Banshee Alte Folge 37

Nachricht von Ayse Konopski, vom 11.02.2022

Mein Eigentum. So bin ich durchs Gelände spaziert. Der Tag sank langsam, und ich wanderte über die Wege, quer durch die Wiesen, immer unter dem Himmel, und der Himmel war so hoch, so unendlich hoch.

Einmal kam ich auf etwas, das sah aus wie ein kleines Rübenfeld, warme weiche Wolken waren inzwischen über mir, und das Gras schien mir so sanft und einladend, ich legte mich einfach hin.

Ja, das hab ich gemacht. Ich hab mich da ins Gras gelegt, Arme unter dem Kopf, und hab hinauf geschaut in die Gewölbe über mir. Der Wind spielte an mir herum, wie ein Liebhaber, der die Finger nicht lassen kann von seinem Mädchen. Überall der Wind, auf jedem Zentimeter meiner Haut, er machte sich sogar zwischen meinen Beinen zu schaffen, und ich ließ ihn, weil mir das gefiel, und die Wolken schauten auf mich herab und sahen mir zu, wie ich seufzte, und zum Schluss sogar einen kleinen glücklichen Schrei ausstieß, der war aber nicht lauter als das Knistern im Gras.

Die Wolken. Die waren so grau und gewaltig, zuweilen war da ein zerrissenes Blau, und immer wieder Weiß. Und ich schwöre, da waren die Wolkenbewohner zugange, die Reisenden da oben, die sahen auf mich hinunter, und manchmal winkte ich ihnen zu, und sie winkten zurück, sie freuten sich über mich, sie sahen nicht oft ein nacktes Mädchen in den Wiesen.

Rings um mich lagerte die Gemeinde, sie saßen dicht bei mir, und ich wusste, die passen auf mich auf, die merken es, wenn ein Feind kommt, dann bringen sie mich weg, oder sie machen mich unsichtbar, sie können das.

PvM hat zufällig die Stelle fotografiert, genau die Stelle. Ich hab‘s nicht geglaubt, aber ich hab sie wiedererkannt. Er hat ja überall fotografiert in der Gegend, wo immer er dachte, da könnte sie gewesen sein. Und er hat mir die Fotos gezeigt, in seinem Handy, und bei dem einen hab ich sofort gesagt, da war ich, und hab den Finger drauf gelegt.

Da war ich.

Ich hänge euch das Foto an, damit ihr es auch seht.

Der Wolkenhimmel war wie ein ungeheures Gewölbe über mir, und ich lag und schaute hinauf, und plötzlich spürte ich einen drehenden Schwindel in meiner Magengrube, mir war, als würde ich mich lösen vom Boden, als würde ich hinauffallen, fallen hinauf in die Unendlichkeit, in jagender Geschwindigkeit, winzig in Räumen durchschäumt von wogendem Licht, und das Licht sagte zu mir, wo warst du nur so lange, wir haben auf dich gewartet.

Mir fielen die Augen zu, ich glaube, ich habe ein bisschen geschlafen, vielleicht auch nicht, und ich hörte ganz in der Ferne so etwas wie ein Brummen, das war ein Bauer mit seinem Trecker, oder eine Biene summte herum, nahe an meinem Ohr.

Die Gräser wisperten unaufhörlich, da waren auch kleine grüne Heuschrecken zwischen den Halmen, und eine Schnecke kroch auf einem Stein und raspelte daran herum mit ihrem winzigen Mäulchen, ich konnte das hören, und dann spürte ich ein kribbelndes Eilen auf meinem Bauch, und hoch zwischen meine Brüste.

Ich hob den Kopf und schaute an mir herunter, da wanderte eine eilige kleine Eidechse auf mir herum, goldgrüner Blick, die fand mich offenbar interessant, sie sah sich alles genau an, und meine Haut war so milchweiß wie manchmal die Wolken da oben.

So verbrachte ich den Rest des Tages, bis zum Abend, liegend in der Wiese, und all die kleinen Wesen dort kamen und schauten. Ich wusste, das war es, besser kann das Leben nicht mehr werden, es muss jetzt stehenbleiben, dann bin ich bereit für die Ewigkeit.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 12.02.2022

Nein. Ich hatte mich geirrt. Es wurde noch besser. Ein Wunder geschah, und keine Feinde kamen, keine Widersacher. Ich lag auf der Wiese, manchmal setzte ich mich auch hin und schaute hinaus in die Ferne, Arme um die Knie gelegt, und langsam sank der Abend, und ich liebte ihn, liebte alles an dem Abend, die zarten grauen Farben, die Traumgestalten, die aufstanden hinter den Wolken, Abend, Geliebter.

Und dann wurde es dunkel, und die Wolken glitten fort, das Himmelsgewölbe glitzerte, da waren Sterne, und die Räume dort oben waren höher als je zuvor.

Ich legte mich wieder zurück und sah hinauf in die überirdischen Räume, und wieder griff dieser Schwindel in meine Magengrube, ich war plötzlich ein winziger Punkt im All, nicht mehr als ein Punkt, und ich jagte und stürzte und fiel hinauf in die Ortlosigkeit, ich hatte keine Schwere mehr, und um mich herum war eine wunderbare Leere, ich fühlte Grauen, und ich liebte das Grauen, und für Augenblicke für Endlosigkeiten war ich im Nirgendwo, mitten in einer ungeheuren Stille, da war ein Schweigen um mich herum, da war eine Person um mich herum, die schwieg, und das Schweigen war von einer unerträglichen Zärtlichkeit, und ich war auf einmal mitten in dieser Person, da war ein loderndes Entzücken in mir, ein Jubel, ich hörte mich lachen, aber wie ein Echo, und dann fand ich mich wieder liegen auf der Wiese, und die Tränen rannen aus meinen Augen, und ich fühlte mich ergriffen von einer rasenden Sehnsucht, Sehnsucht nach dieser überwältigenden Stille, nach diesem Schweigen, nach dieser Heimat, und die Sehnsucht machte mein Herz klopfen, dass ich dachte, es müsste zerspringen, und dann —

— okay, versteht es oder versteht es nicht, ich hab versprochen, alles zu erzählen, ich fing wieder an, mich zu streicheln, ich tat es, und es war wunderbar, ich kam, wie ich noch nie in meinem Leben gekommen bin, und ich keuchte und flüsterte dabei, ich liebe dich, ich liebe dich so, und die Tränen hörten nicht auf, über meine Wangen zu laufen, und dann kam ich wieder zu mir und zitterte am ganzen Leibe vor Erschöpfung und Glück, vor unbeschreiblichem Glück, ich wollte die ganze Welt umarmen, und dann entdeckte ich, dass ich troff vor Schweiß, und meine Brüste waren noch immer spitz, und die Gemeinde die Besucher meine Bewunderer —

— sie waren ganz dicht an mich herangerückt, für einen Augenblick hatte ich das lebendige Gefühl, mein Kopf hätte im Schoß einer der Frauen gelegen, als ich es mir machte, aber das kann nicht sein, sie sind ja körperlos, aber ich fühlte es so, und ihre Augen, wie sie da so dicht um mich herum lagerten, ihre Augen waren von einem Schwarz, das war nicht von dieser Welt.

Aus meiner Magengrube aber ging wieder dieser honigfarbene Glanz hervor, das war keine Einbildung, da leuchtete etwas in mir, ausgehend von dieser winzigen nadelscharfen Stelle direkt unter der Mitte des Rippenbogens, ich bilde mir das nicht ein, man muss mich weithin gesehen haben, da auf den Wiesen, aber es war wohl niemand unterwegs, oder er war so weit weg, dass es meine Beschützer nicht beunruhigte, oder —

— ja, ich glaube, da war jemand unterwegs, der mich beobachtete, aber das muss der euch selber sagen.

Ich stand irgendwann auf, meine Knie wackelten ein bisschen, und dann streifte ich durch die Nachtwiesen, und die Sterne wurden immer noch mehr, ich sah die Felder und die Waldstreifen, und das war alles mein Reich, ich folgte den Wegen, wie es mir gerade einfiel, und hinter mir einher schwebte mein Gefolge, ihre Tritte waren lautlos, wie immer, ihre Augen tranken meinen Anblick, und ich war weiß wie Milch, und sie schwärzer als der schwärzeste Samt, so schritt ich voran, so folgten sie mir.

Was habe ich noch vom Leben zu erwarten, da ich das hatte?

Nachricht von Ayse Konopski, vom 13.02.2022

Und natürlich, von da an ging es bergab.

Irgendwo tief in mir drinnen wusste ich ja, ich tanze da durch einen Traum. Nein. Das war mehr als ein Traum. Das war mehr als die Wirklichkeit. Das war die Wirklichkeit, wie sie sein sollte.

Aber leider nicht die Wirklichkeit, wie sie ist. Ich war bereit dazu, innerlich. Ich war bereit dazu, in dieser Nacht, für immer das Mädchen zu sein, das nackt durch die Wälder streift. Da war ein Rest von Wissen in mir, der sagte, das hältst du nicht durch.

Aber warum? Warum sollte ich das nicht durchhalten? Es hätte doch ein Wunder geschehen können, und mein Fleisch hätte verwandelt werden können, in irgendeine unsterbliche Substanz, unverwundbar, so dass ich hätte in den Wäldern und Wiesen leben können, ohne essen zu müssen, ohne Hunger und Durst zu empfinden, unverwundbar. Ich spürte ja immer noch Hitze und Kälte, aber sie berührten mich nicht. Sie waren ein wunderbares Gefühl, wie das Streicheln des Windes.

Warum, warum hätte das Wunder nicht geschehen können? Ich wäre etwas wie eine Fee geworden, oder eine Sylphide, ein Wesen aus Fleisch und Blut, aber stärker als die Elemente, und ab und zu wäre ich gesehen worden von den Menschen, da ist was, hätte es geheißen, da ist was, da draußen in den Wäldern um Weldbrüggen.

Vielleicht wäre ich eine urban legend geworden, eine Nachricht, die immer wieder in den Zeitungen auftaucht, Teenies würden die Nacht am Grillfeuer verbracht haben und berichten, doch, wir haben sie gesehen, wirklich, glaubt uns doch. Es würde vielleicht sogar verwischte Photographien geben, auf denen könnte man nicht mehr erkennen als einen milchweißen Klecks in der Nacht.

Mir doch egal. Ich würde Sex haben mit der Nacht und mit dem Wind und mit den Sternen, ich wäre endlich zu Hause zu Hause zu Hause.

Ich träum ja bloß.

Ich hatte eine alte Großmutter, die ist lange schon tot, die war die einzige aus meiner Scheißfamilie, die ich geliebt habe, und ich musste immer immer immer Kopftuch tragen, wenn ich die besuchte, und die sagte gern, auf Türkisch natürlich, sie konnte kein Wort Deutsch, Kind, zieh dir was an, wenn du rausgehst, du holst dir ja den Tod.

Okay, das waren prophetische Worte, wenn je welche gesprochen worden sind.

Kind, zieh dir was an, wenn du rausgehst.

Und den Tod holen können hätte ich mir tatsächlich. Lungenentzündung wäre mindestens drin gewesen. So warm sind die Nächte nicht auf den Wiesen rund um Weldbrüggen, dass ein Mädchen einfach so nackt da rumliegen könnte, ohne sich wenigstens einen rauen Hals zu holen.

Ich verstehe nicht, dass ich nichts gemerkt hab, kein Unbehagen, kein Frösteln, nichts, und Angst hatte ich schon gar nicht. Ich war umrundet von Wesen, die waren nicht von dieser Welt, und ich schlenderte durch die Nacht wie durch mein Eigentum. Wie durch mein Wohnzimmer. Wer mir zuhört, der sagt vielleicht, du warst nicht mehr ganz du selber. Aber das stimmt nicht. Ich war noch ich selber. Nur, ich war mehr als ich. Ich war viel mehr als ich selber, und ich weiß es, ich habe es nicht nur in meiner Erinnerung, ich habe es in allen meinen Gliedern in meinen Nerven. Auch wenn ich jetzt am Küchentisch sitze, ich bin immer noch die, die durch die Wälder gestreift ist, ohne Furcht, Bewohnerin eines neuen Lebens. Die bin ich immer noch. Nichts und niemand kann mir das wegnehmen.

Nichts und niemand kann mir wegnehmen, dass ich die bin, die für einen Tag und zwei Nächte ein ungeheures Leben hatte. Ich habe Dinge gesehen, ich habe Dinge gefühlt, die waren eine Wirklichkeit, die kann mir keiner mehr nehmen.

Ich bin Ayse. Ich bin die Wirklichkeit.

Und dann ging es steil bergab. Es konnte nicht anders sein. Ich bin bloß ein Mädchen, ein Mensch aus Fleisch und Blut, und ich bin eben nicht unverwundbar. Nein, ich bin nicht übermenschlich. Ich bin nicht das Wesen aus den Wäldern, nicht auf Dauer.

Es ging nicht nur bergab, ich stürzte ab. Okay, ich erzähl euch das, es bleibt mir ja nichts anderes übrig. Aber ich mach es kurz. Denkt daran, wie das ist, wenn ihr Sex habt. Wenn es gut war, ging es Stunden, und danach ist ganz schnell Schluss. So war das auch bei mir. Ungefähr so. Ich versuch jetzt mal, das zusammenzukriegen.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 14.02.2022

Ich muss das einfach kurz machen. Ich bin ja froh, dass ich wieder da bin. Ich meine, bei PvM. Wieder zu Hause. Aber es bricht mir das Herz. Das Wunder ist nicht geschehen. Irgendwie komm ich mir vor, als wär ich dran schuld. Bin ich nicht, ich weiß ja, ihr müsst es mir gar nicht erst sagen. Und dennoch. Für Augenblicke sah es so aus, als könnte ich die Welt ändern, ich ganz allein.

PvM behauptet, jeder Mensch könne die Welt ändern, ganz allein, in jedem Augenblick, indem er auf IHRE Stimme hört und das Richtige tut.

Hab ich das Richtige getan?

Es wurde Morgen, still und langsam. Da war ein seltsames Schweigen, ich habe nicht einmal die Vögel gehört. Ich stand auf, und zum ersten Mal überkam mich etwas wie ein Frösteln, meine Füße waren nass, Tau glitzerte im Gras.

Und plötzlich hatte mein Gefolge es eilig. Von einem Augenblick auf den anderen waren sie dicht um mich herum, tanzten wieder ihren Wirbel, und ich folgte ihnen, als hätte ich keinen Willen. Es war nicht so, dass sie mich gezwungen hätten. Denkt das nicht. Es war eher die Dringlichkeit ihrer Bitten, der ich einfach nicht widerstehen konnte. Sie wollten, sie wollten so unbedingt, dass ich ihnen folge, und also tat ich es.

Sie brachten mich von den Wiesen weg, weg von dem Tag, hinüber in den Wald, das war ein Waldstück, das kannte ich noch nicht, dunkel und verwildert, überall Gestrüpp und Knüppelholz. Es mussten aber mal Holzfäller dagewesen sein, denn ich erinnere mich, an einer Stelle lagen abgesägte Äste, die Schnittflächen noch ganz weiß.

Nach dem, was PvM und Regina erzählen, waren an diesem Tag die Schlapphüte schon früh unterwegs, die suchten nach mir, und zwar methodisch, und PvM saß ja auch schon wieder auf seinem Drahtesel. Ich möchte vor Scham im Boden versinken, dass ich einen solchen Wirbel verursacht habe, aber ich hab euch ja nun geschildert, wie alles gekommen ist. PvM und Regina schwören tausend Eide, sie werden die Mauer machen. Ich will nicht wieder in die Klapse, ich will nicht. PvM hält meine Hand und sagt, er wird auf mich aufpassen, es wird mir nichts passieren. Ich bin eine solche Idiotin.

Aber da draußen. Da draußen in den Wiesen. Es war so unbeschreiblich gewesen, so wunderbar, alles will ich gern auf mich nehmen, dafür, dass ich das erleben durfte.

Egal. Also. Wie ging es weiter.

Da war eine Hütte, aber nicht so aufgeräumt wie die, in der ich am Tag vorher war. Keine Hütte, eher ein Schuppen. Das Dach war halb abgedeckt, durch die Sparren sah ich den Himmel. Ich spürte eine unbestimmte Trauer in mir aufsteigen, ich wollte den Himmel nicht sehen durch dieses hölzerne Gegitter, ich wollte draußen herumlaufen, frei, unter dem Wind und den Wolken! Oder unter dem Regen, ganz egal, was konnte mir der Regen anhaben, ich war unverwundbar!

Und dann, kriechend und allmählich, merkte ich, ich war alles andere als unverwundbar.

Ich saß drinnen in dieser verrottenden Bude, in einer Ecke, da war ein schiefer Tisch, so eine Art Campingtisch, und dahinter stand eine schimmelige Holzbank, auf der saß ich, und durch das offene Dach war längst Erde hereingeweht, die spürte ich unter meinen Füßen. Es gab ein paar Ecken, da kam wohl immer wieder die Sonne hin, und da wuchsen Kräuter, leuchtend grün, und ich sah, ja, die gehörten hierher, die konnten sich hier behaupten, und aus meinem Bauch heraus kroch die Gewissheit: Ich nicht.

Das war grässlich. Es war wie eine Geburt, aber eine Geburt, bei der ein Monster rauskriecht. Und es kam aus meinem Bauch heraus, nicht aus meinem Verstand. Ich begriff, mit einem lähmenden Gefühl der Niederlage, es ist aus. Ich hab gemacht, so lange ich konnte, ich hab mehr gemacht, als ich konnte, und jetzt bin ich am Ende.

Die Kälte ging von meinen Füßen aus. Sie war bösartig und unerbittlich, sie schnitt hinein in mein Fleisch. Dann setzte sie sich auf meine Schultern, und auf meine Oberarme, und es kam dahin, dass ich mich in meine eigenen Arme hüllte, ich fing an, mich klein zu machen, mich zu ducken.

Ja, ich hab ja versprochen, ich mach das kurz. Ich muss das kurz machen, ich will daran nicht denken. Meine Möpse wurden eisig kalt. Ich spürte Trockenheit und Härte in meinem Rachen, ich hatte nichts getrunken, die ganze Nacht nicht, und gegessen hatte ich erst recht nichts.

Das Feuer in meiner Magengrube erlosch, einfach so. Diese honigfarbene Flamme, dieses glühende Stück Bernstein in mir, es war auf einmal fort.

Ich dachte nur noch, bitte, bitte nicht. Und ich dachte, ich muss nach Hause, unbedingt, ich muss nach Hause. Und dann dachte ich wieder, bitte, bitte nicht.

Es ging den ganzen Tag. Da war eine Stimme in mir, die sagte, du musst warten, bis es dunkel wird, dann kannst du dich heimschleichen. Ich wusste nicht einmal den Weg, ich wusste nicht, wo ich war, aber ich wusste, ich muss heim, sonst sterbe ich hier draußen.

Es war so schrecklich, ich kann es nicht beschreiben. Mir wurde kälter und kälter, es war wie Todeskälte.

Ihr müsst verstehen, die Gemeinde, die merkten, was mit mir los war. Sie merkten, das Feuer war erloschen. Das Licht leuchtete nicht mehr. Das war schlimmer als die Kälte, viel schlimmer. Sie hatten auf mich gehofft, ich war ihre Göttin gewesen, ihre Retterin. Jetzt war ich bloß ein bibberndes Mädchen. Häufchen Elend. Und dieses Gefühl, dieses furchtbare Gefühl, die Hilfesuchenden enttäuscht zu haben, es bohrte sich bis in meinen innersten Kern. Bis ins Mark. Ich wäre lieber auf dem Scheiterhaufen verbrannt, und das hätten sie ja früher gemacht mit mir, verbrannt die Hexe, lieber wäre ich so umgekommen, als dieses Wissen zu ertragen, ich hab die enttäuscht.

Das ging den ganzen Tag so. Ich glaube, ich schlief mehrmals ein. Irgendwann, vielleicht schon gegen Mittag, war ich nicht mehr ganz bei mir. Ich saß da an diesem verrottenden Tisch und dämmerte vor mich hin, wie ein Junkie. So muss ich auch ausgesehen haben. Hätten sie mich erwischt, die Greifer, die Schlapphüte, ein Drogentest wär das Erste gewesen.

Ich weiß, dass ich geschlafen hab. Oder das Bewusstsein verloren. Da kroch eine Schnecke über den Tisch, und ich sah ihr zu, und als ich das nächste Mal hinsah, da hatte sie schon die ganze Tischplatte gequert.

Und als es draußen dämmerte, brachten sie mich fort. Sie fingen wieder diesen Tanz an, wie Bienen, die einander die Richtung weisen, und ich verstand, ich sollte ihnen folgen. Ich weiß nicht, wie ich auf die Beine gekommen bin, ich weiß nicht, woher ich die Kraft genommen habe, überhaupt aus dieser verrottenden Bude wieder raus zu kommen. Aber ich habs geschafft. Ich hatte nur noch diesen Gedanken, nach Hause, ich muss nach Hause, ich muss zurück.

Zurück. Wärme Kühlschrank Bett Dusche Klo Zivilisation, ich muss zurück.

Ich stolperte über steinigen Boden, ich stieß mir die Füße, ich fühlte Ranken reißen an meiner Haut. Manchmal wusste ich, da ist ein Weg, dann wieder tappte ich über Waldboden, einmal, aber nur eine kurze Strecke lang, watete ich sogar durch einen Bach, knietief, ich glaube, ich habe noch nie eine solche Kälte gespürt.

Und dann war ich irgendwo zwischen den Gärten, und da war ein Weg, den ich kannte, und dann stand ich am Rand der Wiesen, und drüben, endlos weit weg, da war die Straße, und die Straßenlaternen waren schon an, und ich erkannte das Haus.

Ich habs nichts mehr geschafft, sorry, nicht mehr über die Wiesen geschafft. Was ich noch weiß, das ist, da trat eine dunkle Gestalt auf mich zu, und die Besucher wichen zurück, glitten auseinander, wie sie es immer machen, und die Gestalt hob mich vom Boden, ein Arm unter meinem Rücken, der andere unter meinen Knien, und dann wurde ich davon getragen, auf den Armen eines lebendigen Wesens, aber ich weiß nichts mehr davon.

PvM hat mich dann unter seinem Küchenfenster gefunden, ich kann nicht sagen, wie ich dorthin gekommen bin. Nein. Ich weiß nichts davon. Auch von all dem anderen, was PvM dann erzählt hat, weiß ich nichts. Weiß nichts von der Badewanne und von der Pizza. Und ich weiß auch nicht, wer mich das letzte Stück des Wegs über die Wiesen getragen hat, sie sagen natürlich alle, das muss Balbutin gewesen sein, aber wo ist der her gekommen, und woher hat der gewusst, wo ich war?

Ich weiß nichts mehr, gar nichts mehr. Das nächste, woran ich mich erinnern kann, das ist, dass ich in meinem Bett aufwachte, in meinem Bett daheim bei PvM, und dass ich ein Höschen und ein Hemd und einen warmen Nicki anhatte und dass ich nach Seife und Shampoo roch. Und ich weiß, dass ich mich so elend und allein fühlte wie ein verlassenes Kind. Aber für den Nicki war ich dankbar, sowas von dankbar.

Also stand ich auf und tappte die Treppe hoch. Die Tür zu PvM’s Schlafzimmer stand angelehnt, ich ging einfach hinein. Da lag der Alte in seinem Bett, vollständig angezogen, und schlief wie ein Stein. Ich kroch zu ihm unter die Decke und legte den Kopf an seine Schulter und das eine Bein über seine Knie und den Arm über seine Brust, und irgendwie fühlte ich mich besser, und schon war ich wieder eingeschlafen.

Alles andere hat euch PvM schon geschrieben.

Mehr hab ich nicht zu erzählen, sorry, aber das war ja wohl auch genug.

(Nachrichten vom 11. bis 14.02.2022, neu eingestellt auf dieser Seite am 28.05.2022 von Peter Flamm, © Verlag Peter Flamm 2022)