Banshee Neue Folge 42

Nachricht von Ayse Konopski

Das war’s wieder. Das war wieder der alte Satz. Wir gegen den Rest der Welt. Damit hat doch alles angefangen, und viel geändert hat sich seither nicht. Ich dachte an die alten Juden, da unter der Kathedrale, und ich fühlte einen Stich im Herz, Mitleid, Angst, ich weiß nicht. Denen ist es niemals anders ergangen, dachte ich. Egal, was sie gemacht haben, egal, was ihnen passiert ist, immer haben die gewusst, wir gegen den Rest der Welt.

Kann man so leben?

Offenbar haben die das gekonnt, seit Anbeginn der Zeiten, und sie sind nicht untergegangen. Was alles nach denen gekommen ist – die Christen die Moslems dann die Aufgeklärten – und alle waren sie hinter ihnen her, und sie sind trotzdem am Leben geblieben, ich meine, als Volk wenigstens, wenn auch die Einzelnen oft genug untergegangen sind, he, Diana, du gehörst doch zu denen, halt dran fest, dann bist du nicht allein.

Und da ich das so dachte, platzte ich einfach raus: „Dann – dann wär also der Holocaust – das wär dann also irgendwie der Beweis dafür, dass die wirklich erwählt sind?“

Die beiden Alten starrten mich für einen Augenblick an, dann sagte PvM, mit seiner Begabung zu schnellem Kombinieren: „Du redest von denen da unten, unter der Kathedrale?“ Und also wiederholte ich hastig und durcheinander, was ich mir eben gedacht hatte, und Regina sagte: „Die haben selber nie anders gedacht. Die sind verfolgt worden, und sie haben sich immer gesagt, dass ist Gottes wegen, dass wir so verfolgt werden. Ja. Die Verfolgung ist die Bestätigung der Erwähltheit.“

„Könnte für uns auch gelten“, sagte ich vorsichtig. „Wenn da überall welche hinter uns her sind, die sagen, wir haben bloß Halluzinationen, oder Wahnvorstellungen, und das muss dringend therapiert werden, dann könnte das doch heißen, wir sehen da wirklich was, was wir nicht sehen sollen.“

„Das Gespräch geht, seit es die sogenannte Aufklärung gibt“, sagte PvM düster. „Es reicht schon, dass einer einfach an Gott glaubt, dann sagen die schon, mit dem stimmt was nicht, da liegt eine Störung vor, die muss geheilt werden. Nach dem Modell war die ganze Menschheit krank, seit Anbeginn der Zeiten, und nun endlich hat die Aufklärung die Krankheit diagnostiziert, den Wahn von Gott, und jetzt kann mit der Heilung begonnen werden.“

„Aber das sagen die wirklich“, bemerkte Regina amüsiert. „Die ganze Menschheitsgeschichte lang war alles finster, und endlich kam die Aufklärung, und Licht wurde.“

Ich rückte ein bisschen auf meinem Stühlchen hin und her und sagte: „Das haben sie uns in der Schule so erzählt, genau so, wörtlich so. Und zu uns Kopftuchmäusen haben sie gesagt, das Christentum wär jetzt glücklich durch die Aufklärung durch, die Christen hätten durch die Aufklärung jetzt erkannt und eingesehen, was alles falsch war an ihnen, und uns stünd das noch bevor, wir Muslime müssten da jetzt auch durch, durch die Aufklärung, vorher würden wir nicht zur Zivilisation gehören.“

Wir lachten alle drei, und dann lachten wir so, dass ich mich verschluckte, und Regina drohte PvM mit dem Finger und sagte: „Red nur so weiter. Ich weiß ja, wers sagt.“

„Ich glaube nicht“, verteidigte sich der alte Mann, „ich glaube nicht, dass die ganze Menschheit von Anbeginn der Zeiten an blöd war. Seit es die Menschheit gibt, ist auch die Rede von Gott in der Welt, auf die eine oder die andere Weise, aber geredet worden ist immer von Gott. Da war nie ein Zweifel. Warum soll ich mich da bevormunden lassen? Wenn die selbsternannten Aufgeklärten wissen, aber die andere Welt gibt es gar nicht, hat die Wissenschaft jetzt rausgekriegt, dann heißt das bloß, ich muss mir von der Wissenschaft vorbuchstabieren lassen, was ich zu denken habe. Das ist Bevormundung. Die Wissenschaft sagt heute so und morgen anders, das ist ihre Geschäftsgrundlage, wer sagt uns, dass die nicht morgen schon damit ankommen, alles zurück, da sind neue Erkenntnisse, da gibt es doch deutliche Hinweise, dass es die andere Welt gibt, die geistige Welt, die Welt unter dem Licht Gottes, da müssen wir überhaupt erst mal forschen – könnte doch sein, das, vielleicht sind die da oder dort heute schon damit zugange und rücken nur nicht so recht damit raus, weil das vorerst noch eine Minderheitenmeinung ist, könnte doch sein, und sollen wir jedes Mal darauf warten, was als nächstes vorgestellt wird, als neuester Stand der Wissenschaft? Wenn doch die Menschheit seit Jahrtausenden, von Anfang an, rund um den Globus, bei allen Völkern in allen Zeiten, immer das eine für gewiss gewusst hat, die andere Welt gibt es wirklich, mit all den fremden Wesen und den Engeln und Dämonen, Gott gibt es wirklich, und es gibt wirklich dieses Licht von oben, diese ungeheuren Räume der geistigen Welt, und wir sind Menschen, und dieses Licht da droben, das sickert von oben in uns ein, und all unser Wissen und all unsere Kenntnisse kommen von dort, immer ist das gesagt worden, warum sollten wir uns erzählen lassen, das waren die Blöden, die das gesagt haben, wir wissen das jetzt besser? Vielleicht sind die Besserwisser die Blöden.“

„Wir jedenfalls wissen, was wir sehen“, sagte Regina leise, und wie zur Bestätigung schrien die Papageien im Dschungel, und irgendwie rückten wir näher zusammen, wir drei, da am Ufer des Teiches.

(Nachricht eingegangen am 01.06.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 02.06.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)