Banshee Neue Folge 38

Nachricht von Ayse Konopski

„Was ist mit den Menschen, die – die Satan zu Willen sind, wie du sagst?“ fragte Regina, stirnrunzelnd. „Du sagst doch, die sind es, vor denen wir uns fürchten müssen.“

„Vor denen müssen wir uns fürchten“, antwortete PvM kalt. „Wenn ich ehrlich sein soll, ich hab vor Satan keinen Augenblick Angst. Der ist machtlos. Für sich selber hat der keine Kraft, der liegt gebunden in der untersten Hölle. Der braucht Menschen, die ihm zu Willen sind, die tun dann die schrecklichen Dinge. Stellt sich die Frage, wer sind diese Menschen, die Menschen, die Satan zu Willen sind? Zuerst und vor allem mal die, die sich Ayse krallen wollen. Die sagen: Was, die sieht Gott? Das müssen wir therapieren! Das sind also nicht notwendig Menschen, die willentlich und wissentlich das Böse wollen. Die sind sogar ehrlich überzeugt, sie wollen das Gute. Und sie wissen viel besser als Ayse selber, was das Gute für sie ist. Die arme kleine Türkin, sagen sie, die hat doch keine Ahnung, was gut für sie ist, aber wir, wir wissen das. Erinnert euch, von Anfang an haben wir genau davor Angst gehabt. Von Anfang an war unser Gedanke, wir müssen verhindern, dass Ayse denen in die Hände fällt. Als Ayse verschwunden war, haben wir alle diese Angst gehabt. Genau diese Angst. Das war unser Gedanke. Wenn die Bullen die erwischen, landet sie in der Psychiatrie. Dort wird sie behandelt. Und wir sind genauso in der Gefahr, behandelt zu werden. Weil wir hartnäckig dabei bleiben, wir sehen was, was ihr nicht seht. Der Burroblast und sein Geheul nach Satan, das ist noch unser geringeres Problem. Unser wirkliches Problem, das sind die wohlmeinenden Menschen, die wissen, was gut für uns ist.

Zu unserem Glück sind die Institutionen nicht monolithisch. Haben wir an den Schlapphüten gesehen. Ich war mir sicher, als ich das erste Mal mit denen geredet hab, die halten mich für einen armen Irren. Aber dann stellte sich raus, auch unter denen sind welche, die was sehen. Denkt an den, der fast aus seinem Stuhl gekippt ist, als Diana auftauchte. Der hat die Ähnlichkeit gesehen zwischen Diana und – “

er wies mit dem Kopf nach der Insel hinüber

„ – und denen da. Der hat also gesehen, was wir auch sehen. Wir dürfen davon ausgehen, auch unter den Weißkitteln sind welche, die sehen was. Aber dann gibt es die gemeingefährlichen Irren, vor denen wir wirklich Angst haben müssen, die Schreier, die Ideologen, die sich auf der Jagd machen würden, sobald sie nur was von uns erführen. Die öffentlich zum Halali blasen würden. Da gibt es diese Koalitionen, diese Gemeinsamkeiten. Da gibt es einmal die Irren, die ein Heiliges Buch haben und wissen, die ganze Welt muss sich danach richten. Die haben keine Ahnung von Gott, die wissen nichts, aber das brauchen sie ja auch nicht, denken sie, denn sie haben ja ihr Heiliges Buch. Ayse hat die Sorte in ihrer Familie kennengelernt, die haben den Koran geschwungen, aber von Gott haben die nichts gewusst. Aber sie haben ja den Koran, oder die Bibel, was immer ihr Heiliges Buch ist, da steht doch alles drin, rufen sie empört, alles, was man über Gott wissen muss! Und niemals wollen sie verstehen, niemals haben sie auch nur einen Begriff davon, dass wir „über“ Gott gar nichts wissen können. Was zu wissen „von“ Gott und Gott erfahren, Gott erleben, das sind zwei verschiedene Dinge. Das sind ja schon gegenüber Menschen zwei verschiedene Dinge. Was „über“ jemanden zu wissen, und diese selbe Person hautnah zu erleben: das sind zwei ganz verschiedene Dinge. Und wer was „über“ jemanden weiß, der weigert sich oft, sich auf den überhaupt noch persönlich einzulassen. Der sagt: Ich weiß ja schon alles über den, mit dem will ich nichts zu tun haben. Und so geht es denen, die es mit ihren Heiligen Büchern haben. Da steht ja alles drin, was ich über Gott wissen muss, sagen sie, mehr braucht es nicht. Und dann gibt es die, die haben ganz andere Heilige Bücher. Alles ist Gesellschaft, schreien die. Alles gesellschaftlich vermittelt! Gott! Alles gesellschaftlich vermittelt! Oder: Gott gibt es gar nicht, hat die Wissenschaft jetzt rausgekriegt. Für die ist, was sie für Wissenschaft halten, ihr Heiliges Buch, und was Wissenschaft ist, das entscheiden sie. Und auf einmal entstehen da Koalitionen, die würde man nicht für möglich halten. Koalitionen der Bevormunder der Besserwisser. Das sind die, die alles schon ganz genau wissen. Wir dagegen wissen nichts, wir wissen nur, was wir sehen. Was wir aber sehen, das wissen wir. Das lassen wir uns nicht wegreden. Für die Besserwisser sind wir entweder Abtrünnige, und gehören bestraft, oder wir sind Sonderlinge und Abwegige, und wenn wir keine Ruhe geben, dann gehören wir in die Psychiatrie. Auf jeden Fall gehören wir entsorgt. Das ist die eigentliche Frontenbildung. Auf der einen Seite stehen Leute wie wir, die dabei bleiben, wir sehen was, was ihr nicht seht, und auf der anderen Seite die, die uns deswegen entsorgen wollen. Darin sind sie sich einig, auch wenn sie in allem anderen uneinig sind. Wir sind die, die weg müssen. Wir stören. Wir sind der Ernstfall.“

(Nachricht eingegangen am 28.05.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 29.05.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)