Banshee Neue Folge 43

Nachricht von Ayse Konopski

Das war’s ja dann auch, und trotzdem mochten wir nicht aufstehen, wir blieben sitzen, sahen hinüber nach der Insel, sahen den Pihis zu, wie sie über dem Wasser ihre Kapriolen schlugen, zuweilen flogen sie so schnell, dass ich mir einbildete, es seien verschiedene Pärchen, aber nein, es war immer nur das eine, sie konnten im Zickzack fliegen, schnell wie der Blitz, sie wendeten mitten in der Luft, ohne langsamer zu werden, ich begreife nicht, wie sie das machen.

„Wir sind ein Stück weitergekommen, oder?“ fragte Regina, hoffnungsvoll.

„Wer weiß“, sagte PvM. „Vielleicht irren wir uns auch, und alles ist ganz anders. Aber jedenfalls haben wir alles einmal zusammengetragen, alles, was wir wissen, oder zu wissen glauben, und das ist doch mal was.“

Mir lag natürlich auf der Zunge zu fragen, und wie geht’s jetzt weiter? aber ich hielt lieber den Mund, ich bin nicht in der Position, dumme Fragen zu stellen, ich bin die Kostbarkeit hier, die behütet werden muss, ich bin die, die unter Polizeischutz steht.

Regina brachte uns schließlich vor zur Tür, und ich spürte den federnden Waldboden unter meinen Fußsohlen, dann den Kies, und die Körnchen auf den plattierten Wegen, und dann die spiegelglatten und kalten Marmorfließen drinnen im Gebäude. Ihr müsst das mal machen, barfuß durch so ein Gebäude laufen, es ist unglaublich, wie sich das anfühlt. In der Eingangshalle, vor der gläsernen Rezeption, lag ein roter Läufer, und der fühlte sich samtig warm an, und dann war da wieder der glatte Marmor, und dann standen wir vor der Tür, auf den harten Granitstufen, und der Granit fühlte sich viel härter an als der Marmor drinnen, könnt ihr alles spüren, durch die Fußsohlen.

Und dabei war ein winziges Stimmchen in meinem Hinterkopf, das fragte, he, Ayse, warum musst du immer auffallen, kommst barfuß hier hoch, nackte Füße als statement piece, was soll das denn, bist du ein Popstar, der die Fotografen auf sich aufmerksam machen will?

Und ich protestierte, protestierte gegen das Stimmchen in meinem Hinterkopf, ich will niemanden auf mich aufmerksam machen, sagte ich, ich tu einfach, was ich tu, ich weiß doch auch nicht, warum ich was mach.

Regina und ich umarmten uns zum Abschied, es geschah ganz von selber, als machten wir das jeden Tag, und hätten Übung darin, und ich sagte, Kinn auf ihrer Schulter: „Irgendwie … ich bin gern hier oben.“

Und die schöne alte Frau klopfte mir auf den Rücken und sagte ganz ernst: „Du bist hier immer willkommen. Wenn du mal nicht weiter weißt, oder wenn du auch einfach bloß Guten Tag sagen willst, komm hoch und klingle. Wir lassen dich rein.“

Oh Mann. Das hatte ich noch nie gesagt gekriegt. Na ja, von PvM. Der hatte das zwar nicht gesagt, aber gemacht. Ich drückte Regina, ungewollt heftig, und wieder fiel mir auf, wie vogelleicht die alte Frau war, ganz dünn die Knochen. Sie küsste mich auf die Wange, tat sie, und trat einen Schritt zurück, und dann verabschiedeten sich Regina und PvM voneinander, sie redeten dabei noch ein bisschen, und ich verzog mich diskret die Treppe hinunter auf den Parkplatz, in Richtung von PvM’s Wägelchen, Granit unter den Fußsohlen, dann der sauber geharkte Kies unten, jawohl, spürt ihr alles nicht, wenn ihr Schuhe anhabt.

Ich nestelte ein bisschen an mir herum, ich hatte immer noch die Wagenschlüssel in meiner Tasche, ich meine die Jeanstasche, und da ich meine Jeans ein bisschen zu eng trage, ich weiß jetzt nicht, ob ich sie schon zu eng kaufe, oder ob ich fetter geworden bin, egal, musst ich ein bisschen arbeiten an der Tasche, bis ich das Teil in die Finger bekam, und da hörte ich hinter mir schon das Knirschen von PvM’s Tritten im Kies, ich drehte mich und sagte: „Es ist noch nicht so spät … können wir einen kleinen Umweg machen?“

„Wo willst du denn hin?“

„Die Kathedrale“, sagte ich. „Ich war noch nie in der Kathedrale, ich meine, ich war überhaupt noch nie in einem Christentempel, wir haben gerade die ganze Zeit von der Kathedrale geredet, und was da drunter ist, und das hab ich ja heute Nacht gesehen, aber in der Kathedrale selber, da war ich noch nie.“

„Na dann los“, sagte PvM. „Du fährst.“

(Nachricht eingegangen am 02.06.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 03.06.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)