zu Hause erzählt habe, wo ich hinging nachmittags, warum ich nicht einfach gelogen hab, nichts zu machen, ich wurde gefragt, und ich sprudelte Auskunft. Der Zimtkuchen war sowas von gut, und mir fällt ein, ich bin ja jetzt groß, ich könnte mir das Rezept suchen und selber mal am Backofen was ausprobieren.

Für einen Augenblick war ich hin und her gerissen, sollte ich PvM sagen, ich hab’s mir anders überlegt, lass uns doch zum Fluss runtergehen, und ein bisschen die Promenade auf und ab spazieren, aber da waren wieder die Polizisten hinter uns, mit ihren Revolvern am Gürtel, wollte ich die wirklich im Nacken haben? Und Schuhe hatte ich auch keine an, also lange Fußwege, das wär vielleicht nicht so prickelnd gewesen, also pilgerten wir hoch zur Kathedrale, wie vorgesehen.

Kopfsteinpflaster unter den Füßen, also Leute, das ist ein Gefühl … das Kopfsteinpflaster heißt Kopfsteinpflaster, weil die Steine wirklich so rund sind wie Katzenköpfe, und unter meinen bloßen Füßen fühlten sie sich genauso weich an. Wenn ich irgendwo verspritzte Flüssigkeit sah, oder sonst Dreck auf der Straße, machten wir einen Bogen darum, und ich hielt mich einfach an PvM’s Arm fest, das tat ich, und der alte Mann führte mich so unbefangen spazieren, als mache er das jeden Tag, eine leicht übergeschnappte kleine Türkin auf ihren bloßen Füßen durch die Stadt lotsen. Und der kann Blicke ignorieren! ich schwör euch, der hat da draus eine Kunst gemacht. Der schob sich durch die Straßen, mit der einen Hand auf seinen Stock gestützt, am anderen Arm mich hängen, als ob er der letzte und einzige Mensch sei auf der Welt, und all die Straßen und Häuser sein Eigentum, und dabei guckt der nicht etwa zu Boden, und auch nicht angestrengt geradeaus, und schon gar nicht über die Köpfe von den Leuten weg, nein, der sieht die einfach nicht, die sind nicht da, die sind leere Luft, und auf einmal hab ich mich gefühlt wie in einer schillernden Blase, wir beide allein auf der Welt. Ich hab mich an seinem Arm festgehalten wie ein Kind, ich hab mich auf einmal sowas von sicher gefühlt, ich frag mich, was für ein Mensch wär ich geworden, wenn ich mich neben meinem Vater so sicher gefühlt hätte, aber neben dem hab ich mich nicht sicher gefühlt, neben dem hab ich nichts gefühlt als nackte Angst.

Was ist das mit Menschen, wenn ihre eigenen Kinder Angst vor ihnen haben, nichts als Angst? Kein Respekt, keine Liebe, Angst? Dianas Kinder und ihr Balbutin, die springen bestimmt auch, wenn die Chefin was will, und Diana ist die Chefin, aber Angst haben die deswegen nicht vor ihr. Ich kenn das. Diana sagt was zu mir, und ich mach, ich hab keine Ahnung warum, aber ich mach einfach, weil, was Diana will, das wird gemacht.

Wir gingen ziemlich genau die Straßen hoch, die ich schon kannte, und all die Fachwerkhäuser mit ihren Erkern und Messingschildern und blitzenden Fenstern und überhängenden Giebeln, die guckten jetzt am Abend viel feierlicher auf uns runter als in der Nacht, in der Nacht hatte ich gedacht, das sind alles Hexenhäuschen, jetzt aber sah ich, das waren wohlhabende Kaufleute gewesen, die die gebaut hatten, und die Familien hatten darin gewohnt Generation um Generation, es war zur Ehrensache geworden, dass alles blieb, wie es war, es wurde gestrichen und gebessert und schadhaftes Holz ersetzt, aber verändert wurde nichts, das ist unsere Heimat, sagten die Leute, und genauso sahen die Straßen auch aus, sie sahen aus wie Heimat.

Ich weiß nicht, was diese Stadt mit mir macht, aber ich spürte auf einmal ein so verzweifeltes Verlangen, irgendwo zu Hause zu sein, dass es mir fast das Herz abriss. Ich gehör hier nicht her, dachte ich verzweifelt, ich will aber hierher gehören, und ich hielt mich richtig fest an PvM’s Arm, und der alte Mann, mit seiner unheimlichen Fähigkeit, immer genau zu wissen, was ich denke, der sagte ganz einfach: „Ist schön hier, nicht? Ich war schon lange nicht mehr um diese Uhrzeit in der Stadt, danke, dass du uns hergeführt hast, müssen wir öfter machen, das ist jetzt deine Stadt, hier bist du zu Hause.“

Ja. Sagte er so. Ganz einfach. Und dabei redete er mit mir, als seien wir beiden die letzten Menschen auf der Welt, und wir wurden angestarrt, das ist nicht zum Sagen, das kam aber auch daher, dass die zwei bewaffneten Polizisten uns dicht auf die Fersen stiegen, man sah, dass sie hinter uns her liefen, um uns zu bewachen, und in den fragenden Gesichtern, die sich uns zuwandten, stand der Gedanke, die müssen ja ungeheuer wichtig sein, die beiden da, der alte Mann und das Kind.

(Nachricht eingegangen am 03.06.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 04.06.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)