Banshee Alte Folge 44

Nachricht von Peter Flamm, vom 23.03.2022

Ich müsste eigentlich damit anfangen, warum ich überhaupt so dringlich nach Balbutin gesucht habe. Wir waren alle schockiert, als die Sache eskaliert ist. Erst hat Diana ihn gezwungen, mit uns zu brechen, wir haben ihm nicht abgenommen, dass das freiwillig war, dann hat er sich in Therapie begeben, und auch da sind Fragen offen. Und dann ist er verschwunden.

Da passt nichts zusammen, das war von Anfang an mein Gefühl. Diana wollt ihre Familie zusammenhalten, um fast jeden Preis. Es hat nicht geholfen, dass es da Geheimnisse gegeben hat, im Hause Hindrance. Balbutin hat nicht gewusst, dass sie Jüdin ist. Die Geschichte, die Sandra danach aufgebracht hatte, mit diesen Erotik-Fotos oder was immer das war, das hat nicht einmal Diana selber aus dem Gleichgewicht gebracht. Auch Balbutin hätte bloß die Achseln gezuckt. Aber diese Sache mit der Religion, die geht bei beiden an die Wurzel. Diana ist Jüdin, das bestimmt ihre Existenz, bis hinunter in die Tiefe der Zeit. Sie hat uns das erzählt. Die Geschichte ihrer Vorfahren, wie sie in Weldbrüggen überlebt haben. Praktisch in Sichtweite des Häuschens, wo PvM jetzt lebt. Irgendwo in der Gegend der Wiese, wo Ayse in der Nacht – okay, ihr versteht. Balbutin ist Katholik. Diana hat das mit der kirchlichen Trauung hingekriegt, indem sie behauptet hat, einfach religionslos zu sein. Rechtlich stimmt das ja auch. Stand wahrscheinlich so in ihrem Personalausweis. Konfessionslos. Als die beiden geheiratet haben, stand die Religionszugehörigkeit noch in den Ausweispapieren, ist heute nicht mehr, heute hat sich die Überzeugung durchgesetzt, Religion ist Privatsache. Kein wirklich religiöser Mensch glaubt das. Religiöse Überzeugungen, wenn sie echt sind, die erwachsen aus dem innersten Kern der Persönlichkeit. Das ist keine Privatsache. Im Gegenteil. Wo die religiöse Überzeugung sich meldet, meldet sich das Gewissen, und das ist aller Öffentlichkeit vorgeordnet. Ayse weiß das. Sie hat uns davon berichtet. Was immer sie da erlebt hat, in diesen zwei Tagen und Nächten, da sie verschwunden war, sie war in dieser Zeit dem Zugriff der Öffentlichkeit entzogen, in jedem Sinn des Wortes. Sie war weg. Fort. Auf den Wiesen, wohin ihr niemand folgen konnte. Und es ist klar, und sie hat das uns ja auch deutlich gemacht, da kann ihr keiner reinreden. Was sie erlebt hat, war elementare Erfahrung. Da braucht sie keine Belehrung. Da können wir anderen ihr nicht mehr reinreden. Wir können aber auch nicht einfach sagen, das ist ihre Privatsache. Denn was sie erlebt hat, das war wirklich. Ayse kann Zeugnis ablegen für Teile der Wirklichkeit, von denen wir anderen zunächst mal nichts wissen. Die Wirklichkeit ist aber keine Privatsache. Die Wirklichkeit ist etwas, davon wollen auch die anderen Menschen was wissen, die wollen dann zuhören, die wollen hören, was hat die erlebt.

Die Halluzinationen eines armen kranken Menschen in der Psychiatrie – die sind Privatsache. Das geht nur den Arzt was an. Soviel ist klar, Ayse hat keine Halluzinationen. Wie man das unterscheiden kann, die Halluzination und die wirkliche religiöse Erfahrung, darum geht die Diskussion. Soll sie. In den Überlieferungen ist viel an echter religiöser Erfahrung aufbewahrt. PvM hat uns ein Beispiel gegeben, diese spanische Nonne, die Heilige Teresa von Ávila.

So. Das hat mich umgetrieben. Ehrlich gesagt, das hat mich fast in Panik versetzt. In abgemilderter Form stehen wir alle in der gleichen Situation wie Ayse. Wir sehen diese Besucher. Wir können uns nur gegenseitig bestätigen, dass wir sehen, was wir sehen. Wenn da draußen welche sagen, über uns, arme Irre, haben alle Halluzinationen, stecken sich gegenseitig an, was wollen wir erwidern? Wenn alle Menschen blind wären, und nur ein paar wenige könnten den Himmel sehen und die Wolken und die Sonne und das Licht, wie wollten die den Blinden beibringen, was sie da sehen? In einer Gesellschaft der Geburtsblinden gäbe es ja nicht einmal Worte für Licht und Himmel und Blau und Wolken. In einer Gesellschaft der Geburtsblinden wären die wenigen Sehenden darauf angewiesen, sich heimlich zu treffen, in verstreuten Gruppen, und flüsternd von ihren Erfahrungen zu reden, in stammelnden Worten, die voller Andeutungen wären. Sie müssten sogar neue Worte erfinden. Und immer stünde dabei die Drohung im Hintergrund, ihr habt doch alle einen Sprung in der Schüssel, wartet, wir werden euch therapieren. Die Blinden wollen die Sehenden therapieren, dass die sich nicht immer so schlimme Sachen einbilden.

Diana ist Jüdin, Balbutin kommt aus dieser ultrakonservativen katholischen Ecke. Diana ist wohl nicht wirklich gläubig, Balbutin plagt sich mit der Theologie. Diana ist eher wie Ayse: sie glaubt genau das, was sie sieht und erlebt, sonst nichts. Balbutin glaubt, was ihm beigebracht worden ist. Aber in dem, was ihm beigebracht worden ist, steckt auch Erfahrung. Es ist ja nicht so, dass die Religionen alle nur erfundenes Zeug verbreiteten. Immer haben in den Religionen Menschen gelebt, die wirklich Erfahrungen gemacht haben, und die haben dann die Worte und die Begriffe ihrer Religion benutzt, um ihre Erfahrungen weiterzugeben. Wie die Heilige Teresa.

Deshalb ist das nicht bedeutungslos, dass Diana Jüdin ist, wenn sie auch die meiste Zeit Krypto-Jüdin war, und Balbutin Katholik. Da war eine tiefe, unausgesprochene Spannung zwischen den beiden, die haben sich das wahrscheinlich noch nicht einmal klar gemacht. Diana mit ihrem praktischen Sinn hat das Ganze überhaupt nicht gekratzt, bis ihre Ehe zu wackeln anfing. Da hat sie angefangen zu beten, nicht so allgemein zu Gott, sondern zu den Wesen, denen ihre Vorfahren ihr Überleben verdankten, jedenfalls waren sie davon überzeugt und haben nie aufgehört, diesen Wesen zu danken: den Gefallenen Engeln, denen aus dem Buch Henoch.

Das war mein Ausgangspunkt, da hab ich angefangen zu suchen.

Nachricht von Peter Flamm, vom 24.03.2022

Ihr versteht, mir ist der Gedanke gekommen, dass Diana vielleicht nicht ganz die Wahrheit gesagt hat. Sie hat um sich diese kalte Schutzmauer aufgebaut, wie viele Juden, aus guten Gründen. Sie hat um die Sache drumrum geredet, sie hat uns eigentlich alles erzählt, und doch nicht. Mir kam der Gedanke, Balbutin hatte einen Grund, abzuhauen. Sie hatten sich gestritten, die beiden Eheleute, über die Besucher, die Balbutin und wir anderen sehen, und Diana nicht. Und da ist Diana mit dem rausgeplatzt, was sie auch uns erzählt hat: dass sie nämlich zu den Gefallenen Engeln gebetet hat, und dass sie glaubt, sie ist schuld, dass die aufgetaucht sind. Als sie uns das erzählt hat, da hat sie behauptet, Balbutin wüsste nichts davon, aber ich dachte, vielleicht stimmt das nicht. Vielleicht ist ihr im Streit mit Balbutin eben doch was rausgerutscht, oder sie hat da wenigstens was angedeutet. Schließlich war sie ja damals schon der Überzeugung, sie wär es, die mit ihrem Gebet diese Heimsuchung herbeigerufen hat. Und Balbutin hat scharf hingehört, der hat jede Andeutung seiner Frau mitgekriegt, der hat eins und eins zusammengezählt, und zwar auf der Stelle, da musste er gar nicht nachdenken, er wusste ja, wie ähnlich die Frauen der Besucher seiner eigenen Frau sehen, wir haben ja ständig darüber geredet, sogar Witze gemacht darüber, und da ist er in Panik geraten und hat nur noch gedacht, er muss was tun, er muss was unternehmen, und vor allem muss er die Besucher von seiner Frau fernhalten, wer weiß, was er gedacht hat, die werden seine Frau vielleicht mitnehmen, weil sie doch eine von ihnen ist? Und noch in der gleichen Nacht ist er abgehauen.

Ich dachte mir, der hat versucht, die Besucher von seiner Frau wegzulocken, von seiner Frau und den Kindern.

Balbutin ist keiner, der seine Familie einfach im Stich lässt. Im Gegenteil. Der würde sich vor den fahrenden Zug schmeißen, um seine Familie zu verteidigen. Also warum ist er abgehauen? Eben deshalb. Um seine Familie zu verteidigen. Es konnte keinen anderen Grund geben. Balbutin weiß manchmal nicht, was er redet, aber er ist die Integrität in Person. Die Verlässlichkeit in Person. Wenn der wegläuft und seine Familie allein zurücklässt, dann deshalb, weil er denkt, die Familie ist so besser dran.

Und dann hab ich mir überlegt, was kann in dem Mann vor sich gegangen sein. Wenn das stimmt, und er hat rausgekriegt, oder wenigstens geahnt, was es mit Diana und den Gefallenen Engeln auf sich hat, dann war seine Idee wahrscheinlich, er muss jetzt unbedingt was rauskriegen über die Gefallenen Engel. Wie kann er sonst seine Diana aus der Sache wieder rauskriegen.

Scheint mir einleuchtend. PvM hat mit dem Nachforschen angefangen genau in dem Augenblick, als Diana uns von den Gefallenen Engeln erzählt hat, und was die mit ihrer Familie zu tun haben. Er ist ziemlich schnell auf das Buch Henoch gestoßen, und hat uns davon berichtet. Was, wenn Balbutin denselben Weg gegangen ist? Diana hat Andeutungen gemacht, und Balbutin … wie gesagt, Balbutin ist Katholik, aus dieser konservativen amerikanischen Ecke, die sind beeinflusst von den Evangelikalen. Christliche Fundamentalisten, die studieren Tag und Nacht die Bibel. Auch das Alte Testament. Ist sonst bei den Katholiken nicht üblich, aber in Balbutins Familie war das so, der hat mir selber mal davon erzählt. Wenn Diana auch nur die leiseste Andeutung gemacht hat ihm gegenüber, von wegen Gefallene Engel, ist der sofort hellhörig geworden, denn als Bibelleser hat der davon gewusst. Ihr versteht, der hat vielleicht früher davon gewusst als wir alle. Der hat gewusst, oder hat sich jedenfalls was zusammengereimt, wo er suchen müsse.

Wo kann einer schon suchen, in einem solchen Fall? Im Internet, klarer Fall.

PvM hat auch im Internet gesucht, aber er hat sich ganz auf Texte konzentriert, auf das, was man in den Bibliotheken findet. Das liegt ihm nun mal, das ist sein erster Gedanke. Aber Balbutin hatte vielleicht einen ganz anderen Gedanken. Er hat vielleicht im Internet gesucht, ob es da irgendwo Leute gibt, die den Gefallenen Engeln auf der Spur sind. Oder die sich wenigstens mit denen beschäftigen. Muss nicht unbedingt sein, dass die die sehen, wie wir die Besucher sehen. Der hat vielleicht nur gegoogelt, ob er irgendwo jemanden findet, der ihm weiterhelfen könnte.

Vielleicht war ja seine Idee ganz einfach, er tritt vorsichtig auf, bloß so als Interessierter. Armer Balbutin, es gibt keinen Menschen in der Welt, der sich weniger verstellen kann als er.

Und ich hab mir gedacht, wenn der Spuren gefunden hat im Internet, wenn Balbutin da was gefunden hat, dann find ich das auch.

Nachricht von Peter Flamm, vom 25.03.2022

So richtig angefangen zu suchen hab ich erst, als die Situation eskaliert ist. Als Ayse verschwunden war, und Balbutin diese sonderbare Botschaft rausgelassen hat, wir sollten keine Angst haben, es ginge ihr gut. Und vorher hat er von den Anderen geredet, the Others, hat er geschrieben, die verhindern wollten, dass wir was verstünden, und dass die menschliche Sklaven hätten, die wüssten nur nicht, dass sie Sklaven seien, und die seien hinter Menschen wie Ayse her, oder so ähnlich. Er hat dann ja auch geschrieben, er hätt solche Sachen schon lange gewusst, als Kind hätt er hinter der Scheune seines Großvaters gespielt, da wär diese Wiese gewesen, und da hätt er Sachen erschaut, im Wind gehört, die Gräser hätten es ihm zugeflüstert, was weiß ich.

Ich dachte, der hat sich umgeschaut, ob da noch andere Leute wären, wie er, die was wissen, die was erfahren haben, oder was zu wissen glauben. Wo sollte er suchen? Im Internet, klarerweise.

Also hab ich mich vor meinen PC gehängt.

Das Internet ist ein Ort, na ja. Manchmal glaube ich, die wirklich ernstzunehmenden Leute, die äußern sich da nicht, oder wenn sie sich äußern, dann als Kunstfiguren. Aber andererseits, es sind ja auch im täglichen Leben gute Menschen schwer zu finden. Im Internet meldet sich jeder zu Wort, das ist eine neue Situation. Man klickt ein bisschen rum, und hört mehr, als man jemals verarbeiten könnte. Früher ist man auf den Marktplatz im Dorf gegangen, um zu hören, was jeder denkt. Heute geht man ins Internet.

Ich hab alles probiert, ihr kennt das ja, ich hab als Suchwörter das Buch Henoch eingegeben, ich hab Gefallene Engel eingetippt, die verschiedenen Wikis hab ich weiträumig umschifft, mir war klar, ich musste Geduld haben.

Was mich geärgert hat, nicht zum ersten Mal, das waren die Filter. Ich hab auf meinem PC mehrere Browser installiert, Google Chrome Firefox Microsoft Edge und so, und auf jedem eine andere Suchmaschine, auf Firefox zum Beispiel DuckDuckGo, auf Chrome natürlich Google, und so weiter, und es ist unglaublich, dass man bei der gleichen Sucheingabe vollkommen unterschiedliche Resultate erhält. Probiert das mal aus. Wenn ihr nach Resultaten außerhalb des Mainstreams sucht, verlasst euch besser nicht auf Google.

Ja, ich hab nach der Nadel im Heuhaufen gesucht. Aber je länger ich herumgeklickt hab, desto klarer wurde mir, wonach ich eigentlich suchte. Nach Leuten, die irgendwie mitbekommen haben, dass da Besucher unterwegs sind unter uns, die manche – wenige – von uns sehen können, aber andere nicht. Mein Ausgangspunkt war, Balbutin ist abgehauen, weil er die Besucher von seiner Frau und seiner Familie ablenken wollte, vor allem aber von seiner Frau. Er ist also davon ausgegangen, die Besucher schwirren nicht einfach so in der Gegend herum. Die konzentrieren sich auf Leute, die sie sehen können. Die Frage, machen die Besucher was, dass bestimmte Leute sie sehen können, oder ist was mit uns, dass wir die Besucher sehen können, die ist ja immer noch offen, ich glaub allerdings, es liegt an uns. Wir haben das doch schon diskutiert. Die Besucher sind irritiert, wenn sie merken, wir können sie sehen. Das könnte dazu führen, dass sie sich solchen „Sehern“ an die Fersen heften. War klar bei Ayse der Fall, als sie zu PvM nach Weldbrüggen gezogen ist, die sind ihr gefolgt.

Ich dachte also, das könnte Balbutins Gedanke gewesen sein, als er abgehauen ist. Er ist einer, der die Besucher sehen kann, das macht die Besucher auf ihn aufmerksam, die wollen wissen, was das ist mit ihm, wenn er also weggeht, lockt er die Besucher hinter sich her, und die verschwinden dann aus Dianas Umgebung, denn Diana und die Kinder, die sehen nichts.

Aber wohin sollte er gehen? Er hätte ja einfach irgendwohin gehen können, nur fort von seiner Familie, und alles wäre bestens gewesen. Aber vielleicht hatte er auch ein Ziel gehabt.

Welches?

Nachricht von Peter Flamm, vom 26.03.2022

Ich grub mich durch Berge von Links, oder sollte ich sagen, ich schaufelte Sickergruben aus? Da waren Heiler und selbsternannte Seher unterwegs, ich fand „Lichtgemeinschaften“, arme alte Frauen redeten von Engelsbotschaften, und ich fragte mich, wie die den Umgang mit einem PC gelernt hatten. Oft waren sie untereinander verlinkt, und sie wussten alle was zu sagen von der Verborgenheit ihrer Gemeinschaften, und wie sich das „Eigentliche“ außerhalb der Weltgeschehnisse ereigne, und wie sie überall „Lichtbotschaften“ und willkommene Gemeinschaft erführen, was weiß ich. Es war belangloses Zeugs, eifrige Frauen fotografierten endlos ihre blühenden Zimmerpflanzen und entdeckten, da sei nun ein Zeichen gesetzt in der Dunkelheit, und sie betrachteten sich als erwählt, das muss man alles fühlen, wussten sie, und ich sah hinter ihren wirren Sätzen das überlegene Kopfschütteln, mit dem sie die Welt außerhalb ihrer Zimmerchen betrachteten. Manche baten auch um Spenden, um die „Botschaft“ weitertragen zu können, da gab es Kleingemeinschaften, die versandten Mitteilungsblätter. Nichts, was mir weitergeholfen hätte.

Beim Graben sah ich, dass alle Katastrophen, die auch uns andere bewegen, Kriege, Wirbelstürme, selbst Flugzeugabstürze ihnen als Zeichen galten. Die Zeichen mehren sich, sagten sie, der Untergang ist nahe, und dann kommt die Neuordnung. Die Engelwesen geben uns Zeichen, wir müssen uns bereit halten.

Wenn Balbutin sich sich durch das alles gewühlt hat, dachte ich, war er gut beschäftigt.

Ich denke, wir haben das alle schon mal getan. Ich habe ja selber hastig im Internet herumgesucht, nachdem ich der Besucher ansichtig geworden war. Nachdem mir klar geworden war, dass ich mir die nicht einbilde. Dass die wirklich da sind und dass ich die sehen kann und der Kerl neben mir an der Bushaltestelle eben nicht. Ich hab im Internet nach Leuten gesucht, die auch sowas sehen, ich muss euch das nicht erklären, wir haben alle das gleiche gemacht. Wir haben gesucht, haben uns aber nicht offenbart. Uns ist ja allen nachher der gleiche Gedanke gekommen: wir müssen andere Leute finden, die auch solche Beobachtungen machen. Und dann können wir mit denen reden. Aber keiner von uns ist auf den Gedanken gekommen, auf facebook Nachrichten abzusetzen, ich seh da was. Natürlich nicht. Wir wollen ja nicht für Psychiatriefälle gehalten werden, oder die Psychiatriefälle auf uns aufmerksam machen. Jedem einzelnen von uns ist erst nach und nach aufgedämmert, allen anderen geht es ganz genauso. Jeder hofft, dass da irgendwo einer was rauslässt, aber selber war rauslassen will keiner.

Erinnert ihr euch noch, wie uns nach und nach klar geworden ist, wir hier im Verlag, wir alle, wir sehen da was? Und was für eine Erleichterung das war, endlich reden zu können? Und wie wir dann beschlossen haben, überhaupt nicht mehr miteinander zu reden, in der Hoffnung, die Sache möchte vorübergehen wie eine ansteckende Krankheit? Bis Ayse sich dann gemeldet hat, als sie diesen Schrei in der Nacht hörte?

Mir wurde klar, was ich doch sowieso schon wusste. All diese unterbelichteten armen Wichtigtuer im Internet, die von Engelsbotschaften reden und von Lichtgemeinschaften, die wollen nur ihre arme Bedeutungslosigkeit ein bisschen aufmöblieren. In Wahrheit wissen die nichts, sehen die nichts. Sonst würden sie nicht so säuseln und gut tun. Wir wissen, wir alle, die Begegnung mit diesen Besuchern diesen Eindringlingen, das ist kein Vergnügen. Das zieht einem den Boden unter den Füßen weg. Wir haben Angst vor den Besuchern, wir alle. Wir wissen nicht, was wir mit denen anfangen sollen. Wir wünschen uns doch alle die Welt zurück, wie sie vorher war. Einfach und übersichtlich, mit dem Alltag draußen vor der Tür. Wir sind froh, dass wir einander haben, aber wir trauen noch nicht einmal unseren nächsten Angehörigen. Amy hat noch nicht einmal ihrer Mutter von den Besuchern erzählt. Und sie sieht die Besucher doch jeden Tag. Wenn sie ihr Zwerglein in die Bibliothek fährt, hängen die Besucher draußen ab und starren durch die Fenster herein, und jeder von uns fragt sich, wann ist es soweit, wann kommen die in die Wohnungen? Wann setzen die sich auf unsere Wohnzimmercouch und starren uns ins Gesicht?

Im Internet, diese lächerlichen Rentnerexistenzen mit ihren wollenen Wadenwickeln und ihren Lichtgemeinschaften, die wissen nichts. All die Glauber und Konventikel, die da unterwegs sind, die verkünden nur zusammengelesenes Zeugs, das ruht alles nicht auf persönlicher Erfahrung. Erfahrung, eigene wirkliche Erfahrung, darum geht es.

Ich war nahe daran, die Suche aufzugeben. Berge von erfundenen Phantastereien, eine sonderbare kollektive Schöpfung, Tausende von Menschen erzählen daran herum, seit Jahrhunderten Jahrtausenden, immer mal wieder hat einer einen neuen kleinen Einfall, was man sich noch denken könnte, und der Einfall wird von den anderen angenommen, und im Handumdrehen ist aus dem Einfall unumstößliche Wahrheit geworden. Im Internet kann man das heute in Echtzeit beobachten. Einer erzählt, „ich hab gehört“. Und auf einmal kursiert die alberne Erfindung als unumstößliche Wahrheit. „Es ist passiert“.

Balbutin kann nicht auf einen von der Sorte reingefallen sein, dachte ich.

Und dann, als ich schon, verärgert und deprimiert, dieses sinnlose Herumsurfen aufgeben wollte, stieß ich auf Burroblast Mulkenmund.

(Nachrichten vom 23. bis 26.03.2022, neu eingestellt auf dieser Seite am 04.06.2022 von Peter Flamm, © Verlag Peter Flamm 2022)