Banshee Neue Folge 34

Nachricht von Ayse Konopski

Ich hab das wiedergegeben, was PvM gesagt hat, so gut ichs eben kann, ich hab ihm gezeigt, was ich geschrieben hab, und er sagt, das ist richtig so, man könnt das auch noch anders ausdrücken, aber so hätt ers gemeint.

Regina seufzte schwer, wie unter einer Last, und sagte, mit einem hilflosen Ausdruck im Blick: „Das kann ich dem Geheimdienstausschuss im Landtag kaum vortragen.“

„Musst du ja auch nicht“, sagte PvM amüsiert und mit einem Blick auf sein Handy, das er auf den Tisch gelegt hatte. „Wir sind hier ganz unter uns.“

Und im Augenblick, da er das sagte, dachten wir alle drei das Gleiche, nämlich: Wir sind unter uns, niemand hört uns zu, abgesehen von denen da drüben. Ich weiß das, weil wir alle drei gleichzeitig hinüber zur Insel blickten, und da saßen die drei Schwestern am Ufer und sahen uns an, traurig und wartend und fragend, und offensichtlich lauschend, und wir dachten alle drei dasselbe und wussten dabei, dass wir alle drei dasselbe dachten, nämlich: Wir sehen die, wir sehen die wirklich. Es gab eine Zeit, da sahen wir die noch nicht, das war eine Zeit, da war alles anders, das war die alte Zeit, jetzt ist die neue Zeit.

Wir dachten das wirklich, alle drei gleichzeitig, ich weiß das, weil wir uns ansahen, wir sahen uns gegenseitig in die Augen, wie auf ein Kommando, und wir wussten, was wir dachten.

Dies ist die Neue Zeit.

„Wenn das stimmt“, sagte Regina, fast flüsternd, „und es beginnt gerade ein neue Zeit, dann sollten wir jetzt zusehen, dass wir zu Potte kommen. Dass wir irgendwas rauskriegen, was wir als Ergebnis mitnehmen können.“

Wir nahmen alle drei unsere Gabeln und machten uns an unserem Käsekuchen zu schaffen, das taten wir, schließlich sind wir aus Fleisch und Blut, und für ein paar Augenblicke hörte man nichts als das Klicken der Gabeln auf den Porzellantellern, und irgendwo weiter hinten im Dschungel schrie ein Papagei, und dann sagte PvM ganz behaglich, unterm Kauen: „Lasst uns doch einfach mal zusammenbasteln, was wir wissen. Fangen wir mit dem Burroblast an, wegen dem sind wir ja runtergestiegen, unter die Kathedrale.“

Und Regina rezitierte, langsam und Wort für Wort, als ob sie es auswendig gelernt hätte: „Geht, sucht den Ort, da die Toten aufrecht sitzen in ihren Gräbern und warten auf das Ende der Zeit, geht und sucht das Mädchen, das sammelt die Scharen. Sucht das Mädchen! Bringt das Mädchen zu mir, zu Azazel, schickt heraus zu mir das Mädchen, das ist euer Auftrag.“

Wir schwiegen eine Weile, dann sagte PvM, mit immer der gleichen Methodik in der Stimme: „So. Fangen wir mal mit dem Azazel an. Dem Ding, das sich Azazel nennt. Müssen wir auseinanderhalten, ja? Stellt sich dann noch die Frage, wer Azazel eigentlich ist. Nämlich der Azazel, der sich rechtmäßig so nennt, weil er eben wirklich so heißt. Im Büro von dem Burroblast, da windet sich ein Tier ein Wesen, vor dem liegen der Burroblast und sein Bruder, der Galgenvater, auf dem Bauch. Das Wesen nennt sich selbst Azazel. Es deutet an, ich bin der Azazel. ‚Der‘ Azazel. Nicht irgendwer, der zufällig Azazel heißt. ‚Der‘ Azazel. So hat Balbutin das gehört, ich wünschte, ich könnte das mal selber sehen und hören. Na, ich weiß nicht. Vielleicht will ich das ja gar nicht wissen. Egal. Zwei Dinge jetzt. Das Tier das Wesen, das ist genauso körperlos wie unsere Besucher. Sowohl Balbutin als auch PF sind mitten durch es hindurch gegangen. Aber auch wenn es keinen Körper hat, hat es dennoch Macht über uns, so wie die Besucher eine gewisse Macht haben über uns, über manche von uns sogar eine große. Über Ayse. Ayse ist bereit, so gut wie alles für die zu tun.“

Ich wollte etwas sagen, aber PvM schüttelte den Kopf. „Du hast es selbst gesagt. Wenn ein verzweifeltes Kind weint, eilt die Mutter herbei. Denkt an Diana, wie die rennen würde, wenn eins von ihren Kindern schreit. So. In gewisser Weise könnte man also sagen, das Kind übt Macht über die Mutter aus. Genauso üben die Besucher Macht aus über Ayse, mit ihrer Anbetung, mit ihren flehenden Blicken. Du hast selbst gesagt, du hattest keine Wahl. Du hast gemacht, was die wollten. Hast dich nackt ausgezogen, dich hingestellt, und schließlich bist du mit ihnen mitgegangen. Nicht über alle von uns üben die Besucher eine solche Macht aus. Aber von dir wollen sie was, sie wollen mindestens dich ansehen, dich verehren, und du bist empfänglich dafür. Offenbar muss das zusammenkommen. Der Wille der Besucher, und die Empfänglichkeit der Person, auf die der Wille wirkt.“

Regina atmete hörbar auf. „Das bringt uns einen Schritt weiter“, sagte sie. „Wenn wir uns vor dem Azazel fürchten müssen, oder vor diesem Ding, das der Burroblast heraufbeschworen hat und das sich Azazel nennt, dann —“

„Dann müssen wir uns vor den Menschen fürchten, die diesem Ding zu Willen sind. Die empfänglich sind für die Willensäußerungen dieses Dings dieses Tiers dieses Wesens. Ich lege im Übrigen meine Hand dafür ins Feuer, der Burroblast und sein Galgenvater haben nicht einen ‚Azazel‘ beschworen, nie im Leben. Die haben ein Ritual ausgeführt mit einem klaren Ziel, und was oder wen sie beschworen haben, das war Satan.“

Ich stellte hastig meinen Käsekuchen auf den Tisch, zog meine Füße auf den Stuhl und schlang die Arme um die Knie, ich glaube, alles in einer Bewegung. Es war nicht kalt hier im Dschungel, ich fror trotzdem.

(Nachricht eingegangen am 24.05.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 25.05.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)