Banshee Alte Folge 39

Nachricht von Ayse Konopski, vom 21.02.2022

Okay, ich hab mich wieder gefangen. Ich weiß nicht, was mit mir los war. Oder doch, ich weiß es. Diana war da. Das war das erste Mal in meinem Scheißleben, dass ich mich wirklich und bis auf den Grund hab ausheulen dürfen. Hab gar nicht gewusst, was für eine Erlösung das ist. In meiner Scheißfamilie bin ich zusammengebrüllt und geschlagen worden, und für Tränen war da kein Platz. Ich musste putzen und flicken und rausgehen und Geld verdienen für die Jungs, die waren die Paschas, und wenn mir die ältere Schwester, dieses Scheißvieh, die Haare ausgerissen hat, gehörte das dazu, ich musste alles runterschlucken, das wurde erwartet, die haben mich misshandelt wie das Vieh, und es war nicht anders. Und Konopski hat sich dann erst recht an mir den Hintern abgewischt. Und ich kam in die Klapse, und da wurde ich therapiert. Ich! Nicht meine Viehfamilie, nicht der Konopski, der mir das Blaue vom Himmel herunter versprochen hat, und dann mit meinem Geld abgehauen ist. Ich! Nicht mein Scheißvieh von Vater und nicht meine prügelnde Fotze von Mutter. Die wurden nicht therapiert. Ich. Ich wurde therapiert. Und zum Schluss musste ich noch lügen, ja, jetzt geht’s mir besser, jetzt habe ich alles im Griff. Wenn ich das nicht gesagt hätte, hätten die mich bis heute nicht rausgelassen. Aber ich hab gelogen. Gar nichts hab ich im Griff. Wie soll ich das im Griff haben? Ich erinnere mich an alles, jeden Tag denk ich an alles, ich schlepp das hinter mir her, als hätt ich immerfort ein Kleid an mit einer langen Schleppe, und auf der Schleppe liegt ein Gebirge, so ist das, und bei jedem Schritt muss ich ziehen und reißen, um überhaupt weiterzukommen, und hör das Geschepper und Gerumpel hinter mir, von den Steinmassen auf meiner Schleppe, wundert es euch, dass ich mich ständig nackt ausziehe?

Und auf einmal war da Diana. Die erste Frau in meinem Leben, die nicht geredet und gefragt hat, nicht wie diese Scheißtherapeutin, die mir erzählt hat, wir müssten reden, ich müsste reden, dann würd alles gut! So eine freche, unverschämte Saulüge. Wieso muss ich reden? Wieso ich? Meine Scheißfamilie müsste reden, die haben doch alles gemacht, was sie gemacht haben!

Diana hat nicht geredet. Die hat gar nichts gesagt. Die hat mich einfach in die Arme genommen, und ich weiß nicht wieso, aber auf einmal sind mir da die Schleusen aufgegangen, und ich hab angefangen zu heulen, und konnt nicht wieder aufhören und wollt auch gar nicht wieder aufhören, mir war, als könnt ich endlich endlich alles rauslassen, und das Geschepper und Gerumpel hinter mir hat sich verzogen. Ich hatte nie eine Mutter nie eine Schwester nie eine richtige Freundin. Ich war immer das Stück Dreck. Der Putzlumpen. Ayse, der türkische Wischlappen mit dem Kopftuch. Rolle Klopapier. Und Diana hat mich einfach in die Arme genommen und mir den Kopf gestreichelt. Sie hat nichts gesagt. Diana muss nichts sagen. Wenn man ist wie Diana, muss man nichts sagen. Alles versteht sich von selber.

Deshalb hab ich so geheult.

Und ja, ich hab dieses Problem mit den Besuchern. Und ja, ich hab mich hingestellt. Ich hab mich dem Problem gestellt, mit Haut und Haaren.

Während wir da hoch gefahren sind, auf den Fons, und ich mein Gesicht vergraben hab an Dianas Brust, da ist mir auf einmal klar geworden, wir haben alle dieses Problem mit den Besuchern, aber ich bin die, die sich dem Problem wirklich gestellt hat. Ich bin nicht das Problem. Ich bin ganz sicher auch nicht die Lösung. Ich bin ganz einfach die, die — ich bin die, die sich dem Problem gestellt hat. Es hat mir wie mit Messern geschnitten ins Fleisch. Da passiert was, und ich bin rausgegangen und hab mich der Sache gestellt. Ich hab mich nicht verkrochen. Und wisst ihr was? Wisst ihr, was mir klar geworden ist, während ich da in Dianas Busen reingeschnieft hab und ihr das Kleid nass gemacht hab? Ich hab einen Anspruch drauf, dass mir geholfen wird. Wir haben alle dieses Problem mit den Besuchern, aber ich, ich bin rausgegangen und hab meine nackte Haut zu Markte getragen. Ich hab für euch alle das Problem ausgehandelt. Keiner sonst hat die Traute gehabt, sich so hinzustellen. Okay, ich hab das nicht ganz freiwillig gemacht. Ihr könnt sagen, ich war unter Einfluss. Die Besucher haben irgendwie Macht über mich. Hab ich da nicht Anspruch drauf, dass ihr euch vor mich stellt? Oder, wenn ihr euch das nicht traut, wenigstens hinter mich?

Das ist mir klar geworden, während wir hoch fuhren zum Fons, und während Diana meinen Kopf gestreichelt hat, zum ersten Mal in meinem Leben hat eine Frau mich gestreichelt, wie eine Mutter ihr Kind streichelt.

Und ich hab gedacht, was immer jetzt kommt, ich stell mich der Sache, ich geh das an. Ich entschuldige mich nicht, ich geb keine Erklärungen ab, ich verlange von euch, dass ihr für mich da seid. Ihr. Für mich. Ich bin nicht euer Sorgenkind. Ich hab mich reingeschmissen in die Sache, stellvertretend. Für euch. Ich hab was zu erzählen, was ich dabei erlebt hab. Und ihr wisst das jetzt, und jetzt ist es an euch, dass ihr euch damit auseinandersetzt.

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 22.02.2022

Unvermeidlicherweise endete die Sache mit einem klaren k.o.-Sieg für Diana. Das ist immer das Ergebnis, und sie merkt das noch nicht einmal. Sie tritt ein in einen Raum, alle Gespräche verstummen, und ich habe schon Leute gesehen, die sie mit offenem Mund anstarrten. Sie starrt dann zurück, wie immer vollkommen humorlos, ohne zu blinzeln, ohne eine Regung von Unsicherheit oder Betroffenheit, und sie starrt so lange, bis der andere den Blick senkt. Das Geheimnis scheint zu sein, sie fühlt gar nichts dabei. Es ist nicht so, dass sie sich darüber ärgerte, angestarrt zu werden, oder dass sie die Situation irgendwie als Herausforderung empfände, sie sieht den Glotzer eher an als ob sie annähme, der will jetzt was sagen, und so guckt sie, abwartend, ihre Augen sind dabei kreisrund und weit offen und schwarz wie Kohle, der Blick aber vollkommen unbewegt und nicht zu stören, als wäre er aus Panzerglas.

Es ist unglaublich, was für Menschenwesen SIE erschafft.

War auch hier so. Wir traten ein in Reginas elegantes Dienstzimmer, mit all dem polierten Glas und Chrom und den blauen Sesseln und der Couch, Regina hat diese Vorliebe für kühle Farben, sie sitzt zwischen all dem Geglitzer selber wie ein ziseliertes Kunstwerk, mit ihren silbernen Haaren und ihren hellen Kostümen, und die beiden Schlapphüte, die immerhin zu wissen schienen, was sich gehört, standen auf, als Frauen hereinkamen, jawohl, das taten sie. Und Diana war natürlich die größte von uns allen, obwohl sie wieder auf ihren flachen Schlappen lief, und sie hatte einen von ihren lärmenden feuerbunten Röcken an, die immer wehen wie im Sturm, und ihre goldenen Ohrringe klingelten ihr fast bis auf die Schultern runter, und über allem diese Wasserfälle von schwarzen Ringellocken. Alles an ihr schrie, hier bin ich, das ist mein Auftritt, und sie merkte das noch nicht einmal, sie wurde angestarrt, und sie starrte zurück, bis die Sache erledigt war, und dann wartete sie, bis irgendjemand anfing zu reden.

Ich wär so gern wenigstens mal für zwei Minuten in ihrem Kopf, um zu wissen, wie es da drin zugeht.

Regina stellte uns gegenseitig vor, die Schlapphüte und ich, wir kannten uns ja schon, der Jüngere konnte nicht aufhören, verstohlen zu Diana hinüberzublicken, er glaubte nur mühsam, dass sie lebendig sei und nicht eine von den Besuchern, ich sah, wie seine Fassade Risse bekam, und hatte fast etwas wie Mitleid mit ihm.

Irgendwie fanden wir alle zu einem Sitzplatz, und Regina, ganz Chefin des Fons, nahm das Wort und bedankte sich erst einmal bei uns allen, dass „wir es möglich gemacht“ hätten, zu dieser Sitzung zu erscheinen. Sie benutzte wirklich das Wort „Sitzung“. Und dann sagte sie, wie in ein Diktiergerät hinein, „Gesprächsziel ist die Aufklärung der Vorgänge um das zeitweilige ungeklärte Verschwinden von Ayse Konopski, hier anwesend“.

Ayse hielt den Kopf überraschend aufrecht.

„Möchte jemand etwas sagen, bevor wir beginnen?“ fragte Regina.

Mir war klar, wir manövrierten durch unklare Gewässer, und ich verstand, warum Regina sich so förmlich verhielt. Allerhand Optionen ratterten durch mein Gehirn, ungefähr so, wie ein Schachspieler die möglichen Züge und ihre Konsequenzen vorrausschaut, ohne sein Zutun, die Schau ergibt sich einfach vor seinem inneren Blick, und dann sah ich mit überwältigender Gewissheit den einen einzigen Weg vor mir: Ich muss Ayse heil hier rausbringen.

Regina hatte die Kompetenz, die Sache hier und heute abzuschließen, aber das war nur möglich, wenn die Schlapphüte sich zufrieden erklärten. Die Schlapphüte würden ihrerseits ein Gesprächsprotokoll aufzeichnen, und das würde in einer Akte landen, mit Vorgangsnummer und allem Drum und Dran, wir müssen hier heil rauskommen, dachte ich, und dann müssen wir den Ball flach halten, wir dürfen hier nicht noch einmal auf uns aufmerksam machen, nicht ein einziges Mal, sonst ist Ayse dran.

Und als nächste Vision sah ich vor mit die langen weißen Korridore in der Universitätspsychiatrie, geschlossene Abteilung, und das abendliche Blechtablett mit dem Pillencocktail, und Ayse, benommen und sediert, der nichts anderes übrig blieb, als die Medikamente zu schlucken, wenn sie jemals die Freiheit wiedersehen wollte.

Ich sah Ayse an, und sie blickte zurück, merkwürdig herausfordernd, und ich verstand, sie dachte das Gleiche wie ich, aber mit dem Entschluss, ich stell mich dem, ich komm hier raus, ich hab auch noch was dazu zu sagen.

Unvermeidlich platzte Diana dazwischen, mit ihrer Begabung, im falschen Augenblick genau das Falsche zu sagen. Sie macht das mit einem so präzisen Timing, dass man ihr Absicht unterstellen möchte, aber da täte man ihr Unrecht. Sie ist einfach so. Sie verfolgt unbeirrbar ihre eigene Agenda.

„Mein Mann ist immer noch verschwunden“, sagte sie. „Balbutin. Balbutin Hindrance. So heißt er. Der ist weg, und ich will endlich wissen, wo er ist.“

Nachricht von Diana Hindrance, vom 23.02.2022

Das war nicht falsch, dass ich das gesagt hab. Will ich hier mal klarstellen, hab ich auch eben PvM gesagt. Balbutin hat Familie. Das ist es, worum es geht. Ihr anderen könnt ja machen, was ihr wollt, das geht mich nichts an. Aber Balbutin ist weg, wegen eurer Geschichte. Ich will euch ja gern alles glauben, was ihr erzählt, aber es interessiert mich nicht so besonders. Für mich bleibt es dabei, ich seh eure Leute nicht, die ihr da seht. Mein Kleinster hat mal so geheult, genau wie Ayse, weil sie ihm in der Schule von der Hölle erzählt haben. Die Hölle, das ist der Ort, den sich die Christen eingerichtet haben, dort bringen sie alle unter, die ihnen nicht passen, und bei den Moslems gibt’s auch sowas. Mein Kleinster hat eine Woche bei uns im Bett geschlafen, bei mir und Balbutin, bis er sich wieder beruhigt hat, aber das Licht an seinem Bett musste an bleiben. Ich bin in die Schule und hab der Tussi den Marsch geblasen. Sie hat gesagt, es ging darum, dass die Kinder den Unterschied zwischen Gut und Böse lernen. Ich hab gesagt, die Kinder haben das jetzt gelernt, sie müssen nur dich anschauen, dann wissen sie, von Grund auf böse. Sie hat gesagt, sie wird für mich beten. Dass ist bei den Christen der schlimmste Fluch, jemandem ins Gesicht zu sagen, ich werd für dich beten.

Die hat nicht gewusst, dass ich Jüdin bin, sonst hätte sie davon angefangen. Die Christen waren sich ja auch immer ganz sicher, dass wir Juden in ihre Hölle kommen, und die Muslime wissen das sowieso. Also. Die Frage, wer die bösen Menschen sind, hat sich für uns jedenfalls erledigt.

Und okay, ich hab selber nach den Gefallenen Engeln gerufen, und es ist immer noch möglich, dass die wegen mir aufgekreuzt sind. Wie soll ich das wissen? PvM hat ja versucht, mir das auszureden, und das war gut gemeint von ihm, oder was immer er sich dabei gedacht hat. Aber es bleibt dabei, ich seh die nicht, ich seh eure Leute nicht, und ich halt mich an das, was ich weiß und sehe.

Wenigstens Amy hat ein kleines Kind. Also, Amy, dann sag du doch mal, worum geht es? Es geht darum, das Kind großzukriegen. Das will täglich versorgt werden. Das will auf den Weg gebracht werden. Ich hab drei Kinder, und die sollen mit ihrem Vater aufwachsen. Die sollen eine Familie haben. Die sollen erwachsen werden und das Leben anpacken. Und ich will das noch erleben. Ich will alt werden und Enkel haben und wenn es klappt, will ich sogar noch meine Urenkel sehen. Ich will neunzig werden, und an meinem neunzigsten Geburtstag soll die ganze Familie auf der Matte stehen, und ich werd im Sessel sitzen, und dann will ich gefeiert werden, und alle werden vor mich hin treten  und mir gratulieren und mir danken. Das ist es, was ich will, das ist es, was im Leben zählt. Für die Kinder sorgen, für die Nachkommen sorgen. Dafür sorgen, dass die Welt weitergeht. Ich will die Alte sein, die ehrwürdige Alte, die die Familie zusammengehalten hat.

Und deshalb will ich den Balbutin wiederhaben. Der gehört mir. Das gehört mir. Er hat mich geheiratet, er hat mir ein Versprechen gegeben. Zusammen. Wir beide. Für alle Zeit. Das sind seine Kinder, die ich da großziehe. Der kann sich nicht einfach vom Acker machen, weil da gerade diese aufregende Sache mit euren Besuchern passiert. Der hat Verpflichtungen. Der trägt einen Ring am Finger. Der hat sich gebunden, der hat ein Gelöbnis abgelegt. Vor mir, vor den Menschen. Und vor Gott. Und er sagt ja, er glaubt an Gott. Also. Was gibt es Wichtigeres? Was bitte soll wichtiger sein, als für die Familie zu sorgen?

Und deshalb hab ich das gesagt, da oben im Fons. Das Falsche zur falschen Zeit, wie PvM sagt. Da war nichts falsch dran. Das war nicht das Falsche, was ich gesagt hab. Es war das Richtige, es war das Wichtige. Es war das, worum es geht. Zum Schluss geht es immer darum, dass man jemanden im Leben hat, der einen festhält. Balbutin hat versprochen, fest und bindend versprochen hat der, er hält mich fest, was immer passiert, egal was passiert, er ist da und hält mich fest. Und ich hab ihm das gleiche Versprechen gegeben, wir beide füreinander, wir halten uns fest, dass wir nicht fallen. Und wenn wir uns festhalten, halten wir auch unsere Kinder, und die werden ihre Kinder halten, so ist das, so ist das im Leben, und es gibt kein anderes Leben.

Wenn wir gegenseitig unsere festen Versprechen nicht mehr halten, ist die Welt am Ende. Da helfen dann auch eure Besucher nicht mehr.

Deswegen hab ich angefangen, von dem Balbutin zu reden, weil es darum geht. Nicht um Balbutin, nicht um mich oder sonstwas, sondern um das Versprechen, das in der Welt ist. Dieses Versprechen, dass wir bei dem bleiben, was wir versprochen haben. Meine Kinder gucken mich an, und ich weiß, die haben Vertrauen zu mir. Wenn ich was sage, das gilt, weil ich meine Versprechen halte. Ich hab ihnen versprochen, der Papa kommt zurück. Ich werd das halten, das Versprechen. Ich werd meinen Kindern nicht in die Augen schauen und sagen, ich hab gelogen, alles zurück, der ist weg und kommt nicht wieder.

Und dabei geht mir eure ganze Geschichte mit euren Besuchern am Arsch vorbei.

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 24.02.2022

Ja, Diana, du hast recht, und ich — vertrau mir, ich hab jedes einzelne Wort gelesen, das du geschrieben hast, und du hast es mir ja auch deutlich ins Gesicht gesagt. Ich versprech dir, ich werd dir helfen, deinen Balbutin aufzustöbern, und wenn ich der bin, der ihn zuerst findet, werd ich auch der sein, der ihn dir zurückbringt, versprochen. Das gilt auch für Regina. Wir haben das im Blick. Wir verstehen, wie wichtig das ist. Für dich, aber genauso auch für uns. Ich bin froh, dass du so deutliche Worte gefunden hast. Manche Sachen müssen gesagt werden, und noch mal gesagt. Also. Es war nicht falsch, was du gesagt hast. Ich nehm das zurück.

Aber jedenfalls hast du es gesagt, und das war der Augenblick, wo der Ahnungslose von den beiden Schlapphüten, der ältere, hellhörig wurde. Er fing sofort an, eifrig zu schreiben, und dann war seine Frage, und es war fast etwas wie Begeisterung in seiner Stimme: Es sind also schon öfter Personen in diesem Umkreis verschwunden?

Ich: Von öfter kann keine Rede sein.

Diana: Ja. Balbutin ist zuerst verschwunden.

Regina: Könnten wir das trennen? Das Verschwinden von Balbutin Hindrance scheint eher eine private Sache zu sein. Hat nichts mit Ayse zu tun. Balbutin Hindrance ist nicht wirklich verschwunden. Er schickt regelmäßig Geld an seine Familie, um sie zu unterhalten, und die Beträge sind angemessen. Habe ich das richtig verstanden?

Diana: Ja, das stimmt.

Der ältere Schlapphut: Er schickt also Geld? Größere Summen? Auf welchem Weg?

Diana: Über mein – unser Konto. Das Geld geht auf unserem gemeinsamen Konto ein.

Das war der Punkt, an dem der Schlapphut die Spur verlor. Ein Mann, der seiner Familie regelmäßig Geld schickt, ist nicht wirklich aus der Welt, da ist kein Ansatzpunkt. Sorry, Diana, das war es, was ich meinte. Ich verstehe, dass du uns die Schuld an dem Verschwinden von Balbutin gibst. Aber wir haben ihn nicht gedrängt. Wir wussten überhaupt nichts von seinen Absichten. Er war auf einmal weg, und wir haben das erst von dir erfahren. Nach allem, was wir uns bis jetzt zusammengereimt haben, hat er sich abgesetzt, um die Aufmerksamkeit der Besucher von dir abzulenken. Das muss ihm gelungen sein, denn so wie die dich anstarren, haben die ein echtes Problem mit dir. Mindestens sind sie völlig ratlos. Sie wissen nicht, was sie mit dir anfangen sollen. Denk dran, wie der jüngere der beiden Schlapphüte die Fassung verloren hat. Das haben wir ja nicht vorher mit dem abgesprochen. Der hat genau das gesehen, was auch wir ständig sehen: du siehst aus wie die Frauen von den Besuchern.

Nachricht von Diana Hindrance, vom 24.02.2022

Danke. Und das hilft mir jetzt wie weiter?

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 24.02.2022

Diana, sei doch nicht so bockig. PvM hat recht. Es ist gut, dass du so deutlich gesagt hast, was Sache ist. Aber wir sind da nicht gegen dich. Wir haben uns die ganze Geschichte doch nicht ausgedacht. Ayse ist doch nicht deshalb in diesen Gärten verlorengegangen, weil sie sich was eingebildet hat. Das geht nicht gegen dich. Wir haben einfach keine Wahl, die Sache hängt über uns, die hängt auch über Balbutin, und deshalb ist der abgehauen. Ich glaube, PvM hat recht. Der wollte dich schützen. Das heißt aber, der kommt wieder. Todsicher ist der in Weldbrüggen. Früher oder später kriegen wir raus, was der dort macht. PF treibt sich irgendwo rum. Ich glaub das jetzt auch. Ich hab versucht, ihn anzurufen, der meldet sich einfach nicht. Da ist was im Gange. Diana, hab noch ein bisschen Geduld. Wir müssen warten, einfach warten.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 25.02.2022

Ich hab da gesessen wie der Fakir auf seinem Nagelbrett. Obwohl, dem Fakir machen ja angeblich die Nägel gar nichts aus. Ich hab sie gespürt. Jeden einzelnen, in meinem Hintern. Aber ich hab mich gehalten.

Es war ganz genauso, wie PvM geschrieben hat. Der jüngere von den beiden Beamten – warum sagt PvM eigentlich immer „Schlapphüte“???? – also der jüngere, der hat Diana mit den Augen geradezu verschlungen, okay, ich kenn die Wirkung, die Diana auf Männer hat, ich hätt da was anderes vermutet als PvM, aber egal, der sieht das mit mehr Abstand, vielleicht hat er recht.

Jedenfalls haben die beiden mich in die Mangel genommen, und ich hab mich an den guten alten Rat gehalten, so weit wie möglich bei der Wahrheit bleiben, möglichst nichts erfinden. Ich hab alles erzählt, was die sowieso schon wissen, ich hab die Besucher geschildert, wie die sich vor dem Haus versammeln, und wie sie vor mir in die Knie gehen, und dass ich mich wiederholt draußen auf die Straße hingestellt hab, weil die mich einfach sehen wollten.

Ich hab natürlich gelogen, okay, nicht so richtig gelogen, ich hab nur was verschwiegen, ein winziges Detail, nämlich dass ich mich nackt hingestellt hab. Das haben die Geheimdienstler nicht gewusst, PvM hat es ihnen nicht gesagt, Regina nicht. Danke danke danke. Also, dann hab ichs ihnen auch nicht gesteckt. Wie die sich das vorgestellt hätten!

Natürlich haben sie mich gefragt, woher ich das gewusst hätte, dass die Besucher mich sehen wollten. Haben die was gesagt?

Nein, sie reden ja nicht. Es war offensichtlich. Sobald ich aus dem Haus trat, selbst wenn ich nur zum Einkaufen gegangen bin, haben die mich angeschaut wie hypnotisiert, und wenn ich mich hingestellt hab vor die —

Wie haben Sie sich hingestellt? war die nächste Frage.

Ich: Einfach so, wie man sich halt hinstellt. Frontal.

Die: Und so sind Sie stehengeblieben, einfach so?

Ich: Ja, einfach so.

Sie: Wie lange?

Ich, patzig: Bis mir langweilig wurde. Eine halbe Stunde vielleicht.

Sie: Und die haben die ganze Zeit Sie angeguckt?

Ich: Die ganze Zeit. Wie Leute im Kino, die gebannt auf die Leinwand gucken.

Also, in einem Wort, ich hab gelogen, dass es kracht. Ich hab euch ja nun alles erzählt, PvM hat euch alles erzählt, es war alles ganz anders, ich hab nackt da gestanden, ich stand stundenlang da, die ganze Nacht, und ich hab hell geleuchtet in der Dunkelheit, und das Licht von den Straßenlaternen hat sich verbogen, und PvM und Regina, als die dabei waren, die haben mir hinterher ins Bett geholfen, weil ich mich kaum noch auf den Beinen halten konnte, so sagen die jedenfalls, ich weiß davon nichts mehr.

Die Schlapphüte, jetzt sag ich das auch schon, die Schlapphüte wollten dann wissen, ob ich irgendeine Ahnung hätte, warum „die Besucher“ – jedes Mal, wenn sie „die Besucher“ sagten, sprachen sie die Anführungszeichen mit, ich schwör das, ich wusste gar nicht, dass das geht, aber die konnten das – sie wollten also wissen, warum denn „die Besucher“ mich so unbedingt sehen wollten. Ich sagte, ausnahmsweise wahrheitsgemäß, ich habe keine Ahnung, das war von Anfang an so, die waren schon in meiner alten Wohnung von mir fasziniert, und das hat sich nicht geändert.

Das mit meiner „alten Wohnung“ hatte natürlich endlose Nachfragen im Gefolge. Ja, ich bin alleinstehend. Ja, die Besucher – also ich, ich hab keine Anführungsstriche mitgesprochen – die Besucher hatten sich da schon vor meiner Wohnung versammelt. Ja, sie hatten sich auch da schon vor mir verbeugt, waren niedergekniet. Und ich hab das nicht mehr ausgehalten, so allein mit denen, und PvM hat mich geholt.

Die Versuchung war gewaltig, PvM’s Worte zu zitieren, der hat mich einkassiert, aber ich hab widerstanden. Die beiden haben mich auf eine Weise angeguckt, da lag Dianas Frage in der Luft, ihr habt also Sex miteinander, und dann haben sie das tatsächlich gefragt. Höflich und gewunden, aber eindeutig. Der ältere Schlapphut, der hat das gefragt, ganz knapp und sachlich.

Besteht da irgendwie eine besondere Beziehung zwischen Herrn von Mundenheim und Ihnen? Die über Freundschaft hinausgeht?

Nichts, was über Freundschaft hinausgeht, sagte PvM.

Nichts, was über Freundschaft hinausgeht, sagte ich.

Das Peinliche war, wir platzten damit heraus wie aus einem Munde, im Chor, zweistimmig einstimmig, als hätten wir das vorher geprobt.

Wieso klingt alles, was man gegenüber Polizisten sagt, wie eine Lüge?

Nachricht von Ayse Konopski, vom 26.02.2022

Regina hat sich nichts anmerken lassen. Wenn ich mal alt bin, möcht ich so aussehen wie die, möcht ich so sein wie die, schön und – Herrin des Hauses. Wie macht die das bloß. Sitzt da, und egal was passiert, alles gucken zuerst sie an, was sie sagt, oder ob man sieht, was sie denkt. Selbst Diana hat neben der keine Chance. Bitte, wie macht man das, so zu werden, ich will das auch, bitte bitte.

Also, Regina hat sich nichts anmerken lassen, und Diana hat einfach gewartet, wies jetzt weitergeht, die hat immer ihr eigenes Ding im Blick. Ich natürlich, ich hab verwirrt zu PvM geblickt, und ist der ein bisschen rot geworden? Nur so ein kleines bisschen? Hab ich mir vielleicht nur eingebildet.

Jedenfalls, in dem Augenblick, und aus heiterem Himmel, hab ich dran gedacht, wie der zwei Tage und zwei Nächte in der Gegend herumgeradelt ist, auf der Suche nach mir, und auf einmal hab ich ein solches Mitleid mit ihm gehabt, das kann ich gar nicht sagen, und natürlich hab ich mich schuldig gefühlt dabei, schuldig bis auf die Knochen.

Ayse, hab ich zu mir gesagt, mach sowas nie wieder, nie nie wieder.

Die Schlapphüte kamen jetzt erst so richtig in Fahrt. Das waren alles ja nur Präliminarien gewesen, jetzt fingen sie an.

Es war der der Jüngere, der wieder das Wort nahm, er hatte unser „Nichts, was über Freundschaft hinausgeht“ tatsächlich mitgeschrieben, ganz sorgfältig, wiewohl ja sein Smartphone auf dem Tisch lag und alles aufzeichnete, was wir redeten, und jetzt blickte er auf von seinen Notizen und fragte: Wie kam es zu Ihrem Verschwinden? – Und er nannte Ort und Datum dazu.

Ich: Ich bin mit den Besuchern mitgegangen.

Schlapphut: Haben Sie das schon vorher einmal gemacht?

Ich: Noch nie. Das war das erste Mal, dass die mich dazu aufforderten.

Schlapphut: Sie sagen, die hätten Sie aufgefordert. Wie haben die das gemacht?

Und jetzt ging es richtig los. Mir blieb nichts anderes übrig, ich schilderte den Tanz, den die vor mir aufführten, und wie sie mich weglockten vom Haus, und die ganze Zeit dabei hatte ich den Gedanken, ich rede hier zu Geheimdienstlern, die haben doch jedes Wort mitgelesen, das ich auf unserer Seite gepostet habe, die wissen, dass ich splitternackt hinausgelaufen bin in die Nacht, was fragen die mich überhaupt noch, und dann kam mir der Gedanke, die wollen das so genau gar nicht wissen, die wollen für ihre Akten eine bereinigte Version, eine Version, die alles abklärt, damit sie den Vorgang abschließen können, warum wollen die das? Regina? Oder haben sie einfach das Gefühl, sie haben für jetzt genug Arbeit in die Sache investiert?

Jedenfalls, als ich sah, dass die mit ihren Fragen gewisse Klippen entschlossen umschifften, fasste ich Mut und begann, unbefangener draufloszureden. Ihr versteht, die fragten mich kein einziges Mal, was ich eigentlich angehabt hätte. Ist das sonst nicht das erste, was gefragt wird, wenn eine verschwindet? Na ja, ich weiß sowas ja bloß aus dem Fernsehen. Aber da ist das immer ein Thema, was hat die zuletzt angehabt.

Ich redete also munter über Stock und Stein, wie ich durchs Gelände gestromert sei, ich redete von der Hütte, und die sagten, es gibt dort im Gelände nur eine einzige Hütte von Waldarbeitern, und sie zeigten mir im Handy ein Foto, ich erkannte sofort alles wieder, da war ich, sagte ich, und dann zeigte PvM das Foto von der Wiese, wo ich gewesen war, und wieder bestätigte ich alles.

Ich erzählte überhaupt alles, und ließ all das weg, worauf es eigentlich ankam, und hatte dabei das Gefühl, das leuchtende Gefühl, vielleicht ist das immer so bei Verhören, bei Aussagen vor der Polizei, man sagt alles, lässt aber das eigentlich Entscheidende weg, und alle sind zufrieden, denn darum geht es, dass das Entscheidende weggelassen wird, und nur das dürre Gerüst übrigbleibt. So wie bei einem abgestorbenen Baum, alles ist weg, der Saft ist weg, die Blätter und die Blüten sind weg, alles fort, aber das dürre Holz steht noch, das ist das Eigentliche, sagt der Polizist.

Ich erzählte dann, wie ich zum Schluss, am zweiten Tag, schwächer und schwächer wurde, und wie ich mich dann aufmachte, wieder nach Hause zu kommen, zu PvM, und wie ich das mit knapper Not auch schaffte, und alles weitere erzählte PvM.

Ich log natürlich wieder. Ich verschwieg, dass ich die letzten paar hundert Meter getragen worden war, und dass wir alle vermuten, das war Balbutin.

Der ältere Schlapphut sagte endlich, zusammenfassend: Vor allem muss es uns darum gehen, Fremdverschulden auszuschließen. Ihre Aussage ist also, Sie sind von Wesen, die nur Sie und einige andere Personen Ihrer Umgebung sehen können, verlockt worden, hinaus in das offene Gelände zu laufen, Sie sind jedoch nach Ihrem eigenen Bekunden nicht gezwungen worden, und Sie haben sich zwei Nächte und zwei Tage wesentlich unter freiem Himmel aufgehalten, und Sie sind dabei anderen Menschen nicht begegnet und sind auch nach Ihrer Kenntnis nicht beobachtet worden, ist das so richtig?

Es blieb mir nichts anderes übrig, als laut und deutlich „Ja“ zu sagen. Die Irre hatte ihre Aussage gemacht, die Aussage war ihr vorgelesen worden, sie hatte die Aussage bestätigt. Soweit das eben einen Wert hat, was eine Irre sagt.

Ich dachte, warum verschluckt mich nicht der Boden.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 27.02.2022

PvM hat mir gesagt, er war das nicht, der das damals geschrieben hat, von wegen, er hätte mich „einkassiert“. Das wär PF gewesen. Ich glaube, er hat recht, okay, ich berichtige das. Macht das einen Unterschied? Ich brauch wirklich Leute, die auf mich aufpassen.

PvM hat weiter gesagt, ich soll hier nur fertig erzählen, was noch auf dem Fons passiert ist. Du machst das gut, das sind seine Worte, jetzt wirklich seine.

Ich sitz nur noch am PC und tipp diese Berichte rein. Hab im Leben noch nicht so viel geschrieben. Mir kommt in den Sinn, ich hab immer zu wenig geschrieben. Müsst alles aufschreiben, was früher war. Mit meiner Scheißfamilie, mit Konopski, mit der Klapse.

Die richtig schönen Sachen, die schreibt niemand auf. Will ja auch niemand lesen. Glück ist langweilig. Unglück ist aufregend. Falsches Wort. Das mit mir und den Besuchern, das ist ja kein Unglück. Aber Glück ist es erst recht nicht. Obwohl, als ich da auf der Wiese gelegen hab … ich … dieses … das war Glück. Überwältigendes Glück.

Bringt mich zurück zum Fons, denn wir haben darüber geredet. Natürlich haben wir darüber geredet, Diana hat dafür gesorgt. Das kam aber erst noch. Erst mal hatte ich die Schlapphüte am Hals. Oder vom Hals, wie ihr wollt.

Also. Die Schlapphüte waren endlich zufrieden. Sie hatten erreicht, was sie wollten. Ich hatte mich als die Irre offenbart, die ich bin, und damit blieb die ganze Verantwortung für mich an PvM und an Regina hängen. Dass sie nicht die Polizei benachrichtigten und auf mich aufmerksam machten, hatte einzig mit der Anwesenheit von Regina zu tun, bei diesem Gespräch. Die Chefin war dabei, die Chefin hatte zugehört, das stand im Protokoll, und Regina ist die Chefin, sie hat das Sagen. Ob sie jetzt zur Polizei geht oder nicht, das ging die Schlapphüte nichts mehr an, sie hatten alles getan, was sie tun mussten. Und die Ergebnisse standen im Protokoll. Da stand jetzt auch drin, Regina Austri weiß alles.

Heißt, wenn mir irgendwas passiert, wenn ich noch einmal einen solchen Ausreißer lande, und es kommt raus, sie hat davon gewusst und hat nichts getan, hat keine psychiatrische Untersuchung der Verrückten veranlasst, dann ist sie dran. Dann ist auch PvM dran, unterlassene Hilfeleistung ist das mindeste, was die ihm anhängen können.

Mir war das alles klar im Augenblick, als die Schlapphüte so plötzlich ihren Kram zusammenräumten, unmittelbar nachdem ich diesen Worten zugestimmt hatte, ich bin da mit Gestalten rausgegangen, die außer mir praktisch niemand sehen kann.

Aber das stimmt doch! das stimmt doch! und der jüngere von den Schlapphüten, der hat das ganz genau gewusst!

Sie standen auf, und sie verabschiedeten sich sehr ernst, sehr geschäftsmäßig, keineswegs unfreundlich, nur unpersönlich. Natürlich, sie waren nicht unsere Freunde. Allerdings, als sie Regina zum Abschied die Hand schüttelten, fiel mir auf, dass Regina den älteren der Schlapphüte mit „du“ anredete.

Mir war, als öffnete sich vor mir ein Loch im Erdboden, und aus dem Boden hoch drangen Stimmen, die sagten, Ayse, du dummes dummes Kind, was hast du da angestellt.

In meiner Verzweiflung sagte ich, ich komme mir vor wie eine Verbrecherin, das ist wohl so, wenn man mit Polizisten zu tun hat.

Und ich hatte doch so fest vorgehabt, mich hinzustellen und für mich einzustehen! Hilfe einzufordern, statt mich zu verteidigen!

Regina hatte den Pförtner herbeigerufen, der war gekommen und hatte die Beamten nach unten und draußen begleitet, oder wohin immer sie hatten gehen wollen, und Regina war mit an die Tür ihres Zimmers gegangen, da hatte ich gehört, dass sie zu dem älteren der Beamten „du“ sagte, und dann war sie zurückgekommen und hatte sich wieder gesetzt, gerade in dem Augenblick, als ich von meinem schlechten Gewissen redete, und ich verstand, die Sitzung war noch nicht zu Ende, noch lange nicht.

Das waren keine Polizisten, sagte Regina ohne besondere Betonung. Darum ging es ja gerade, die Polizei draußen zu halten. Die von den Diensten haben ihre eigenen Regeln. Die haben sogar bei Straftaten einen gewissen Ermessensspielraum, ob sie die Polizei benachrichtigen oder nicht. Darum ist es gegangen. Sie wollten feststellen, ob eine Straftat vorlag, Ayse, bei deinem Verschwinden. Sie haben festgestellt, nein. Sie haben den Vorgang abgeschlossen. Aber es gibt jetzt diesen Vorgang, und der liegt bei den Akten. Der kann wieder vorgezogen werden.

Was man am meisten befürchtet, tritt immer ein, hat mal jemand gesagt.

Ich beugte mich vor und starrte auf den Boden, wo sich das Loch geöffnet hatte. Ich wär am liebsten gestorben.

Ayse, sagte PvM freundlich, es macht dir doch niemand Vorwürfe. Uns allen ist klar, da sind Dinge geschehen, die waren einfach stärker als du. Wir müssen wissen, kannst du dich wehren, willst du dich wehren?

Und ich sah plötzlich vor mir, was er meinte. Da war diese Möglichkeit, diese wirkliche und ernsthafte Möglichkeit, ich würde eines Tages das Haus verlassen, angezogen, okay, und mit diesen Besuchern mitgehen. Und ich würde damit enden, als murmelnde und gestikulierende Pennerin durch die Straßen zu streifen, und wenn mich jemand fragte, würde ich von Gestalten reden, die außer mir niemand sieht. Ich würde in die Psychiatrie gebracht werden, ich würde wieder rausgelassen werden. Ich würde wieder durch die Straßen laufen, unsichtbaren Gestalten hinterher. Würde leben von Bettelpfennigen. Da war diese Möglichkeit, dass ich verwahrlost und verfilzt und verdreckt irgendwo unter der Brücke endete, in irgendeinem Hausdurchgang. Ich sah das auf einmal. Ich verstand, Regina und PvM sahen das. Ich sah sie an. Sie sahen mich an.

Gibt es kein Glück für mich? Ist das nicht vorgesehen?

(Nachrichten vom 21. bis 27.02.2022, neu eingestellt auf dieser Seite am 30.05.2022 von Peter Flamm, © Verlag Peter Flamm 2022)