Banshee Alte Folge 35

Nachricht von Ayse Konopski, vom 30.01.2022

Es ging so schnell die wirklich wichtigen Dinge gehen so schnell. Grenzübertritt. Du überschreitest eine Grenze, das ist gar nichts. Ein Schritt, und du bist drüben, im anderen Land. Man sollte meinen, sowas kostet Zeit. Tut es nicht.

Zwei drei Schritte, und ich war draußen, auf der anderen Seite, unwiderruflich. Eben noch lag alles vor mir, und jetzt hatte ich es getan, und es gab kein Zurück mehr.

Gab es nicht?

Ich hätte noch umkehren können, ich hätte denken können, was mach ich da eigentlich, ich hätte mich auf dem Absatz sorry auf der Ferse umdrehen können und zurückrennen können

feiges Mäuschen Angst vor der eigenen Courage

aber das war ich nicht, ich hatte keine Angst, vor nichts und niemanden, und da war kein Gedanke, nur dieses rasende überwältigende Herzklopfen, diese Gewissheit, ich mache es, ich bin draußen, ich bin auf der anderen Seite, ich tue es wirklich.

Die Stufen vor der Haustür, das war gar nichts, ich schritt sie hinunter, ich tat es.

Die Besucher wirbelten um mich herum, ihr Tanz wurde schneller und schneller, die Röcke der Frauen wehten im Sturm, und selbst der Sturm verneigte sich vor mir, Sturm aus Schwärze, Strudel aus Nacht, und ich war eine Kerzenflamme, reglos im Orkan, reglos und aufrecht.

Unter meinen Füßen die Platten des Gartenwegs, sie fühlten sich so sonderbar weich an, als wollten sie sich anschmiegen meinen Sohlen, und irgendwo wehten immerfort diese bernsteinfarbenen Fahnen der Straßenlaternen, die beflaggten meinen Weg.

Ich muss das Gartentor geöffnet haben, davon weiß ich nichts mehr, ich muss von innen die Klinke niedergedrückt haben. Glaub ich nicht. Ich hatte es nicht mehr mit Schloss und Riegel, da waren keine Hindernisse mehr für mich in der Welt, hätten Mauern und Wände sich erhoben auf meinem Weg, ich hätte nicht einmal gelacht, nicht einmal mit den Achseln gezuckt hätte ich, ich wäre einfach hindurch gegangen, und also öffnete sich das Gartentor von selbst auf meinem Weg, und ich schritt hinaus.

Ich hörte, ich hörte Dinge. Die Gesänge des Windes, die vor allem. Und die tumultuarischen Gebete meiner Verehrer, ich hörte sie. Da war kein Takt da war kein Sinn, was für wunderbar strenge Harmonien waren das, reißende Saiten, Kreischen brechenden Metalls, Schreie und Geflüster und Wind im raschelnden Laub und schrilles Bitten und heisere Rufe, alles vermischt, nichts davon tat meinen Ohren weh, es war auch das alles nicht laut, eher stark und fern, wie das regellose Murmeln und Schäumen eines erregten Baches in der Nacht, ich wusste, all diese Rufe galten mir, es war wie chorisches Grillenzirpen unter dem Mond, und der Mond war ein schwarzes Heiligtum, ich allein, ich allein war das Licht.

Da war der Fußweg, da war die Straße. Da war der Nachtwind auf meiner Haut. Ich wünschte, ich könnte das schildern, dieses Gefühl, der Straßenasphalt unter meinen nackten Fußsohlen. Und die Gewissheit in meinem klopfenden Herzen, ich tue es, ich bin draußen, ich bin rausgegangen, ich bin gegangen über die Grenze, hinaus über alle Grenzen, ich bin draußen.

Da waren keine Fragen mehr in meiner Welt, nur noch Gewissheiten. Ich wusste den Weg, den ich einzuschlagen hatte. Ich kann euch nicht sagen, ob ich den Weg ging, und die Feiernden die Beter folgten mir, oder ob es umgekehrt war. Sie umringten mich, sie tanzten im Wirbel um mich herum. Sie waren ein Strudel in der Nacht, Strudel aus Schwärze, und ich das Zentrum des Wirbelns, reglose Flamme. Vielleicht führten sie mich, vielleicht führte ich sie, es ist ganz einerlei.

Wir waren eins, sie und ich.

Ich wollte, was sie wollten, und sie wollten, was ich wollte, sie waren meine Untertanen, sie gehorchten mir.

Ich war die Königin, Königin ihres Reiches aus Nacht.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 31.01.2022

Und immerfort tanzten sie um mich herum, ich fand Gefallen an dem Spinnengetast ihrer Glieder, ich begriff nicht mehr, wie ich mich je hatte vor ihnen fürchten können. Sie waren meine Familie, sie waren meine Heimat, ich ging jetzt hin, wohin ich gehörte.

Vor mir die Wälder.

Ich spürte das Gestrüpp der Wiesen unter meinen Füßen, die Halme und Blumen wehten um meine Knie um meine Schenkel, und ich schuf eine Glocke aus Licht um mich um die wandelnde Gemeinde, eine wandernde Glocke, und jenseits der Glocke aus Licht, die ich war die ich schuf, lag die die ganze Welt in Finsternis. Ich wusste, da war irgendwo Weldbrüggen, da war irgendwo die Welt der Lebenden, sie schien mir jetzt als Welt der Toten, die hatten mir nichts mehr zu sagen, ich war endlich zu Hause, endlich angekommen.

Die Gesten der Tänzer waren dringlich, weisend, sie winkten mir, ich verstand die Dringlichkeit in ihrem Gehabe, sie wollten mir etwas mitteilen, ich sollte etwas verstehen, aber die Tänzer waren stumm, jedenfalls waren sie nicht artikuliert, aber andererseits, da war in der Luft immer noch dieses Zirpen und Sägen von Millionen strenger Stimmen, wo kamen die nur her, und ich begriff, die galten alle mir, die Stimmen, die riefen mir zu, aus Regionen von jenseits des Grabes, und ihre Rufe schwebten auf den Flügeln verzweifelter Inbrunst, ich sollte verstehen verstehen verstehen, ich verstand nichts, das machte nichts, vor mir lag alle Zeit der Welt, ich war ja die Göttin, ich schuf das Licht, ich war der Anfang und das Ende, so schuf ich auch die Zeit, und alle Zeit war mein.

Ich versuche nur auszudrücken, was ich empfand. Ich dachte das alles nicht wirklich, aber so war mir zumute. Und das war kein Wahn keine Verwirrung, das war Wirklichkeit.

Sie waren ja wirklich, und Wirklichkeit war das Licht, das in mir leuchtete, leuchtete aus mir heraus, ihr habt es ja selber gesehen, ihr seid Zeugen, PvM hat es gesehen, Regina hat es gesehen.

Und wie sie riefen! Ihr versteht doch, es gibt Menschen, die schweigen ihr ganzes Leben lang. Keine Klage kommt über ihre Lippen. Und dann steht auf der Tag, da sollen sie reden müssen sie reden. In den Religionen ist so viel die Rede vom Jüngsten Gericht, vom Letzten Tag, der dann der Erste ist. Und all die Geschundenen die Geplagten, die Gedemütigten, die Beleidigten und Erniedrigten, die treten dann vor GOttes Thron und dürfen reden sollen reden, dürfen endlich alles loswerden, was mit ihnen geschah, und ich denke mir immer, die werden doch gar nicht wissen, wo sie anfangen sollen. Wenn dir irgendwas das Herz abpresst, irgendeine Not, eine Qual — ihr wisst doch selber, wie das ist. Da versagt das Wort. Ich hab ja in der Klapse gesessen, vor einem Therapeuten, und sollte erzählen. Da war das so. Ich wusste nicht, wo anfangen. Der Therapeut hat sich sogar erregt. Er könne mir nicht helfen, wenn ich nicht redete. Ich müsste reden. Und ich wollte ja reden. Aber ich wusste nicht, wo anfangen. Und da war mir, ich müsste alles alles alles was mir widerfahren, ich müsste das alles zusammendrängen in einen einzigen Schrei, in einen einzigen gellenden Schrei, und der Schrei wäre von solcher Reinheit, von solch blendender Schärfe und Weiße, dass er ins Ohr des Hörenden fahren müsse wie ein Schwert, und alles wäre gesagt, so war mir da, und ich weiß noch, ich suchte tief in mir drinnen nach diesem Schrei, dass er aufsteige aus den verborgenen Geländen da drinnen —

und so war das mit diesen chorisch scheppernden Gesängen, diesen Klängen von reißendem Metall, die mich umdrangen, die waren gefügt als starkes Gewebe, Gewebe wie Kettenpanzer, gefügt waren die aus solchen Schreien, Schreie, Schreie, ein jeder einzelne Schrei gefügt aus der Qual und Todesnot einer ganzen Existenz, das war es, was sie mir mitteilen wollten, was ich verstehen sollte, die Qual und Not ihres Daseins, ich begriff, sie wollten noch nicht einmal, dass ich ihr Elend lindere, sie wollten einfach, dass ich verstehe, das wollten sie, sie wollten ein Wesen haben im ganzen Universum, im ganzen Universum wenigstens eines, das verstand.

Sagt selber, wie hätt ich mich weigern können. Ich war die, die verstehen sollte. Das Licht, das von mir ausging, ich begriff das auf einmal, da, auf diesen Wiesen, hinüber zu den Gärten, das Licht, das ich ausströmte, das war das Licht meines Verstehens, das Licht meines Mitleids, das Licht meines Erbarmens. Ich war die, die ihnen Erbarmen brachte.

Und es gibt kein Licht in der Welt, das so leuchtet wie das Erbarmen. Das begriff ich. Nach nichts sehnten sich diese Wesen so verzweifelt wie nach Erbarmen. Tun wir vielleicht anders? Wollen wir irgendetwas anderes, wollen wir etwas anderes von Gott? Wir wollen Erbarmen. Wir wollen diesen Schrei ausstoßen, diesen einen Schrei, der alles ausdrückt, in einem reinen schmerzenden Klang, was uns peinigt, in einem Schrei unsere Qual und Not, und dieser reine Schrei soll aufgefangen werden und gehüllt in das Licht des Erbarmens.

Ich war das Licht des Erbarmens.

Ich war das Licht der Welt.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 01.02.2022

Da waren kleine Wesen zu meinen Füßen, an denen freute ich mich irgendwie, all die Grillen und Käfer und die Ameisen und kleinen Spinnen in der Wiese, ich fühlte auf einmal, die begleiteten mich auch, und ich hörte sie flüstern, pass auf dich auf, pass auf, was du da tust.

Ich weiß noch, dass ich stutzte und dachte, wieso reden die, seit wann reden die Eidechsen und die Würmchen, und die Maulwürfe unter der Erde?

Doch, sie redeten zu mir, nicht in Worten, aber sie redeten, ich spürte das Gras unter meinen Sohlen, ich spürte die Wurzeln, und selbst die Halme redeten zu mir.

Und all ihre Rede meinte immer nur das eine, wir sind das Leben wir sind lebendig wir sind wie du pass auf dich auf.

Das war eine Warnung.

Ich hörte klägliche Geräusche hinter mir, das waren die Katzen, sie miauten, da wusste ich, ich hatte den Rand der Wiesen erreicht, ich war dort, wo die Wiesen begannen, ich war ja hier schon spazieren gewesen, und die Katzen hatten mich begleitet, aber weiter als bis zu den Wegen, die in die Gärten hineinführten, waren sie nie mitgegangen, das schien ihre Grenze zu sein, und jetzt war es nicht anders, sie blieben zurück und wollten nicht mit hineingehen ins Fremde.

Auch das war eine Warnung, aber ich wollte nichts davon wissen. Ich fühlte mich stark, ich fühlte mich unverwundbar, ich war das neue Leben.

Dann hörte ich noch einmal einen Ruf, das war, als ich knirschenden Kies fühlte unter den Sohlen, Steinchen und aufgewühlte Erde, ihr versteht, ich sah nicht viel von der Welt, es war ja alles in Schwärze getaucht, ich sah nur den unaufhörlichen Reigen der Andächtigen, wie sie tanzten um mich herum, und ich sah sie in meinem Licht, ja, das war es, sie spiegelten wider mein Licht, dies Licht, das aus meinem Innen kam, deswegen konnte ich sie überhaupt sehen, und ganz von Ferne hatte ich diese Idee – die Idee war nur wie ein Nebelstreif im Vorübergehen – dass hier vielleicht unser Geheimnis lag.

Das Geheimnis von uns allen.

Warum wir diese Wesen sehen.

Irgendetwas ist in uns, ein besonderes Licht, das beleuchtet die Welt, so dass wir sie anders sehen als die anderen Menschen, nicht besonders anders, nur ein kleines bisschen, gerade so, dass wir die Wesen sehen können, die auch noch sind in der Welt, aber nicht von dieser Welt.

Es liegt wirklich an uns, dachte ich verwischt, wir sind anders, ein klein bisschen anders, es liegt an uns, wir tragen ein Licht mit uns herum, das leuchtet aus unserem Inneren heraus, ein winziges Licht nur, eine Kerzenflamme, eine Taschenlampe! und die leuchtet hinaus in die gewöhnliche Welt, und das Spektrum verändert sich, und plötzlich werden die Wesen sichtbar, die auch noch da sind.

Weiß nicht, was das für ein Licht ist. Es ist zusammengesetzt, wie alles Licht. Zu seinem Spektrum gehört Mitleid, Erbarmen.

Das war mein Gedanke, mein flüchtiger, verwischter Gedanke, und dann hörte ich noch diesen anderen Ruf, ich hörte immer noch das Gewisper der Mücken der Nachtfalter all der krabbelnden Wesen, die mir zuflüsterten, die bist eine von uns, die bist wie wir, du bist lebendes Fleisch, pass auf dich auf, und dann hatte ich immer noch im Ohr das klagende Miauen der Katzen, die nicht wollten, die niemals wollten, dass ich in diese Gartenwege eindränge – und dann war da auf einmal dieser Ruf, weit an der Peripherie, am Horizont des Bewusstseins.

Eine Stimme, die meinen Namen rief, Ayse.

Wieder und wieder.

Und die Stimme zog und sog an mir, die wollte, dass ich umkehre, dass ich meinen Platz einnähme unter den Lebenden, das wollte ich aber nicht, der Ruf machte mich störrisch, ich dachte, ich bin doch beides, ich kann doch beides sein, lebendes Fleisch, atmendes Fleisch, Wesen aus Fleisch und Blut, Wesen geboren aus dem Planeten Erde, und Helferin diesen Wesen, Königin diesen verirrten Wesen, die mein Licht brauchen, so dringend, ich kann das doch, dachte ich, da ist doch diese Wärme in mir, da ist dieses Zentralfeuer in mir, das ist stark, das macht mich stark, das macht mich unüberwindlich, unverletzbar, oder vielleicht nicht unverletzbar, aber so stark, dass ich alle Verletzungen ertragen kann, stark, dass ich alle Hindernisse niedersiegen kann, ich wusste das, ich fühlte es, meine Nacktheit ist stärker als alle Gewalt der Welt.

Und da war dieser Ruf hinter mir, diese Stimme, die immerfort meinen Namen rief.

Das war PvM, der hinter mir her gestolpert kam, PvM, der über die Wiesen hastete, mich einzuholen.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 02.02.2022

Ich bin weggerannt. Ja. Hab ich gemacht. Ich weiß nicht, ob ich mich dafür schäme. Jetzt. Es tut mir leid. Es hat mir schon leidgetan, als es passierte. Aber ich hab PvMs Stimme gehört und bin weggerannt.

Ich will versuchen ich muss versuchen — okay, ich versuch, das zu erklären.

Ich bin nicht wirklich gerannt. Ich war ja schon bei den Gärten. Ich sah nichts, versteht ihr. Um mich herum war dieser dichte Wirbel von tanzenden Körpern, die drehten und walzten, vollkommen lautlos, und die langen Kleider der Frauen, die waren wie Vorhänge um mich herum. Ich spürte den Weg unter meinen Füßen, ich wusste, ich bin auf einem von den Gartenwegen, da war gestampfte Erde und Kies und da waren Steinchen, jedenfalls kein Gras. Also. Aber ich konnte nichts sehen. Ich wusste nicht, wohin ich das Rudel führte, oder wohin das Rudel mich führte. Ich wusste nur noch —

Ich wollte auf keinen Fall, dass PvM mich einholt.

Was wäre passiert, wenn der mich erwischt hätte? Er hätte mich einkassiert, ganz sicher. Ich kenn den. Die Situation war so, der hätte sich mit Reden nicht mehr aufgehalten. Der hätte seinen Gehstock in den Graben geschmissen und hätte mich auf die Arme gestemmt und hätte mich zurück ins Haus getragen. Aus seiner Sicht — was soll ich denn sagen — hätte ja recht gehabt, der. Ich war splitternackt. Nacktes Mädchen mitten in der Nacht auf dem Weg in die Gärten, wo an verschiedenen Stellen die Besoffenen letzte Grillpartys feierten. In den Schrebergärten. In den verlassenen Wohnwagen, die dort rumstehen, in den Hütten. Unbeleuchtete Wege, Wald, Gestrüpp, keine Straßen, keine Polizeistreifen, keine Zivilisation. Klar hätte PvM mich durch die Wiesen zurück zum Haus geschleift, zur Not mit Gewalt, und die Tänzer hätten nichts machen können, der hätte seinen Weg gefunden, mit mir auf den Armen. Oder über der Schulter, der hätte das gemacht. Und ich wollte das nicht. Ich war die Göttin. Ich war allmächtig.

Auf keinen Fall war ich ein übergeschnapptes Mädchen, und der Erwachsene kommt und fängt mich ein, in letzter Sekunde. Ich hatte recht. Ich wusste das.

Und dann waren Bäume um mich herum, Gesträuch. Ich konnte ja nichts sehen. Also war nicht ich es, die wegrannte, es waren das Rudel um mich herum, das mich führte. Die sahen ja alles. Die sahen, wo PvM hinlief, und die lotsten mich zwischen die Bäume.

Dort in den Gärten kannst du einfach verschwinden. Da gibt es Gräben, da gibt es alte Remisen, wilde kleine Waldstücke, wo niemals ein Förster das Unterholz schlägt, auf einmal Zäune, irgendwo im Gelände eine alte Bretterwand – du gehst einfach seitab vom Weg, und weg bist du.

PvM hat mich zwei Tage lang gesucht, ich weiß ja, und die Schlapphüte haben mich gesucht, es tut mir ja so leid, ich krieg einen roten Kopf, wenn ich bloß daran denke, aber die konnten mich gar nicht finden. Keine Chance. Da war das Rudel um mich herum, das Pack, die haben ja gesehen, wenn wer kam, und jedes Mal haben die mich in eine andere Richtung gelotst, jedes Mal haben die mich in Sicherheit gebracht, die wollten nicht, dass ich gefunden werd, die wollten mich für sich haben.

Oder … ich weiß nicht.

Stellt euch mal einen wilden Volksstamm vor, hinter dem die Verfolger her sind. Volksstamm irgendwo in der Fremde. Und die haben ihr Kostbarstes bei sich. Ihr Allerheiligstes. Ihre Bundeslade, das goldene Bild ihrer Göttin, was weiß ich, ist doch ganz egal, und die haben überhaupt nur noch ein Ziel, die wollen ihr Heiligstes in Sicherheit bringen vor den Verfolgern, die wollen sich immer tiefer in die Wälder zurückziehen, damit ihnen die Verfolger nicht das Kostbarste wegnehmen, was sie haben.

So ist das gelaufen. Ich war für die das Kostbarste, was sie überhaupt hatten, und sie wollten mich haben und behalten, ganz für sich, ich glaub, das war es, was die von Anfang an gewollt haben, die haben mich gesehen und wollten nichts anderes mehr in der Welt als mich, alles andere war denen egal, die hat nichts mehr gekümmert, die haben nur noch eines gedacht, wie sie mich für sich behalten können, und ich — ich wollte das ja auch. Ich war einverstanden damit. Ich hab nur noch gedacht, wenn ich für die das Wichtigste bin, was es überhaupt gibt in der Welt, okay, dann soll es halt so sein.

Und also haben die mich — sorry — ich kann das nicht anders sagen — also haben die mich beiseite gebracht, und da hat ja schon ein Schritt gereicht, da reicht schon ein Schritt, da in den Gärten, ein Schritt weg seitlich vom Weg, und du bist erst mal weg, und ich hab gewusst, dass PvM sich die Haare ausreißt wegen mir, und es hat mir ja auch leidgetan, aber ich war jetzt nicht mehr die alte Ayse, das arme gestörte Mädchen, auf das ihr alle aufpassen müsst, ich war die neue Ayse, ich war rausgegangen ohne Furcht, ich hatte alle Angst hinter mir gelassen, ich hatte alles auf eine Karte gesetzt, höchster Einsatz, ich war nackt hinausgegangen in die Wälder, und das wollt ich mir nicht wegnehmen lassen, ich wollt nicht zurück dorthin, wo ich bloß die alte Ayse war, die gedrückte Kopftuchmaus, ich war getreten über die Schwelle, über die Grenze, ich war in einer neuen Welt, um mich herum war alles nur noch Abenteuer und Versprechen, und ich war entschlossen, das nimmt mir keiner weg, das hab ich jetzt, das behalt ich.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 03.02.2022

Ich spürte Sträucher an mir vorübergleiten, da waren Ranken und hängende Äste. Die wilden Frauen wehten um mich herum wie Sturmvögel.

Und auf einmal war Stille.

Der Tumult um mich herum kam zur Ruhe, und ich konnte wieder etwas sehen. Ich stand vor einer zugewachsenen Kate, da war eine Bank, halb heruntergebrochen, da war ein Regenfass, blaues Plastik, in dem stand braunes Wasser, Autoreifen lagen herum, und ich sah das alles in dem honigfarbenen Licht, das von mir selber ausging. Irgendwo lag auch ein Ball. Das Gras stand hoch. Hier war seit Jahren niemand mehr gewesen. Jetzt war jemand da. Ich. Die Besucher.

Sie umringten mich, sie sahen mich an. Sie hingen in den Baumästen, überall. Standen hockten im Gesträuch, zwischen den Stämmen. Ich sah, da war auch ein kleiner Teich, schwarz und tief im Gestrüpp. Am Teichrand hockte ein Wesen, wie ich noch nie eines gesehen. Es war nicht größer als ein Huhn, und es hatte auch einen Vogelschnabel, aber das Gesicht war das eines Menschen, eines uralten, verhutzelten Menschen, und die Augen blickten mit einer ausweglosen Trauer, dass ich dachte, mir bricht das Herz. Ich streckte unwillkürlich eine Hand aus nach dem Wesen, und der Schnabel öffnete sich, und ein Schrei drang heraus, Schrei voll abgründiger Qual, ich erkannte ihn sofort wieder, das war der Schrei, den ich gehört hatte, damals, bevor ich euch das erste Mal wieder geschrieben hatte. Schrei der Banshee, Todverkündung.

Die Besucher blickten mich an mit konzentrierter Aufmerksamkeit. Ich hatte wieder diesen Eindruck, ich sei die einzige Quelle von Licht in ihrer Finsternis, ich hatte diese Vision — stellt euch Gefangene vor, eine riesige Menge von Gefangenen, in einer finsteren Halle, alles vollkommen schwarz, niemand sieht auch nur die Hand vor Augen, der Boden ist kalter Beton, da ist nichts in der Halle, nur dieser nackte Boden und darauf die ratlose Herde der Gefangenen, und alles gehüllt in undurchdringliche Finsternis, und plötzlich findet einer der Gefangenen in seiner Jackentasche doch noch einen Kerzenstummel, und eine Schachtel Streichhölzer mit einem einzigen Streichholz, und er reißt das Streichholz an, entzündet die Kerze, in der riesigen finsteren Halle mit Tausenden von Gefangenen glimmt dies winzige Licht auf, diese kleine Flamme, und was tun die Gefangenen? sie schauen hin, natürlich, alle Blicke zentrieren sich auf dieses winzige Licht, es gibt nichts zu sehen nichts zu erkennen, egal, dort ist Licht, und alle gucken hin.

Ich war diese winzige Flamme, glimmender Lichtpunkt in einem Meer aus Finsternis, und die Gefangenen starrten mich an, als hinge ihr Leben davon ab.

Ich stand da, auf diesem verrümpelten kleinen Platz vor der zusammenbrechenden Bude, und ließ mich anschauen, wie ich es auf der Haustreppe getan hatte, und in mir meldete sich ein Gedanke, unvermittelt, der kam richtig von weit her, der Gedanke, ließ sich Zeit, schlenderte, oder hatte Mühe mit dem Gehen, was weiß ich, jedenfalls kam er irgendwann an, an der Peripherie meines Bewusstseins, der Gedanke, und der Gedanke sagte: Und was jetzt?

Und was jetzt? Klar, ihr seid ja alle so schlau, ihr hättet mir das gleich sagen können. Aber ich … ich hatte diesen Augenblick gehabt, diesen einen, unersetzlichen Augenblick der Freiheit. Ich war hinausgegangen. Ich hatte alle Grenzen überschritten. Und da stand ich jetzt. Ich hatte keine Angst, und mir war auch nicht unbehaglich, noch nicht, aber irgendwo am Rand meines Bewusstseins lungerte dieser Gedanke herum, und nachdem er gesagt hatte, und was jetzt? fragte er auch noch, und was soll das eigentlich werden, wie lange kannst du das durchhalten?

Ich dachte nicht an Essen nicht an Wärme nicht an Kleidung, an das alles dachte ich nicht, noch nicht, aber irgendwie begann dieses leuchtende Gefühl in mir zu verglimmen, dieses Gefühl der Unverwundbarkeit, dieses Gefühl, dass da in mir ein Brennstab glühte, der würde Jahrtausende nicht verlöschen, ich hatte es auf einmal nicht mehr mit den Jahrtausenden, ich sah, da lagen Stunden vor mir, und Tage.

Ich fühlte keine Unruhe. Noch nicht. Ich dachte, etwas wird passieren. Etwas wird sich ergeben, ganz von selber. Etwas Ungeheures wird geschehen. Etwas wie ein Wunder.

Und ich stand inmitten der gewaltigen Herde der Beter, die umringten mich umrundeten mich, die tranken meinen Anblick mit sehnsüchtigen Augen, riesigen Augen, spiegelnden Augen, und ich stand und ließ mich anschauen, und mit jeder Minute wuchs der Gedanke, der unabweisliche Gedanke in mir, wie lange kann ich so rumstehen, hier vor dieser Hütte im Wald, irgendwann werd ich mich doch mal setzen müssen?

Ich muss doch irgendwann mal was trinken?

Und plötzlich, peinlich, gebieterisch: Sorry, aber ich glaub, ich sollt bald auch mal wieder pinkeln.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 04.02.2022

In der Herde meiner Bewunderer ging eine seltsame Veränderung vor sich. Sie drängten sich zusammen wie Schafe zur Nacht. Nicht ängstlich. Eher, als suchten sie beieinander Schutz und Wärme. Sie standen und hingen dicht um mich herum, und der vermüllte kleine Platz, auf dem ich stand, war wie der Mittelpunkt des Kosmos. Wirklich. Sie kuschelten sich zusammen, und sie ließen mich keine Sekunde aus den Augen, sie beobachteten mich hingerissen, sie hingen mit Blicken an mir, wie die Blicke der Besucher in einem Pop-Konzert an der Erscheinung ihres Stars hängen, hingerissen, selbstvergessen, ich war die Erscheinung, die Epiphanie, alles war plötzlich neu, alles hatte Sinn und Wärme und Zentrum.

Sinn und Wärme und Zentrum, das war ich.

Sie versuchten nicht, mich zu berühren, da war etwas wie ein magischer Kreis um mich, den überschritten sie nicht. War ja auch vorher schon so gewesen, als sie im Strudel um mich herum getanzt hatten, ihr Kreis war ein Reigen gewesen, ein Drehtanz, in rasendem Tempo, aber ich stand still in der Mitte. Auge des Sturms.

Sie hockten und standen und hingen herum in den Bäumen, und sie drängten sich dicht aneinander, sie wollten alle so weit vorne sein wie möglich, um mich besser betrachten zu können, und sie umarmten einander dabei, viele hatten auch den Kopf auf der Schulter ihre Nachbarn liegen, und wer weiter hinten saß, reckte sich, um über die Schultern und Köpfe vor sich hinwegsehen zu können.

Sie schienen mir plötzlich wie Kinder. So schwarz und düster, so hager und bleich, so riesig die dunklen Augen, und dennoch hilflos wie Kinder.

Und der Platz, ja. Ich fühlte, da war überall Bedeutung- Die Wassertonne, der Ball. Die verfallende Hütte. Ich sah auch, da war ein Zaun im Gestrüpp, ganz verrostet. Überall wirres Gesträuch, Ranken, Brombeeren und Disteln. Alles unklar und dennoch voller Bedeutung, als würde hier die Schöpfung beginnen.

Wer weiß schon, wie die Schöpfung angefangen hat? Hat man dem winzigen Ball, da alles anfing, angesehen, dass einmal das All daraus würde?

Auf der Wassertonne bewegte es sich. Da waren Wasserläufer zugange, die lebten dort, das Wasser in der Tonne, das war für die der Teich der Welt. Ihr wisst doch, diese kleinen eiligen Insekten, die über das Wasser laufen können.

Und der Ball im Gras. Ich sah die Kugel der Schöpfung, ich sah, wie sie sich ausdehnte, in rasendem Tempo, eine Explosion, kugelförmig, in der Expansion unaufhörlich neue Dinge schaffend. Die Hütte, das war keine Ruine, obwohl sie bald zusammenbrach. War da überhaupt noch ein Dach drüber? Sie war ein Entwurf möglicher Formen, da waren alle Geometrien enthalten, Dreiecke Vierecke Winkel Trapeze Vielecke, alles da.

Die Welt war hier noch im ersten Stand der Schöpfung. Wasser und Erde und Luft und Feuer waren noch nicht so richtig getrennt, das Wasser mischte sich der Erde und den Gräsern und der Luft, deshalb konnten die Wesen ja auch auf dem Wasser wandeln, sie hatten noch kein Gewicht, und das Feuer, das war ich. Ich war der Lichtbringer, und das Licht durchdrang alle Dinge, ich sah alle Dinge, und vermöge meines Lichts konnten meine Anbeter neu die Welt sehen, konnten sie überhaupt erst sehen, ich verstand jetzt, warum die mich so anstarrten, sie sahen die Welt, sie hatten sie vorher nicht gesehen, nun sahen sie mich, und sahen die Welt.

Ich stand, und wurde wieder ganz ruhig, und ohne es zu merken, hatte ich wieder diese Präsentationshaltung eingenommen, ich stand und hielt die Arme leicht gebreitet, mit den Handflächen nach vorne: Hier bin ich, seht mich an.

Einmal wackelte ein Igel durchs Gerümpel, mit dem üblichen Geschniefe, wie es Igel an sich haben, er beachtete mich gar nicht, und auch nicht die Gemeinde.

Ich stand und war wieder ganz ruhig und warm, und ich sah Dinge, wie ich sie nie gesehen. Ich sah den neuen Morgen der Welt, ich sah den Anfang, ich war der Anfang.

(Nachrichten vom 30.01. bis 04.02.2022, neu eingestellt auf dieser Seite am 26.05.2022 von Peter Flamm, © Verlag Peter Flamm 2022)