Banshee Neue Folge 41

Nachricht von Ayse Konopski

„Wissen wir immer noch nicht“, sagte Regina. „Keiner von uns weiß, warum seh ich die, warum ausgerechnet ich.“ Und sie wies wieder mit einer kurzen Bewegung ihres Kinns hinüber zu den schönen Mädchen, drüben auf der Insel, den schönen traurigen Frauen.

„Könnte Gnade sein“, sagte PvM knapp. „Gottes unerforschlicher Ratschluss. SIE weist auf einzelne Menschen mit dem Finger und sagt: Du. Nichts weiter. Und das ist dann eben mein Auftrag. Ich mach die Augen auf und sehe. Und dann bleibt mir nichts anderes übrig, ich muss damit leben. Könnte ja sein, es stimmt, was Ayse sagt, und Balbutin hat es auch angedeutet: Dies ist der Anfang einer neuen Zeit. Wir sind irgendwie anders. Nur ein kleines bisschen anders als andere Menschen. Da ist etwas in uns, wie hast du das ausgedrückt, Ayse? Eine leichte Veränderung des Blicks. Ein neues Mitleid, ein Erbarmen, das bisher nicht da war. Manche Tiere sehen in einem anderen Spektrum, sehen Farben, die wir nicht sehen. Vielleicht ist das so bei uns. Unser moralisches Spektrum ist leicht verschoben, und auf einmal sehen wir nicht nur das Licht von oben, sondern auch die Finsternis unter uns, und die Wesen, die in dieser Finsternis leiden. Und die Wesen blicken zu uns hoch und halten uns für höhere Wesen, weil wir ja mehr im Licht stehen als sie, und sie rufen zu uns, sie beten zu uns, sie wollen nicht einmal Hilfe von uns, nur Aufmerksamkeit, das war doch dein Punkt, Ayse, die wollen einfach, dass wir sie beachten, dass wir uns ihnen zuwenden, das wollen doch alle, die in der Finsternis leben, sie wollen ja noch nicht einmal Hilfe, sie wollen nur, dass da oben, im Licht, dass von denen da oben verstanden wird, wie sehr sie leiden, und bisher haben wir Menschen immer gedacht, wir sind die ganz unten, wir sind die am Boden, und über uns ist dieser weit entfernte, dieser transzendentale Himmel aus Licht, nun sehen wir auf einmal, und mit „wir“ meine ich uns drei, und alle, die so sind wie wir, nun sehen wir auf einmal, richtig körperlich, wir können das auf einmal sehen, wir sind keineswegs die ganz unten, wir stehen vielmehr auf einem Stockwerk weiter oben, über uns sind in der Tat die Lichthimmel Gottes, aber unter uns sind weite Gelände aus Finsternis, darin leben Wesen, die starrten hoffnungsvoll zu uns hoch, ob wir uns ihnen zuwenden, und alles, was sie von uns erwarten, ist, dass wir begreifen, wie sehr sie leiden. Wir können das sehen, und wir können vielleicht nicht helfen, aber unsere Aufmerksamkeit denen schenken, unsere Anteilnahme, das können wir schon, und da wir es können, müssen wir es auch, das ist eine moralische Frage, damit müssen wir leben.“

„Ja“, sagte ich, „wir müssen alle damit leben.“

„Du besonders“, sagte PvM.

„Wir passen auf dich auf“, versprach Regina.

Und sie schwieg für einen Moment, die Chefin des Fons, dann sagte sie: „Dann bleibt es also dabei. Wir gegen den Rest der Welt.“

(Nachricht eingegangen am 31.05.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 01.06.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)