Banshee Neue Folge 39

Nachricht von Ayse Konopski

Der alte Mann hielt einen Augenblick inne, weniger um zu überlegen, braucht der nicht, wenn er redet, als vielmehr, um kurz Luft zu schöpfen. Dann redete er weiter: „Das geht ganz schnell, mit dem Entsorgen. Die machen aus uns eine Sekte, einen Kult. Die Rollen sind schon verteilt. Ayse ist die Seherin, die Mystikerin, die Künderin, die Entraffte, die Entrückte, die Verrückte, die mit der mystischen Schau, in einem Wort, die mit den Halluzinationen. Die Übergeschnappte. Ich bin der erste Deuter, der Heilige Paulus sozusagen, der Theoretiker, der die Schau der Heiligen Ayse in die rechte Lehre umwandelt. Und Regina ist die Organisatorin, die Lenkerin, die Meisterin des Strippenziehens. Voilà. Da haben wir ja schon alles beisammen, was zu einem richtigen Kult dazugehört. Zu einer Sekte. Einer Endzeitsekte. Das wird passieren, wenn erst einmal die Medien auf uns aufmerksam werden. Was glaubt ihr, was die aus uns machen werden, wenn sie Wind von der Sensation bekommen. Wie die uns durch ihre Dreckblätter, durch ihre Flachbildfernseher ziehen werden. Und als nächstes können dann die Weißkittel kommen.“

Wieder schwieg er für einen Augenblick, schüttelte den Kopf, sagte endlich: „Wir sind auf uns allein gestellt. Die Weißkittel, und die Medien, und alle die Besitzer Heiliger Bücher, die alles schon wissen –  die stehen im Dienste dessen, den der Burroblast herbeibeschworen hat, davon wissen sie nur nichts, das wollen sie noch nicht einmal wissen, darüber können sie nur noch lachen. Wir sind die Guten! rufen sie. Das ist ihr Ausgangspunkt, und damit rechtfertigen sie alles, was sie tun. Alles was wir tun ist richtig, rufen sie, denn wir sind die Guten! Die mit den weißen Kitteln, die Grinser und Rechthaber, die Bevormunder und Besserwisser, all diese Aufgeklärten und Abgeklärten und Kopfschüttler, all diese Besitzer von Heiligen Büchern und letzten Wahrheiten, die halten sich für die Guten, sie verkünden das von allen Dächern, und mittlerweile ja auch schon so gut wie von allen Kanzeln. Die lachen über den Gedanken, dass sie im Dienste des Bösen stehen könnten, weil sie über den Gedanken lachen, dass es so etwas wie das Böse überhaupt geben könnte.“

Regina dachte gar nicht daran, ihn zu unterbrechen, und ich erst recht nicht. Wir warteten einfach, bis er den Faden wiederaufnahm, er sah irgendwohin, ich weiß nicht, was er sah, und dann fuhr er fort: „Und was haben wir? Unsere Erfahrung, unsere Erlebnisse. Wir haben das, was wir wirklich erleben. Was wir wirklich sehen. Wir wissen, was wir sehen, und dass wir das wirklich sehen, was wir sehen. Und wir lassen uns das von niemandem wegnehmen. So wie sich die Heilige Johanna nicht hat ihre Stimmen wegnehmen lassen, bis zum letzten Augenblick nicht, als sie auf den Scheiterhaufen stieg. Bloß, ich hab keine Lust, auf irgendeinen Scheiterhaufen zu steigen, nicht einmal den der öffentlichen Meinung. Und noch weniger Lust hab ich zuzusehen, wie Ayse auf einen solchen Scheiterhaufen steigt. Nein, da werd ich nicht zusehen. Da müssen wir was unternehmen. Da müssen wir die Mauer machen. Wir wissen, was wir erleben, jeden Tag. Das eigene Erleben, die eigene Erfahrung, das ist die letzte Festung, die es zu verteidigen gilt. Wer seine eigenen Erfahrungen aufgibt, und sich statt dessen von den Heiligen Büchern oder den Weißkitteln oder den Aufgeklärten vorreden lässt, was er sieht, der hat verloren. Der hat sein ganzes Leben verloren. Die eigenen Erfahrungen, die eigenen wirklichen Erlebnisse, das ist die letzte Bastion, die müssen wir verteidigen bis aufs Blut, das ist der innerste Kern. Und wir wissen, was wir sehen. Wenn die Weißkittel kommen, wenn die mit den Medien kommen, die mit den Heiligen Büchern, wird das mit der Gehirnwäsche losgehen. Ihr glaubt ja nur, wird es heißen, ihr glaubt ja nur, dass ihr seht, was ihr seht. Da zeigt sich eure Verwirrung. Alles unbewusst! Alles gesellschaftlich! Aber das lässt sich therapieren! Damit werden sie kommen. Und wer sich so seine Erfahrungen, seine wirklichen eigenen Erfahrungen wegreden und wegdisputieren lässt, der ist verloren, der kann sich begraben lassen. Sich dem Wissen von denen unterwerfen, das heißt, sich dem Bösen unterwerfen.“

Wir hörten zu, ich glaube, wir atmeten nicht einmal mehr, und endlich bekam sein Blick wieder Fokus, er sah Regina an, er sagte: „Ich weiß nicht, Regina, ob wirklich schon Endkampf angesagt ist. Aber da spitzt sich was zu, ich glaub nicht, dass wir dem noch ausweichen können. Wir haben keine Wahl, wir müssen uns dem stellen. Wir haben zwar nicht danach gefragt, aber so ist das Leben. Man hat niemals wirklich die Wahl.“

(Nachricht eingegangen am 29.05.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 30.05.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)