Banshee Alte Folge 40

Nachricht von Ayse Konopski, vom 28.02.2022

Und natürlich platzte Diana dazwischen. Ich glaube schon, dass sie verstand, was zwischen mir und Regina und PvM vorging. Sie hatte nur ihre eigenen Gedanken, und die wollte sie jetzt loswerden.

Wir saßen zu viert in Reginas Zimmer, die Schlapphüte verschwunden, und ich suchte nach Worten, ich wollte irgendwas Passendes sagen zu PvM‘s Frage, wie das mit meiner Gegenwehr aussähe, ich wollte und wollte und wollte nicht wieder was sagen, was nach Verteidigung und Rechtfertigung ausgesehen hätte. Mir kam in den Sinn, ich müsste jetzt was sagen in der Art von: Ich bin es doch, die sich für euch hinstellt. Ihr stellt euch der Sache nicht richtig. Die Besucher sind da, und ihr alle versucht mehr oder weniger, euer Leben weiterzuleben und so zu tun, als wäre nichts. Ich bin es, die da rausgeht, ich trag meine Haut zu Markte. Also helft mir. Ich muss gar nichts für euch tun. Ihr müsst was für mich tun.

Sowas ging mir durch den Kopf, aber dann platzte Diana dazwischen. PvM nennt sie ja taktlos, aber sie ist das nicht, jedenfalls nicht aus ihrer Sicht. Sie steuert einfach nur gezielt an, woran sowieso alle denken, und worüber keiner zu sprechen wagt. Das nervt sie. Ich glaub, ihre Kinder haben es toll. Bei ihr gibt es keine Leichen im Schrank, keinen Dreck, der unter den Teppich gekehrt wird, keine ungelösten Probleme unter dem Tisch, sie guckt, sie sieht, sie spricht an.

Also, sagte sie, Punkt ist, Ayse war da draußen zwei Tage und zwei Nächte, und sie war nackt dabei. Sie hat sich rumgetrieben, und sie hat munter Sex dabei gehabt, mit sich selber. Okay. Ich seh ein, dass die Bullen das nicht unbedingt wissen müssen. Aber da hab ich doch mal klar eine Frage. Ayse. Gehst du vielleicht deshalb nackt raus ins Gelände, weil dich das spitz macht, und weil du dann den Sex deines Lebens hast? Du hast selber geschrieben, du bist noch nie in deinem Leben so gekommen wie da, als du es dir in der Nacht auf der Wiese selber gemacht hast. Also?

Also. Nennt mir noch einen Menschen in der Welt, der sowas einfach so serviert. Den will ich kennenlernen.

Selbst Regina wurde ein bisschen rot, und mir wurde klar, alle hatten sie über diesen Punkt nachgedacht. Ich hatte darüber nachgedacht. PvM hatte darüber nachgedacht. Aber wie üblich bei PvM, war er bei seinem Nachdenken auf Dinge gekommen, die — okay, die alles ein bisschen anders aussehen lassen.

Die Dinge liegen so einfach nicht, sagte er. Klar hat das alles was mit Sex zu tun. Aber erst in zweiter Linie. Ich hab auch gelesen, was Ayse geschrieben hat, wir alle haben das gelesen, und sie hat ja alles sehr anschaulich geschildert. Ayse, das will ich mal ausdrücklich sagen, wir sind dir Dank schuldig, dass du alles so offen und rückhaltlos geschrieben hast. Hätte nicht jeder getan, und du hättest manche Dinge ja auch einfach verschweigen können. Hast du nicht getan. Lasst uns doch jetzt genauso offen reden, wie du geschrieben hast.

Das war ein guter Anfang, und Regina setzte sich zurecht und sagte: Ja. Lasst uns reden. Mit allem Respekt. Ayse hat sich uns offenbart. Ayse, wir wollen und werden nichts, was du geschrieben hast, gegen dich ausnutzen. Könnten wir auch gar nicht. Du hast nichts falsch gemacht. Die Dinge sind wie sie sind. Jetzt müssen wir alle versuchen, damit zurechtzukommen. Deshalb müssen wir reden, über alles.

Ja, endlich. Reden über alles. Ich war den beiden Alten so dankbar, dass sie über alle Hürden weggingen, als wären die gar nicht da. Ja, bitte. Lasst uns reden, über alles. Endlich mal reden. Über meine Nacktheit. Darüber, dass ich Sex mit mir selber hatte, und dass das großartig war, überwältigend. Lasst uns darüber reden, dass Ayse Sex braucht, und dass es sie erregt, wenn ihr dabei zugeguckt wird, denn so war es doch, die Besucher hatten mir zugeguckt, die Sterne und die Gräser hatten mir zugeguckt, die Nacht hatte mir zugeguckt, und ich hatte es mir gemacht, und ich hatte mich selbst verlassen dabei. Ja, das ist es, worum es ging. Für Augenblicke, für kostbare unwiederholbare Augenblicke war ich nicht mehr ich selber gewesen. Ich war eins mit der Nacht gewesen, eins mit den Gräsern den Sternen den Besuchern.

Auf einmal war das Eis gebrochen. Ich war so froh, dass jetzt darüber geredet wurde. Man sollte meinen, war doch peinlich, wie die das ausdiskutierten, dass ich da auf der Wiese gelegen und es mir selber gemacht hatte. War es aber nicht. Es war wie goldener Mittag. Es wurde einfach darüber geredet, und ich konnte offen sagen, wie wunderbar es gewesen war. Und es war wunderbar gewesen. Niemals in meinem Leben hatte ich eine solche Erfüllung erlebt.

Und PvM, ganz im Ernst, der hatte dazu was zu sagen. Der nahm das ernst, was ich erzählte.

Respekt, sagte er mit Blick auf Regina. Das ist das richtige Wort. Es gibt diese zwei Dinge im Leben eines Menschen, die unbedingt Respekt verdienen, wenn er davon redet, unbedingten und uneingeschränkten Respekt. Das sind seine sexuellen Erfahrungen, und seine religiösen Erfahrungen. Ich sage Erfahrungen, nicht Meinungen. Meinungen über Sex und Religion sind gar nichts. Lehrbücher sind gar nichts. Heilige Bücher sind gar nichts. Worauf es ankommt, ist das, was jeder in seinem Innersten wirklich fühlt und erlebt. Die wirklichen Gefühle und die wirklichen Erlebnisse, auf die kommt es an, und über die kann jeder nur selber Auskunft geben, anders geht das nicht, und wenn dann also einer vorbehaltslos redet, und unverstellt, so wie Ayse das getan hat, dann muss man zuhören, und sich danach richten.

Ja, sagte Regina.

Sie sagte das ganz einfach, ja, wieder ohne besondere Betonung, und wir sahen PvM an, als sei er unser Orakel. War er auch. Er legte Dinge auf den Tisch — okay, ich schreib euch das auf.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 01.03.2022

Wir müssen davon reden, sagte PvM, wie die Ayse dazu gebracht haben, mit ihnen zu kommen. Fortzurennen. Sie ist mitten in der Nacht splitternackt hinaus in die Wiesen gelaufen, in die Gärten, und wo sie sonst war, auf freiem Feld. Zwei Tage und zwei Nächte. Das macht keiner einfach so. Wir können nicht sagen, Ayse ist da zum Spaß einfach so rausgelaufen. Sie hatte einen Grund, oder mehrere Gründe. Einer von den Gründen könnte jetzt sein, Diana hat das angesprochen, unwiderstehliche sexuelle Erregung. Ja? Menschen machen die unglaublichsten Dinge, wenn sie, sagen wir, wenn sie sexuell in einer Ausnahmesituation sind. Halten wir das erst mal fest.

Er machte eine Kunstpause, es war offensichtlich, dass er auf was ganz Anderes rauswollte.

Du hast auf der Wiese gelegen, sagte er zu mir. Du hast hinauf in den Nachthimmel geschaut. Und dann geschahen außerordentliche Dinge, du fühltest dich hinaufgeworfen werden in die Grenzenlosigkeit, du warst dich auf einmal selber los, du fühltest dich umarmt von einer unbegreiflichen Gegenwart, du schwebtest wie ein Punkt wie ein winziger Punkt in dieser Umarmung, ungefähr so?

Niemand kann das beschreiben, sagte ich, es war ein Saugen und Sausen in mir, ich hab mich von mir selbst abgelöst, ich spürte ein Drehen, einen Schwindel, und ich jagte nach oben in unbegreiflicher Geschwindigkeit, und um mich herum waren ungeheure Räume aus Licht, und ich war mitten drin, aufgehoben, in den Armen gehalten, ich schwebte, aber ich hatte keine Angst zu fallen, alles war ortlos, alles war schwarz wie die Sternennacht und gleichzeitig Licht, ja, und da war diese Gegenwart, diese überwältigende Gegenwart, da war jemand, und ich kam fast um vor Liebe, zu diesem Jemand, ich streckte die Arme aus, ich schrie vor Verlangen und Liebe.

Und dann fielst du zurück auf die Erde.

Ich bin nicht wirklich gefallen, da war ein rauschender Schwindel in meiner Magengrube, ein Drehen und Sausen direkt unterhalb des Rippenbogens, und ich verstand, ich lag noch immer auf der Wiese, aber ich hatte kein wirkliches Körpergefühl, es war, als hätte mein Körper alle Grenzen verloren, ich hatte noch ungefähr meine Gestalt, aber die Gestalt war nicht scharf abgegrenzt, es war ungefähr so, als sei meine Haut meine Außenhaut ersetzt durch wirbelnde Wogen und Wellen von weißem Nebel, ja, ungefähr so.

Und dann – dann hast du diese unwiderstehliche sexuelle Erregung in dir gespürt?

Ich hab gespürt, dass meine Möpse spitz waren, und ich war übergossen von Schweiß, mein ganzer Leib stand in Flammen, und ich hab meine Schenkel breitgemacht und ich war nass zwischen den Beinen, heiß und nass, und ich hab angefangen mich zu reiben, und dann bin ich gekommen, ja, ganz schnell, und so stark wie noch nie in meinem Leben, es kam in Wellen, und es war so überwältigend, ich glaube, ich bin für Augenblicke bewusstlos geworden, ich habe niemals sowas erlebt, ich habe nicht gewusst, dass solche Erfüllung möglich ist, solche Ekstase, es war überwältigend.

(Ich hab das wirklich alles so gesagt. Ich bin ein braves Mädchen, hätte nie gedacht, dass ich so reden könnte, vor Zuhörern. Hab es gemacht.)

Ja, sagte PvM, genauso hast du es auch geschrieben.

Okay, mischte sich Diana ein, ich will ja auf keinen Fall sagen, dass ich dir das Ding nicht gönne, du hast also einen Orgasmus gehabt wie nicht alle Tage, niemand will dir das wegnehmen.

Im Gegenteil, bemerkte Regina, mit amüsiertem Unterton. Beneidenswert, könnte man sagen.

In der Tat, fuhr PvM fort, unbeeindruckt. Mir kommt es aber auf die Reihenfolge an. Du hast diese Erfahrung überwältigender Entgrenzung gehabt, du hast deinen Körper verlassen, ja? Und dann kamst du wieder zurück in deinen Körper und hast gefunden, der war erfüllt von lodernder Erregung, sexueller Erregung, richtig?

Ja, sagte ich, so war es. Ich hab sogar gefühlt, sorry, ich hab mir das nicht eingebildet, ich weiß das genau, obwohl es doch unmöglich ist, ich hab deutlich gefühlt, als ich es mir selber gemacht hab, und als ich gekommen bin, da hab ich meinen Kopf im Schoß von einer von den Frauen liegen gehabt, ich weiß selber, dass die nicht materiell sind, aber ich hab es gefühlt.

Ja, sagte PvM, das ist alles ganz genauso, wie du es geschrieben hast. Dieses, sagen wir, dieses spirituelle Erlebnis, diese Erfahrung der Entgrenzung und der Reise hinauf in ein unbegreifliches Licht, das kam also zuerst, und das sexuelle Erlebnis, das schloss sich an. Schon als ich das gelesen hab, hat mich das an was erinnert, ich hab dann ein bisschen gestöbert, vor allem in meinem Gedächtnis, und da musste ich gar nicht lange suchen. Mit der Erfahrung, die du da beschrieben hast, stehst du gar nicht so allein. Das Gespräch, das wir hier führen, ist schon früher geführt worden. Schon vor Jahrhunderten, und immer wieder.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 02.03.2022

Ich weiß nicht, saß ich mit offenem Mund, oder klappte ich den Mund zu, ich saß auf jeden Fall und starrte PvM an, ich wollte hören, was der jetzt sagte, das wollte ich unbedingt hören.

Der Zusammenhang zwischen mystischer und sexueller Erregung ist schon öfter beobachtet worden, sagte der alte Mann mit einem gewissen Behagen am Dozieren. Der Geist hat ein Erlebnis, ein unbegreifliches nie dagewesenes Erlebnis, mit dem der Körper nichts anfangen kann, der Körper spürt nur, da vollzieht sich ein nie dagewesenes Glück, ein Jubel, eine Ekstase von Freude, von Liebe, und also reagiert er mit der höchsten Form von Freude, die der Körper eben kennt —

Mit sexueller Erregung, fiel Regina ein.

Mit einer unwiderstehlichen sexuellen Erregung, bestätigte PvM, die nach Entladung einfach drängt, da gibt es dann kein Halten mehr.

Also der Geist hat seinen Spaß, sagte Diana trocken, und der Körper will dann auch was davon haben.

Ungefähr so, nickte PvM. Die geistige, die mystische Erfahrung ist überwältigend, sie ist außerhalb aller Gewohnheiten, außerhalb jeder Täglichkeit, außerhalb all dessen, was sonst bekannt ist. Der Körper muss irgendwie darauf reagieren, irgendwie reagieren auf diesen nie dagewesenen Gefühlstumult, und dann kommt es zu dieser körperlichen Ekstase, nach der geistigen.

Das glaub ich nicht, sagte Diana. Doch, das glaub ich schon, aber ich glaub das nicht, wieso hat ausgerechnet die Maus solches Glück?

Die Maus, das war ich.

PvM und Regina lachten beide, aber dann sagte PvM, wieder ernst: Das mit dem Glück ist eine zweischneidige Sache. Ayse hat die Aktion nur knapp überlebt.

Das war es wert, platzte ich heraus, das war es tausendmal wert. Das war – das war Geschenk, das war Höhepunkt, mehr kann das Leben gar nicht bringen.

Fürcht ich auch, sagte PvM und sah mich aufmerksam an. Das ist genau, was mir Sorgen macht. Wenn du also die Chance siehst, auch nur eine winzige Chance, dass du das Erlebnis noch einmal haben kannst, dann wirst du alles wieder ganz genau so machen, wie du es gemacht hast?

Das war nun gar nicht mehr komisch. Regina und Diana sahen mich offen an, und in ihren Blicken lag eine Mischung aus Verdacht und Überraschung und Angst und Besorgnis, alles zusammen. Der alte Mann hatte mit einem einzigen Wort gerade das angegraben, was ich mir selber nicht eingestehen wollte.

Ja. Ich habe dieses Erlebnis einmal gehabt. Wie lange werde ich leben können und darauf verzichten? Wer sowas hatte, der will es wiederhaben. Um jeden Preis. Hatte ich es nicht eben selber gesagt, gerade eben? Hatte ich es nicht gedacht? Das Leben hat nichts Höheres zu bieten, nichts Besseres als das. Ich will das wiederhaben, natürlich will ich das, ich will das nochmal haben und nochmal und nochmal, diese Entgrenzung über alle menschliche Erfahrung hinaus, ich will das haben, koste es was es wolle, und wenn das Leben dabei den Bach runtergeht, ich will sie haben, diese überwältigende Erfüllung.

Das wirbelte mir durch den Kopf, ich dachte es ja nicht in diesen Worten, die Worte waren da alle auf einmal, und die drei müssen mir angesehen haben, was ich dachte, sie blickten mich an, PvM, Regina, Diana, und es entstand ein langes, unbehagliches Schweigen.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 03.03.2022

Schließlich gab sich PvM einen Ruck und nestelte in seinem Jackett herum, natürlich trug er Jackett, tut er immer, und er zog aus der Brusttasche sein Smartphone hervor.

Ich will euch was zeigen, sagte er.

Er legte das kleine Gerät auf den Tisch, da war ein Bild, erst konnte ich nichts erkennen, schien alles ein wirres Durcheinander, Diana hatte den besseren Blick als ich, meine Scheiße, sagte Diana. Diana saß direkt neben mir, auf der kühlen blauen Sitzcouch, die in Reginas Dienstzimmer steht.

Bernini, bemerkte Regina.

Ja, sagte PvM. Bernini. Marmor. Die Verzückung der Heiligen Teresa. Marmorskulptur, steht in einer Kirche in Rom, Santa Maria della Vittoria. Teresa von Avila war eine spanische Nonne, hat im 16. Jahrhundert gelebt, die Skulptur von Bernini ist um 1650 entstanden, also hundert Jahre später. Teresa hatte Visionen, oder nennt das, wie ihr wollt, Verzückungszustände. Das, was Ayse beschrieben hat. Entraffung, Entkörperung, das Gefühl jauchzender Ekstase, unerträglicher Liebe. Dieses Hinaufgeworfen Werden in die Ungeheuernis, in diese unerträgliche Weite da oben, die erfüllt ist von Licht. Sie hat darüber geschrieben. Bernini hat diese Skulptur gemacht.

Meine Scheiße, wiederholte Diana. Sowas kriegt man in der Synagoge jedenfalls nicht zu sehen.

Orgasmus in Marmor, bemerkte Regina trocken.

Ich starrte das Bild an, endlich konnte auch ich etwas erkennen. Zwei Marmorfiguren. Ein halbnackter Engel, lächelnd, einen goldenen Pfeil in der Hand. Der goldene Pfeil zielte auf eine willenlos hingestreckte Frau, und der Gesichtsausdruck der Frau – also, der war eindeutig. War klar, was die gerade erlebte.

Bernini konnte seine Nonne natürlich nicht nackt darstellen, dozierte PvM. Also hat er sie in ihrem Nonnengewand hingelegt, aber das Gewand, ihr seht es, ist zerrissen und flattert in alle Richtungen, wie Wolken im Sturm. Was Bernini damit ausdrücken will, ist klar. Die vollständige Auflösung des Körpers, der Körper zerflattert geradezu. Das, was Ayse uns eben geschildert hat.

Ich starrte die Nonne an. Mir war, als müsse mir das Herz brechen. Schwester, dachte ich, Schwester.

Die Heilige, sagte PvM weiter, hat einen Engel gesehen. So schrieb sie jedenfalls. Das mag ja auch nur eine façon à parler sein, sie musste sich nach den Vorstellungen ihres Ordens richten, sie war Karmelitin, das ist ein katholischer Orden. Sie sah also einen Engel, und dann geschah es. Sie sah – oder fühlte, oder erkannte, wie ihr wollt – sie sah also in der Hand des Engels einen langen goldenen Pfeil. An der Spitze des Pfeils glühte Feuer. Da war ein Gefühl, als stieße ihr der Engel den Feuerpfeil mehrmals in ihr Herz, sie fühlte, wie der Pfeil ihr ganzes Innerstes durchdrang, und dann zog der Engel den Pfeil wieder aus ihr heraus, und der Pfeil nahm alles mit, was sie gewesen war, und da war in ihr nichts mehr als unerträgliche lodernde brennende Liebe. Liebe zu Gott. Der Schmerz war furchtbar, sie hörte sich selber schreien. Gleichzeitig war der Schmerz so süß, so unerträglich süß und durchdringend, dass sie sich nur noch wünschte, der Schmerz möge dauern, ewig dauern, niemals mehr aufhören.

Und dann, fuhr PvM fort, drückt sie sich sehr vorsichtig aus, sie war immerhin eine Nonne, sie betont, es sei ein seelischer Schmerz gewesen, den sie empfangen und empfunden habe – aber, so sagte sie, er habe „bis zu einem gewissen Grade“ auch auf den Körper gewirkt. Sie sagt, sie habe die süßeste Liebkosung erfahren, die der Seele von Gott werden kann. Bernini dann hat dieses „bis zu einem gewissen Grade“ so genommen, wie es gemeint war, und hat das Gesicht der Heiligen so dargestellt, dass jeder Betrachter versteht, was da passiert, gleich auf den ersten Blick.

Wir saßen da und starrten das Bild an, und auf einmal legte mir Diana beide Arme um die Schultern und küsste meine Haare und murmelte: Ach, Ayse, Schätzchen …

Ja, sagte PvM, das ist es, was ich euch zeigen wollte. Der Bericht der Heiligen, die Darstellung Berninis, alles wie das, was Ayse erzählt hat, nicht wahr? Dieselbe seelische Ergriffenheit, dasselbe Gefühl, aus dem Körper heraus katapultiert zu werden, dieselbe jagende Geworfenheit hinauf in obere Gelände, dasselbe Gefühl einer zerreißenden unerträglichen Liebe, gleißendes Licht, und dann das Erwachen im Körper, der auf die seelische Erfahrung mit leidenschaftlicher sexueller Erregung reagiert.

Ich starrte das Bild der Heiligen an, und dann fing ich wieder an zu heulen, ernsthaft, ich klammerte mich an Diana fest und vergrub das Gesicht in ihrer Brust, ich heulte, ich glaube, ich brüllte, und Diana hielt mich, wie eine Mutter ihr Kind hält.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 04.03.2022

Irgendwie gab es dann Durcheinander, ich bekam nicht viel mit, ich heulte Dianas Bluse voll, und Diana hielt mich fest, zum wievielten Mal an diesem Tag? und die Erwachsenen standen irgendwo am Fenster und berieten sich, und dann war Tappen und Rollen und Klappern, das waren nicht die Weißkittel mit dem Medikamentenwagen auf der Station, sondern das war die hübsche Ältere in ihrem schlanken Kostüm, die mit dem slawischen Akzent, die ich schon mal getroffen hatte und die an PvM interessiert war, also, die brachte einen Wagen mit Tee und Kuchen.

Und sie hatte auf den Wagen auch eine Schachtel mit Papiertaschentüchern gestellt, eine von der Art, wo das oberste Taschentuch immer schon rausguckt, man zupft, hat das Taschentuch in der Hand, und das nächste guckt raus, sowas von komfortabel.

Ich griff mir also Zipfel um Zipfel und schnäuzte mich, meine Tränen hörten trotzdem nicht auf zu rollen, und Diana zupfte und tupfte sich die Bluse trocken, so gut es gehen wollte, in einem Wort, ich machte ordentlich Aufstand.

Die Erwachsenen setzten sich schließlich, die Russin oder was sie war hatte Tee eingeschenkt und den Kuchen angeschnitten, und wir bedienten uns, die Russin verließ den Raum, wir waren wieder allein, und ich kaute an dem Kuchen und heulte gleichzeitig, von meiner Würde war nichts mehr übrig.

Regina sah mich an und verkniff sich die Frage, geht’s wieder?, statt dessen sagte sie, wir müssen jetzt abklären, wie die Ayse dazu gebracht haben, mit ihnen zu kommen. Ayse?

Ich weiß doch nicht, schniefte ich, gleichzeitig kauend und heulend. Ich bin halt mitgegangen. Die wollten das.

Die haben dich nicht auf die Arme genommen und davongetragen, sagte PvM. Wir müssen rauskriegen, was da passiert ist. Es hat in deiner alten Wohnung angefangen. In deinem Dorf, du bist nachts aufgewacht, von diesem fernen Schrei, und du bist ans Fenster gegangen und hast dich hingestellt und rausgeguckt, und da waren die, auf der Straße, drüben auf dem anderen Bürgersteig, auf den Fenstersimsen, überall, und sie haben dich angesehen. Richtig? Ich fasse nur zusammen, was du geschrieben hast.

Ich schniefte zustimmend.

Und wie haben die geguckt? fragte Regina. Erwartungsvoll?

Wieder nickte ich, schniefend.

Die konnten dir nichts befehlen, sagte PvM. Ich glaube, das war wechselseitig. Da war was in denen, eine Erwartung, eine Hoffnung, das hat sich in ihrer ganzen Haltung ausgedrückt, in ihrer Aufmerksamkeit, in ihren Blicken, ich hab das ja selbst gesehen, Regina hat das gesehen, die haben dich angestarrt, als wär außer dir nichts in der Welt, was sie interessieren könnte. Und sie sind vor dir niedergekniet. Sie wollten dich sehen. Und wenn sie dich sahen, waren sie auch zufrieden. Sie wollten dich ansehen, unbedingt dich ansehen, dann waren sie zufrieden. Also hast du es gemacht. Bist rausgegangen und hast dich ansehen lassen. Du musst uns helfen. Kann es sein, dass da irgendwas in dir war, so ein kleines bisschen, das dich angetrieben hat? Dass es dir vielleicht auch ein bisschen Spaß gemacht hat, rauszugehen und dich hinzustellen und dich ansehen zu lassen?

Na komm schon, sagte Diana und stupste mich in die Seite. So ein ganz kleines süßes Jucken zwischen den Beinchen?

Kann schon sein, gab ich zu, maulend und schniefend. Und dann rief ich, heulend: Na und wenn? Wenn die das doch so wollten?

Es macht dir ja auch niemand einen Vorwurf, sagte Regina und reichte mir eilig über den Tisch weg das nächste Taschentuch. Wir versuchen nur rauszukriegen, wie die Sache funktioniert hat. Und wenn du sagst, die haben es gewollt, und gleichzeitig hast du es auch gewollt, aus welchen Gründen auch immer, dann wird das viel leichter verständlich.

Ich schnäuzte mich und gab endlich zu, ja, es hat mir schon ein bisschen Spaß gemacht. Begreift das doch. Ich war auf einmal nicht mehr Ayse, die Kopftuchmaus. Ich war eine nackte Göttin, die die ganze Nacht erhellte. Ich —

Diana muss irgendwie irritiert geguckt haben, denn PvM sagte zu ihr, wir haben das auch gesehen. Ein weißer Schimmer, der von Ayse ausging. Hat die Nacht erhellt, und selbst das Licht abgelenkt, das Licht von den Straßenlaternen, das Licht hat sich bewegt, wie Vorhänge im Wind.

Möchte wohl wissen, was der Rabbi dazu sagt, murmelte Diana.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 05.03.2022

Also, fuhr PvM fort, soweit sind wir jetzt. Die konnten dich nicht auf die Arme nehmen und davontragen, die wollten dich aber haben, für sich selber, um dich immerfort angucken zu können, Tag und Nacht, denn was anderes haben sie doch nicht gemacht, in der Zeit, als du bei ihnen warst?

Nein, sagte ich, die haben nichts anderes gemacht. Die haben mir zugeguckt, egal was ich gemacht hab, sogar beim Pinkeln haben die mir zugeguckt, es war, als wollten die nichts anderes mehr in ihrem Leben, oder was das ist, das sie am Laufen hält, als wollten die nichts anderes mehr, als mich ansehen. Egal was ich mache.

So, sagte Diana. Fortschleppen konnten die dich nicht. Das sagt ihr ja. Ich seh ja nichts. Die haben keinerlei Kraft, richtig? Also mussten sie warten, bis du freiwillig mit ihnen kommst. Ja?

Das ist der Punkt, sagte PvM. Nachdem sie es einmal gemacht hatte, ist Ayse wieder rausgegangen und hat sich hingestellt, und sie hat es getan, weil es ihr etwas bedeutet hat. Es hat nicht nur den Anbetern etwas bedeutet. Das ist doch natürlich. Ein große Gruppe von Wesen, die zu erkennen gibt, wir wollen dich ansehen, es gibt kein anderes Glück für uns als dich anzusehen, es gibt nichts in der Welt was wir so wollen wie dich ansehen. Du bist unser ganzes Glück. Klar ist Ayse da rausgegangen. Die meisten an ihrer Stelle hätten das getan. Ach was, wahrscheinlich jeder.

Hatte es auf den Punkt gebracht, der alte Mann. Ja. Ich musste nicht mehr tun, als mich nackt hinstellen, und alle Aufmerksamkeit floss mir zu, ich war die Königin der Welt, und sie beteten mich an. Keine Frage mehr nach Verdienst und Würdigkeit und wer bist du und was hast du geleistet und an wen können wir dich verheiraten, nur noch ich wie ich bin und ohne Kleid und ohne Kopftuch. Ja.

Ich sagte das in ungefähr diesen Worten, und die drei atmeten auf.

Das heißt also, sagte Regina, nachdem du es einmal gemacht hast, hat es dir gefallen und du hast es wieder und wieder gemacht, und die Besucher haben dich belohnt, indem sie dich anbeteten? Und zu erkennen gaben, das ist es, was wir wollen, wir wollen nichts anderes mehr?

Ungefähr so, rief ich. Ja! Aber warum wollten die das überhaupt? Warum wollen die das?

Da gibt es eine naheliegende Antwort, sagte PvM düster. Du hast ja alles schon erzählt. Dein Erlebnis auf der Wiese. Die Heilige Teresa. Du bist nahe bei Gott. Du fühlst Gott in deinem Herzen. Die Besucher — wir wissen nicht, wer die sind. Wir haben keine Ahnung, was es mit denen auf sich hat. Wir haben diesen vagen Verdacht mit dem Buch Henoch, aber das ist nur eine Hypothese. Nehmen wir mal an, die kommen aus einer Welt, da können sie Gott nicht mehr sehen. Deshalb die Schwärze, die sie um sich verbreiten. Sie sehen Gott nicht mehr, sie wissen, Gott ist noch da, aber Gott verbirgt sich vor ihnen. Dann sehen sie dich, und sie sehen Gott immer noch nicht, aber sie wissen, einfach bloß, wenn sie dich angucken, wissen sie, du bist nahe bei Gott. Du bist hell, du leuchtest, du hast diesen Blick, in deinem Herzen ist diese Gewissheit, Gott ist da. Du bist die Zeugin, Gott ist noch da, Gott ist immer noch in der Welt. Und sie schauen dich verlangend an, und du folgst der Aufforderung, du stellst dich hin und lässt dich ansehen, stellst dich nackt hin und lässt dich anbeten, und sie versinken in Verehrung, das ist es, was sie wollen, also stellst du dich wieder hin und wieder und wieder, und schließlich gehst du mit ihnen mit, damit sie das immer haben, damit sie dich immerfort ansehen können, denn etwas anderes wollen sie nicht, und dann hast du dieses Erlebnis, dieses Erlebnis da nachts auf der Wiese, du wirst aus dir selbst heraus katapultiert hinauf in die Himmelswiesen, und du fühlst dich in der Gegenwart Gottes, ein Gefühl unerträglicher Liebe zerschneidet dich, und als du zu dir kommst, hast du das Gefühl, deine Bewunderer sind ganz dicht bei dir, so dicht, dass du meinst, du hast den Kopf im Schoß von einer von denen liegen, ja? War das so?

Ja, sagte ich. Das war so. Aber ich weiß immer noch nicht, warum ich. Warum bloß ich. Was soll ich damit machen, was soll ich damit anfangen? Ich hatte mich doch schon damit eingerichtet, ein ganz gewöhnliches Mädchen zu sein, Ayse, die Kopftuchmaus, und ich war dabei, mir ein Leben aufzubauen, ein Leben, wies Millionen andere auch haben, was stimmt denn bloß nicht mit mir?

Und ich musste wieder die Schachtel benutzen, die Schachtel mit den Papiertaschentüchern, die wurde schnell leer.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 06.03.2022

Nun ja, bemerkte PvM, da gibt es viele Möglichkeiten. Kann sein, dass du eben ein so ganz gewöhnliches Mädchen nicht bist. Oder umgekehrt, die ganz gewöhnlichen Mädchen sind alle nicht so ganz gewöhnlich, und unser Problem ist ein ganz anderes.

Er setzte sich zurecht. Er wollte was sagen. Hört auf den Lehrer.

Gottes Gegenwart, begann er endlich. Gottes Gegenwart in der Welt. Darüber reden wir nicht. Vor hundert oder hundertfünfzig Jahren waren die Menschen etepetete und haben nicht über Sex geredet, über alles durfte geredet werden, bloß nicht über Sex. Heute reden wir unbefangen über Sex, aber über Gott darf auf keinen Fall geredet werden. Alles, bloß nicht über Gott reden. Ja, über Religion darf geredet werden, wird ja auch, da schwenken die einen ihren Koran und die anderen ihre Bibel, oder was sie sonst haben, und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein. Das ist alles gar nichts. Ein Heiliges Buch schwenken, und die wirkliche Gegenwart Gottes spüren in der Welt, das sind zwei verschiedene Dinge. Ich würde sogar behaupten, die ihre Heiligen Bücher schwenken, die wissen nichts von Gott. Die plappern nur nach, was ihnen vorgebetet wird. Die sind gesetzestreu. Es geht aber nicht um das Gesetz. Es ist die persönliche Erfahrung, um die es geht. Nichts zählt als die persönliche Erfahrung. Wir müssen auf Ayse hören. Wir müssen hinnehmen, was sie sagt. Es ist ihre persönliche Erfahrung, von der sie berichtet.

Umso mehr, mischte sich Regina ein, als wir ja einiges bezeugen können. Wir haben das mit eigenen Augen gesehen, wie sie stand vor diesen – diesen Besuchern. Wir haben das sonderbare Licht gesehen, das von ihr ausging, dieses Strahlen, und wir haben gesehen, wie sich selbst das Licht der Straßenlaternen verbog unter diesem Einfluss.

Ja, stimmte PvM zu, das haben wir gesehen. Mir ist aber noch ein Gedanke gekommen, und ich bin nicht der erste, der das sagt. Dieses Gefühl der Entgrenzung, und diese Koppelung von mystischer und sexueller Erregung, möglicherweise spielt das eben doch im Leben der ganz gewöhnlichen Menschen eine größere Rolle, als gesagt und geredet wird. Es könnte ja sein, dass all wir gewöhnlichen Menschen, im Zustand der sexuellen Erregung, näher bei Gott sind, als wir denken. Da könnte man lange spekulieren. Aber dass die körperliche Vereinigung zwischen zwei Menschen mit einem Gefühl der Entgrenzung verbunden ist, mit einem Gefühl, den eigenen Körper zu verlassen, das eigene Selbst dahinzugeben, das ist doch wohl bekannt, und bekannt ist auch, das Gefühl ist umso stärker, je mehr die körperliche Vereinigung auf wirklicher und echter Liebe zwischen den Partnern beruht. Sag ich da was Richtiges?

Sie nickten, die beiden Frauen, Diana und Regina nickten.

Ja, sagte PvM und nickte auch. Könnte sogar sein, dass diese Tatsache unbewusst ausgenutzt wird. Dass Menschen einander zum Beischlaf verführen mit dem unklaren Versprechen, oder in der unklaren Hoffnung, Gott wird sich zeigen, im Augenblick der Vereinigung. Wäre also möglich, dass in diesem unstillbaren Begehren der Menschen, sich miteinander zu vereinigen, so etwas wie die Hoffnung auf die Gegenwart Gottes liegt. Oder anders gesagt, die Menschen sehnen sich nach der persönlichen Erfahrung, von der ich eben gesprochen habe. Das Vorreden aus den Heiligen Büchern ist da gar nichts. Das eine Heilige Buch sagt so, das andere so. Die Menschen wollen aber nicht belehrt werden, sie wollen persönlich erfahren. Sie wollen fühlen und erleben, dass Gott wirklich da ist. Was es mit dem Erlebnis auf sich hat, und wie es zu deuten sei, das können ihnen die Heiligen Bücher ja dann immer noch erklären. Aber zuerst mal muss das Erlebnis da sein, das Erlebnis kommt zuerst, ohne das persönliche Erlebnis ist alles nichts. Die höchste Form persönlichen Erlebens, die wir kennen, das ist nun einmal die körperliche Vereinigung mit einem anderen Menschen. Und  auf dem Höhepunkt ist da auf einmal so ein vages Gefühl einer überwältigenden Gegenwart, derart, dass die Gegenwart zeitlos wird, der Augenblick ist, wie aus der Zeit gefallen, und dann ist da dieses Gefühl zerreißender Süße, das Ayse beschrieben hat.

Er tippte nervös an seinem Smartphone, das er wieder in die Hand genommen hatte und dessen Display noch immer das Bild der Heiligen zeigte, Heilige in unrettbarer seelischer und körperlicher Auflösung. Könnte also sein, sagte er, könnte also sein, Ayse, du bist nahe bei Gott, einfach bloß deshalb, weil du ein Mädchen bist, und die Besucher klammern sich an dir fest, weil sie Gott nicht mehr sehen können, sie sehen Gott nur noch, wenn sie dich ansehen.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 07.03.2022

Ich raufte mir die Haare, ich glaube, ich stampfte sogar auf den Boden.

Ich – will – doch – bloß – ein – ganz – gewöhnliches – Leben!!! rief ich.

Sie lachten, alle drei. Kriegst du doch auch, sagte Diana und streichelte mir die Schulter. Du wirst noch Rotznasen wischen und Windeln wechseln ohne Ende, glaub mir, da wirst du mehr gewöhnliches Leben haben, als du dir je träumen konntest.

Oh ja, sagte die Chefin des Fons.

Regina, das sollte ich einflechten, ist eine von den Müttern, die das Bild ihrer erwachsenen Tochter auf dem Schreibtisch stehen haben.

Peter hat jetzt die meiste Zeit geredet, sagte die Chefin. Ayse, willst du uns nicht auch was sagen?

Ich blickte in den angebissenen Kuchen hinein auf meinem Teller. Es stimmt ja alles, was er sagt, maulte ich. Der kann das doch viel besser ausdrücken als ich.

Dann besann ich mich, und sagte lauter: Ich kann nur sagen, ich hab nichts von all dem geplant, nichts. Ich hab auch nicht gewollt, dass das alles so kommt. Ich hab immer davor gestanden, und dann sind Sachen passiert. Das war doch hier oben auch so. Als ich das erste Mal hier oben war. Ihr wisst das. Da hat mich Peter allein in diesem Dschungel gelassen, den ihr hier habt. Den hab ich ja nicht da hingestellt. Und da war dieser Papagei, der unbedingt auf meine Schulter wollte, und dann war da dieser Teich, dieser Teich mit der Insel, und auf der Insel waren diese — deine Schwestern, sorry, Diana.

Ich blickte Diana kurz an, von der Seite, besonders gut konnte ich sie nicht sehen, aus meinen verquollenen Augen.

Ich weiß, dass du das nicht gerne hörst, sagte ich, aber die sehen nun mal aus wie du, oder du wie die, das ist was, darüber haben wir noch gar nicht geredet, darüber müssen wir aber reden, die gucken dich ja auch an, als fassten sie es nicht. Egal. Jedenfalls war da dieser Teich, und es war heiß wie im Urwald, und okay, ich hab mich mal wieder ausgezogen und bin in den Teich gestiegen, und dann war da dieser Koi, und ich hab den auf einmal so geliebt, es war stärker als ich, ich hab den aus dem Wasser gehoben und an meine Brust gedrückt und dann hab ich ihn geküsst, und dann seid ihr gekommen. Jetzt sagt mir selber, hab ich da was gemacht, von mir aus? Ich hab doch gar nichts gemacht. Alles ist so gekommen. Mir geht es doch selber so, ich guck mir das an, wenn es vorbei ist, und sag zu mir selber, Ayse, was hast du da wieder gemacht? Ja, aber gemacht ist gemacht. Eure Heilige da, hat die gemacht? Die ist doch bestimmt schon als Kind ins Kloster gebracht worden, und dann hat sich alles so ergeben, da ist eins zum anderen gekommen, und das Ende war, sie lag da, und da war dieser Engel mit dem goldenen Pfeil, den hat er in sie hineingejagt, und es ist ihr gekommen, aber so richtig mächtig, mit wem hätte sie es auch treiben sollen sonst im Kloster, na ja, mit den anderen Nonnen vielleicht, ist doch bestimmt auch vorgekommen, oder etwa nicht, und dann haben die auch gesagt, es ist halt passiert, und passiert ist passiert.

Da macht sichs aber jemand einfach, sagte Diana und starrte mich an von der Seite. Alles bloß so gekommen, ja? und du hattest nichts damit zu tun? Du bist erwachsen. Du hättest in jedem Augenblick sagen können, jetzt ist genug, weiter geh ich nicht.

Konnt ich eben nicht, sagte ich gequält. Das waren doch alles so winzig kleine Schritte, immer ein Schritt nach dem anderen, und auf einmal steckte ich drin in der Sache.

Das ist aber der Punkt, sagte Regina. Wir haben uns alle für dich weit aus dem Fenster gelehnt. Wir können dich nicht festbinden. Wir können dich nicht einsperren. Wir können und wollen dich nicht beaufsichtigen. Also müssen wir uns auf dich verlassen. Wir müssen uns darauf verlassen können, dass du —

Dass du nicht noch einmal abhaust mitten in der Nacht, ergänzte Diana knapp und kalt. Splitternackt hinausrennst in die Dunkelheit und dann bist du erst mal weg, zwei Tage lang. Wir haben alle miteinander zwei Tage lang Panik geschoben deinetwegen, zwei Tage und zwei Nächte, und was dir alles hätte passieren können, nacktes Mädchen allein da draußen in den Gärten, müssen wir wohl nicht drüber reden. Deine Freunde hätten dir nicht geholfen. Und wenn dich die Bullen erwischt hätten, die hätten dich in die Psychiatrie geschafft, und dort wär rausgekommen, dass du schon mal drin warst. Und Peter und Regina wären dran, weil sie das gewusst haben und trotzdem dich haben machen lassen. Mensch, Mädel, wach auf. Das geht hier nicht nur um dich. Die stellen dir doch eine einfache Frage. Können wir uns drauf verlassen, dass du sowas nicht nochmal machst?

(Nachrichten vom 28.02. bis 07.03.2022, neu eingestellt auf dieser Seite am 31.05.2022 von Peter Flamm, © Verlag Peter Flamm 2022)