Banshee Neue Folge 35

Nachricht von Ayse Konopski

Regina sah mich an, als würde sie mich gern in die Arme nehmen, aber wir saßen ja auf unseren Stühlchen, so warf sie nur noch einmal einen unbestimmten Blick hinüber nach der Insel, wo die drei Schwestern saßen, und die Pihis sausten und schwirrten über die Fläche des Teichs, und ich dachte, wie einfach könnte doch alles sein, wir müssten doch gar nicht reden, ich könnte mich doch einfach ausziehen und hinauswaten in den Teich, und bestimmt würde wieder der Koi angeschwänzelt kommen, und ich könnte ihn aus dem Wasser heben an meine Brust und die breite rote Karpfenstirn küssen, ich dachte daran mit leidenschaftlicher Sehnsucht, wozu all das Gerede, die Dinge sind doch so einfach, und dann holte Regina Luft und fing wieder an zu reden, zu PvM.

Sie sagte: „Das klingt nach Endkampf, was du da sagst. Als würden die Dinge ernst. Als wäre da draußen ein finaler Kampf, Kampf zwischen Gott und Satan, und wir wären irgendwie darin verwickelt. Heißt es nicht, es könne gar keinen Kampf zwischen Gott und Satan geben, weil die Macht Satans nur seine Illusion ist? Gott ist allmächtig. Der Aufstand gegen den Allmächtigen ist von vornherein zum Scheitern verurteilt.“

„Schön wär‘s“, antwortete PvM, mit einem düsteren Lachen, das ich noch nie an ihm gehört hatte. „Selbst wenn Satans Aufstand gegen Gott von vornherein zum Scheitern verurteilt ist, ist die Welt gleichwohl voll von Idioten, die das nicht wahrhaben wollen. Sie stellen sich in den Dienst Satans und glauben, sie könnten Sieger sein. Denkt an die Nazis. Sie waren Massenmörder und dachten bis zum Schluss, das sei ihr großer Sieg. Sie waren zum Untergang verurteilt, aber ist das für die Ermordeten ein Trost? Sie haben Millionen von Juden umgebracht, und haben dabei gedacht: Unsere Macht! Stolzschwellend haben sie das gedacht. Wenn der Aufstand Satans gegen Gott noch immer zugange ist, dann heißt das für uns vor allem, wir geraten mit Menschen aneinander. Nicht mit Satan, sondern mit den Menschen, die Satan zu Willen sind. Vor denen müssen wir Angst haben. Ist sehr die Frage, ob Satan uns irgendwas tun kann. Hat der überhaupt die Macht dazu? Aber die Menschen, die sich in seinen Dienst stellen, die haben die Macht. Die Menschen, die sagen, wir sind bloß arme Irre, und wir müssen therapiert werden. Vor denen müssen wir uns fürchten.“

Er machte eine Pause, dann sprach er weiter, und zwar in meine Richtung, ich starrte hinunter in meine Knie, und er sagte: „Und dann sind da diese anderen Wesen, die wir sehen, die Besucher. Da wird es schwierig. Wir können nicht einfach behaupten, im Gegensatz zu dem Burroblast sind wir die Guten, nämlich die, die Gottes Willen tun. Wir wollen das, ja, da bin ich sicher. Und ebenso sicher bin ich, der Burroblast hat Satan angerufen. Tun wir nicht. Wenn wir beten, dann zu Gott. Sind wir also die Guten? Ayse. Als du mit den Besuchern mitgegangen bist, hast du etwas erlebt, in der Nacht, auf dieser Wiese, was man als Offenbarung Gottes bezeichnen könnte. Ja? Könnte man so sagen? Jedenfalls, irgendwie. In irgendeiner Weise hat Gott sich kundgetan. Das sind alles nur Bilder, nur Worte, nur ungefähre Andeutungen. Aber irgendwie müssen wir ja reden. Du hast eine ähnliche Erfahrung gemacht wie die Heilige Teresa. Und es war, Ayse, ich drücke das jetzt mit meinen eigenen Worten aus, ich versuche, das zu verstehen, es war eine Erfahrung überwältigender Helligkeit, was dir da geworden ist, eines überwältigenden Lichts, einer überwältigenden Gegenwart, und für dich war kein Zweifel, im Gegenteil, du hast die Gewissheit, die elementare Gewissheit, diese Gegenwart war gut, ja? Schlechthin gut. Zweifellos gut. Ob es nun Gott selbst war, der sich dir offenbart hat, oder ein Engel Gottes, wie bei der Heiligen Teresa, ganz egal, es war die gute Seite der Welt, in die du eingetaucht bist, ja, und daran gibt es keinen Zweifel, was du gesehen hast, das war pures Licht, nichts anders, so hast du es geschildert. Und die Besucher haben dich dabei beobachtet, sie waren dir ganz nahe, Ayse, du hast erzählt, du hattest das Gefühl, dein Kopf lag im Schoß einer der Frauen, als du, als du, ja, okay. Und Balbutin hat das bestätigt, der war dabei, der hat zugesehen. Selbst wenn wir einberechnen, dass der auf die Entfernung nicht viel mehr sieht als ein Maulwurf, der hat das ungefähr so gesehen, und der bestätigt das. Das führt mich zu der Überlegung, die Besucher suchen verzweifelt Gottes Nähe, und halten sich an Ayse, weil sie diese Nähe erfährt, mehr als wir anderen.“

Ich hatte immer noch die Arme um meine hochgezogenen Beine geschlungen, und jetzt legte ich die Wange auf meine Knie und schaute PvM von der Seite her an, der hatte mich ja direkt angesprochen. Leute, ich kann euch nicht sagen, wie dankbar ich dem alten Mann war. Das war ein Gefühl wie eine Meereswoge. Es war einfach und klar, was er sagte, auf einmal lichtete sich das Durcheinander.

„Heißt also“, sagte Regina, indem sie PvM’s methodischen Ton aufnahm, „unsere Freunde, die Besucher, die wir sehen, und wir haben nicht danach gefragt, wir sehen sie trotzdem, die sind – egal, wie finster sie wirken – also, die haben keine finsteren Absichten. Die nähern sich uns Menschen, weil wir Menschen, oder jedenfalls einige von uns, nahe sind bei Gott, und sie wollen das auch sein. Sie wollen das brennend. Und Ayse ist besonders nahe bei Gott, sie hat diese Visionen, und sie umringen Ayse und beobachten sie, weil sie von diesen Visionen etwas abhaben wollen. Könnte man das so sagen?“

„Könnte sein, dass das der Punkt ist“, nickte PvM, und ganz plötzlich rieb er sich die Hände und sagte, in unerwartet erfreutem Ton: „Also, es sieht fast so aus, als kämen wir voran.“

(Nachricht eingegangen am 25.05.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 26.05.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)