Banshee Alte Folge 36

Nachricht von Ayse Konopski, vom 05.02.2022

Von jetzt an wird’s peinlich. Ja, okay. Weiß selber, dass ich peinlich bin. Immerhin hab ich einen Menschen in der weiten Welt, wenigstens einen, der mich nicht peinlich findet, und das ist PvM. Bloß macht der sich ständig Sorgen um mich. Ganz unnötig. Kann selber auf mich aufpassen.

Hrrrrrr — das war das eine Wort zu viel. Geschrieben ist geschrieben. Also. Ich kann nicht auf mich aufpassen, das ist jetzt amtlich. Na und? Leute, die nicht auf sich aufpassen können, haben auch ihren Wert. Die gehen immer mal wieder Wege, da war vor ihnen noch keiner. Weil sie einfach hineinstolpern in die Wege, sie wissen nicht wie, eben weil sie nicht auf sich aufpassen können.

Es wurde langsam hell. Kühl und weiß. Ich merkte das erst gar nicht, aber da war auf einmal überall ein Schimmer wie sachter Nebel, oder wie Reif über allen Dingen, das war der Morgen. Morgen! Mir klopfte das Herz so süß, süßer als Honig, ich kann es nicht sagen. Morgen! Ich fühlte auf einmal, ich liebte den Morgen, wie einen Geliebten, ich war ein Mädchen, das heimlich am Gartentor wartet, in tiefer Nacht, dass der Geliebte kommt. Ich wollte ihn umarmen, den Geliebten, ihm alles geben, alles schenken, nackt war ich ja schon.

Da waren auf einmal Rosenfarben am Himmel, und dann aufspringender Vogelschlag. Die Vögel begannen zu singen, hier, in den Gärten, oder wo immer ich war, das war mal ein Schrebergarten gewesen, wo ich stand, aber der Wald hatte ihn sich zurückgeholt, war alles überwuchert, und nun sangen die Vögel. Es war so schön hier, ich war frei, ich war zu Hause.

Und dann meldete sich wieder meine Blase. Sorry, bin bloß ein Mädchen. Wir müssen regelmäßig pinkeln, und ich hatte es mir seit Stunden verhoben.

Alles klar? Jetzt kommen die peinlichen Stellen. Trigger-Warnung, für alle empfindsamen Gemüter, für die der Mensch erst oberhalb der Gürtellinie beginnt (wer putzt bei denen eigentlich das Klo?)

Ich stand da auf der Morgenwiese und war nahe daran, von einem Bein aufs andere zu treten. Mir wurde klar, das geht so nicht weiter. Und die Vögel sangen! Das war ein Regen von bunten steinernen Perlen, die sprangen dicht wie Schnee, so sangen die Vögel. Jeden Morgen machen die das. Begrüßen den neuen Tag. Was machen wir? Rucken uns hoch, mühsam und verbockt, und blinzeln raus, Scheiße, schon wieder ein neuer Tag. Ich meine nicht, dass wir rausgehen müssten und alle im Chor singen, wenn die Sonne aufgeht, aber ein bisschen Bewunderung wäre doch angebracht, oder? ein bisschen Dankbarkeit?

Und dann dachte ich, also bitte, die Vögel machen es doch auch. Ganz einfach so. Ich meinte nicht, singen, sondern: scheißen. Die singen, und dann heben sie umstandslos das Schwänzchen und lassen fallen. Manchmal sogar beim Fliegen, einfach so. Ist denen keine Frage, ob einer guckt. Ist denen kein Thema.

Und um mich herum dreihundert oder vierhundert Augenpaare, alle auf mich gerichtet.

Kann ich überhaupt, wenn mir einer zuguckt?

Also kurz, ich habe es gemacht, es ging nicht anders, ich konnt‘s mir nicht mehr verheben.

Ich bewegte mich endlich, tappte hinüber zu der Wassertonne, der Tonne mit den eiligen kleinen Käfern, die war hoch, ging mir bis zur Brust, und in deren Schutz hockte ich mich hin, wies die kleinen Mädchen tun, und lehnte mich mit dem Rücken gegen die Tonne, und meine Verehrer kamen mir hinterher, sie beugten sich sogar über die Tonne, sie lugten hinter allen Baumstämmen hervor, guckten aus den Ästen und Wipfeln auf mich nieder, immer mit diesem gleich andächtigen, versunkenen Blick, und ich, ich ließ es laufen.

Tat sowas von gut, ich kann das gar nicht sagen. Als fiele mir ein Zentnergewicht von den Schultern, auf einmal war in meinen Eingeweiden alles leicht und warm, und die Gräser unter mir und die gute Erde, die tranken alles auf.

Glaubt es oder glaubt es nicht, die Gemeinde zeigte keine Überraschung. Keine Bestürzung keinen Ärger, nichts. Sie sahen mit zu mit immerfort den gleichen frommen Blicken, völlig in meinen Anblick versunken. Mir wurde klar, ich konnte machen was ich wollte, es würde ihnen egal sein, sie würden mich anbeten. Vielleicht verstanden sie auch nicht, was ich da gerade machte.

Was sie sahen, und was sie immerfort ansahen und verehrten, das war dieser Quell aus Wärme in mir, gebunden an das lebendige Fleisch. Undeutlich kam mir der Gedanke, die sind kalter Geist, dem die Fähigkeit abhandengekommen ist, zu erschaffen. Eben, gefallene Wesen, gefallene Engel. Und sie strecken die Hände nach uns aus, nach uns, den Menschen, und rufen um Hilfe, dass wir sie festhalten. Dass wir sie davor bewahren, noch tiefer zu stürzen, in irgendeinen Abgrund unterhalb des Alls, wo überhaupt keine Rettung mehr ist, nur noch Schwärze. Die rufen zu uns, die schreien, die betteln.

Diana hat zu den Gefallenen Engeln gerufen, dass die kommen und ihr helfen. So wie ihre Alten zu den Gefallenen Engeln gerufen haben, sie vor der Verfolgung zu schützen.

Jetzt rufen die Gefallenen Engel zu uns, das wir uns erbarmen und ihnen helfen.

Ich dachte, ich bin denen ja eine schöne Göttin, pinkelndes Mädchen auf der Morgenwiese.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 06.02.2022

Und endlich kam die Sonne hoch. Und zwischen den Gärten geschahen Dinge. Ich weiß das, weil Unruhe aufkam unter der Gemeinde. Nicht gerade Tumult, aber sie begannen wieder ihren sonderbaren Reigen, umkreiselten mich, wirbelten, lautlos, wie im Traum, und drängten fort. Ich begriff, ich sollte ihnen folgen.

Ich dachte nicht darüber nach, welchen Grund sie haben könnten. Ich tat alles, was sie wollten. Erst jetzt, im Rückblick, wenn ich darüber nachdenke, dämmert mir auf, PvM war zugange. Der fuhr die Gartenwege ab mit seinem alten Fahrrad und suchte nach mir.

Dass auch Regina tätig geworden sein und mir die Schlapphüte auf die Fersen gesetzt haben könnte, das war mir erst recht kein Thema. Jetzt tut es mir leid, dass ich solchen Wirbel gemacht habe.

Wirbel gemacht hab ich schon bei meiner Familie, aber das war was anderes. Was vollkommen anderes. Meiner Familie ging es um die Familie, und um nichts sonst. Um ihre Macht, um ihre Regeln. Familie geht vor, du selber bist gar nichts. Die fühlten sich richtig bedroht von mir, und ich, ich fühlte mich nicht nur bedroht von ihnen, ich war bedroht.

Mit PvM und Regina ist das anders. Denen ist es wirklich um mich gegangen, und um nichts sonst. Wenn ich daran denke, wird mir schlecht. Die hatten Todesangst, ich könnte irgendwo im Graben liegen oder in einem Erdloch und zu schwach sein, auch nur um Hilfe zu rufen. Oder die Penner aus irgendeiner der Hütten hätten mich greifen können und festsetzen und mit mir machen, was ihnen gerade einfiel. Ich dachte an all das nicht. Ich fühlte, mir kann nichts passieren. Ich bin unverwundbar.

Jedenfalls drängte es die Gemeinde weg, und ich ging mit ihnen. Sie strudelten und trudelten um mich herum, und die Richtung ergab sich von selbst, ich folgte ihnen, wie ein Blatt sich von einem Windwirbel forttragen lässt, das war ein angenehm leichtes Gefühl, fast ein bisschen schlaftrunken, es ist alles richtig so, dachte ich.

Ich glitt durch verfallene Zäune, schob mich schräg durch Gebüsch, einmal musste ich mich über einen Wasserlauf tasten, und ich sah mein Spiegelbild im stillen dunklen Wasser, und darüber das Blätterdach der Bäume, und durch die Blätter schimmerte hindurch der helle Himmel, es war ein wunderbarer Anblick, sorry, nacktes Mädchen im Wald, als sei die ganze Welt unschuldig geworden. Als sei die ganze Welt geworden, wie sie eigentlich sein sollte.

Die Gemeinde war offenbar anderer Meinung. Sie lotsten mich mit zunehmender Eile durch dichtes Unterholz, und ich fühlte immer wieder Ranken und Äste streicheln über meinen Körper, als wollte der Wald selbst sich vergewissern, dass ich echt bin. Keine Erscheinung. Zuweilen zog ich meine Hand durch die Blätter, als sei ich wirklich ein Popstar, der seine Hand durch den Wald der Arme gleiten lässt, die sich ihm entgegenrecken.

Und dann kam ich in offenes Gelände.

Man könnte meinen, offenes Gelände wäre der letzte Ort gewesen, wo ich mich aufhalten sollte, aber die Beter führten mich, und ich fand das völlig in Ordnung, alles war richtig, alles war gut.

Vor mir erstreckten sich weite Wiesen, leicht hügelig, rechts und links sah ich Baumgruppen, und vor mir hob sich das Gelände, und dahinter war nichts als Horizont und blauer Himmel.

Das Land südlich von Weldbrüggen, den Dörfern zu.

Ich stand da, mitten im Tag und der Helligkeit und dem Licht, und ich legte die Arme in den Nacken und reckte mich und schloss die Augen und hielt meine Möpse in den Wind, und ich spürte den Wind und das Licht auf jedem Zentimeter meiner Haut.

Richtig, dachte ich, endlich richtig.

Ich erzähle euch das, damit ihr begreift, warum ich weitergemacht habe, warum ich mich nicht einfach geduckt von Baum zu Baum von Schatten zu Schatten nach Hause geschlichen habe, wie ein vernünftiges Mädchen es unter diesen Umständen getan hätte.

Ich hab weitergemacht, weil es wunderbar war, weil es überwältigend war. Ich stand da unter dem hellen Himmel, und der Wind und das Licht und die Blicke meiner Begleiter waren Millionen Küsse auf meiner Haut, und alles war richtig richtig richtig.

Wenn jetzt die Zeit aufhört, dachte ich, wenn jetzt alles einfach immer so weitergeht, wenn jetzt alles immer so bleibt, dann bin ich endlich angekommen.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 07.02.2022

Ich hatte noch nicht einmal Hunger, und das will was heißen, wenn man bedenkt, wie gefräßig ich sonst bin. Das jedenfalls kann ich als Plus verbuchen, die beiden Tage im Gelände haben meinem fetten Hintern gut getan.

Es war, als sei die Welt verlassen von den Menschen. Ich streifte über die Wiesen, schlenderte und sang vor mich hin, und die Sonne stieg und schrieb zarte Schatten unter die Gräser. Rechts und links vor mir waren dunkle Waldstücke, da war Gesträuch und irgendwo auch ein Bach, und geradeaus, wie ich sagte, der blaue Himmel. Ich sah weiße Wolken, und denen beschloss ich entgegenzugehen. Da das Gelände sich hob, war es, als ginge ich geradewegs in das Blau hinein, oder als würden da irgendwo hinter der Kante die Wolken landen. Ich dachte, vielleicht sind das Fahrzeuge, und Leute steigen da aus und ein, nicht Leute wie die, die ich zurückgelassen hatte, auch nicht Leute wie meine Gemeinde, sondern Leute wie … Leute, die man nicht kennt auf der Erde, aber Leute, wie sie in Büchern vorkommen, Wolkenwandler eben, Kaufleute in bunten Kleidern und fromme Hexen auf Pilgerfahrt, ein Ritter vielleicht mit glänzendem Brustpanzer, und ein Zwerg mit riesiger Nase, der seinen fliegenden Teppich bei sich hat, alle ganz sonderbar, alle ganz anders, irgendwo auch einer, der hätte einen Krokodilskopf, und vielleicht auch ein Wanderer, der wäre ganz aus Gold, zu dem wären alle sehr höflich, und ich würde mich unter die mischen und dürfte einsteigen in das Wolkenfahrzeug und mitkommen auf die Reise, und ich würde willkommen geheißen, ich würde gar nicht weiter auffallen zwischen all den sonderlichen Gestalten, ich wäre nur eine weitere sonderliche Gestalt unter ihnen, ich wäre einfach jetzt das nackte Mädchen. Einfach unter all den vielen bunten Gewandeten das nackte Mädchen. Ich würde dazugehören, ich würde stehen mitten unter ihnen.

Und meine Fahrkarte, das würde sein, ich hatte den Koi geküsst.

Ich dachte das so vor mich hin, während ich mitten auf der Sonnenwiese der Hangkante entgegenschlenderte, und die Sonne umkleidete mich mit goldenem Licht, ich fühlte mich so selbstverständlich wie noch niemals im Leben, Herrin der Welt, Herrin meiner Welt.

Ich weiß, PvM sagt, der Tag sei verhangen gewesen, immer kurz vor Regen. Er war da irgendwo hinter mir, tobte auf seinem klapprigen Rad durch die Gärten und war verzweifelt auf der Suche nach mir, daran dachte ich nicht. Mein Tag war gewoben aus glänzender Sonne, und vor mir lagen neue Länder.

Ich kam endlich hoch an die Hügelkante, und vor mir lag weites Land. So weit, ich kann das gar nicht schildern. Ich sah links den Fluss, glänzendes Band in der Ebene. Geradeaus, nach Süden, holperiges Hügelgelände, bedeckt von hochstehenden Feldern, immer wieder Waldflecken dazwischen, und darüber der hohe Sonnenhimmel, mit den seideweißen Wolken. Warum sollte ich hier nicht wohnen können? Niemals hatte ich eine Gegend gesehen, die so sehr nach Zuhause aussah. Goldener Sonnenglanz, aber die Sonne nicht brennend, eher umhüllend mit ihrem Licht alle Dinge, und ich war das Mädchen mit seinem treuen Gefolge.

Der Fluss war der Weld, natürlich, und die Felder, die ich sah, die mussten zu den Dörfern gehören, südlich von Weldbrüggen, den Dörfern, von denen Diana erzählt hat, in einem davon hatten sich ihre Vorfahren verborgen, vor den Verfolgern, und sie waren geschützt worden, sonst wäre Diana heute nicht am Leben, geschützt von den Gefallenen Engeln, zu denen sie gebetet hatten, die hatten den Verfolgern Sand in die Augen gestreut, und jetzt begleiteten sie mich, sie beteten mich an, folgten mir, umringten mich.

Ja. Sie umringten mich wieder, und wieder ging das los mit diesem rituellen Tanz, diesem Strudel. Ich folgte ihnen, weil ich alles tat, was sie wollten, da war kein Zwang, nur etwas wie Selbstverständlichkeit. Sie waren meine Augen und Ohren, ich zeigte mich ihnen, und sie schützten mich dafür.

In den alten Tempeln kamen die Priester jeden Morgen und wuschen und schmückten das Standbild der Göttin, unter feierlichen Anrufungen und Gesängen, und vor den Portalen standen die bewaffneten Wächter. Die Göttin war nackt und wehrlos auf ihrem Podest, das war ihre Stärke. Niemand wagte sie anzurühren, nur die demütigen Priester, die dazu bestimmt waren. Ungefähr so war das Verhältnis zwischen mir und meinem Gefolge. Ich war ihr Zentrum, ich musste mich nicht verteidigen, gegen nichts und niemanden, ich war stark genug, wehrlos zu sein, und die Gemeinde behütete mich.

Taten sie auch jetzt. Der Strudel lenkte mich hinüber zu der dunklen Zimmerwand des Waldes, und wir verschwanden zwischen den Bäumen. Da war wieder ein Bach, ich erinnere mich an das Plätschern, und das Wasser war schwarz und eilig. Es gab eine Brücke über den Bach, der Boden war so festgetreten, dass er sich anfühlte unter meinen Fußsohlen wie gewachsener Fels. Über dem halb schon niedergerosteten Geländer hingen raue Schlingpflanzen, und dann war das Waldesdunkel um mich. Ich hörte es klopfen, oder besser hämmern, zierliches Rattern, ein Specht dachte ich. Ich hatte noch niemals einen Specht hacken hören, aber ich wusste, das war einer.

Kann gut sein, dass weit unten auf dem Weg gerade PvM verschnaufte und das Gelände fotografierte, aber wenn das so war, dann hab ich doch recht, und es lag helle Sonne über den Wiesen, das sieht man auf dem Foto.

Vielleicht war alles auch irgendwo anders, egal. Jedenfalls kamen Leute, irgendwo waren da Leute, menschliche Wesen, vor denen brachte mich die Gemeinde in Sicherheit.

Sie wollten nicht, dass ich eingefangen würde, und ich wollte das erst recht nicht. Ich wollte nicht zurück unter die Menschen, nicht zurück in diesen elenden Alltag, da alle immer genau wissen, was sie von mir erwarten.

Ich wollte das nicht mehr, leben in einer Welt, wo sich die Erwartungen rings um mich türmen wie Felsentrümmer.

Ich begriff, das war es, was mich die ganze Zeit so bedrückt hatte. Diese tägliche Angst, dass die Felsenmauern der Erwartungen rings um mich früher oder später über mir zusammenbrechen würden.

Ich wollte endlich frei sein, frei von den Erwartungen, die Erwartungen verdunkelten alle Himmel, und hier — hier war ich frei. Frei wie niemals zuvor in meinem Leben.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 08.02.2022

Sie taten wieder, was sie offenbar können. Sie machten mich unsichtbar, sie brachten mich in Sicherheit, sie streuten den Verfolgern Sand in die Augen.

Und irgendwo waren da Verfolger. Kann natürlich auch ebenso gut bloß ein Bäuerlein gewesen sein, das gerade seinen Trecker aufs Feld brachte. Wenn der mich gesehen hätte, der wäre ins Nachdenken gekommen, der hätte auf jeden Fall die Polizei gerufen.

Seht ihr, das ist es, was ich nicht mehr wollte: Angst haben zu müssen vor den Blicken der Menschen.

Oh ja, bitte. Mehr will ich doch gar nicht. Raus gehen aus dem Haus, und keine Angst mehr haben vor den Blicken vor der Kontrolle vor der Überwachung vor den Erwartungen. Ich will einfach in mir drin sein und mich zu Hause fühlen. Irgendwie — ich weiß nicht. Ich will leuchten. Das klingt blöd, weiß ich auch. Aber ich habe das Gefühl, da ist ein Licht in mir, und ich will nicht, dass das erstickt wird. Vielleicht ist das Licht in jedem Menschen, und wenn sie aus dem Haus gehen, decken sie dicke schwarze Tücher drüber, um nicht aufzufallen.

Ich will keine Kommentare mehr zu mir. Ich will nicht kritisch angeguckt werden. Ich will keine Angst mehr haben müssen.

Ja, wenn ich wäre wie Regina. Die ist ein Panzer, die setzt die Regeln.

Will ich auch nicht. Ich will für niemanden Regeln setzen. Sollen doch alle machen, was sie wollen. Die Regeln für mich selber, ja, die will ich setzen. Und ich will keine Kommentare dazu hören.

Die Gemeinde kommentierte mich nicht. Die Gemeinde betete mich an. Die Gemeinde brachte mich in Sicherheit.

Da war eine Holzhütte im Wald, die war bequem! Richtig gemütlich. Sauber gehalten, dunkles Holz, das roch ganz stark nach Harz. Eine Bank stand vor dem Eingang, und ich ging nicht hinein in die Hütte, und die Beter drängten mich nicht. Ich ließ mich auf die Holzbank plumpsen. Ich war jetzt seit zwölf Stunden oder so auf den Beinen, und jetzt setzte ich mich. Das war ein Gefühl! Nicht zu beschreiben. Das warme Holz unter dem nackten Hintern. Das Holz hatte Adern, und die spürte ich. Ich sah an mir herunter, ich war rosenhell vom Kopf bis zu den Füßen, meine Arme und Beine waren weich und rund, ich schwor mir, nie im Leben werde ich mir wieder irgendetwas anziehen.

Es war warm vor der Hütte, ich lehnte mich mit dem Rücken gegen die Wand, vor kurzer Zeit noch musste hier die Sonne geschienen haben, und ich glaube, ich schlief ein bisschen ein in der Wärme und der Zufriedenheit, und die Gemeinde umringte mich dicht, sie standen neben mir und sahen auf mich hinunter, sie lagerten vor der Hütte, und wieder hingen sie in den Baumwipfeln herum, und ihre Blicke kannten kein anderes Ziel als mich.

Ich erwachte, und mir war warm vom Kopf bis zu den Füßen. Ich glaube nicht, dass ich geträumt habe. Ich war warm und ausgefüllt, und ich bemühte mich, nicht zu denken. Irgendwann ging ich hinein in die Hütte, die Tür war nicht abgeschlossen, und da war ein Wasserhahn! Sobald ich ihn sah, merkte ich, dass ich Durst hatte, und ich ließ das Wasser ein bisschen laufen, bis es kalt und klar war, und dann trank ich, ziemlich gierig. Nein, Hunger hatte ich noch immer nicht. Ich rieb mir kaltes Wasser über den Bauch über die Brüste über die Arme. Ich … Scheiße … ich will das nicht erzählen … okay, es gehört dazu … ich stand da und fühlte plötzlich das Verlangen, mich zu streicheln, ihr wisst schon, wo. Blöde Idee. Nein, keine Idee. Einfach ein brennendes Verlangen. Okay, ich habs gemacht. Ich war so erregt, dass ich sofort kam. Weil die mir zuguckten dabei. Es war überwältigend. Mein Herz jagte, als wolle es mir die Brust sprengen.

Sie standen überall, dicht um mich herum, guckten zur Tür herein, zu den zwei Fensterchen, sahen mir zu. Nein, entweder begriffen sie nicht, was ich da gerade getan hatte, oder es kümmerte sie nicht. So wie im Morgengrauen, als ich vor ihnen gepinkelt hatte. Ich war das Mädchen, ich tat, was mir beliebte, und es gab kein Warum, mein Wille war genug Warum.

Ich setzte mich wieder vor die Tür, auf die Bank, einmal ging ich auch um die Hütte herum, da war noch ein Wasserhahn, an der Außenwand, ein zusammengerollter Schlauch lag da, und die Andächtigen folgten mir, ihre versunkenen Blicke an mich geheftet, trinkend meinen Anblick. Im Augenblick, da ich um die Hüttenecke herum trat, wieder nach vorne, wo die Bank stand, fühlte ich einen solch überwältigenden Blitzschlag von Licht und Glück, dass ich taumelte und für Sekunden blind war, und auf einmal wusste ich, GOtt sieht mich.

SIE blickt herab auf mich.

Ich hörte IHRE Stimme, so deutlich, wie ich eure Stimmen hören kann, SIE sagte: Es ist ja alles gut, mein Kind, hab keine Angst, es ist richtig, was du tust.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 09.02.2022

Diesmal reagierten die Andächtigen. Es gelang mir, mich auf die Bank zu retten, mir waren die Knie weich geworden. Sie kamen so dicht an mich ran, als wollten sie an mir schnuppern. Ja, genau so. Wie unschlüssige Katzen, die an dir schnuppern, bereit, sich gleich wieder zurückzuziehen. Sie berührten mich nicht, aber sie knieten vor mir und blickten zu mir hoch, sie stützten sich auf die Bank, auf der ich saß, und beugten sich mir entgegen, von der Seite her, die Hütte hatte ein kleines Geländer vor der Bank und dem Eingang, so dass ich wie auf einer hölzernen Veranda saß, und auf dem Geländer hockten sie dicht an dicht, und ihren Augen waren schwarz und kreisrund, aber manche – manche neigten auch die Köpfe und wandten mir ihre spitzen Ohren zu, als wollten sie in mich hineinlauschen, als wäre da etwas, was sie unbedingt hören wollten, so wie ihre Gefährten mich dringlich ansahen, als wollten sie unbedingt etwas in mir erkennen.

Obwohl sie mich so dicht umdrängten, verfinsterten sie nicht den Tag. Entweder war das Licht des Tages stärker als sie, oder ich war es, immer noch ich, die sie erhellte. Ich konnte auch durch sie hindurch den Wald sehen und die Sträucher, und die Vögel kamen auf den Boden geflogen und pickten, kleine Blumen wiegten sich im Wind, das konnte ich alles sehen, ich weiß nicht, wieso, denn die Andächtigen waren nicht durchsichtig, sie waren nicht wie Schleier oder Rauch, ich fand sie sogar ziemlich kompakt, dennoch wusste ich, hätte ich nach ihnen gelangt, ich hätte durch sie hindurch gegriffen, oder ich hätte auch einfach mitten durch sie hindurch gehen können, und die Menge hätte sich geteilt wie Wasser.

Eine der Frauen hatte sich neben mich auf die Bank gekniet, richtig wie Mädchen das machen, sie saß auf ihren Fersen und hielt ihre flachen Hände auf ihre Knie gelegt, und die andere, die da vor mir kauerte und mir über meine eigenen nackten Knie – die wirkten so kindlich rosig im Vergleich! – hinauf ins Gesicht spähte, die war auch eine von den Frauen, und wieder sah ich, wie schön sie waren, so schön, dass es mir fast das Herz zerbrach.

Und sie spähten – und lauschten! – ich kann das gar nicht schildern. Sie spähten und lauschten mit einer solchen Dringlichkeit, als trüge ich da eine Botschaft in mir, von der hinge ihr Leben ab. Eine Botschaft, die ich vielleicht nicht einmal verstand, eine Botschaft, der ich nur Gefäß war.

IHRE Stimme.

Es konnte nicht anders sein. Sie hatten das Echo IHRER Stimme in mir gehört, mindestens das Echo, und ich wusste, das war wirklich SIE gewesen, die zu mir gesprochen hatte.

PvM behauptet das ja, das ist seine ständige Rede, SIE spricht in jedem. SIE wohnt im innersten Herzen eines jeden Menschwesens.

Meine Gedanken fingen an zu eilen wie trippelnde Mäuschen. Was hatte SIE gesagt?

Es ist alles gut, mein Kind, hab keine Angst, es ist richtig, was du tust.

Ich zitterte, mir wurde klar, was die Besucher in mir sahen. Ich war der Beweis, der lebende Beweis, leuchtendes Fleisch, ich war die Botschaft, und die Botschaft sagte: SIE ist noch da.

Also hatte ich mir alles richtig zusammengereimt. Sie können SIE nicht mehr sehen nicht mehr hören nicht mehr erfahren, was weiß ich. Und warum nicht? Keine Ahnung. Aber all ihre nagende Qual und Angst geht auf die Frage, ist SIE überhaupt noch da? Ist SIE noch in der Welt?

Und wenn es stimmt, was PvM sagt, dass SIE eine SIE ist und dass SIE den Menschen geschaffen hat nach IHREM Bilde, und dass SIE am deutlichsten sich offenbart in den jungen Frauen – dann ist nicht mehr schwer zu raten, was die Besucher in mir sehen. Ein Abbild, das IHR so nahe kommt wie nur möglich.

Und nun hatten sie das Echo IHRER Stimme in mir gehört, IHRER weißen Stimme.

Ich, Gefäß IHRER Stimme.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 10.02.2022

Ich hatte auf einmal ein unendliches Mitleid mit ihnen. Ich fühlte das Bedürfnis, sie zärtlich zu berühren. So wie ich den Koi geküsst hatte. Die waren auch irgendwie wie der. Wesen aus der Tiefe, die etwas wollten, und ich wusste doch nicht, was.

Ich hatte keine Lust mehr, auf dieser Bank zu sitzen. Ich dachte, ich bin hier, jetzt will ich mich auch umsehen. Ich war immer noch erfüllt von diesem überwältigenden Gefühl, das ist mein Zuhause hier, das ist mein Eigentum, ich bin die Herrin hier. Also kann ich auch hinausgehen und mich umsehen, im Wald, auf den Feldern, den Wiesen, über den Bächen, ich, Mädchen im Glanz der Sonne.

Ich war die Herrin, und ich betrat mein Eigentum. Ich sah mich um in meinen Geländen, nacktes Mädchen, erhobenen Kopfes, und mein Gefolge umschwärmte mich.

Ich hatte keinen Durst. Ich hatte keinen Hunger, mir war nicht kalt, ich war nicht müde. Wenn ich zurückblicke, begreife ich das selber nicht. Ich war so glücklich in meinem Körper wie nie zuvor in meinem Leben. Ich füllte mich vollkommen aus, das hab ich ja gesagt, und besser kann ich es nicht ausdrücken. Ich war in mir drin bis an die Grenzen meiner Haut und darüber hinaus. Ich durchwärmte mich von innen her, und meine Wärme war so stark, dass sie hinausschwamm ins Draußen. Da war auch Licht in mir, und ich dachte, sonst war das Licht in mir immer wie in einem finsteren Zimmer, dessen Läden und Fenster und Türen fest geschlossen sind, und nichts von dem Licht dringt nach außen. Nun sind die Wände meines Ich alle aus Glas, oder sie sind ganz und gar dahingeschmolzen, und das Licht aus meinem Innen dringt ungehindert nach draußen und verbreitet sich hinaus in die Welt, nach allen Seiten. Und ich dachte weiter, wie kann ich jemals wieder leben, wie ich vorher lebte. Vorher war ich ein dunkles Wesen unter anderen dunklen Wesen, zusammengekrümmt und kopftuchverhüllt, und ich verbarg das Licht, das doch in mir leuchtete, tief in meinem Innen. Nun bin ich frei und hell, und mein Licht strömt und wächst.

Das tat es. Ein Licht, das leuchtet und leuchten darf, das wird immer heller.

Es war ein so überwältigendes Gefühl in mir, das sagte, endlich endlich endlich. Endlich im Richtigen angekommen, endlich bin ich die, die ich wirklich bin.

Alle Bedrückungen abgefallen, alle Wände und Mauern eingestürzt, endlich Freiheit, endlich überall diese Musik, die ich doch in mir schwingen fühlte, seit ich denken kann.

Ich war ein Licht, ich war Wärme, ich war ein Gesang, ich war ein glänzender glitzernder leuchtender Tropfe im Ozean, und der Tropfe hatte keine Begrenzungen mehr, wie denn auch, so war der Tropfe der ganze Ozean, denn zwischen dem Tropfen und dem Ozean, da war keine Schale mehr keine Hülle, der Tropfe schwamm in seinem Ozean als in seinem Zuhause, und der Ozean war erst der Ozean durch den Tropfen, denn der Tropfe war der Ozean.

Ich dachte das alles nicht wirklich, nicht in diesen Worten, und doch dachte ich es, das Gefühl war überwältigend stark, es war Gewissheit, und ich fühlte, endlich darf ich schauen die Wirklichkeit der Welt, die Welt, wie sie wirklich ist, und nicht, wozu die Bedränger sie machen.

Die Bedränger machen aus der Welt einen Lumpenort, darin laufen alle herum bedrängt und geduckt und verhüllt und verfinstert, so wie ich das getan hatte.

Ich war den Bedrängern nicht böse, ich wünschte ihnen nichts Böses, ich war nur so unendlich froh, dass ich ihnen entronnen war.

Wirklich, ich wünschte, ich könnte euch das begreiflich machen. Ich wünschte, ihr könntet das so fühlen, wie ich es gefühlt habe, dieses Gefühl, frei zu sein, endlich frei zu sein, endlich entronnen zu sein. Ich kann ja bloß davon reden, aber ich wünschte, ihr könntet es fühlen.

Ich habe es gefühlt. Niemand kann mir das mehr nehmen. Das ist mein Eigentum, jetzt und für alle Tage.

(Nachrichten vom 05. bis 10.02.2022, neu eingestellt auf dieser Seite am 27.05.2022 von Peter Flamm, © Verlag Peter Flamm 2022)