Banshee Alte Folge 43

Nachricht von Ayse Konopski, vom 18.03.2022

Sie ist klug, PvM‘s Regina, natürlich ist sie das, sonst wäre sie nicht geworden, was sie ist. Ich weiß nicht, was sich hier in Weldbrüggen abspielt, nur so viel ist mir klar geworden, das Googeln in der Landesverfassung hilft nur begrenzt weiter. Hier gelten ungeschriebene Gesetze, und wer Chef des Fons Affluens ist, der hat was zu sagen in diesem Ländchen.

Und PvM steckt da mit drin, ich bekam einen neuen Respekt vor ihm, als ich das bedachte, ich dachte auf einmal, wenn der irgendwo auftaucht in Weldbrüggen, dann heißt es wahrscheinlich, mit dem müssen wir uns gut stellen, das ist ein persönlicher Freund von Regina Austri.

Frau Professor Dr. Regina Austri, Chefin des Fons Affluens. Weisungsbefugt gegenüber den Schlapphüten, sobald es um Religionsangelegenheiten geht.

Und PvM hatte diese Beziehung spielen lassen, um mich zu schützen. Ich saß hinten im Fonds von PvM‘s Wagen und bedachte das, vorne redeten die beiden Alten miteinander, PvM und PF, und ich dachte, warum kümmern die sich überhaupt um mich. Die hätten mich mit leichter Hand fallen lassen können, ich bin nur eine Kopftuchmaus ohne Bedeutung, die hätten mich vor den Bus schubsen können. Aber PvM würde sowas niemals machen. Irgendwo vor uns steuerte Reginas Schlachtschiff dem Häuschen von PvM entgegen. Ich muss den Ball flach halten, dachte ich. Ich darf es nicht noch einmal darauf ankommen lassen. Wie selbstsüchtig wär denn das von mir, wenn wegen mir die Beziehung zwischen PvM und Regina belastet wird?

Ja, Regina ist klug. Sie hatte Diana und Balbutin, die beiden Turteltäubchen, wie sie so schön sagte, hinten in ihren Wagen gesetzt, damit sie wenigstens für die kurze Dauer der Fahrt die Gelegenheit hatten, miteinander zu reden. Ungestört.

Regina. Die Chefin des Fons. Geheimdienst. Staatsaktion. Was geht hier vor sich?

Ich hab keinen Grund, darüber hier nicht zu reden. Ich hab immer alles geschrieben und gesagt auf dieser Seite, was mir durch den Kopf geht. Und ich sag jetzt, ich hab keine Spur einer Ahnung, was um mich herum abgeht. Ich kann das nicht beschreiben, wie plötzlich sich Reginas Gesicht verschließen kann, wenn die Rede auf Dinge kommt, über die sie nicht reden kann oder will. Sie sagt dann ja auch ganz einfach, darüber darf ich nicht reden. Aber es ist, als ginge ein Vorhang vor ihr nieder.

Unter der Kathedrale in Weldbrüggen ist diese Gedenkstätte. Ich weiß nicht, warum mir das jetzt in den Sinn kommt. Hier in Weldbrüggen sind vor Jahrhunderten schlimme Dinge passiert. PvM hat recht. Wenn furchtbare Dinge passieren, dröhnt der Nachhall durch die Jahrhunderte. PvM sagt, selbst wenn der Holocaust in vollkommener Geheimhaltung abgelaufen wäre, und es keine Dokumente gäbe, keine Zeugenaussagen, wir wüssten dennoch davon, weil — die Zeit ist wie ein ungeheures Gewölbe, und die Taten, die geschehen, die hallen wider in den Gewölben. Der Widerhall sagt uns dann vielleicht nicht genau, was passiert ist, aber dass da etwas passiert ist, etwas Ungeheuerliches, Furchtbares, das wissen wir.

Die Weldbrüggener sind stolz darauf, dass sie bei den Nazis nur unter Zwang mitgemacht haben, mit verbissenem Widerstand. Jedes Mal, wenn von dem ganzen Rest der Deutschen die Rede ist, sagen sie, „die drüben im Reich“, und der Ton ist nicht freundschaftlich. Nur weil die Weldbrüggener stur geblieben sind, nur deshalb haben ja die Vorfahren von Diana überlebt, nur deshalb ist ja Diana überhaupt bei uns. PvM hat über das, was unter der Kathedrale sich abgespielt hat, ein Buch geschrieben. Muss das noch mal nachlesen. Weiß nicht, warum es mir auf einmal so vorkommt, als hätte das was mit mir zu tun, mit uns allen. Das, was 1349 hier in Weldbrüggen passiert ist, und was während der Nazizeit geschah. Und dann ist da noch das ganze Zeug, das PvM aus dem Buch Henoch zitiert hat. Und Dianas Überzeugung, sie hätte die Besucher herbeigerufen, das seien dieselben gefallenen Engel, zu denen ihre Vorfahren gebetet hätten, als sie sich hier auf dem Dorf bei Weldbrüggen versteckt hielten Aber was soll mir das? Ich weiß nicht, wie oft ich schon gebetet habe in meinem Leben. Hat nie was genützt. Oder doch? Als ich da auf der Wiese gelegen hab, da — wenn ich das nur beschreiben könnte. Da war eine Gegenwart, eine Person, eine Anwesenheit, so ungeheuer, so gewaltig, ich kann das nicht sagen. Licht. Überwältigend. Alldurchdringendes Licht. Und ich — ich war aufgehoben. Das war eine Wirklichkeit, nicht zu sagen. Schutz Heimat Zuhause, die ganze Welt gehalten in einer Hand. Ich, gehalten in der Unendlichkeit. Nein, ich kann das nicht schildern. Ich kann das nicht beschreiben. Die spanische Nonne hat es ja auch nicht beschreiben können. Ich fasle bloß rum. Da ist doch gar kein Zusammenhang. Doch, da muss ein Zusammenhang sein, ich fühle das. Ich bin da nicht zufällig in den Gärten rumgetorkelt. Wir sind nicht zufällig hier, wir sind hier nicht zufällig alle zusammengekommen, PvM Diana Regina ich Balbutin PF, und wir alle sehen die Besucher. Wir. Kein Zufall. Nein. Ich krieg die Fäden nicht zusammen, aber da ist was.

Balbutin. Jetzt muss erst mal Balbutin die Hosen runterlassen. Der muss endlich erzählen, was passiert ist. Und PF wird erzählen, wie er Balbutin gefunden hat.

Ich saß hinten in PvMs Wägelchen, und das ging mir alles durch den Kopf. Ohne Ordnung ohne Zusammenhang, und doch ist da ein Zusammenhang.

Die beiden Alten murmelten miteinander. Ich konnte sie nicht verstehen. PvMs Wagen ist nicht so edel wie der von Regina, der macht Krach. Von hinten sahen die beiden Grauköpfe mehr denn je aus wie Brüder. Sie sind genau gleich alt, im selben Jahr geboren, haben am selben Tag Geburtstag. Könnten Zwillinge sein, aus Zufall oder aus Ungeschick oder aus bösem Willen nach der Geburt auseinandergerissen. In verschiedene Richtungen adoptiert, vielleicht. Ich weiß nicht wirklich was über PvM, über PF noch weniger.

Was weiß ich überhaupt?

Nachricht von Ayse Konopski, vom 19.03.2022

Als wir PvM‘s Straße erreichten, stand Reginas Schlachtschiff schon vor dem Haus. Parkte unter der Laterne, deren Licht sich angeblich zu Fahnen verbogen hatte, als ich —

Okay, sowohl PvM als auch Regina hatten das gesehen, sie kamen ja immer wieder darauf zu sprechen.

Regina stand vor dem Gartentürchen, und die beiden Turteltäubchen saßen noch im Auto, die Innenbeleuchtung eingeschaltet, aber gedämpft, offenbar konnte Regina selbst das regeln. Komfortabel. PvM ließ PF und mich aussteigen, dann öffnete er sein Garagentor und fuhr sein Wägelchen schlafen, das ist bei ihm immer eine größere Sache, er besteht darauf, dass beim Einparken der Wandabstand auf beiden Seiten genau gleich ist. Mit „genau gleich“ meine ich: zentimetergenau.

Ich stand unschlüssig auf der Straße herum, indes PF sich zu Regina gesellte, und die beiden wieder anfingen zu tuscheln, auf der Straße, im Licht der Straßenlaterne. Im Rückfenster des Schlachtschiffs waren die Kopfkugeln von Diana und Balbutin zu erkennen, sehr nahe beieinander.

Die werden es gleich miteinander treiben, da auf dem Rücksitz, dachte ich.

Ich wollt was sagen, Ayse, sagte PvMs Stimme, unmittelbar über meiner Schulter, ich fuhr zusammen, ich hatte nicht gemerkt, dass er wieder raus auf die Straße gekommen war.

Sorry, sagte er. Wollt dich nicht erschrecken. Ganz kurz. Wenn du hierbleibst, hier bei mir, dann sollst du, also, ich sollte dir was bezahlen. Du machst sauber, du kochst, du kümmerst dich ums Haus um den Garten, eigentlich machst du alles.

Ich fing sofort an zu protestieren. Aber ich wohn hier umsonst, sagte ich, und meine Stimme war wieder viel zu hoch. Ich ess und geh für mich einkaufen, ich meine —

PvM schüttelte den Kopf. Du hast kein Einkommen. Ich melde dich an, beim Arbeitsamt, als Haushälterin. Dann ist alles drin, Rentenversicherung, Krankenversicherung. Muss sein. Ähem.

Der letztere Laut war ein sonderbares Räuspern, wie ich es noch nie bei ihm gehört hatte. Schlagartig wurde mir klar, worüber die beiden Alten geredet hatten während der Fahrt. Über mich. Und dass ich einen Job haben müsste. Etwas, was ich vorzeigen kann. Ich bin beim Jobcenter Weldbrüggen gemeldet, als arbeitslos. Bis jetzt hielten die still.

Mir ging gleich noch ein Licht auf. Das kommt von PF, sagte ich.

PvM trat unbehaglich von einem Fuß auf den anderen. Ich hätt selber daran denken können, sagte er. Aber ich hab‘s nicht so mit solchen Sachen. Du warst da, und ich hab mir keine Gedanken gemacht. Aber das ist nicht in Ordnung.

Er dachte einen Augenblick nach, und sagte dann, mit leisem Vorwurf: Hättest doch was sagen können.

Ich hab auch nicht daran gedacht, verteidigte ich mich, jetzt mit schon sehr hoher Stimme. Aber ich wohn hier doch schon umsonst!

PF hat versprochen, er rechnet das aus, sagte PvM, wobei er hinüberblickte, zu PF und Regina, die noch immer unter der Laterne sehr ernsthaft konferierten. Unterkunft Verpflegung und so, ähem. Und das rechnen wir ein, in das was du kriegst, für deine Arbeit. Und damit melde ich dich dann an, beim Arbeitsamt.

Ob ihr es glaubt oder nicht, vor meinem inneren Blick entwarfen sich umstandslos ganze Wochenpläne, was ich machen wollte da, was dann, wann Fensterputzen, wann Gartenarbeit. Ich wurde ein bisschen rot im Gesicht, ernsthaft, vor Eifer. Ich würde alles machen, was ich mir sowieso schon ausgedacht hatte, die ganze Zeit. Endlich mal auf den Speicher gucken. Und der Keller müsste ausgeräumt werden und gereinigt. Und die Türrahmen gestrichen. Und die Bücher neu geordnet. Erst mal abgestaubt! Vielleicht würde PvM mich sogar an seine Papiere ranlassen. Da könnt ich mal Ordnung schaffen. Arbeit auf Monate hinaus. Die Katzen zum Impfen bringen. Immer Speiseplan, für die ganze Woche … und wenn ich Einkaufen ging, dann wär das bezahlte Tätigkeit.

Und vielleicht könntest du mich auch fahren, dann und wann, sagte PvM hoffnungsvoll, ich hass das nämlich.

Fahren? fragte ich verblüfft. Du fährst nicht gerne dein Auto?

Nicht mein Ding, sagte PvM und schüttelte den Kopf.

Mir fielen lauter dumme edle Sprüche ein, von wegen, kann ich nicht annehmen, will dir nicht auf der Tasche liegen, statt dessen sah ich ihn an von unten her und sagte mit rotem Kopf: Ich würd auch alles genau aufschreiben —

Wirklich, er rieb sich die Hände, der gute Alte, er sagte, wie gut, dass wir das geklärt haben, ja, sagte auch ich und lachte ihn an, von unten her, und erst in diesem Augenblick dachte ich an die Besucher, ich hatte sie vollkommen vergessen, und ich drehte mich hastig um, da lagerten sie auf den Wiesen gegenüber dem Haus, eine unübersehbare Menge, schwarz und still, und als ich sie ansah, fielen sie auf die Knie vor mir und beugten das Haupt.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 20.03.2022

In diesem Augenblick geschahen mehrere Dinge gleichzeitig.

Regina hatte offenbar das Warten satt bekommen, und sie hatte einfach mit ihrem Schlüssel die Innenbeleuchtung des Schlachtschiffes ausgeschaltet. Was immer da drin zwischen den Eheleuten abging, sie verstanden den Wink und kamen rausgekrochen. Und Balbutin sah die Besucher.

Sie waren überall. Auf der Wiese, ja. Aber sie saßen auch auf den Gartenzäunen, sogar ringsum auf den Dächern, auf den Fenstersimsen, sie sahen auf uns herab, sie hockten, wo sich nur ein Mauervorsprung fand, in den Vorgärten, und wieder fragte ich mich, sie haben doch gar keine Körper, man kann sie nicht anfassen, und dennoch passen sie sich den Mauern an und den Bänken, sie sitzen da wie Menschen, sie wiegen sich sogar auf den Ästen der Bäume, auch wenn man nicht sehen kann, wie sie dahin gekommen sind, warum ist das, warum ist das nur. Sie sind nicht körperlich, und dennoch beachten sie die Türen, durch die sie nicht eintreten, und Mauern durchdringen können oder wollen sie nicht, warum ist das.

Nachdem ich einmal angefangen hatte, den Kopf zu recken, standen wir alle und schauten uns um, ratlos. Waren die eben schon da? hörte ich Reginas spröde Stimme.

Nein, die waren eben noch nicht da, dachte ich, wie können die aufgetaucht sein aus dem Nichts, in solchen Massen?

Und alle hatten sie die Blicke auf mich gerichtet, oder die Köpfe geneigt, gegen mich, die Knie gebeugt, vor mir, manche von den Frauen hielten die Hände ausgestreckt, in bittender oder gar in flehender Gebärde, sie knieten, sie knieten vor mir und streckten die Hände nach mir aus wie Bettler, was soll ich tun, was soll ich denn bloß tun?

Und die Männer, spitz und schwarz wie Fledermäuse, tief gebückt vor mir, die Nacken gebeugt, überall, auf der Straße, in den Gärten, zwei saßen sogar auf dem kleinen Giebeldach über PvM‘s Hauseingang.

Wir standen alle und sahen uns um, blickten hinauf zu den Dächern hinüber auf die Wiesen, wir müssen einen seltsamen Anblick geboten haben, eine Gruppe von Menschen, die ratlos suchend um sich schaut, wir sahen genau aus wie Leute, nach denen gerufen wird, und die jetzt festzustellen suchen, aus welcher Richtung kam das, wo kam das her.

Eine war unter uns, die blickte sich nicht um, die sah uns an, der Reihe nach, das war Diana. Natürlich. Sie sah nichts, die Frau hat doch ein Glück, die sieht nichts, und sie blickte uns an, in ihrer schnellen Gereiztheit, was ist jetzt wieder los, sagte die scharfe senkrechte Falte über ihrer Nasenwurzel, die bei ihr immer das Gewitter ankündigt.

Übrigens schien meine Gegenwart ganz das irritierte Interesse auszulöschen, das die Besucher sonst an der schönen Jüdin haben, sie wendeten sich mir zu, als sei ich der einzige Stern am Himmel, in einer Welt erfüllt mit Finsternis.

Und dann war da Balbutin. Sein Blick flog ausweichend hin und her, er wollte uns nicht ansehen, er wollte die Besucher nicht ansehen, er wollte seine Frau nicht ansehen, am allerwenigsten wollte er mich ansehen.

Diana merkte das sofort. Wir sind noch nicht fertig miteinander, zischte sie, und der arme Balbutin senkte den Kopf, und ich sah selbst im Schein der Straßenlaterne, dass er rot geworden war. Und er blickte nicht zu mir hinüber, nein, auf keinen Fall, tat er nicht.

Er musste nichts mehr erklären, es war so klar wie der liebe Tag, er war das gewesen, der mich in jener Nacht auf seinen Armen zurück zum Haus getragen und dort abgelegt hatte, ich hatte nackt in seinen Armen gelegen, und jetzt konnte er mich vor Verlegenheit nicht mehr ansehen, und Dianas Blick war wie nichts Gutes.

Wir sollten ins Haus gehen, sagte Regina, und sie hörte dabei nicht auf, ratlos zu den Dächern hochzuschauen.

Nach einem Augenblick des Schweigens sagte PvM: Ich schlage mal vor, wir passen uns an. Für die ist Ayse der Mittelpunkt, wie immer, das sieht man ja. Also geht Ayse zuerst ins Haus, sie ist die Königin. Ihr anderen folgt ihr, als ihr Gefolge. Ich mache den Schluss, als der Majordomus.

Majordomus! Inzwischen hab ich das Wort natürlich nachgeschlagen. Auf solche Einfälle kann nur der alte Mann kommen.

Immerhin, die anderen fanden seinen Vorschlag einleuchtend, und so führte ich die Prozession an ins Haus, schritt majestätisch voran, soweit eine rundliche kleine Kopftuchmaus eben majestätisch schreiten kann, und hinter mir formierte sich mein Gefolge, und ich machte Licht drinnen und dachte dabei, immerhin, zu Hause jetzt, ich bin hier nicht mehr bloß Gast, ich hab jetzt was zu sagen.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 21.03.2022

Wir brauchen Tee. Milch? Zitrone?

PvMs kleine Küche war auf einmal bemerkenswert voll, und ich, also das ist jetzt peinlich zu erzählen, aber es war nun mal so, ich tänzelte umher wie auf Wolken, meine Küche jetzt, mein Platz, mein Sagen.

Ich weiß auch, warum ich so überdreht war. Seit ich meine scheiß Familie verlassen hab, hab ich keinen Ort mehr gehabt, wo ich wirklich hingehör. Als ich mit Konopski zusammengewohnt hab, die kurze Zeit, da hab ich gedacht, jetzt ist es soweit, jetzt bin ich zu Hause. Dann ist der abgehauen, und hat alles mit sich genommen, Sinn und Zukunft und Leben und Welt, die ganze Welt, das war seine Welt, und ich bin zurückgeblieben wie ein Stück Abfall. Zusammengeknülltes Zeug, das die Wanderer zurücklassen, wenn sie weiterziehen. Hier auf einmal … PvM bezahlt mich jetzt dafür, dass ich hier bin. Er will, dass ich hier bin. Er braucht mich hier. Das ist der Platz jetzt, um den ich mich kümmern muss. Vielleicht ist das ja überhaupt der Punkt, um den es geht? Ich brauch in Wirklichkeit gar keinen Platz, wo ich zu Hause bin, ich brauch vielmehr einen Platz, der mich braucht? Ich brauch einen Platz, um den ich mich kümmern kann, weil der Platz, also um sich selber kümmern das kann der nicht? Ich bin nicht auf den Platz angewiesen, aber der Platz auf mich?

Braucht der alte Mann mich wirklich, oder will er mir nur helfen?

Ist doch egal, dachte ich, das hier ist jetzt meinsmeinsmeins, und wenn ich morgen früh aufwach, dann weiß ich, das Haus das ganze Haus wartet auf mich, was ich jetzt mach. Und ich kanns mir einteilen, ganz wie ich will, was mach ich als Nächstes.

Und dann kam mir der Gedanke, das ist wie mit den Besuchern vor der Tür, die strecken mir auch die Hände entgegen, die brauchen mich, der Unterschied ist nur, hier in dem Häuschen, da weiß ich genau, was das Häuschen als Nächstes braucht, bei den Besuchern hab ich keine Ahnung, außer dass sie wollen, dass ich da bin, und dass sie mich ansehen dürfen.

Glaubt mir, ich war so in Gedanken, dass ich gar nicht merkte, wie souverän ich mit dem Geschirr und dem Herd und vor allem mit dem Inhalt des Kühlschranks herumfuhrwerkte. Der Kühlschrank. Wir waren mal wieder dabei, ihn auszuräumen bis auf den Grund. Wir, das waren Diana und ich. Wie gut, dass Diana einkaufen gefahren war. Die anderen, PvM Regina PF Balbutin, die saßen am Tisch, und Balbutin hatte aus irgendeinem Grund einen blutroten Kopf und starrte hinein in die Tischplatte, er wirkte ganz zusammengekrochen, und jetzt im Licht sah ich, seine Stirn ist wirklich höher geworden, seit ich ihm das letzte Mal begegnet bin, ich meine, ihr wisst, was ich meine, jedenfalls, egal.

Wieso bist du so aufgekratzt? fragte Diana.

Ich sagte es ihr, ich benutzte das Wort „Haushälterin“.

Diana lachte, wirklich, das tat sie, und sie tut das so selten, dass ich gar nicht mehr wusste, wie das aussieht. Leute, das ist, also wenn Diana mal lacht, das ist wie Tauwetter. Überall tröpfelt es, Eiszapfen brechen von den Ästen, und von den Dächern rutscht der Schnee, durch die Luft fliegen bunte Bänder, ganz warm, grüne Glöckchen springen aus der Erde, so war das. Ich musst einfach irgendjemanden umarmen, Diana stand vor mir, also umarmte ich sie, drückte mein Gesicht in ihren königlichen Busen, und hielt mich fest, hielt mich einfach fest, und dachte, ich lass nie wieder los, und dann waren auch Dianas Arme um mich, und drückten.

Haushälterin, ja? sagte über mir die schöne Jüdin und küsste meinen Scheitel. Alles gut, Maus.

Was für eine feierliche Sache das ist, um den Herd herumzutanzen! Mein Gesicht war mindestens so rot wie das von Balbutin, aber das war mir egal, ich beriet mit Diana die Vorräte, wir rechneten Back- und Bratzeiten aus, was kommt auf den Tisch, sollen wir euch helfen? rief PF heraus aus der Sitzecke, nein, sagten Diana und ich wie aus einem Mund, ihr stört bloß.

Einmal stand Regina auf, manipulierte an ihrem Smartphone, starrte stirnrunzelnd hinein ins Display, dann ging sie hinaus auf den Korridor und telefonierte, und als sie zurückkam, blieb sei bei uns am Herd stehen und sagte, ihr meldet euch, wenn ihr Hilfe braucht, ja?

Alles klar, alles im grünen Bereich, sagte ich glücklich.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 22.03.2022

Diana hat mir ganz cool anvertraut, sie macht das immer so, wenn schwierige Gespräche anstehen in der Familie, sagen wir, es hat Ärger in der Schule gegeben, oder so. Sie macht was zu essen, und zwar was Gutes. Und dann setzten sich alle hin und essen, und dabei wird geredet. Kommt dann alles auf den Tisch, sagt Diana. Als ich sie auf den Doppelsinn in ihren Worten aufmerksam mache, schaut sie mich nur an. PvM hat recht. Sie ist irgendeine Art von Supermami, wie sie in dieser Welt sonst nicht vorkommt. Wenn ich jemanden wie sie gehabt hätte in meiner Familie … egal.

So nach und nach kamen wir dazu, die ersten Gänge auf den Tisch zu bringen, und dann setzten wir uns dazu. Balbutin war noch immer nicht in dem rechten Zustand, sich zusammenhängend zu äußern. Das ist sowieso nicht seine Stärke. PF hat angefangen, und Balbutin hat zugehört, und dann hat er doch was gesagt, berichtigt, sich verteidigt, was weiß ich, und nach und nach haben wir ein Bild bekommen, was eigentlich passiert ist. Seit dem Tag, da Balbutin abgehauen war. Da hab ich noch in meiner alten Wohnung gelebt. In meinem früheren Leben.

Ich geb das jetzt ab. PvM will euch was sagen. Ich hab noch nie so viel geschrieben wie für diese Seite, in meinem ganzen Leben nicht. Wer schreibt, der bleibt, heißt es. Toll. Ich bin gar nicht scharf darauf, das alles noch mal zu lesen, was ich da von mir gegeben hab. Kann alles mal gegen mich verwendet werden, wie es in amerikanischen Krimis immer so schön heißt.

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 22.03.2022

Niemand verwendet hier irgendwas gegen irgendjemanden. Aber ich hab irgendwie die Idee, irgendwann kommen wir aus dieser Sache auch wieder raus. Irgendwann kriegen wir den Überblick, was ist eigentlich passiert, und warum. Und wir alle haben das Gefühl, was hier passiert, das geht nicht nur uns was an. Vielleicht wird es sogar Menschen geben, die werden das wissen wollen, was mit uns geschehen ist. Was wir erlebt haben, wie wir damit zurechtgekommen sind. Es wird Menschen geben, für die wird das Bedeutung haben, was wir erzählen können. Und deshalb will ich, dass wir die Ereignisse aufschreiben. Solange wir sie noch im Kopf haben. Und bevor sich spätere Einsichten dazwischendrängen. Wenn wir alle zwanzig Jahre älter sein werden, wer weiß, ob wir dann alles noch so wahrhaben wollen, wie es war. Wir waren doch alle noch so jung damals, sagt man dann, wir haben das alles doch gar nicht so überblickt. Aber genau das ist der Punkt. Wir überblicken im Augenblick nicht, was passiert. Das ist gut. Ich will, dass wir auch in zwanzig Jahren (bin ich nicht mehr am Leben, aber egal), wenn wir selber das hier wiederlesen, unsere Ratlosigkeit wiedererkennen. Wir haben keine Ahnung, wo das alles hinführt. Was das alles zu bedeuten hat. Kann sein, wir werden es niemals verstehen. Kann aber auch sein, in fünfzig Jahren liest jemand all das, was wir hier geschrieben haben, und er sieht sich sich das an, und ihm geht ein Licht auf. Kann auch sein.

Was wir gerade erleben, ist nicht bedeutungslos. Und ganz bestimmt ist es nicht bloß unsere Sache. Deshalb will ich, dass alles aufgeschrieben wird. Es gibt so viele Bücher in der Welt, aber ich denke immer, es wäre besser, die Menschen früherer Zeiten hätten mehr aufgeschrieben. Einfach aufgeschrieben, was sie erlebt haben, Tag für Tag. Wie uns das heute helfen würde, sie zu verstehen!

Wir schreiben jetzt alles auf, und vielleicht werden wir irgendwann auch verstehen, was wir hier aufgeschrieben haben. Oder einer kommt, von dem wir noch gar nichts wissen, und liest das, und versteht.

Es wurde eine lange Nacht. Diana und Ayse haben gekocht und gebraten und gebacken, und wir haben gegessen und getrunken. Wir saßen zusammen und waren wie auf einer Insel, in dieser Nacht. Da war diese Küche, und der Herd dröhnte, und draußen war nur die Nacht. Wir hier, auf unserer beleuchteten Insel. Und wir haben geredet, und uns gegenseitig die Dinge anvertraut. PF hat geredet, und endlich hat sich auch Balbutin ein Herz gefasst. Er war so konfus, dass seine Frau zuweilen den Dolmetscher spielen musste. Wenn er aufgeregt ist, bricht selbst sein Englisch zusammen. Wir haben dennoch ein Bild bekommen. Regina hat auf ihre Art jedes Wort mitstenographiert, innerlich. Sie hat dieses fotografische oder fonografische Gedächtnis, sie weiß hinterher nicht nur, was gesagt worden ist, sondern auch, wie es gesagt wurde.

Es war ein Gespräch. Wie es bei Gesprächen so ist, es wurde hin und her geredet, mal dort angesetzt, mal da, es wurde gefragt und nachgehakt. Ich hab PF gebeten, erst mal genau aufzuschreiben, wie er Balbutin gesucht hat, und wie er ihm dann auf die Spur gekommen ist. Und dann soll Balbutin versuchen, nochmal alles zusammenzufassen, was er erlebt hat, von Anfang an, von dem Tag an, da er von zu Hause abgehauen ist. Er heult bei dem bloßen Gedanken, aber es muss sein. Er ist in einer sehr frommen Familie aufgewachsen, amerikanische Katholiken, von der ultraorthodoxen Sorte, und wenn er anfängt zu erzählen, regt er sich auf, und seine Theologie kommt ihm dazwischen, und er fängt an zu predigen, weil er denkt, er muss hundert Sachen auf einmal sagen, und vor allem denkt er, er muss sich rechtfertigen, und jemand schaut ihm dabei über die Schulter, ob er auch alles richtig macht.

Egal. Fang einfach an zu schreiben, hab ich ihm gesagt, über Stock und Stein, das wird dann schon.

I‘m a photographer, sagt er. If I could do this with my camera!

Wär das gut? Wenn winzige Kameras uns umschwirrten und einfach alles aufnähmen, was uns widerfährt? Ist ja schon bald soweit. Aber dann hätten wir doch nur die Bilder, und den Ton. Was das alles zu bedeuten hat, das müssten wir uns immer noch zusammensetzen. Glaub nicht, dass das Erzählen jemals ausgedient haben wird.

PF fängt jetzt an. Er schreibt euch jetzt auf, was er uns in dieser Nacht erzählt hat. Und Balbutin kriegt noch eine Gnadenfrist, aber dann muss er ran, und auf Deutsch, wenn‘s geht.

(Nachrichten vom 18. bis 22.03.2022, neu eingestellt auf dieser Seite am 03.06.2022 von Peter Flamm, © Verlag Peter Flamm 2022)