Banshee Alte Folge 41

Nachricht von Ayse Konopski, vom 08.03.2022

Das war es also, jetzt war der Punkt erreicht, um den es ging. Ich saß da, hatte meine beiden Hände in den Haaren, starrte hinunter auf den Teller mit den Kuchenkrümeln. Ich hörte, ja, ich hörte PvM Luft holen, und ich dachte, Gott sei Dank, der Alte sagt was für mich, der Alte rettet mich, Hauptsache, der redet, solange der redet, muss ich nichts sagen, da schnappte Diana:

Sei du mal still, warum redest du immer für die Maus, die soll selber für sich reden, sonst heißt es hinterher, wir haben der sowieso alles in den Mund gelegt.

Und ich hörte Regina sagen, mit ihrer sanften Ironie: Vielleicht braucht die Maus einfach eine Pause.

Oh ja, bitte, Pause.

Es kam so. Ich schnäuzte mich, ich stand endlich auf und traute mich, nach dem Badezimmer zu fragen, Regina führte mich nicht etwas selber hin, sie erklärte mir aber auch nicht den Weg, nein, die hübsche reife Russin wurde gerufen, die führte mich. Offenbar darf hier kein Besucher allein in den Korridoren herumstreifen, wundert mich, dass die mich damals in dem Dschungel allein gelassen haben.

Danke, sagte ich zu der Russin, zurück finde ich dann sicher selber – ?

Die Russin schüttelte den Kopf, ich warrrte hier, sagte sie, und sie machte Ernst, sie setzte sich auf einen Stuhl, der im Korridor stand, und der Korridor war hell und kalt, Glas und Stahl und Chrom, und ich durfte hineingehen in den Ort, wo es nach Wasser roch, nach kaltem, frischem Wasser.

Ich war so froh, dass ich allein war, ich kann euch das nicht sagen. Es sah aus, wie es überall in Badezimmern und Toiletten aussieht, aber alles eine Spur edler, die Waschbecken riesig, mit geschwungenen Kanten, wie Schwanenhälse, und auch die Spiegel geschwungen, mit silberblauen Rahmen.

Ich starrte in einen von den Spiegeln. Ich sah bloß einen roten, verheulten Klumpen. Ayse, murmelte ich, das bist du nicht.

War ich. Statt zu pinkeln, machte ich mich erstmal daran, mir das Gesicht zu waschen, mit kaltem Wasser und noch mehr kaltem Wasser, und als ich fertig war, war mein Gesicht noch genauso rot, aber wenigstens kühl, und nicht mehr so geschwollen. Ich trocknete mich ab, ich hatte mein Täschlein dabei, ich machte mir wenigstens die Augen ein bisschen zurecht, und dann ging ich pinkeln.

Während ich auf dem Thron saß, dachte ich nach. Ich dachte an alles, was PvM gesagt hatte. Auch an das, was er über Sex und über Gott gesagt hatte. Ich dachte daran, wie ich mich nach der Umarmung Konopskis gesehnt hatte, und wie der mich dann verraten hatte. Und dann dachte ich: Ich muss denen was sagen. Ja. Aber ich muss denen was sagen, was die Wahrheit ist. Heißt: ich muss einen Entschluss fassen, hier und jetzt. Ich muss mit mir selber klar kommen.

Ich machte mich sauber, ich zog mir die Hosen wieder hoch, ich wusch mir an dem Schwanenbecken noch mal sorgfältig die Hände, dann ließ ich mich von der reifen Russin zurückführen ins Chefzimmer. Drinnen war alles so, wie ich es verlassen hatte. Die beiden Erwachsenen standen wieder am Fenster und beredeten sich, überaus ernsthaft, Regina hielt PvM fest, indem sie ihren Zeigerfinger in eines von den Knopflöchern an seinem Jackett gebohrt hielt, hätte nie gedacht, dass die sowas macht, so distanziert, wie die sonst ist, und Diana saß ganz still und wartend auf ihrer Couch, in sich gekehrt, ausdruckslos, wie eine Königin, die darauf wartet, dass die Minister mit ihrer Beratung an ein Ende kommen.

Also, ich will dann was sagen, sagte ich laut, in das Zimmer hinein.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 09.03.2022

Wir saßen wieder, wie vorher, und ich hörte mein Herz klopfen, dann beugte ich mich vor, ich hatte die Ellbogen auf den Knien, und die Hände gefaltet, so saß ich, und ich sah PvM an, Regina, blickte seitwärts zu Diana, und ich wusste, ich muss es jetzt tun, ich muss es jetzt sagen, und also machte ich endlich den Mund auf. Das ist, was ich sagte.

Ich hab das alles nicht gewollt, sagte ich. Die Dinge sind geschehen, sie sind schnell geschehen, und es war mehr, als ich verkraften konnte. Ihr müsst verstehen, das waren alles Dinge, das sind alles Dinge, mit denen ist ein Mensch normalerweise nicht konfrontiert. Da gibt es keine Muster. Da draußen sind Geister um die Wege, oder Vampire, oder gefallene Engel, Wesen eben, niemand weiß, was er mit denen anfangen soll, aber wir können die sehen, und andere Menschen nicht, und die sind also auf einmal da, und es stellt sich raus, die haben kein anderes Ziel die haben keinen anderen Wunsch, als mich zu sehen. Als mich anzugucken. Das ist ihr Verlangen. Dafür gehen die auf die Knie vor mir. Also, was hätt ich tun sollen? Für so was gibt es kein Handbuch. Ich konnt nicht in die Bibliothek gehen und sagen, he, Leute, ich hab da dieses Problem, ihr habt doch bestimmt eine Ecke mit Ratgebern, wo steht da was. Da ist nichts, nirgendwo. Da ist kein Ratgeber, der was weiß, und seid mal ehrlich, ihr wisst doch auch nichts. Ihr seid vorsichtig, aber ehrlicherweise muss man sagen, lasst mich das mal sagen, ihr seid ja auch nicht betroffen. Die wollen euch ja nicht sehen. Euch nicht. Mich wollten die sehen, mich wollen die sehen, darum geht es. Da habt ihr gut reden, Mädel, mach sowas nicht, ihr guckt ja bloß zu. Ihr wisst nicht, wie das ist, ihr wisst nicht, wie die mich angucken, ihr wisst das nicht, weil ihr selber von denen nicht so angeguckt werdet. Die wollen nichts von euch, die wollen was von mir.

Ich holte Luft, ich machte eine Pause. Es war totenstill im Zimmer, und die drei hörten mit zu, so aufmerksam, dass sie gut selber die Besucher hätten sein können, so sahen die mich an.

Das ist der Punkt, sagte ich, das Ganze war von allem Anfang an mein Problem, und was nützt mir der Rat von Leuten, die nicht in meiner Lage sind? Diese Engel – die sind wie Bettler. Bettler, die vor mir stehen und unbedingt was wollen, und ich kann es ihnen geben. Wenn ein Bettler vor dir steht und sagt, gib mir dein Haus, klar sagst du zu dem, brauch ich selber. Aber die Engel, die gefallenen Engel – das einzige, was die von mir wollen, das ist mein Anblick. Die wollen meine Gegenwart, nichts sonst. Wie konnt ich das verweigern? Wie konnt ich mich weigern, das herzugeben? Etwas herzugeben, was doch so leicht herzugeben ist? Musst ja nichts weiter tun, als mich auszuziehen und mich hinzustellen, was ist daran schwer? Jedes Mädchen könnte das tun, aber sie wollen es ja nur von mir, von mir, von niemandem sonst! Und ihr habt zugeguckt, was hättet ihr auch sonst tun sollen, und das ist alles, wie es ist. Ich hab gemacht, was ich gemacht hab, weil mir nichts anderes übrig geblieben ist, ich konnt denen das nicht verweigern, und ihr habt zugeguckt, denn was anderes ist euch auch nicht übrig geblieben, und das war es.

Ich machte wieder eine Pause, ich hielt mich jetzt an meiner Teetasse fest, die Russin hatte inzwischen frischen Tee gebracht. Ich sagte: Und dann kam alles, wie es gekommen ist. Ich bin einen Schritt zu weit gegangen. Als es passiert ist, wusste ich ja nicht, dass ich zu weit gehe. Ich hab euch das ja aufgeschrieben. Ich hab ernsthaft gedacht, und ich muss ein bisschen verwirrt gewesen sein, als ich das dachte, also ich hab ernsthaft gedacht, ich schaff das, ich kann das, ich kann für alle Ewigkeit da draußen in den Gärten und Wäldern umherstreifen, nackt, im Angesicht Gottes, ich kann das.

Wenn ich jetzt schon wieder inne hielt, dann war es, weil ich mit den Tränen kämpfte. Ich fühlte das Brennen hinter meinen Lidern, und ich dachte, Ayse, du heulst nicht wieder, nicht wieder, nicht schon wieder, und ich hielt durch, ich riss mich zusammen, ich stand das durch.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 10.03.2022

Ich schluckte ein bisschen, bis der Kloß in meinem Hals weg war, dann sagte ich, mit leidlich klarer Stimme: Ich hab mich natürlich geirrt. Ich konnte das nicht, ich bin ein Mädchen aus Fleisch und Blut, niemand kann sowas. Frage ist aber — okay, ihr wollt wissen, ob ich irgendwas bereue. Ob ich mich für irgendwas schäme. Ob ich mich für irgendwas entschuldige.

Sie holten alle drei zur gleichen Zeit Luft, und ich ließ ihnen gar nicht die Gelegenheit, was zu sagen. Ich sprach einfach weiter.

Also, klare Ansage, sagte ich. Ich schäme mich für gar nichts. Ich bereue nichts. Es tut mir leid, dass ihr solche Angst um mich hattet. Das hätte nicht passieren dürfen, aber ich weiß nicht, wie das alles hätte anders laufen können. Ich konnte ja nicht vorher sagen, also, ich bin dann mal weg. Ich konnte das nicht, weil ich ja selber nicht wusste, dass es passieren würde. Aber was dann passiert ist, also, was da in der Nacht auf der Wiese passiert ist, nein, keine Rede in der ganzen Welt, dass ich das bereue. Wenn ich jetzt sterben müsste, würde ich sagen, also gut, ich hab ihn ja gehabt, den Höhepunkt meines Lebens, dann wars das also. Das war, was da passiert ist, auf der Wiese in der Nacht. Der Höhepunkt meines Lebens. Ich kann das nicht in Worte fassen. Es war eine Erfüllung, die alles Leben klein daneben aussehen lässt. Es war ein überwältigendes, unbegreifliches Geschenk. Wie könnte ich sagen, ich nehme das Geschenk nicht an, ich werfe es weg, ich entschuldige mich dafür? Ich weiß, ich weiß weiß weiß, und wenn ich hundert Jahre alt werde, ich werde an diese Nacht denken als an den Höhepunkt meines Lebens. Ich weiß das. Also. Erwartet nicht, dass ich was bereue. Erwartet nicht, dass ich mich für irgendwas schäme. Ja, es tut mir leid, dass dann meinetwegen ein solcher Aufstand war. Dass ich euch solchen Ärger gemacht habe. Und ich weiß, ich bin dafür verantwortlich. Aber es ist alles geschehen, wie es eben geschehen ist, und ich bereue nichts, absolut nichts, und ich sehe nicht, was ich etwa hätte anders machen können.

Ich dachte einen Augenblick nach, und niemand unterbrach das Schweigen, und dann sagte ich: Diese spanische Nonne, die hätte mich verstanden. Bitte, versucht ihr doch auch, mich zu verstehen.

Wir versuchen das ja, sagte Diana neben mir. Aber was wird jetzt?

Was ich dann sagte, ich weiß nicht, ob ihr das verstehen könnt, welche Mühe mich das kostete. Ich hab euch ja alles erzählt, was ich erlebt habe, ich weiß nicht, ob ich die richtigen Worte gefunden hab, aber ich hab alles erzählt, und ich hab mich bemüht, nichts wegzulassen. Und jetzt also sagte ich: Ich hab was gelernt. Was ich sagte. Dass ich mich geirrt hab. Ich kann da nicht rausrennen und ein Wesen werden, ein Wesen aus Fleisch und Blut, das trotzdem keine Nahrung braucht, keine Kleider, das unempfindlich ist gegen Wind und Wetter, ich kann da nicht rausrennen und eine Fee werden oder eine Elfe, mir wachsen keine Flügel, einfach so, das ist hier keine young-adult-novel, das ist die Wirklichkeit, und ich bin Ayse, ich bin aus Fleisch und Blut, also, das hab ich gelernt, ich kann das nicht. Die spanische Nonne ist auch in ihrem Kloster geblieben, die ist nicht weggerannt, was immer sie das gekostet haben mag. Und deswegen – okay. Unsere Geschichte ist noch lange nicht zu Ende. Wir müssen rauskriegen, was es mit den Besuchern auf sich hat. Was die wollen. Und was wir ihnen geben können. Ich hab jetzt gelernt, was ich denen geben kann, und was nicht. Wie weit ich dabei gehen kann. Das ist es, was ich euch sagen will. Ich sag nicht, dass ich mich um die nicht mehr kümmere. Dass ich mich nicht mehr hinstell, wenn die mich sehen wollen. Dass ich nicht auch versuch festzustellen, was die eigentlich genau von mir wollen. Warum die das so unbedingt wollen, mich ansehen. Schließlich, da liegt vielleicht der Schlüssel. Wenn wir erst mal rauskriegen, was die in mir sehen, und was die von mir wollen, dann kriegen wir auch raus, was die überhaupt hier wollen. Richtig? Aber ich hab jetzt auch begriffen, weiter kann ich nicht gehen. Ich renn nicht noch mal dort raus, ungeschützt und ohne alles. Versprochen. So schlau bin ich geworden, dass das nicht geht. Das weiß ich jetzt. Peter sagt, ich hätt das nur knapp überlebt. Vielleicht. Aber noch ein bisschen leben, das möchte ich schon. Also, wenn das eure Frage ist, und wenn es das ist, was euch Angst macht: Ich reiß mich zusammen. Dass ich mich nicht mehr um die Engel kümmere, das versprech ich nicht. Da ist was zwischen denen und mir, das müssen wir noch rauskriegen. Aber ich versprech, ich reiß mich soweit zusammen, dass ich nicht wieder weglauf. Ich mein das ernst. Ich mach das nicht nochmal. Versprochen.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 11.03.2022

Also ich sag jetzt nicht, dass allgemeine Feierstimmung aufgekommen wär, Umtrunk und so. Champagnerkorken. Aber nahe dran wars schon. Vor allem die beiden Erwachsenen waren sowas von erleichtert, ich sah, die wollten mir einfach glauben. Diana traute mir nicht ganz, sie behielt mich von der Seite scharf im Auge, na ja, die hat schließlich Kinder, sie ist das gewöhnt, dass die Kinder immer genau das sagen, was die Erwachsenen hören wollen. Egal. Es war da irgendwie dieses Gefühl, wir haben was geklärt, wir haben was zum Abschluss gebracht, jetzt kann es weitergehen, jetzt können wir neu anfangen.

Wir müssen unsere Baustellen im Auge behalten, sagte PvM, mit einem Blick auf Diana. Balbutin. Und wieso wir die sehen können, und andere nicht.

Und wieso sie nicht in die Wohnungen kommen, ergänzte Regina.

Sie waren hier, sagte PvM. Unten im Gewächshaus. Das ist auch ein Innenraum. Sieht nicht so aus, aber es ist einer. Und Balbutin hat behauptet, sie wären in seiner Wohnung gewesen. Kann er sich eingebildet haben.

Diana rutschte unruhig hin und her. Der war zum Schluss in einem Zustand, sagte sie, da hat er Gespenster gesehen, überall, der war in dauerndem Alarmzustand, hat über seine Schulter geguckt, wo er ging und stand, ist zusammengezuckt, wenn ich ihn angeredet hab, deshalb hab ich den ja zu dieser Therapeutentussi geschickt, Fehler meines Lebens, ich weiß.

Du hast es doch bloß gut gemeint, erlaubte ich mir einzuflechten, ich hatte das Gefühl, ich müsse jetzt unbedingt noch was sagen, was Konstruktives, ich weiß doch auch nicht, wie die Dinge weitergehen sollen.

Ja, sagte Regina zu PvM, aber in deine Wohnung dringen sie nicht ein, und das wär doch zu erwarten, wo sie so hinter Ayse her sind.

Das war unsere erste Frage, erwiderte PvM, und wir haben sie immer noch nicht beantwortet. Können wir die sehen, weil da was mit uns ist, oder zeigen die sich uns, speziell uns? Ich —

Das ist eindeutig, unterbrach ihn Regina. Das liegt an uns. Die sind jedes Mal überrascht, die starren uns an, wenn sie mitkriegen, wir können sie sehen. Inzwischen haben sie sich an uns gewöhnt. Oder wie immer man das nennen soll. Wir wissen ja nicht einmal, ob sie denken. Ob sie wirklich hier sind, nicht einmal das wissen wir. Könnten auch Projektionen sein, von irgendwoher.

Die denken, sagte ich. Und ob die denken. Die kommunizieren doch auch untereinander. Erinnert euch daran, wie die gewusst haben, ich bin zu Peter umgezogen.

Ich glaube, sagte PvM, Balbutin hat sich das wirklich eingebildet, dass die in seiner Wohnung gewesen wären. Ich könnte schwören, als Diana vor meiner Tür gestanden hat, die haben die niemals vorher gesehen. Die haben sich an sie ran gedrängt, als – als wollten sie an ihr schnuppern. Aber ihr in die Wohnung gefolgt sind sie trotzdem nicht. Nein, da ist etwas in uns, etwas an uns, dass wir die sehen können. Etwas, was uns von den meisten anderen Menschen unterscheidet. Wir sind anders, wir werfen ein irgendwie anderes Licht auf die Welt, deshalb können wir die sehen. Könnte man so sagen. Vielleicht hat es schon immer solche gegeben wie uns. Die haben still und weise für sich behalten, was sie gesehen haben. Regina. Es war offensichtlich, der jüngere von deinen Schlapphüten, der kann die auch sehen. Der hat Diana angestarrt, als wollt er nicht glauben, was er da sieht. Das war doch offensichtlich.

Es wird viel geredet, ich höre viel, ich darf nicht über alles reden, gab Regina kurz zurück. Das müsst ihr verstehen.

Man könnte sagen, resümierte PvM, große Dinge kündigen sich an, oder, es bleibt alles beim Alten. Denn schließlich, dass da draußen noch eine andere Welt ist, eine übersinnliche Welt, das wissen die Menschen, seit die Welt steht, das ist nicht neu, nur heute wird gern behauptet, gibt’s doch alles gar nicht, hat die Wissenschaft jetzt rausgekriegt. Im Grunde stehen wir dort, wo die Menschheit seit jeher steht: ganz am Anfang.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 12.03.2022

Das hätte ein schönes Schlusswort sein können, wenn man denn auf schöne und große Worte steht, aber dann kam es hageldicht.

Ich weiß noch, dass ich erleichtert war, diese furchtbare Sitzung zu Ende, jetzt nach Hause, ja bitte, nach Hause, mir war es sogar egal, dass wieder die Meute vor dem Haus auf mich warten würde, nur einfach ein stiller Abend zu Hause, vielleicht könnte PvM ein bisschen sein Klavier spielen?

Was spielte, das war PvM‘s Handy. Wir standen alle schon, Regina hatte wieder den Finger in einem von PvM‘s Knopflöchern, und dann fummelte PvM an seinem Handy herum.

Es hatte auf dem Tisch gelegen, wo PvM es hatte liegen lassen, nachdem er uns die Statue der spanischen Nonne gezeigt hatte, ich hatte es blinken sehen, da war ein Anruf drin, PvM hatte das auch gesehen, musst warten, hatte er gemurmelt, und das Ding hatte nochmal geblinkt, und nochmal, und PvM hatte es nicht beachtet.

Jetzt öffnete er es, starrte auf das Display, so auffällig, dass wir ihn alle ansahen. Er tippte eine Rückrufnummer an, rief hinein, ja, ich bin es, und dann: Was? Was????

Und dann hörte er eine Weile zu, und sagte bloß noch: Ich komm rüber.

Er steckte das Gerät ein und sagte, unbestimmt in den Raum hinein: Das war PF. Er hat Balbutin. Ich meine, er ist bei Balbutin. Drunten, in Montbel. Ich hab die Adresse.

WAS ist los? rief Diana. Balbutin ist hier? Wo? Sofort! Was —

Ich fahr da jetzt hin, sagte PvM und steuerte auf die Tür zu, ohne einen Augenblick zu überlegen, was Regina dazu zwang, mit ihm zu gehen, sie bekam nicht rechtzeitig ihren Finger aus seinem Knopfloch.

Diana stellte sich ihnen praktisch in den Weg.

Du glaubst doch nicht im Ernst, du fährst da alleine hin. Ich bin vor dir dort. Gib mir die Adresse. Ich will die Adresse. Wenn Balbutin dort ist, will ich dorthin.

Ich auch, sagte Regina, die sich zwar endlich befreit hatte, nun aber PvM‘s Revers festhielt. Ich will wissen, was da los ist. Ich komm mit.

Ich auch, dachte ich, mich interessiert das auch. Ich sagte es aber nicht laut, ich wollte nicht schon wieder auf mich aufmerksam machen, ich war ja so froh, dass ich aus der Schusslinie war.

Fahren wir eben alle, sagte PvM, während Regina sich von ihm loseiste, um hastig nach ihrer Tasche zu stöbern, sie kramte darin herum, auf der Suche nach ihren Autoschlüsseln, nehm ich mal an, und für einen Augenblick sah sie aus, wie jede normale Frau aussieht. PvM hat einmal getönt, eines der großen Geheimnisse weiblicher Existenz, Männern unzugänglich, das ist, Frauen können in einem ganz gewöhnlichen zierlichen Handtäschchen ihren Arm bis zur Schulter vergraben, wenn sie nach ihren Schlüsseln suchen, der Spruch fiel mir wieder ein, als Regina genau das tat. Dann rannte sie hinüber zu ihrem Schreibtisch, und drückte wohl einen Knopf, denn es dauerte nur Sekunden, da kam die Russin wieder rein.

Ich muss weg, sagte die Chefin. Gib der Hausverwaltung Bescheid.

Die Russin schnurrte davon wie ein gut geöltes Rädchen, wo war die, überlegte ich, dass die so schnell aufgetaucht ist, hat die vor der Tür gesessen?

Wo ist Balbutin? fauchte Diana. Gib mir die Adresse!

PvM nannte einen Straßennamen, den ich nicht verstand, und fügte hinzu, das nützt dir ja nichts, du musst sowieso mit uns mitfahren, wir beeilen uns ja, und ja, Balbutin ist hier, PF hat ihn aufgestöbert, ich weiß doch nichts, das war PF eben am Telefon, der hat keine Einzelheiten genannt, der hat mir nur die Adresse gegeben, okay? Wir fahren da jetzt hin, und alles Weitere wird sich zeigen.

Wir stiegen zu viert in einen der verspiegelten Aufzüge, und ich dachte, das sei vor ein paar Wochen gewesen, in einem anderen Leben, als wir am Nachmittag hier hochgekommen waren, ich hatte das Gefühl gehabt, es ginge zu meiner Hinrichtung, jetzt war ich vom Haken, ich versuchte, mich hinter PvM‘s Rücken unsichtbar zu machen, es ging nicht mehr um mich, so ein Glück, es ging um Balbutin.

Dann fiel mir ein, dass es ja Balbutin gewesen sein musste, der mich in den Wiesen gefunden und zurück zum Haus getragen hatte, wie hatte der mich gefunden, woher hatte der gewusst, wo ich war? Es würde doch wieder von mir geredet werden.

Und der hatte mich nackt gesehen. Und wieder fiel mir siedendheiß ein, was, wenn der mich die ganze Zeit verfolgt hatte, und wenn der mich beobachtet hatte, wie ich da auf der Wiese lag und mir — ohgottohgottohgottohgott, und Diana dachte natürlich auch da dran, wahrscheinlich dachte sie die ganze Zeit dran, und jetzt dachte ich dran, so ein Scheiß, redete ich zu mir selber, Ayse, du musst endlich dein Ding geregelt kriegen.

Der Aufzug war einer von denen, die so unmerklich zum Stehen kommen, dass man meint, man fährt noch. Die Tür öffnete sich, und ich sah Diana an. Ihre Augen glänzten, weit offen, und ihr Gesicht war scharf und angespannt, sie sah mehr denn je aus wie eine von den —

Armer Balbutin, dachte ich, jetzt kommt die über dich. Sie hat doch hoffentlich nicht das Kuchenmesser eingesteckt? Hat die das Messer?

Fahrt vor, sagte Regina, ich komm euch hinterher. Nochmal die Adresse?

PvM nannte sie erneut, und zu meiner Überraschung fragte Diana, mit immer dem gleichen starren Gesicht, in Richtung der Chefin: Darf ich mitfahren?

Hopp, sagte Regina mit einem einladenden Kopfwinken, und die beiden verschwanden ohne weitere Worte in einem Korridor, in Richtung der Hausrückseite, indes ich PvM zum Vordereingang folgte, und hinaus auf den Besucherparkplatz.

Diana wollte offenbar Zeit gewinnen, und seien es nur ein paar Minuten. Was ging da ab?

(Nachrichten vom 08. bis 12.03.2021, neu eingestellt auf dieser Seite am 01.06.2022 von Peter Flamm, © Verlag Peter Flamm 2022)