Banshee Neue Folge 40

Nachricht von Ayse Konopski

Wir rückten uns zurecht, und Regina hatte plötzlich eine wilde Entschlossenheit im Blick, wie ich sie an ihr noch niemals gesehen hatte. Das war sie also, die Chefin des Fons. „Es gibt da schon eine Wahl“, sagte sie. „Eben die Wahl zum Bösen. Zum Niedrigen, zum Erbärmlichen. Zum Mitmachen. Wenn wir diese Wahl träfen, könnten wir zum Beispiel sagen, alles zurück, war alles ein Irrtum, wir haben uns verrannt, selbstverständlich haben wir nichts gesehen. Wir haben Drogen genommen, oder sowas.“

„Oder, noch einfacher“, ergänzte PvM, „wir haben ja von vornherein gesagt, das war von Anfang an nur ein Spiel, ein Rollenspiel, das hat mit diesem Häuflein im Verlag angefangen, wir haben uns verabredet, eine Geschichte zu erfinden, mit verteilten Rollen, und dann ist das aus dem Ruder gelaufen, einige von uns haben sich in das Spiel hineingesteigert, jetzt sind wir aber wieder nüchtern geworden, also, das war alles nur ein überdrehtes Spiel.“

Für einen Augenblick war Stille zwischen uns dreien, dann fuhr PvM fort, ernsthaft im Ton einer Frage: „Könnten wir sowas sagen?“

„Nie im Leben“, sagte ich, noch immer die Wange auf meinen Knien und PvM beobachtend.

„Nur über meine Leiche“, sagte Regina. „Ich weiß, was ich sehe.“

„Ich auch“, nickte PvM. „Wir alle wissen das. Wir sehen, was wir sehen. Das heißt aber, wir stehen mit dem Rücken zur Wand. Oder wir sind ans Ende des Festlandes abgedrängt, im Rücken haben wir jetzt nur noch den Sturm und das Meer. Wir stehen auf den Klippen, sozusagen. Am Rand der Klippen. Und wir haben — im Augenblick haben wir gar keine andere Wahl, als zu warten, was vom Land aus auf uns zukommt. Da kommt was, das ist sicher. Wir müssen es einfach abwarten.“

„Wir könnten aktiv werden“, schlug Regina vor. „Von uns aus. Eben nicht warten, was passiert. Wir könnten hingehen und uns an den Burroblast ranmachen.“

„Glaub nicht, dass das Sinn hätte“, entgegnete PvM. „Der ist nur ein Handlanger, ein Rädchen im Getriebe. Der nimmt sich ungeheuer wichtig, aber er ist gar nichts. Der kriecht vor seinem Azazel auf dem Bauch, und das ist genau seine Stellung in der Sache. Einer, der auf dem Bauch kriecht. Den haben doch sowieso schon die Schlapphüte im Visier. Wenn wir da auch noch auftauchen, machen wir noch zusätzlich auf uns aufmerksam. Besser wär‘s, wir tasten uns ganz vorsichtig voran, und tun nach und nach die Leute auf, die ebenfalls was sehen, wie wir – und die bereit sind, das zuzugeben. Und wenn nur unter vier Augen.“

„Ja“, sagte Regina hoffnungsvoll, „du hast recht. Das ist der Weg. Wir müssen die finden, die was sehen, wie wir. Und denen klar machen, sie sind nicht allein.“

„Und all die anderen“, fuhr PvM fort, „vor allem die Bevormunder, die Besserwisser, die Grinser, all die Besitzer Heiliger Bücher – die müssen wir draußen halten. Je weniger die wissen, desto besser. Gar nicht erst die Aufmerksamkeit von denen erregen.“

Und endlich sagte ich auch mal etwas, ich rückte mich zurecht auf meinem Sitz und sagte: „Das bringt uns zurück zu der alten Frage, warum ausgerechnet wir. Ich meine, das fragt sich doch jeder von uns, ganz für sich selber, warum ausgerechnet ich? Warum steh ich jetzt hier im Gelände und seh was, und all die anderen um mich herum, die Familie eingeschlossen, die versichern, da ist nichts?“

(Nachricht eingegangen am 30.05.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 31.05.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)