Banshee Alte Folge 42

Nachricht von Ayse Konopski, vom 13.03.2022

Wir fuhren runter von der Höhe, bei jeder Windung des Weges konnten wir das Flusstal sehen, und die Lichter von Weldbrüggen schimmerten hoch, und die Kathedrale war erleuchtet, muss ein Feiertag sein, dachte ich, der Anblick war ganz unwirklich, all das Geglitzer und Geblinke der abendlichen Lichter, und der Fluss war zu erkennen, wie ein leuchtendes Band, was für eine schöne, unwirkliche Stadt das ist.

PvM klemmte hinter seinem Steuer und sah grimmig geradeaus, und ich fing an zu piepsen.

Wirklich, das passiert mir selten, aber ich war hoffnungslos von der Rolle. Hab ich alles richtig gemacht? piepste ich. Ich will doch, das alles gut ausgeht. Das will ich wirklich. Sind jetzt alle böse mit mir? Was hätt ich denn machen sollen?

Und so weiter in der Art, ich weiß selber nicht, wie das aus mir rausquoll, ich wollte, ich wollte jetzt unbedingt, dass PvM was sagt, dass der was Nettes zu mir sagt.

Tat er auch.

Er blickte streng geradeaus, auf die Straße, er fuhr mit, wie es so schön heißt, er fuhr mit unangepasster Geschwindigkeit. Du hast alles richtig gemacht, sagte er mit einem unmerklichen Zögern, du hättest es gar nicht besser machen können. Der Aktendeckel ist erst mal zu, jetzt müssen wir nur zusehen, den Ball flachzuhalten, was dich anbelangt. Du musst aus der Schusslinie bleiben. Solange du unauffällig bleibst, kann dir gar nichts passieren.

Ich war sehr zufrieden, überaus zufrieden, ganz unerklärlich zufrieden, und das lag an dem unmerklichen Zögern PvM’s, nach den Worten, du hast alles richtig gemacht. Da passte was rein, in dieses Zögern, etwas, was er so eben noch verschluckt hatte, die eine oder andere Silbe, nach Lage der Dinge hätte das natürlich mein Name sein können, du hast alles richtig gemacht, Ayse, aber es klang nach was anderem, zum Beispiel, du hast alles richtig gemacht, Maus, oder gar, du hast alles richtig gemacht, Spätzchen, oder oder oder gar, du hast alles richtig gemacht, mein Liebling.

Zugegeben, mein Herz tat einen kleinen Hüpfer, und da war für einen Augenblick so eine Spannung in dem Wagen, eine unklare Spannung, als ob, ach, ich weiß auch nicht. Halt so eine Spannung. Der Augenblick verging, aber ich war auf jeden Fall zufrieden. Überaus zufrieden.

Ich setzte mich zurecht, und blickte mit neuer Aufgeregtheit geradeaus. Balbutin. Da unten ist Balbutin. Der muss was zu erzählen haben. Egal, was das mit mir war, der hat noch andere Sachen erlebt, Sachen, die er uns nicht geschrieben hat. Woher er auf einmal so viel Geld hatte, es seiner Familie zu schicken. Was alles passiert ist, während er für uns unsichtbar war. Jetzt werden wir alles erfahren, dachte ich, und wer weiß, vielleicht klärt sich alles auf.

Ach, dieser Gedanke, alles klärt sich auf, der ist uns allen so unglaublich wichtig. Denk jedenfalls mal, dass es uns allen so geht. Ich jedenfalls hab das immer gedacht. Ich hab das jahrelang gedacht, mit meiner scheiß Familie, jahrelang hab ich gedacht, das klärt sich alles auf, das ist alles ein Missverständnis, dass da alles schief läuft zwischen uns, dass die mich klein machen von morgens bis abends, dass die mich zum letzten Dreck erklären, klärt sich alles auf, in Wahrheit sind das gute Menschen, da ist nur irgendwo ein schrecklicher Irrtum passiert, dass die so schlimme Sachen von mir denken, und als mir klar wurde, da klärt sich nichts mehr auf, die sind wirklich so, und die werden sich nicht ändern, da bin ich abgehauen. Und dann war da der Konopski, der hat mich nicht nur betrogen, der hat mich zerstört, im Vorbeigehen, ohne Bedenken, ohne überhaupt richtig hinzuschauen, und als der weg war, als der mich verlassen hatte, auch da dachte ich monatelang, das klärt sich alles auf, bestimmt alles nur ein Irrtum, nur ein Missverständnis, der kommt wieder, und wir werden lachen und den Kopf schütteln darüber, wie das alles passieren konnte, der kam nicht wieder, ich kam, und zwar in die Klapse. Und jetzt —

Du wirst mich nicht verraten? platzte ich raus, mit heller schriller Stimme.

PvM stieg vor Schreck beinahe auf die Bremse. Verraten? dich? fragte er. Aber was meinst du? Natürlich werde ich dich nicht verraten. Du bleibst bei mir wohnen, das ist doch jetzt dein Zuhause, wär richtig leer ohne dich, und denk nur, wie die Katzen weinen würden, wenn du gehst – oder willst du gehen?

Nein! rief ich, und meine Stimme schnappte endgültig über. Nein, will ich doch nicht. Ich will doch hier bleiben.

PvM kniff ein bisschen die Augen zusammen, wieder, ohne den Blick von der Straße zu wenden. Alles gut, sagte er, alles bestens. Alles im richtigen Gleis. Du bist hier, du bleibst hier. Müssen wir gar nichts reden. Du gehörst hierher, sogar Regina hat dich ins Herz geschlossen, die würde nach dir fragen, wenn du auf einmal nicht mehr da wärst. Denk mal, Regina. Das will was heißen. Also. Alles klar, alles wie es sein soll.

Und nach einem Augenblick des Schweigens fügte er hinzu: Und jetzt klären wir das erst einmal ab, das mit Balbutin. Das ist jetzt das Nächste. Eins nach dem anderen.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 14.03.2022

Wenn man von oben, vom Fons herabkommt, ist das immer wie ein Plumps auf den Boden der Realität, und ich begann mich zu fürchten. Ich sah mich sogar um, ob nicht ein Wagen hinter uns wär, und Regina am Steuer. Regina. Die Chefin. Die sogar die Schlapphüte im Griff hat. Die die Dinge geregelt kriegt.

PvM fuhr hinein in die winzigen Sträßchen, die hier auf der rechten Seite des Weld in die Tälchen hineinkriechen. Alles dunkel. Überall dunkel. Die Straßen sind überschattet von den Bergen, und dann sind da auch noch überall Bäume. Die Häuschen drängen sich zusammen, niedrige Häuschen, Erdgeschoss, und drüber gleich das Dachgeschoss, wie alte Bauernhäuser, oder Hexenhäuschen. Das ist Montbel. Sozusagen die Rückseite von Weldbrüggen. Da war überall viel Fachwerk zu sehen, und manchmal die Balken so krumm und winkelig, dass klar wird, die sind Jahrhunderte alt. Viele Jahrhunderte. PvM sagt, viele Häuser hier haben tiefe Keller, manchmal geht’s da zwei drei Stockwerke in die Erde hinunter, und in der Erde, also, die Erde hier muss irgendwas an sich haben. Leichen verwesen hier nicht, oder nicht so schnell. Wenn die Montbelaner ihre Toten ordentlich begraben haben wollen, fährt der Leichenwagen rüber auf die Weldbrüggener Seite, dort ist Flusssand unter der Stadt, und die Toten auf dem Friedhof erfahren das, was PvM „ordnungsgemäße Verrottung“ nennt. Schwarzer Humor. Kann er stundenlang drin schwelgen. Merkwürdig bei einem alten Mann, der so leicht weint, vor allem, wenn seine geliebte Taylor Swift singt. Wo war ich. Bei den Toten. Ja. Hier auf der Montbelaner Seite verwest nichts im Boden, daher die tiefen Keller. Die Weldbrüggener Kaufleute haben jahrhundertelang verderbliche Ware hier rübergebracht und in diesen tiefen Kellern gebunkert, viele von den Montbelanern standen über Generationen als Warenhalter im Dienst von Weldbrüggener Kaufleuten, und haben sich damit ihr Brot verdient, oder jedenfalls ihr Zubrot, im Hauptberuf waren sie dann Waldarbeiter und Gärtner und Kleinbauern, was weiß ich, das ging eigentlich gut, bis die neue Zeit kam. Elektrizität, Kühlschränke, Kühlhallen. Seither stehen die Keller leer, und die Montbelaner sind drauf angewiesen, „rüber in die Fabrik“ zu gehen.

Kleine Häuschen, eins neben dem anderen, und darunter immer wieder drei Stockwerke tiefe Keller. Und im Boden Leichen, die einfach nicht verwesen wollen. Ich fror auf einmal so, dass es mir recht gewesen wäre, wenn PvM mich jetzt in die Arme genommen hätte.

PvM aber steuerte mit gerecktem Hals die engen Gässchen entlang, blickte mal rechts, mal links, murmelte, wo war das noch mal, er hat natürlich kein Navi in seinem Wagen, muss ich das noch erwähnen.

Ab und zu stand mal jemand unter seiner Haustür, oder am Gartenzaun. Guckte uns an. Niemals lächelte einer. Kein freundlicher Blick. Was ist los bei denen?

Und endlich hielt PvM an, steuerte seinen Wagen an den Bordstein. Aussteigen. Wir waren am Ende einer Straße, wo es schon den Talweg hoch ging den Berg hinauf. Da standen drei Häuschen dicht aneinandergedrängt, mit Vorgärten zur Straße hin. Überhängende Dächer. Das mittlere Häuschen, das war es. Ich wusste das, keine Ahnung wieso, aber ich hatte recht.

Hinter uns summte es, da kam ein eleganter riesiger Wagen die Straße rauf, leise wiegend, wie ein silbernes Schiff, Regina, natürlich, und ich sah ihre weißen Haare auf der Fahrerseite, und neben ihr, mit weit aufgerissenen Augen, Augen, die nicht blinzelten, eine von den Frauen, eine von denen —

Nein, das ist Diana, rief ich mich zur Ordnung, das ist doch bloß Diana, und ich war schon ausgestiegen, hinter mir stand PvM, er drückte an seinem Schlüssel, und der Wagen piepste gehorsam, und dann kam Reginas Schlachtschiff zum Stehen, und Diana stürzte raus, es war ja schon fast dunkel, aber ihre schwarzen Haare glänzten wie, ich weiß nicht, wie Regen in der Nacht, wie Regen auf schwarzem Asphalt, und Regina stieg aus, blasse Gestalt in ihrem hellen Kostüm, eigentlich nicht mehr als ein Nebelstreif, und Diana kam mit raschen Schritten auf uns zu, ausholenden Schritten, ihr Rock rauschte und wehte wie im Sturm, ich hörte ihre scharfe Stimme, wo ist Balbutin, wo ist er?

Da ging in dem mittleren Häuschen die Tür auf, und Peter kam raus, PF mein ich, Peter Flamm, für einen Augenblick sah er aus wie PvM, die gleichen grauen kurzen Haare, und dann, hinter ihm her, kam Balbutin, ja, das war Balbutin, unsicherer Blick, wie üblich, durch seine dicke Hornbrille, und die Hosen zu kurz, wie bei allen Amerikanern, so kam er aus dem Haus, PF hinterher, oder umgekehrt, und ich hörte, dass Diana einen erstickten Schrei ausstieß, sie flog die Straße herauf, stieß das Gartenpförtchen auf, rannte, wehender Rock fliegende Haare klirrende Ohrreifen, rannte den Gartenweg hoch, an PF vorbei, und dann —

Ja, Leute, und dann lagen die beiden sich in den Armen, Diana und Balbutin, sie klammerten sich aneinander wie Ertrinkende, Arme umeinander, Gesichter auf der Schulter des anderen, sie hielten sich fest, als wollten sie sich niemals wieder loslassen, als könnten sie sich niemals wieder loslassen, ich hörte abgerissenes Murmeln, Schluchzen, erstickte Laute, ich weiß nicht, und ihre Arme waren wie eiserne Ringe umeinander, sie ließen nicht mehr los, als hätten sie Angst, der andere könnte verschwinden, wenn sie losließen, sie konnten gar nicht mehr loslassen, du Arsch, hörte ich Dianas erstickte Stimme, warum hast du mir das angetan, und Balbutins Gemurmel, I‘m sorry I‘m so sorry, und immer noch ließen sie sich nicht los, immer noch klammerten sie sich aneinander fest, und wir anderen, wir standen auf der Straße und sahen zu, wir waren gar nicht da, auch PF war nicht da, da waren nur noch Diana und Balbutin, niemand sonst mehr auf der Welt, und die beiden hielten sich aneinander fest, als wäre nichts mehr in der Welt, woran sie sich sonst noch festhalten könnten.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 15.03.2022

Irgendwann mussten sie sich ja doch loslassen, und Balbutin wirkte merkwürdig klein und zerknittert, seine schwarzen Haare schienen noch weiter aus der Stirn zurück als früher, kam mir jedenfalls so vor, und er blickte wie immer ausweichend zu Boden, seltsam für jemanden, der so gern fotografiert.

PvM stiefelte geradewegs durch das Gartentor auf Balbutin zu, nahm seine Hand, konnte nur eine nehmen, denn mit der anderen hielt sich Balbutin eisern an seiner Frau fest, und PvM sagte, Balbutin, so froh, dich zu sehen, wir haben dich gesucht, wir haben uns alle Sorgen gemacht, geht es dir gut, was machst du hier?

Und Balbutin, ja genau, der blickte wie immer suchend in den Boden hinein, als stünde dort die Antwort auf alle diese Fragen, und an seiner statt antwortete PF: Der wohnt hier.

Mit wem wohnst du hier? fauchte Diana und nahm hastig wieder die andere Hand Balbutins, die PvM losgelassen hatte. Wer ist das? Was sind das für Leute?

Und Balbutin sah seiner Frau in die Augen, mit seinem blinzelnden 12-Dioptrien-Blick, und sagte hilflos: Bloß Leute, Leute eben, ich kenn die nicht.

Zeig mir das, verlangte Diana.

Und also zog der Amerikaner seine schöne Frau hinter sich her ins Haus, immerfort mit schuldbewusst gesenktem Blick, und ich, ich war PvM hinterhergelaufen, in den Garten, wie ein Hündchen war ich ihm hinterhergelaufen, weil ich nicht allein draußen auf der Straße bleiben wollte, und jetzt, ich weiß selber nicht, warum ich das tat, aber jetzt stolperte ich Diana und ihrem Mann hinterher, ins Haus hinein.

Doch, ich weiß, warum ich denen gefolgt bin. Ich wollte alles wissen, ich wollte alles mit eigenen Augen sehen, ich wollte nicht, dass mir irgendwas erzählt wird, irgendwas, was ich dann glauben kann oder auch nicht, ich wollte sehen.

Drinnen im Haus roch es nach kaltem und feuchtem Stein, da war ein unglaublich enger Korridor, rechts ging eine Tür ab, da stand in einer Kammer, nicht weiter als ein Besenschrank, ein Klo mit Holzdeckel, und eine Tür weiter, da zeigte Balbutin rein und sagte: Hier wohn ich.

Irgendwie gelang es mir, zwischen Balbutin und Diana in das Zimmer hineinzuspähen, ich sah die krummen Planken eines alten hölzernen Fußbodens, darauf liegend eine Matratze mit zerknüllter Decke, ich sah einen alten Kleiderschrank, und ganz in der Ecke des Zimmers war ein einziges winziges Fensterchen in der Wand, das schaute hinaus auf eine Mauer, vermutlich die Seitenecke des Nebenhauses. Das war Balbutins Bleibe. Kein Stuhl, kein Tisch. Einfach ein Zimmer mit einer Matratze auf dem Boden, und die sah aus, als sei sie zu kurz für Balbutin. Und es roch nicht gut in dem Zimmer, in dem ganzen Haus roch es gar nicht gut.

Ich wich zurück und trat beinahe PvM auf die Zehen, der sich unbemerkt hinter mich gestellt und ebenfalls in das Zimmer geguckt hatte.

Hier wohnst du? fragte PvM. Im Ernst? Seit wann?

Ja! rief Diana, seit wann bist du hier?

Wenn ich jemals einen Menschen gesehen habe, fehl am Platz, dann war es Diana in diesem Loch von Haus. Wie üblich rauschten ihre Kleider wie im Sturm, und in ihren Augen blitzten mehrere Gewitter gleichzeitig. Sollte Disney jemals eine Darstellerin für die Wetterhexe suchen oder so, die Frau ist schon gefunden.

Ein – ein paar Wochen, druckste Balbutin.

Deshalb müffelst du auch so, fauchte Diana und stieß ihm mehrmals den Handballen in die Schulter, was er sich mit gesenktem Kopf gefallen ließ. Du stinkst – du – warum hast du das gemacht – warum bist du nicht zu Hause —

Und die beiden fielen sich erneut in die Arme.

PvM, hinter mir, stieß einen grunzenden Laut aus, und dann sagte er zu Balbutin: Räum deinen Kram zusammen, du kommst mit mir, irgendwo ist noch Platz in meinem Haus, soviel Platz wie hier allemal, oder? Oder???

Das zweite „oder“ gab er von sich, weil ich nicht gleich reagiert hatte, denn schon das erste war an mich gerichtet gewesen, PvM fragte mich, ob noch Platz in seinem Haus sei, als wär ich die Hausherrin, und ich drehte mich um und sah ihn an und sagte hastig, auf jeden Fall, na klar doch, und dabei wurde ich so blutrot im Gesicht, dass sich die Röte bis hinunter auf meine Schultern und meine Brust ergoss, ich fühlte das unter meinem T-Shirt, und wieder sprach da dieses Stimmchen in mir, das sagte, Ayse, du musst deine Sachen mal geregelt kriegen.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 16.03.2022

Diana sah PvM und mich mit einem Blick an, der war nicht zu deuten, sie machte den Mund auf, als wollte sie was sagen, sie machte den Mund wieder zu, und dann stupste sie erneut nach ihrem Mann und sagte, du hast doch gehört, wo ist dein Zeug, was hast du überhaupt, räum das zusammen, du bleibst keine Minute mehr in dieser Bude.

Ja, aber der Vermieter, fing Balbutin an.

PvM sagte trocken: Der soll froh sein, wenn er nicht angezeigt wird. Sowas zu vermieten! Der schuldet dir Schmerzensgeld.

Balbutin trat einen Schritt hinein in die vier Wände, die ein paar Wochen lang seine gewesen waren, er stand vor seiner Matratze, sah sich suchend um, er bewegte den Kopf genau wie eine kleine Raupe, die am Ende eines Blattes angekommen ist und nun den Kopf hin und her dreht, um zu gucken, wo es weitergeht, um im Augenblick, da ich das sah, wurde mit klar, der Mann war vollständig von der Rolle. Desorientiert. Der wusste nicht mehr, wo‘s langging.

Diana merkte das noch Sekundenbruchteile vor mir, sie stieg in das Zimmer, drängte ihren Mann beiseite, öffnete die Türen des Kleiderschranks. Ein säuerlicher Geruch drang raus, nach ungewaschenen Klamotten, Diana hatte recht, Balbutin müffelte.

Am Boden des Kleiderschranks stand eine große Reisetasche, Diana leerte mit ein paar kurz angebundenen Bewegungen die Fächer, die Haken. Räumte alles in die Tasche. Eigentlich schneller, als man das erzählen kann. Mach mal Licht, sagte Diana.

Ich stand günstig, ich fummelte neben der Tür an der Wand herum, fand den Schalter. Es war inzwischen so dunkel, dass man in dem Zimmer nur noch Schatten erkannte. Ich drückte den Schalter. Von der Decke herab hing an einer Strippe eine nackte Glühbirne. Keine Lampe. Einfach eine Birne, von der altmodischen Art, nix Sparlampe oder so, einfach eine Glühbirne, die funzelte los, als ich den Schalter drückte, der Schalter gab einen satten Klacks, als ob er sonst was in Bewegung setzte, und gleichzeitig mit dem Klacks hörte ich Balbutin schreien, richtig aufschreien, ein dumpfes Ho!, da war auf einmal gelbes Licht überall in der Kammer, und Diana hatte ja die Schranktüren aufgerissen, und hinter der rechten der offenen Türen bewegte sich was, da war zwischen Schrank und Fenster ein kleiner Zimmerwinkel, der hatte im Schatten gelegen, und als Diana die Tür geöffnet hatte, hatte sie diesen Winkel verdeckt, und in dem Winkel stand einer, jetzt im Licht sah man die Füße, und dann drückte der die Tür weg, und spähte dahinter hervor.

Diana riss ihm die Tür aus der Hand, klappte sie zu vor dem Schrank, trat einen Schritt zu auf die Figur im Winkel und schrie mit ihrer kalten Gewitterstimme: Was soll das denn? Was hast du hier zu suchen?

Da duckte sich ein Männchen im Winkel, und das Männchen hob schützend die Arme vor seine Brust und wandte das Gesicht ab, und dabei schielte es Diana finster an, aus den Augenwinkeln, es war wirklich nur ein Männchen, klein und glattgeklatschte Haare, Vogelaugen, wütend, die Mundwinkel nach unten gezogen.

Das is mein Haus! murrte das Männchen. Mein Haus! Muss wissen, was hier is!

That‘s my landlord, sagte Balbutin, mit einem unwillkürlichen Keucher.

Scheiße, brüllte Diana, und was bitte, hat dein Vermieter in deinem Zimmer zu suchen?

Bin nur kurz reingegangen, sagte das Männchen.

Um nach der Heizung zu gucken? schrie Diana. Raus hier, du Zwerg, oder ich mach dir Beine!

Sie machte ernst, sie packte den kleinen Mann am Kragen, richtig hinten am Kragen, er hatte so eine Art Blaumann an, den packte sie im Genick, und sie schob das stolpernde Wesen raus auf den Gang, an PvM vorbei, der ganz cool Platz machte und dabei aussah, als habe er Mühe, sich das Lachen zu verbeißen, ich weiß, wie das aussieht, ich kenn ihn mittlerweile.

Schaff dich hier raus! brüllte Diana und stieß den kleinen Mann hinaus in den Korridor.

Der kleine Mann roch nach Keller, nach steinernem Keller, der Wiff stieg mir in die Nase, als Diana ihn an mir vorbeitrieb, und da war noch etwas anderes, ein Geruch nach Moder, nach Fäulnis, ich ruf die Polizei, heulte der kleine Mann, und Diana schrie ihm hinterher, mach das, wir reden dann mit denen.

Und an Balbutin gewandt, fauchte sie: Was hast du mit so einem Gewächs zu schaffen???

Ich weiß doch nicht! rief Balbutin und hob beteuernd die Hände. Der war eben noch nicht da. Wir haben euch kommen gehört und sind raus in den Garten gegangen, und ich hab die Tür offengelassen, da muss der reingegangen sein.

Bist du sicher, donnerte Diana, bist du dir wirklich sicher, wirklich richtig sicher, dass du auf dich selber aufpassen kannst????

Und Balbutin stand im Zimmer, die Hände beteuernd erhoben und blinzelnd, so stand er, indes seine Frau den letzten Kram aus dem Kleiderschrank in die Reisetasche warf, und als sie den Reißverschluss zugezogen hatte und die Tasche sich über die Schulter schmiss und sagte, also los, raus hier – da stand er immer noch da, die Arme erhoben, in beteuernder Gebärde.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 17.03.2022

Diana hätte ihren Mann um ein Haar auf die gleiche Weise aus dem Zimmer geschoben wie die Minute vorher das Männchen, nämlich indem sie ihn am Kragen packte, aber Balbutin kannte seine Frau, er setzte sich hastig in Bewegung, und mir fiel auf, dass er noch einmal unruhig um sich blickte, als nehme er Abschied. Aber Diana stand ihm im Genick, so hielt er sich nicht auf, sondern stolperte nach draußen, sie ihm hinterher, und PvM winkte mir mit dem Kopf, den beiden zu folgen. Ich hatte sowieso keine Lust, noch länger in der muffigen Bude zu bleiben, so beeilte ich mich, raus zu kommen, ich sah nur noch, dass in einer Tür auf der anderen Seite des Korridors eine blasse Gesichtsscheibe hing, das Männchen, dachte ich, oder seine Frau, die ist vielleicht auch nicht größer.

Draußen im Vorgarten standen PF und Regina beisammen und hatten ein ernstes Gespräch. Als wir kamen, blickten sie auf, und Regina sagte, wir fahren zu PvM, es sind Dinge zu klären. Ich nehm die beiden Turteltäubchen, ihr beiden – sie nickte mir zu und PF – fahrt am Besten mit PvM. Wo ist der?

Wir blickten nach dem Häuschen zurück, es war unterdes Nacht geworden. Kein Licht nirgendwo, nur aus der offenen Haustür drang ein matter Schimmer, von der einen Birne hinten in Balbutins Zimmer, Balbutins ehemaligem Zimmer, es war klar, der würde niemals hierher zurück kommen, aber wo war PvM?

Ich begriff nicht, wieso es so finster war in der Straße. Sparen die hier an der Straßenbeleuchtung? dachte ich. Kein Licht zu sehen, auch aus den anderen Häusern nicht, und ein Stück weiter die Straße hinauf ging es sowieso schon den Berg hoch, da war keine Bebauung mehr, nur noch schwarzer, schweigender Wald. Und für einen Augenblick, okay, warum soll ich es verschweigen, für einen Augenblick ergriff mich etwas wie Sehnsucht – etwas wie verzweifeltes Heimweh – ich dachte, die Anderen könnten vielleicht sein in dem Wald, die Fremden, die Besucher, und ich könnte wieder mit ihnen gehen. Es noch einmal drauf ankommen lassen. Es vielleicht erzwingen, das Wunder. Dass ich für alle Zeit bei ihnen sein könnte, mit ihnen streifen durch die Wälder, mit einem Leib, der keine Nahrung und keine Kleidung mehr braucht, dem Regen und Frost nichts anhaben können, frei, frei für immer.

Ich dachte an das schiefe Schielen des Männchens, an Balbutins ausweichenden Blick, an das Loch von Zimmer, in dem er gewohnt hatte. Wenn das die Welt ist, dachte ich, was soll ich dann hier?

Doch, ich riss mich ja gleich zusammen. Fangt nicht an, meinetwegen Panik zu schieben. Das war nur so ein Gefühl, ihr müsst das verstehen. Ich weiß ja, das geht nicht. Ich hab meine Erfahrungen gemacht. Und ich hab ja dieses Versprechen abgegeben, ich mach das nie wieder. Aber für einen Augenblick war die Sehnsucht so stark, ich dachte, es zerreißt mir das Herz.

PvM kam endlich zum Haus raus. Ich hab dem Geld in den Rachen geschmissen, erklärte er und meinte offenbar das Männchen. Der hat gesagt, er hätt noch Forderungen, Kosten. Strom Wasser und so. Ich hab dem was gegeben, damit er Ruhe hält. Ich nehm mal an, du bist hier in Weldbrüggen nicht gemeldet?

Die Frage ging an Balbutin, der zur Antwort bloß einen unklaren Laut ausstieß.

Wir fahren zu dir, sagte Regina und winkte den Turteltäubchen, ihr zu folgen. Wir müssen reden. Richten wir uns schon mal auf eine lange Nacht ein.

Sie knipste an ihrem Wagenschlüssel, und auf der Straße erwachte das Silberschiff zum Leben, Festbeleuchtung wie ein Kreuzfahrtschiff, die Scheinwerfer glänzten auf, die Innenbeleuchtung funkelte, und das hatte auf einmal etwas unendlich Beruhigendes. Zivilisation, Technik, Sicherheit. Dinge, die funktionieren. Knopfdruck. Und also, ich versteh ja nichts von Autos, aber Reginas Karre ist wirklich edel, das seh sogar ich. Edel wie alles an ihr. Wenn so ein Wagen kommt, sieht man, da sitzt eine Chefin drin. Und ich hier Ayse, mit dieser einzigen Sehnsucht im Herzen, nackt in den Wäldern. Bewohnen wir denselben Planeten?

PF ist genauso altmodisch wie PvM. Er wollte mir den Beifahrersitz überlassen und hinten einsteigen, einfach, weil ich eine Frau bin. Das ist genau die Art, die auch PvM an sich hat. Frauen sind was Kostbares, die müssen behütet werden, und den Vortritt kriegen wir sowieso. Allerdings, das hat sich ja rausgestellt, ein bisschen Fürsorge brauch ich wirklich.

Ich sagte hastig zu PF, steig du vorne ein, ihr beide wollt doch reden, ich machs mir hinten bequem.

So geschah es, und unterdes klappten an Reginas Schlachtschiff die Türen, die knallten natürlich nicht, sondern gaben nur ein weiches Ploff, und das wiegende Gefährt setzte sich in Bewegung, fast lautlos, Regina wendete in der engen Straße praktisch auf der Stelle, ohne rangieren zu müssen, entweder ist sie eine so gute Fahrerin, oder ihre Edelkarosse hat so etwas wie einen Kreisel eingebaut, ich weiß nicht, ich sah mir das an und dachte, es gibt viele Welten auf dieser Welt.

(Nachrichten vom 13. bis 17.03.2022, neu eingestellt auf dieser Seite am 02.06.2022 von Peter Flamm, © Verlag Peter Flamm 2022)