Banshee Neue Folge 37

Nachricht von Ayse Konopski

Der alte Mann machte derweilen eine kurze Pause, wobei er den Kopf sonderbar geneigt hielt, wie einer, der lauscht, bekam der mit, was in mir vor sich ging?

Ich weiß nicht. Jedenfalls machte er eine kurze Pause, der alte Mann, sehr konzentriert, und fuhr dann fort: „Lasst mich jetzt versuchen, die Fäden zusammenzubringen. In diesem uralten, nimmer endenden Gespräch der Juden, in diesem fortwährenden Murmeln, das Ayse da unter der Kathedrale gehört hat, da sind Nachrichten bewahrt, aus der Zeit vor der Zeit. Das bringt mich zurück zum Buch Henoch. Das Buch Henoch erzählt vom Aufstand der Engel gegen Gott, oder zumindest ihrer Widersetzlichkeit. Die Engel wurden geschleudert an einen Ort der Finsternis, unterhalb des Menschlichen. Einen Ort, von dem wir normalerweise nichts wissen. Irgendwo dort unten gebunden liegt auch der Azazel. Zu dem Leiden der Gefallenen Engel gehört – also, ich versuch mal, das auf die Reihe bringen. Gott hat den Juden erlaubt, zu Jom Kippur ein Sühneopfer zu bringen. Zwei Böcke werden ausgewählt. Der eine ist rein, der wird Gott geopfert, auf dem anderen werden alle Sünden abgeladen, die sich das Volk hat zuschulden kommen lassen, und dann wird er in die Wüste gejagt. Das ist der Bock, für Azazel bestimmt. Ihr versteht. Die Gefallenen Engel da unten tragen nicht nur ihre eigene Sünde, sondern auch noch die Sünden der Menschen, die auf ihnen abgeladen werden. Das ist ihre Strafe, das ist ihr Leiden. Das schlimmste Leiden der Gefallenen Engel ist, sie können Gott nicht mehr sehen, Gott verbirgt sich vor ihnen. Steht ausdrücklich so im Buch Henoch. Und dann kommt auch noch die Bosheit der Menschen hinzu, die sich willentlich von Gott abwenden. Gott ist nicht fern von den Menschen, Gott ist nahe, die Menschen müssen sich nur öffnen, dann können sie Gott erfahren, sie können das Licht erfahren in sich, und einzelne Menschen können Gott sehen von Weitem, von Ferne, von hinten, so heißt es in der Tora, und die Gefallenen Engel wissen, Gott ist noch da, aber sie können Gott nicht mehr sehen, sie konnten das einst, jetzt können sie es nicht mehr, sie sehnen sich verzweifelt danach, denn sie erinnern sich noch. Und dann kommt Ayse getappt, sie ist erwählt, Gott zu erleben mehr als sonst die Menschen, sie hat keine Ahnung davon, aber die Gefallenen Engel kriegen das mit, sie versammeln sich um sie, sie beugen sich vor ihr, in Verehrung und Demut, und Ayse hat keine Ahnung, was da abgeht. Die Gefallenen Engel sind also nicht mehr Anhänger Satans. Sie haben sich zwar ursprünglich von Satan verführen lassen, aber sie bereuen ihre Tat zutiefst. Ihre Tat, das war der Aufstand gegen Gott. Sie wollen wieder zurück zu Gott, wollen das brennend. Sie hängen also irgendwo in der Mitte. Sie wollen zurück zu Gott, aber sie sind gebunden an Satan, der sie einst verführte.  Satan wiederum hofft, sie zurück auf seine Seite ziehen zu können. Auch er ist geschleudert in die Finsternis, aber er denkt, das Spiel ist noch nicht aus. Er denkt, er kann den Krieg gegen Gott immer noch gewinnen. Dafür braucht er Menschen, die ihm zu Willen sind. Und er hofft, er kann auch die Gefallenen Engel wieder für sich gewinnen, dass sie auf seiner Seite kämpfen. Dafür braucht er Ayse. ‚Geht und sucht das Mädchen, das sammelt die Scharen. Sucht das Mädchen! Bringt das Mädchen zu mir, zu Azazel, schickt heraus zu mir das Mädchen, das ist euer Auftrag‘, das waren doch die Worte, die Balbutin gehört hat. Ayse wirkt auf die Gefallenen Engel wie ein Magnet. Könnte sein, der Azazel will Ayse in seine Gewalt bekommen, um sich dann den Gefallenen Engeln als Wahrer Gott zu präsentieren.“

Ich hätte gern was gesagt, irgendwas, mir fiel nichts ein, mir fiel wirklich nichts mehr ein. Ich blickte hinüber zu den traurigen drei Schwestern auf der Insel, die sahen mich nur an, aus ihren riesigen Augen, die niemals blinzelten, da war keine Hilfe, nirgendwo, nirgendwo ein Weiser, der mir sagte, so kommst du wieder raus aus der Sache.

(Nachricht eingegangen am 27.05.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 28.05.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)