Banshee Neue Folge 36

Nachricht von Ayse Konopski

„Kommen wir voran? ein bisschen wenigstens“, sagte Regina. „Aber was hat das mit den armen Menschen zu tun unter der Kathedrale? Wenn wir da überhaupt auf der richtigen Spur sind. Dieser Befehl von dem Azazel, der lautete ja nur: ‚Geht, sucht den Ort, da die Toten aufrecht sitzen in ihren Gräbern und warten auf das Ende der Zeit.‘ Das war unsere Annahme, damit sei Weldbrüggen gemeint.“

PvM nickte und schüttelte den Kopf, gleichzeitig. „Ayse hat da unten dieses Gespräch gehört, dieses Gespräch, das sich in beide Richtungen erstreckt, in beide Richtungen der Zeit. Sie schwört Stein und Bein, sie hat das gehört. Tust du doch?“

Er blickte mich ernst und dringlich an, und ich, die Wange immer noch auf den Knien, blickte zurück und nickte, so ernst und dringlich ich nur konnte.

„Sie hat das gehört“, sagte PvM. „Diana hat zu den gefallenen Engeln gebetet, die schon ihre Vorfahren gerettet haben, hier in der Nähe von Weldbrüggen. Ich hab hin und her gedacht über die Sache. Ayse hat mindestens eines bestätigt. Als du mit denen in den Gärten warst, und auf den Wiesen, südlich von Weldbrüggen, da haben die doch – so hast du es erzählt – die haben den Verfolgern Sand in die Augen gestreut, mir auch, die haben dich praktisch unsichtbar gemacht, was das nicht so? Jedes Mal, wenn jemand kam, haben die dich dem Blick entzogen?“

Wieder nickte ich, und dann sah ich den Zusammenhang, und mir blieb für einen augenblick die Luft weg. Und PvM fuhr fort: „Das ist das, was Diana von ihren Vorfahren erzählt hat. Sie haben die Gefallenen Engel um Hilfe angerufen, weil sie dachten, unter dem Druck der Verfolgung, Gott hat uns vergessen, deshalb haben sie sich den Gefallenen Engeln zugewandt, und die haben geholfen, die haben das einzige getan, was sie können in der Welt der Menschen, sie haben Nebel gemacht, sozusagen, und die Verfolger in die Irre geführt. Deswegen haben die Geretteten auch hinterher noch, nachdem sie wieder zu Hause waren, wo war das, in Zirndorf, als die Nazis zwar noch da waren, aber alle keine Nazis mehr gewesen sein wollten, da haben die Geretteten doch nicht aufgehört, jeden Schabbes den Gefallenen Engeln zu danken, für ihre Errettung, von diesem Ritual her hat Diana doch überhaupt erst gewusst von ihnen.“

„Und was hat das mit den Juden unter der Kathedrale zu tun?“ fragte Regina. „Die jedenfalls sind nicht gerettet worden, und all die Millionen auch nicht, die umgebracht worden sind.“

„Dass die Millionen umgebracht worden sind“, sagte PvM sehr ernst, „das ist ein Zeichen. Hab ich schon immer gedacht, längst bevor das alles mit uns angefangen hat. Der irre Hass auf die, das ist selbst ein Zeichen. Der Hass sieht geistesgestört aus, ist er auch. Aus Hass Millionen massakrieren, wer kommt denn auf eine solche Idee? Auf eine solche Idee kommt der Hass, wenn der Hass maskierte Furcht ist. Die Furcht Satans vor dem Auserwählten Volk. Die Juden sind nicht einfach ein Volk, das das Pech gehabt hat, in den Fokus der Irren zu geraten. Sie sind wirklich das Auserwählte Volk. Auserwählt nämlich, bestimmte Nachricht von Gott in die Welt zu tragen. Bestimmte Wahrheit von Gott. Gott als dem Einen, Einzigen. Sie waren von vornherein nicht begeistert über diese Erwähltheit, von vornherein haben sie die Angst gehabt, das wird uns die Feindschaft aller eintragen, die selber die Gesetze setzen wollen. Die Feindschaft aller Bevormunder und aller Besserwisser. Von Anfang an haben sie ratlos darüber debattiert, wie sie zurechtkommen sollen mit dieser Erwähltheit. Das ist das Gespräch, das Ayse gehört hat, da unter der Kathedrale. Die Juden waren niemals begeistert über ihre Erwähltheit. Niemals haben sie gesagt, jetzt sind wir also was ganz Tolles, Besonderes. Vielmehr haben sie immer wieder überlegt, wie kommen wir aus der Nummer wieder raus. Immer wieder haben sie darüber nachgedacht, einige von ihnen jedenfalls, und sie haben sich andere Götter gesucht, Götter, die keine waren, Götter, die sich die Menschen selber zusammengebastelt haben. Gott ist aber nicht von den Menschen zusammengebastelt. Genau das war ja die Borschaft. Gott ist wirklich. Allem Einfluss der Menschen entzogen. Wir Menschen können Gott nicht einmal anschauen, wir können Gott nur erleben, in Gottes Wirkung auf uns. Ayse hat das erlebt. Ayse hat das erlebt, genauso, wie es die Heilige Teresa erlebt hat. Das ist die Botschaft, wie sie den Juden zuerst wurde, darin liegt ihre Auserwähltheit.“

Auserwählt, dachte ich. Das kann ich so gut verstehen. Von Anfang an denk ich doch an nichts anderes als an daran, wie komm ich aus der Nummer wieder raus.

Und dann dachte ich an die Nacht, auf der Wiese, und ich, ortloser Punkt, schwebend, aufgehoben in einem Meer aus Licht.

Will ich da wirklich wieder raus? Niemals. Lieber sterbe ich. Ich war nicht mehr ich, in diesem Augenblick, und also mehr Ich, als ich auf Erden jemals sein könnte. Nein. Niemals werde ich mir das nehmen lassen. Höhepunkt meines ganzen Lebens. Erfüllung. Das lass ich mir nicht mehr nehmen, wie kann ich auch nur für einen Augenblick sowas denken.

(Nachricht eingegangen am 26.05.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 27.05.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)