Banshee Alte Folge 38

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 15.02.2022

Ich bin froh, dass Ayse euch das alles aufgeschrieben hat. Wir haben in der Nacht am Küchentisch gesessen – Ayse selber, Diana, Regina, ich – und Ayse hat uns das alles so erzählt, ziemlich wörtlich, aber ich hätte es nicht übers Herz gebracht, das aufzuschreiben. Jetzt hat sie es selber getan.

Es ist etwas anderes, jemandem zuzuhören, wenn er sowas erzählt, als es bloß zu lesen. Wir haben gegessen, und Ayse hat gleichzeitig geredet und gegessen, selbst die Katzen saßen mit am Tisch, und Ayse hat geweint und geredet, und dann hat sie weiter gegessen, und dann hat sie wieder geweint und musste getröstet werden, und ich war froh, dass Diana da war. Weiß nicht, was das zwischen den beiden ist, aber Ayse hört auf Diana, sonst ja auf niemanden.

Es wurde fast schon hell, als Ayse fertig war mit ihrer Erzählung. Sie war satt, und wir haben sie ins Bett gebracht, wir haben alle ein bisschen Angst, dass sie wieder ausrückt, sie schwört tausend Eide, sie würde sowas nie wieder machen, aber andererseits, sie sagt auch, sie war wie unter Einfluss.

Diana schläft bei ihr, sie hat meine Campingliege gekriegt, und wenn Ayse ausrücken will, muss sie schon über die große schöne Frau neben ihr wegsteigen, das wird nicht passieren.

Diana ist nicht eben glücklich über die Rolle, die Balbutin gespielt zu haben scheint.

Nachricht von Diana Hindrance, vom 15.02.2022

Nicht eben glücklich. Wie schön PvM um die Dinge rumreden kann! Wie würdet ihr euch denn fühlen, wenn ihr erfahrt, euer ausgerissener Ehemann strolcht da mit einer nackten kleinen Türkin auf den Armen durchs Gelände? Ich krieg den.

Ich bin immer noch in Weldbrüggen, ich hab Ärger ohne Ende, ich häng jeden Tag am Telefon und beknie die Nachbarin, noch weiter auf die Kinder aufzupassen, und die Kinder wollen wissen, komm ich bald wieder nach Hause, oder bleib ich jetzt auch weg, wie der Papa?

Wenn ich Balbutin in die Finger krieg, ich mach den alle. Er ist hier, ich spür das. Natürlich war der das, in der Nacht, natürlich hat er Ayse gerettet. So ein Held. Statt nackte kleine Türkinnen zu retten, sollte er sich lieber um seine Familie kümmern.

Ich hab noch mal gelesen, was er geschrieben hat: Don‘t worry, I‘ve seen her, she‘s well.

She, damit war natürlich Ayse gemeint. Das hat er am Abend gepostet, am Abend, als PvM Ayse unter seinem Küchenfenster gefunden hat. Dann ist ja alles klar. Aber wie hat der die gefunden? War er ihr die ganze Zeit auf die Spur? Hat er ihr womöglich zugeguckt, wie sie in der Nacht auf der Wiese gelegen hat, und wie sie an sich rumgemacht hat dabei?

Ich krieg den, und der wird sich wünschen, er wäre nie geboren.

Ich bin sogar rausgegangen und hab mich umgesehen, hinter PvM’s Haus, der hat es schön hier, da sind überall kleine Gärten, und Wege dazwischen, aber natürlich keine Spur von Balbutin. Ich müsste zu Hause bei den Kindern sein, statt dessen hab ich mich hier in der Wohnung nützlich gemacht, ich war sogar einkaufen, wir haben ja den ganzen Kühlschrank leergefressen in der Nacht, während Ayse erzählt hat, und jetzt schläft sie, die schläft wirklich Tag und Nacht, und wenn sie nicht schläft, isst sie, die hat sich völlig verausgabt bei ihrem Abenteuer, ein Wunder, dass sie das überlebt hat.

Sie ist noch ein Kind. Ich hab das früher nicht gemerkt, aber wenn sie länger redet, merkt man es. Sie passt zu PvM, der ist auch nicht ganz erwachsen, irgendwie. Ayse. Aber ihre Möpse und ihr Hintern sind erwachsen, Balbutin, ich krieg dich.

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 16.02.2022

Menno, Diana, hör jetzt auf, Feuer zu spucken, dein Balbutin liest das doch alles mit. Der ist doch auch bloß ein Kerl, der kann ja auch nichts dafür, wenn die kleine Türkin … egal. Ich weiß nicht, was ich schreiben soll. Das ist doch alles bloß erfunden. Nein. Ist mir klar, das habt ihr nicht erfunden. Ich muss das erst mal ich muss das alles erst mal verdauen. Das ist doch, ich weiß nicht was. Wär leichter, ich wär dabei gewesen. Wär leichter, ich hätt mit in dieser Küche gesessen und mir das alles angehört. Dann, dann, ich weiß nicht. Dann wär das irgendwie näher. Weil — ich glaub — wenn man neben Ayse sitzt, und neben PvM, und die erzählen das alles, dann ist es wie es ist. Als ich das gelesen hab, hab ich gedacht, das ist ein Film, okay, das ist bloß ein Film. Ich komm nicht damit zurecht. Das ist die Wirklichkeit. Echt jetzt? Die Wirklichkeit, wie sie ist? Was sollen wir damit anfangen?

Nachricht von Sandra Zwischenwirt, vom 16.02.2022

Ich komm auch nicht damit zurecht. Diana ist also auch in Weldbrüggen, bei PvM. Die hängen dort zusammen und haben das volle Leben. Egal was ist, die haben das Leben. Und wenns noch so kracht und schiebt, es ist das Leben, und die haben das. Was hab ich? Ich weiß schon nicht mal mehr, wann ich das letzte Mal Sex gehabt hab. Das höchste an Abenteuer in meinem Leben ist, dass diese Scheißfiguren da draußen rumlungern und mich anglotzen, wenn ich hingucke. Die gleichen Scheißfiguren, die vor Ayse in die Knie gehen und ihr dabei zugucken, wenn sie — also ich krieg die Krise. Sorry, damit komm ich nicht zurecht. Wo ist eigentlich PF? Warum sagt der nicht mal was? Der hat doch sonst immer den Überblick.

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 16.02.2022

Der ist untergetaucht. Weiß nicht. Geht jedenfalls nicht ans Telefon. Der muss noch um die Wege sein, denn auf der Verlagsseite ist täglich Betrieb. Wenn der nicht hinter unserem Rücken jemanden eingestellt hat, der den Kram für ihn erledigt, sitzt der entweder in seinem Büro, oder er macht das von unterwegs aus. Versteh nicht, was da läuft. PvM, wir hatten die Diskussion doch schon mal. Du erfindest das doch alles. Alles bloß eine Geschichte. Wir sind alle ausgedachte Figuren, ja? Sowas passiert doch nicht. Was ihr da geschrieben habt, du und Ayse. Sowas passiert doch nicht. Das hast du doch alles erfunden. Uns, Ayse, Weldbrüggen, deine Regina, alles erfunden. Jetzt sags doch. Stimmt das?

Nachricht von Sandra Zwischenwirt, vom 16.02.2022

Amy, komm auf den Teppich. Fang hier nicht an, Panik zu schieben. Du wirst doch wohl noch wissen, ob du wirklich bist oder nicht. Was ist mit deinem Matsunaga? Der liegt doch wohl in seinem Bettchen und kräht. Geh auf deinen Balkon, guck runter. Du wohnst doch immer noch in diesem Hochhaus? Schöner Blick nach unten auf den Rasen zwischen den anderen Hochhäusern. Guck runter. Würdest du springen? Nicht? Dann muss das alles wirklich sein. Prüfen wir mal. PvM! Komm mal rüber mit den Nachrichten aus dem wirklichen Leben. Fangen wir mal mit dem an, was die Kerle notorisch nicht wissen. Die Augen von deiner Ayse. Welche Farbe haben die? Schnell! Sofort! Nicht hingucken!

Ist natürlich grad nicht online, der. Sehr bequem.

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 16.02.2022

Doch, ich bin online. Das wechselt. In der Sonne hat sie grüne Augen, und bei Lampenlicht eher honigfarbene. Sieht manchmal aus wie Bernstein.

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 16.02.2022

Oh, wie süß. Da hat jemand aber tief hingeguckt.

Nachricht von Sandra Zwischenwirt, vom 16.02.2022

Ja, supersüß. Sowas schreibt einer, wenn er es erfindet. Da ist PvM groß drin, im Erfinden. Hopp. Haarfarbe. Schnell. Pronto!

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 16.02.2022

Sie hat diese Haarfarbe, wie man sie bei Türkinnen öfter sieht. Weiß nicht, wie man das nennt. Ganz unbestimmt. Dunkel, aber nicht brünett. Auch nicht blond. Also Dianas Haare sind schwarz, richtig schwarz. Schwarz wie Kohle. Und meine sind weiß. Das kann man definieren. Aber Ayse … unbestimmt blond, würd ich sagen, hat man das nicht früher mittelblond genannt? Hört auf, mich zu grillen.

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 16.02.2022

Menno, PvM, aus welchem Jahrhundert kommst du denn? Die Farbe nennt man mousy. Okay. So hab ich Ayse auch in Erinnerung. Wenn sie sich die Haare nicht inzwischen gefärbt hat.

Nachricht von Sandra Zwischenwirt, vom 16.02.2022

Guter Gedanke. Okay. PvM, klare Ansage. Mousy. Ist das ihre natürliche Haarfarbe? Nicht drücken. Du musst das wissen. Wir haben alle gelesen, was du geschrieben hast. Also. Ist das ihre natürliche Haarfarbe?

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 16.02.2022

Nein, sorry, das weiß ich nicht. Wie kommt ihr darauf? Erstens, sie ist babyglatt rasiert, und zweitens, ich hab nicht hingesehen. Natürlich hab ich nicht hingesehen. Wofür haltet ihr mich?

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 16.02.2022

Natürlich nicht.

Nachricht von Sandra Zwischenwirt, vom 16.02.2022

Auf keinen Fall.

Nachricht von Diana Hindrance, vom 16.02.2022

Wo kämen wir da hin!

Nachricht von Sandra Zwischenwirt, vom 16.02.2022

Diana ist wieder da! Hört mal, wenn Ayse zwei Nächte und zwei Tage da draußen war und sie ist immer noch glatt wie ein Babypopo, und keine Stacheln zu sehen, dann ist sie nicht rasiert, sondern sie hat sich gewachst. An der Stelle ist das – autsch. Sagt, was ihr wollt, das Mädel tut was für die Schönheit. Für wen macht die das?

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 16.02.2022

Ich finde eure Detailfreude zwar verständlich, aber irgendwie auch unangebracht.

Nachricht von Sandra Zwischenwirt, vom 16.02.2022

Wieso unangebracht? Sowas interessiert doch! Und überhaupt, du hast den ganzen Spaß gehabt, und Ayse scheint sich ja auch ziemlich amüsiert zu haben, unterm Sternenzelt, und wir? Was ist mit uns? Wir sitzen hier und machen lange Zähne und dürfen grad mal lesen, was ihr die Gnade habt zu erzählen, uns gewöhnlichen Sterblichen, da werden wir doch noch Fragen stellen dürfen!

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 16.02.2022

Sandra, Schätzchen, ich fall grad vor Lachen vom Stuhl. Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen. Aber sorry, du bist eifersüchtig. Streits nicht ab, ich bins auch. Die haben das volle Leben, und wir sitzen hier und sind froh, dass wir wenigstens davon lesen dürfen. Ist das gerecht?

Nachricht von Ayse Konopski, vom 17.02.2022

Freu mich, dass ihr so Spaß habt auf meine Kosten, da bin ich doch wenigstens zu was nütze.

Ich hangle mich grad weiter von einer Stunde zur anderen. Alles bricht über mir zusammen. Da sind irgendwo Lawinen. Ich steht irgendwo im Gebirge, am Abhang. Da ist ein richtiger Abgrund unter mir. Und rechts und links gehen Lawinen runter. Schnee Eis Geröll, was weiß ich. Weiß nicht, wovon ihr redet, von wegen volles Leben und so.

PvM hat mich rausgeschleift, praktisch mit Gewalt. Sorry, ich kann das nicht schreiben. Ich versteck mich jetzt irgendwo, vielleicht auf dem Klo.

Nachricht von Diana Hindrance, vom 17.02.2022

PvM hat mir gesagt, ich soll euch erzählen, was Sache ist. Vor allem soll ich alles aufschreiben, damit wir hinterher noch wissen, was der Reihe nach passiert ist. Ich weiß nicht mal, was passiert, während es passiert, aber egal.

Sache ist, Ayse hat sich im Haus rumgedrückt. Hat sich geweigert, in ihrem Zimmer die Läden zurückzuklappen. Hat sich von den Fenstern ferngehalten. PvM ist das zunächst nicht aufgefallen, mir schon. Ich hab mich nicht lang aufgehalten, ich hab die Maus gleich zur Rede gestellt. Ihre Ansage war, sie kann denen draußen nicht unter die Augen treten. „Ich hab versagt.“

Ich hab erst gar nicht verstanden, was die eigentlich meint. Dann hat sie was rausgelassen, und ich hab das mit dem kombiniert, was hier schon geschrieben worden ist. Klare Sache. Eure Besucher, also, meine sind das ja nicht, ihr könnt reden was ihr wollt, von wegen, dass ich ausseh wie die Frauen von denen, es sind nicht meine Besucher, ich seh die nicht, ich seh gar nichts, und ich bin sowas von froh drum, und um das mal klar zu sagen, ich bin noch immer nicht überzeugt von euch, ihr habt mich noch immer nicht überzeugt, dass ihr nicht einfach ein Haufen von Spinnern seid, ihr habt vielleicht alle bloß Halluzinationen und steckt euch gegenseitig an, also, ich seh nichts da draußen, und mein einziges Problem ist, dass ich meinen entlaufenen Mann wieder einfange, was anderes interessiert mich gar nicht, hört ihr?

So. Das gesagt. Wo war ich. Ayse. Ayse hat angefangen zu reden, sie hat versagt, sie schämt sich so, und auf einmal sind bei ihr die Schleusen aufgegangen, und sie hat angefangen zu heulen, halleluja, kann das Mädel heulen, Rotz und Wasser, ich hab sie erst mal wiegen müssen wie ein Baby, das war der Punkt, wo PvM sich verzogen hat, und als wir allein waren, und ich hab sie ein bisschen warm gehalten und fest gehalten, wies bei Kindern immer funktioniert, und hab ihr den Kopf gestreichelt, also, irgendwann hat sie sich beruhigt, und dann hat sies rausgelassen.

Sie schämt sich zu Tode vor den Besuchern. Die sind gekommen und haben in ihr die Retterin gesehen. Praktisch den Heiland. Die haben nichts anderes gewollt, als von ihr – erlöst zu werden. Bei ihr zu sein, und sie sollt bei ihnen sein, und alles wär gut. Und sie hätt grade mal zwei Tage und zwei Nächte durchgehalten, und jetzt wären die Besucher wieder da, wo sie vorher schon waren, und jetzt traut sie sich nicht mehr aus dem Haus, traut sich nicht einmal mehr in die Nähe von den Fenstern, denn die hängen ja noch immer draußen ab, und sehen sie an, und sie will denen nicht unter die Augen treten, nicht, nachdem sie so versagt hat, die haben so große Hoffnungen in sie gesetzt, und sie hat es ja versucht, sie hat ja alles gegeben, aber dann ist sie abgestürzt.

So. Da saß ich nun und sollt was dazu sagen.

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 18.02.2022

Die beiden kamen nach einiger Zeit zu mir rüber, in mein Arbeitszimmer, wir müssen reden, hieß es. Ayse schniefend, Häufchen Elend. Hatte gar nicht gewusst, dass die so heulen kann. Beneidenswert, irgendwie.

Also war mal wieder die Küche angesagt. Ich war sowas von froh, dass Diana da war. Sie ist – bossy, so sagt man doch, oder? aber ich wünschte, ich hätte so eine Mutter gehabt. Praktisch, entschieden, zupackend, lange Diskussionen kommen da gar nicht erst auf.

Sie legte in ein paar kurzen Worten dar, was sie euch eben geschrieben hat. Ich hörte mir das an, dann ging ich vor die Haustür und sah hinaus. Unverändertes Bild. Die wartende Meute der Beter. Mir kam der Gedanke, Wallfahrer. Als wär das hier für die sowas wie Lourdes. Oder Altötting. Und Ayse die wunderwirkende Statue der Heiligen Jungfrau. Und jetzt weinte die Statue sogar echte Tränen. Das Wunder! Das Wunder!

Ich stand unter der Haustür und starrte die Besucher an, und sie starrten mich an. Was wollt ihr eigentlich? fragte ich laut. Sie starrten mich nur an und antworteten nicht.

Es waren wieder Hunderte. Saßen überall, auf den Gartenzäunen, drüben auf der Wiese, einer hockte sogar oben auf der Straßenlampe und ließ die Beine baumeln, Spinnenbeine. Ich versteh das nicht. Sie haben doch keine festen Körper, und dennoch bewegen sie sich wie Menschen, täuschend echt. Und wieder wehten die Haare und die Kleider der Frauen wie im Sturm.

Ich stand so lange da, dass endlich Diana ungeduldig nach mir rief. Ich schloss die Tür und ging seufzend zur Küche.

Schräg, wenn ich mir das so überleg. Diana ruft einmal, und ich tappe los wie ein gehorsamer kleiner Junge. Ich krieg noch raus, was das ist, mit der Frau.

Ayse heulte noch immer, und Diana hielt sie in den Armen und küsste ihr den Kopf.

Wir müssen das abklären, sagte ich. Kommt nicht in Frage, dass Ayse sich hier im Haus versteckt. Wenn sie erst mal damit anfängt, findet sie bald nicht mehr den Mut, überhaupt noch die Tür aufzumachen. Wenn man vom Rad gefallen ist, muss man sofort wieder aufsteigen und weiterfahren. Nicht das Rad nach Hause schieben! Früher hat man das Gleiche gesagt, wenn einer vom Pferd gefallen ist. Sofort wieder aufsteigen! Sonst entwickelt man Angst, und dann traut man sich gar nichts mehr.

Ich geh da nicht raus, sagte Ayse.

Wir sind bei dir, sagte ich. Ich geh auf der einen Seite, Diana auf der anderen, und dann sind wir schon bei der Garage.

Ich telefonierte mit Regina. Ich hatte einen Hintergedanken dabei. Die Schlapphüte würden mit Ayse sprechen wollen. Wenn wir das Gespräch in den Fons verlegen könnten, müsst ich die Schlapphüte nicht in die Wohnung lassen. Ayse fühlt sich hier sicher. Also. Besser, sie spricht oben in der Bibliothek mit denen, und Regina ist dabei. Regina ist gegenüber den Schlapphüten weisungsbefugt. Das ist diese Weldbrüggener Konstruktion. Alles, was mit Religion zu tun hat, fällt dienstrechtlich in die Kompetenz des Fons. Und Regina, als die Chefin des Fons, hat mir versprochen, sie macht die Mauer in dieser Sache.

Immerhin, sie sieht die Besucher auch.

Ich telefonierte mit ihr, und zu meiner Überraschung sagte sie, wir sollten hochkommen, sofort.

Guter Gedanke. Ayse rausbringen aus der Wohnung, bevor sie sich einigelt. Sofort.

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 19.02.2022

Als wir zur Garage gingen, spähte Diana nach allen Seiten wie ein Geier. Sie hielt nach ihrem Balbutin Ausschau, natürlich. Ich wünschte, PF würde endlich ans Telefon gehen. Der ist unterwegs, und ich weiß nicht, was der treibt. Dass der uns abhanden kommt, wie Balbutin, ist nicht wahrscheinlich. Der hat irgendwas vor. Normalerweise redet er mit mir. Vielleicht ist er irgendeiner Sache auf der Spur, irgendwas, was uns weiterbringt. Die Option, einfach alles laufen zu lassen, haben wir schon lange nicht mehr. Das Gesetz des Handelns, bestimmen wir das noch?

Irgendwas ist uns aus der Hand geglitten. Und ich weiß auch, wie das passiert ist. Das ist an dem Tag passiert, als die Besucher Gewalt über Ayse gewonnen haben. Als Ayse rausgegangen ist, als hätte sie keinen eigenen Willen mehr, oder als wär das ihr eigener Wille.

War das ihr eigener Wille, als sie nackt und wehrlos in die Wiesen rausgerannt ist, um sich zwei Tage und zwei Nächte im Freien aufzuhalten, in der Überzeugung, sie kann das, sie hält das durch, sie kann für immer so frei durchs Gelände schweifen, unverwundbar, erfüllt von heiliger Kraft?

Nachricht von Diana Hindrance, vom 19.02.2022

Wir schafften es, Ayse in präsentable Klamotten zu bringen, wie schafften es, sie aus dem Haus zu lotsen. Wir hielten sie in der Mitte wie ein ängstliches Hündchen, und sie hielt den Blick zu Boden gesenkt, und PvM war so offensichtlich mit den Gedanken woanders, dass ich ihn daran erinnern musste, das Garagentor zu öffnen, sonst wär er einfach davor stehen geblieben, mit der Fernbedienung in der Hand.

Ja, stimmt, ich hab mich umgeguckt, aber nicht nach diesem Volldepp Balbutin. Ich hab geguckt, geb ich zu, ob ich nicht vielleicht doch was seh von euren „Besuchern“.

Nichts. Niemand. Natürlich nicht. Angeblich, so jedenfalls die Ansage von PvM, kommen sie ganz dicht an mich ran, wenn ich im Freien auftauche, PvM sagt, die beriechen mich regelrecht, also ich merk nichts.

Wir schafften es in den Wagen, und wir fuhren los, PvM am Steuer, Ayse und ich auf dem Rücksitz, und Ayse den Kopf an meiner Brust, sie vergrub sich richtig, um die böse Welt nicht sehen zu müssen. Das Beste wird sein, ich nehm sie mit nach Hause, wo die anderen Kinder warten, da kann ich auf sie aufpassen.

Wenn ich das vorschlage, wird sie sagen, ich bin kein Kind. Na ja, und Platz für sie hab ich daheim sowieso nicht, also was solls, PvM, sieh selber zu, wie du mit der Sache zurecht kommst, Ayse ist dein Problem, dein süßes kleines rundes türkisches Problem.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 19.02.2022

Ich bin nicht das Problem. Zeit meines Lebens waren da Leute um mich rum, die haben mit dem Finger auf mich gezeigt und gesagt, du bist das Problem. Meine Scheiß Familie hat das gesagt, Konopski hat das gesagt, als er abgehauen ist, in der Klapse haben sie es gesagt, wir müssen dich jetzt therapieren, denn du bist das Problem.

Ich bin nicht das Problem. Aber da draußen das alles, das wächst mir über den Kopf. Ich wollt doch bloß alles richtig machen. Vielleicht hab ichs übertrieben, okay. Ich wollt alles so richtig machen, dass die ganze Welt richtig wird. Das kann niemand. Aber die Besucher. Wenigstens denen wollt ich helfen. Wenigstens für die wollt ich alles richtig machen. Für die war ich nicht das Problem. Für die war ich die Lösung. Und für ein paar Stunden hab ich das wirklich geglaubt, ich bin die Lösung. Und dann bin ich abgestürzt. Und jetzt häng ich rum und fang an zu heulen, sobald mich nur jemand anspricht. Egal was ist, Diana sagt ein freundliches Wort zu mir, ich fang an zu heulen. Oben auf dem Fons, ich hab die ganze Zeit bloß geheult. Ich will das nicht, aber irgendwie sind da die Schleusen aufgegangen, und die Schleusen wollen einfach nicht mehr zugehen. Da muss doch irgendwann das Wasser ausgehen. Soviel Wasser kann doch überhaupt nicht sein, in der Welt. Irgendwann hab ich keine Tränen mehr. Und was dann?

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 20.02.2022

Ayse, du bist nicht das Problem. Das Problem, unser ganzes Problem, das sind die Besucher. Wir kommen aus der Sache nicht raus. Die Besucher sind in der Welt, wir sehen sie. Und sie sorgen ja dafür, dass wir sie sehen. Sie wollen was von uns, sie stellen sich uns in den Weg. Die Bettler in unserer Welt, die stellen sich uns auch in den Weg. Wir können sie ignorieren, klar können wir das, aber manche von uns können das auch nicht, da ist etwas in ihnen, das zwingt sie einfach hinzusehen. Nur ist das mit den Bettlern einfach. Die brauchen Geld Kleidung Obdach, und ein bisschen Zuwendung. Können wir alles geben. Aber die Besucher? Wir müssen unbedingt rauskriegen, was die wollen.

Ich muss darüber nachdenken, was du gesagt hast. Ayse. Die Besucher denken, du bist die Lösung. Da ist was, irgendwie ist da was, da können wir ansetzen.

Erst mal will ich erzählen, was oben auf dem Fons passiert ist, dann reden wir weiter.

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 20.02.2022

Da muss ich mal dazwischen, also das ist doch der Punkt, das hat mich richtig vom Stuhl gehoben. Ayse hat immer gesagt gekriegt, du bist das Problem. Dann kamen die Besucher, und die haben gesagt, oder gesagt haben sie es ja nicht, aber sie haben es zu verstehen gegeben, also, Ayse, du bist nicht das Problem, du bist die Lösung.

Das erklärt doch alles! Was müssen wir noch lang reden? Deshalb ist Ayse rausgegangen! Weil die ihr gesagt haben, du bist für alle unsere Probleme die Lösung, wir brauchen dich, komm mit uns! Ist doch klar, dass das Mädel da mitgegangen ist!

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 20.02.2022

Das ist ziemlich genau das, was wir auch auf dem Fons geredet haben, Regina ist ziemlich genau auf diesen Punkt gekommen.

Ich erzähl das jetzt.

Mir ist es ergangen wie Diana. Auf dem ganzen Weg hoch zum Fons hab ich immer wieder gespäht, ob sich irgendwo auf der Straße Balbutin rumdrückt. Wär der höhere Zufall gewesen, wenn wir ihm begegnet wären, aber manchmal passieren solche Dinge. Wenn er hier ist, dann könnte er sich in Montbel einquartiert haben, auf der rechten Flussseite, irgendwo in einem der alten Häuser hier, die Straßen sind winkelig und kaum zu überschauen, ich will nicht sagen, man könnte ihn da nicht finden, aber wenn einer sich verstecken will, sucht er genau so einen Ort. Wer weiß, wie lange der schon da ist und uns beobachtet. Vielleicht war er von Anfang an hier. Die Vorfahren von Diana haben sich in der Umgebung versteckt, in einem von den Dörfern südlich von Weldbrüggen, und sind unentdeckt geblieben, das ist hier eine Gegend, wo man in Deckung gehen kann, vor dem Rest der Welt.

Ayse hat sich die ganze Zeit an Diana festgehalten, das hat mir irgendwie ein neues Bild gegeben von der schönen Frau.

Oben auf dem Fons war alles still, wie üblich. Es müssen ein paar Besucher im Gebäude gewesen sein, denn auf dem Parkplatz standen Autos, wir haben sie aber nicht zu Gesicht bekommen.

Wir haben geklingelt, wir sind beobachtet worden durch die eingebaute Kamera über der Messingplatte, und dann sind wir eingelassen worden. Der Pförtner in seiner grauen Uniform hat uns persönlich nach oben gebracht, in Reginas Amtszimmer, ich hab den Pförtner nicht wiedererkannt, sind das jedes Mal andere?

Regina kam uns entgegen, als wir eintraten, und sie hatte schon Besuch, es waren die zwei Schlapphüte, die ich kannte, die zwei Beamten von der Weldbrüggener Inlandsaufklärung, und dann erlebte ich eine Überraschung, und zwar eine gewaltige.

Der eine von den beiden Beamten, der jüngere, hielt kurz den Atem an, als er Diana sah, und seine Pupillen weiteten sich. Er hatte sich bemerkenswert gut im Griff, er ließ sich nichts anmerken, aber das Weiten seiner Augen, das konnte er doch nicht verbergen. Das war nicht die übliche Reaktion, die so viele Leute an sich haben, wenn sie Diana zum ersten Mal sehen, diese Mischung aus Erstaunen und Bewunderung, wer ist das? ein Model? ein Filmstar? – das war etwas ganz anderes. Der junge Kerl hielt Diana im ersten Augenblick für eine von den Besuchern, genau, wie es Regina ergangen war. Er sah die Besucher also auch. Das hatte er nicht verraten, als ich das erste Mal mit ihm gesprochen hatte, in meinem Haus, im Beisein Reginas. Mit keinem Mundzucken hatte er zu erkennen gegeben, dass er wusste, wovon ich redete.

Wie viele von uns gibt es eigentlich?

(Nachrichten vom 15. bis 20.02.2022, neu eingestellt auf dieser Seite am 29.05.2022 von Peter Flamm, © Verlag Peter Flamm 2022)