Banshee Alte Folge 34

Nachricht von Ayse Konopski, vom 24.01.2022

PvM hat mich verdonnert, euch selber zu schreiben, was vorgefallen ist. Ich will das nicht. Er sagt, es wäre gut für mich, alles niederzuschreiben. Würde mir helfen, die Dinge zu klären. Der hat leicht reden. Mir fällt das Schreiben nicht so leicht wie ihm. Wie soll ich das machen? hab ich ihn gefragt, und er hat gesagt: Schreib ein Wort hin, und dann das nächste. Ein Wort nach dem anderen. Das wird schon. Und überleg nicht so lange. Schreib hin, woran du dich erinnerst.

Ich erinnere mich an Schlaf, tiefen Schlaf. Und dann an einen Ruf, deutlich und hell. Irgendwie angstvoll. Jemand rief nach mir, eine Stimme rief: Hilf uns, hilf uns doch. Und ich war gemeint, mitten in meinem Schlaf. Ich hörte die Stimme so deutlich, als hätte jemand die Worte in mein Ohr gerufen.

Und dann schlief ich nicht mehr, ich war wach. Es machte keinen großen Unterschied. Es war, wie wenn einer von einem Zimmer ins andere tritt. Einfach so. Über die Schwelle. Ich stand auf, ohne lang zu überlegen. Ich war nackt, natürlich war ich das, ich schlafe immer so. Ich spürte die Nacht auf meiner Haut, und mein Herz fing an zu jagen, ich tappte hinaus, auf bloßen Füßen, und immer noch war da dieser Ruf.

Ich öffnete die Tür, die Haustür. Nachtwind war da überall, fing an, mit mir zu spielen, tanzte überall um mich herum, berührte mich — es ist — ich muss das erzählen — okay — ich fühlte eine seltsame herzklopfende Erregung. Meine Brüste wurden spitz, sorry. Hatte nichts mit Sex zu tun. Ich fühlte mich auf einmal – erfüllt – ich füllte mich aus. Ungefähr so. Meine Haut wurde warm, und ich hatte das Gefühl, als reiche ich von innen her so dicht heran an meine Haut wie niemals zuvor. Als sei ich sonst irgendwie tief drinnen in mir versteckt, als sei ich sonst klein irgendwo in meinem Fleisch, ja, das ist es, als habe mein Geist auf einmal Besitz ergriffen von meinem Fleisch, und ich füllte mich selber aus, und alles war warm, ich war warm, denn mein Geist war warm, der Geist ist nicht kühl, wie sonst immer gesagt wird, er ist warm, und ich füllte mich ganz aus, es war ein Gefühl so warm und leuchtend wie geschmolzener Honig, und ich fühlte den Nachtwind streicheln auf meiner Haut, und dann fühlte ich die Blicke.

Die Blicke. Ihre Blicke.

Waren wie tausend waren wie Millionen tastende Berührungen, tasteten jeden Millimeter ab meiner Nacktheit, und ich wusste, sie waren wirklich da, die Besucher, sie waren wirklich, sie berührten mich mit ihren Blicken, sie streichelten mich ihren Blicken — sie ertasteten meine Wärme mit ihren Blicken, diese Wärme, die aus meinem Innen kam, und ich fühlte auf einmal ein brennendes Verlangen, ihnen diese Wärme zu schenken, diese Wärme, gewoben aus Geist und Fleisch, ich wollte mich hergeben, sie verlangten doch so nach mir.

Sie waren überall. Im Vorgarten, auf der Straße, drüben auf den Wiesen. Sie drängten dicht heran, sie konnten nicht genug bekommen von meiner Wärme von meiner Nacktheit und der kühle Nachtwind konnte mir nichts anhaben, er brach sich an meiner warmen Haut wie Wellen an einer sonnewarmen Insel, ich fühlte, wie ich die Wärme verströmte, diese Wärme gemischt aus Fleisch und Geist, und die Augen, die Augen der Besucher, ihre Blicke, sie tranken mich, tranken meinen Anblick wie Säuglinge trinken die Milch ihrer Mutter.

Ich dachte, ich gehöre mir nicht mehr, ich gehöre denen.

Und mein Herz brach beinahe vor Sehnsucht, mich ihnen hinzugeben, ihnen alles zu schenken, was ich habe und was ich bin.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 25.01.2022

Ich sah die Frauen, all diese traumschönen Wesen mit ihren riesigen Augen, ich sah sie tasten nach mir, mit ihren Blicken, ich fühlte ihre Blicke auf meiner Haut, und ich hörte sie flüstern, ja, ihr Flüstern rieselte um mich wie Wasser, sie sprachen zu mir, sie wussten mich, sie redeten über mich sie beredeten mich, sie woben mich ein in ein Kleid von Worten, sie bekleideten mich mit ihrem Verlangen, ihre Arme waren ein weiches Wehen im Nachtwind, sie umschmeichelten mich, flüsterten liebliche und verlockende Dinge, und die Nacht war schwarz und hoch und lichtlos, da waren keine Sterne, aber die Bewunderung und das Verlangen schufen mir eine Bühne, das war es, ich stand wie auf einer Bühne, und ringsum war Schwärze, Schwärze erfüllt von verlangenden Augen, und das Verlangen und die Sehnsucht der Blicke erhellten die Bühne — nicht die Bühne — mich

das Verlangen, die Blicke, die Sehnsucht, die waren wie Scheinwerfer, auf mich gerichtet, ich war alles Leuchten in der Welt, alle Helligkeit in der Welt, und ich gab das Licht zurück, ich zeigte mich, ich offenbarte mich, ich zeigte den Verlangenden den Sehnsüchtigen den Bittenden meine Nacktheit, ich gab ihnen das Geschenk meines Anblicks, ich stand und war still und fühlte mich erfüllt von diesem überwältigenden Glanz, der drängte aus meinem Innen nach außen, und erleuchtete die Finsternis da draußen

ich verwandelte die Welt ihre Welt

so war das

sie bestrahlten mich mit ihrer Bewunderung mit ihrer Verwunderung mit ihrer Verwundung

ich aber empfing die Strahlen ihrer Finsternis und verwandelte sie verwandelte sie in meinem Körper in echtes Leuchten in wirkliches Licht

so empfingen sie von mir was sie mir gespendet und ich gab ihnen zurück was sie mir geschenkt

sie hatten mir ihre Bewunderung zum Opfer gebracht sie hatten ihr Verlangen niedergelegt zu meinen Füßen als Opfergabe hatten ihre Bitten vor mich gebracht als Spenden als Gaben

und ich, ich stand da und nahm all diese Opfergaben gnädig an als ihre Göttin und verwandelte die Gaben die Gebete die Bitten, ich verwandelte alles in wirkliches Licht, mein nackter Körper war der Ort der Verwandlung, unbegreifliche Dinge geschahen, wunderbare Dinge, ich stand da, nacktes Mädchen, und mir wurden all diese Opfer dargebracht, all diese Bitten all diese Gebete all dieses Flehen, und ich nahm an die Gaben und verwandelte sie in meinem Leib, verwandelte das dunkle Metall der Bitten in leuchtendes Gold, und überschüttete die Beter mit meiner Gnade mit meinem Licht

sie waren gekommen als Bittsteller, aber ihre Bedürftigkeit verwandelte mich, ihr Bitten und ihre Armut und ihr Flehen verwandelten mich von einem Mädchen in eine Göttin, nackt und segenspendend stand ich vor ihnen und wusste nicht was geschah wusste nicht wie mir geschah

wusste nur alles ist richtig so alles ist überwältigend richtig alles kann gar nicht anders sein

ich wusste ich bin angekommen

ich wusste ich bin am Ort meiner Richtigkeit

ich wusste ich bin dort wo ich immer sein sollte.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 26.01.2022

Und also ging ich mit ihnen.

Ich hörte ihre Blicke ihr Verlangen wie Gesänge. So war das. Ich schwamm in einem Meer aus Gesängen. Irgendwo waren Tempelpforten, da waren Priester, die schlugen erzene Gongs. Die Frauen schwebten und tanzten um mich herum, sie waren alle Priesterinnen. Ich sah Gestalten, gewoben wie aus Luft, die verlangten nach Körperlichkeit, die verlangten nach Festigkeit, die wollten sich baden in meiner Wärme. Ich sah diese Finsternis, die war schwarz und dicht wie Teer, und in der Finsternis war ich die Sonne, Quelle von Wärme und Licht.

Versucht das zu verstehen. Da waren Wesen, bittende Wesen, Legionen von Wesen, die umrundeten mich, die brandeten an mich heran wie ein klagender Ozean, und der Ozean war erfüllt von Dunkelheit und Kälte, und die Wesen wollten nur eines, nur eine Gabe: Wärme und Licht. Und ich stand inmitten unter ihnen, ich war der einzige Quell von Wärme und Licht, ich war die Sonne in einem lichtlosen Universum. Sie wollten das so sehr, Wärme und Licht.

Die Kälte und die Finsternis, ihr müsst das begreifen, war nicht ihr natürlicher Ort nicht ihr natürlicher Zustand. Sie waren so, sie lebten in der Kälte und Finsternis, aber sie wollten das nicht. Gibt Wesen, die leben von Natur aus in Kälte und Finsternis, die seltsamen Fische am Grunde der Ozeane, was weiß ich. Bleiche Wesen, in Höhlen geboren, in die niemals Tageslicht dringt. Nicht einmal ein Schimmer vom Mond. Die haben es kalt, die haben es dunkel. Olme und Molche und Fische und Würmer und blinde Spinnen und Krebse. Muscheln und Schnecken, vor sich hin weidend im Dunkel. Die kennen es nicht anders, die fühlen sich daheim in der Finsternis in der Kälte, irgendwie haben die es sogar gut, wir verstehen das nicht, aber es ist so.

Die Wesen, die an mich herandrängten, die bleichen Wesen, hervorquellend aus ihrer Dunkelheit, die nach mir riefen, die mich umringten, die die Hände nach mir ausstreckten —

und sie strecken die Hände nach mir aus, so flehentlich! nur haben ihre Hände gar keine Kraft, sie wehen im Wind wie Nebel, oder wie leichte Ranken im schnellen Wasser, ich habe es dennoch gespürt, wenn sie mich berührten, nicht weil ihre Arme und Hände kräftig gewesen wären, sie sind ganz körperlos, sondern weil sie erfüllt sind von Sehnsucht, Sehnsucht nach mir, ich habe nicht mehr darüber nachgedacht, warum ausgerechnet ich, was soll an mir sein, ich bin niemand Besonderes, ich bin nur ein Mädchen. Ich habe nur gesehen —

die leben in Finsternis und Kälte. Ja, die leben. Ist doch ganz egal, wie ihr das nennt. Sie leben, sie sind da, sie existieren. Das wisst ihr ja auch. Wir alle können sie sehen. Auf irgendeine Weise sind sie in der Welt. Sie sind nicht in der Welt wie wir in der Welt sind oder die Katzen oder dies Haus oder diese Teller und Tassen. Aber sie sind da. Manche von uns können sie sehen. Und sie sehen uns. Sie sind da, das ist der Punkt. Und sie leben in Finsternis und Kälte, und Finsternis und Kälte, das ist nicht ihr Ort, das ist nicht ihre Heimat. Sie sind keine Olme und Molche, die sich vor dem Licht verstecken. Vielmehr, sie wollen das Licht, sie wollen die Wärme. Sie leiden unter der Finsternis unter der Kälte. Und da war nirgendwo etwas anderes als Finsternis und Kälte, und dann sahen sie aufgehen die Sonne.

Tut mir leid, ich kann das anders nicht schildern. Ich bin ihre Sonne. Sie haben gesteckt in Finsternis und Kälte, und plötzlich war da ein Quell von Wärme und Licht unter ihnen, und sie — sie haben sich genähert dem Quell, das ist doch natürlich, das hättet ihr doch auch getan, wenn ihr gefangen wärt in Finsternis und Kälte, und plötzlich glimmt irgendwo ein Licht auf. Hättet ihr doch auch getan. Stellt euch das vor. Ihr tastet euch durch eine lichtlose Welt, ihr habt Augen, ihr wisst, ihr könntet sehen, nur ist nirgendwo Licht – und plötzlich glimmt da ein Flämmchen auf. So war das, als ich kam. Sie alle guckten hin. Natürlich guckten sie hin. Wenn in der Finsternis irgendwo ein noch so kleines Licht aufflackert, gucken alle hin. Drängen alle hin. So war das mit denen. Und so wäre es mit euch, wenn ihr in der Lage wärt wie die.

Versteht ihr das? Ich habe keine Ahnung, warum ich. Ich weiß nicht, warum ich. Es könnte genauso gut Diana sein, oder sonst wer. Ich bin – die Erwählte. Ich hab nicht danach gefragt, ich hab gar nichts davon gewusst. Ich weiß immer noch nichts davon. Es ist wichtig, dass ihr das versteht. Ich hab mir das nicht ausgesucht, und die haben das sich nicht ausgesucht. Ich bin nicht rumgelaufen und hab gedacht, wie toll wär das doch, wenn ich jetzt mal eine Göttin wär. Und die sind nicht rumgelaufen in unserer Welt und haben sich gedacht, so viele junge Frauen, da suchen wir uns jetzt mal eine aus, irgendeine, die soll unsere Göttin sein.

So war das nicht so ist das nicht, verdammt noch mal, kriegt das in euren Schädel rein. Ich hab mir das nicht ausgesucht, die haben sich das nicht ausgesucht. Wer hat sich dann das ausgesucht? Ich weiß es doch nicht. Ich habe keine Ahnung. Ich bin bloß Ayse, ich bin bloß ein Mädchen.

So sind die Dinge. Die haben sich herumgetastet in ihrer Welt aus Finsternis und Kälte, und sie wissen nicht, wie sie da hinein geraten sind, sie wissen nicht, was sie getan haben, was sie verbrochen haben, dass alles um sie herum finster und kalt ist, und plötzlich wurde Licht, und das Licht war ich.

Ayse. Ich. Ich bin das Licht und die Wärme, in ihrer Welt.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 27.01.2022

Ja, ich ging mit ihnen. Muss ich das noch erklären? Muss ich mich etwa rechtfertigen?

Und wenn ich sage, „mit ihnen“, meine ich das so. Sie sind keine Erscheinungen. Keine Gespenster, keine Spiegelungen. Sie sind Personen. Ich weiß das. Ich habe von ihnen nicht mehr mitbekommen als ihre Bitten, aber was bekommt Gott von uns mit, wenn wir rufen? Ihr wisst doch, oder ihr könnt euch wenigstens denken, wie das ist, wenn jemand vor euch kniet und bittet, inständig bittet. Ihr tut, was ihr könnt.

Ich möcht selber so gern wissen, wer sich das alles ausgedacht hat. PvM würde sagen, SIE. Hilft mir auch nicht weiter. Okay, SIE. Und was dann? SIE hat also mit dem Finger auf mich gezeigt und gesagt, du da, mach das. So wie SIE auf PvM und seine Romane zeigt, die er noch schreiben soll, und dabei sagt, du da, mach das. Ja. Ungefähr so. Ich hab keine Begründung gehört. Es geschah.

Es geschah schon das erste Mal, als ich in der Nacht aufgewacht bin, weil ich dieses Schreien gehört hab, wie der Schrei der Banshee. Das war noch in meiner alten Wohnung, bevor ich zu PvM gezogen bin. Ich bin ans Fenster getreten, und da draußen waren sie, und haben mich angestarrt. Ich habe alles schon damals gewusst, das ist mir jetzt klar. Ich wollte es bloß nicht wissen, ich wollte es nicht an mich rankommen lassen. Erst hab ich mich in der Wohnung versteckt und hab mich davor gedrückt, auch nur aus dem Fenster zu schauen, bis PvM gekommen ist und mich gezwungen hat, mit ihm raus auf die Straße zu gehen. Danach hab ich erst mal gekotzt. Hab ich euch ja alles erzählt. Und dann kam diese Nacht, wo ich das erste Mal raus auf die Straße gegangen bin. Und da hab ich gewusst, was ich tat, und ich hab nicht gewusst, warum. Immerfort hab ich gefragt, warum ich, was wollen die, warum wollen die mich sehen, warum gerade mich? Warum wollen die das, mich anschauen? Aber da war nie ein Zweifel, dass ich es tun muss. Was tun muss? An meine Grenzen gehen, und darüber hinaus, für die. Weil die das wollen. Weil die das so bitter brauchen. Okay, ich war noch nie eine, die gesagt hat, geht mich nichts an. Aber bei denen …

Also, das ist der Grund, warum ich weiß, dass das keine Gespenster sind, sondern Personen. Weil ich die Angst von den spüre. Das Verlangen in denen. Das Verlangen in denen, nach mir, das ist wirklich. So wie diese glühende Wärme, die in mir aufbrach. Als ich vor ihnen stand. Die Wärme, die leuchtete … ich weiß nicht … süß wie brennender Honig. Ich hab das gefühlt. Haltet mal ein Stück Bernstein hoch, gegen eine Kerzenflamme. So hat es aus mir heraus geleuchtet, und ich hab das gefühlt, ich hab das gesehen, ich hab mich gesehen wie von außen.

Versteht ihr? Ich hab alles gesehen wie von außen, und gleichzeitig war ich so tief in mir drinnen wie noch nie zuvor in meinem Leben. Ich hab mich gesehen, wie ich da auf dieser Vortreppe stand, okay, ganz genauso, wie PvM es schon beschrieben hat. Arme leicht gebreitet, die Handflächen nach vorne. Ich hab keine Idee, woher mir diese Geste kam, ich habs einfach gemacht, es war natürlich und richtig, so dazustehen, mit dieser Geste, die sagte, hier bin ich.

Hier bin ich.

Habt ihr euch schon mal überlegt, was für große Worte das sind? Hier bin ich! Mitten unter euch! Ich nehme meinen Platz ein unter euch, ich bin wirklich, ich bin eingetreten in diese Welt, und jetzt bin ich hier, und fortan ist die Welt nicht mehr die Welt, wie sie vorher mal war, sondern sie ist jetzt die Welt, in der ich bin. Die Welt, von der ich ein Teil bin. Ein Teil, das dazugehört. Ein Teil, ohne das die Welt unvollständig wäre. Ein Teil, ohne das die Welt nicht die Welt wäre, die sie ist.

So hab ich vor denen gestanden, mit dieser Geste, die sagte, hier bin ich. Und ich hab mich selbst gesehen dabei. Ich hab sie gesehen, sie alle, wie sie herbeidrängten, mich anzubeten, ich hab die geneigten Köpfe gesehen. Ist es unrecht, sich anbeten zu lassen? Ist es unrecht von denen, mich anzubeten? Gott allein gebührt doch Anbetung, heißt es.

Aber irgendwie denke ich mir, vielleicht leben die in einer Welt, in einer finsteren Welt, in der sie Gott nicht mehr sehen. In einer Welt, in der ist es so dunkel, dass sie Gott nicht mehr sehen können. Oder sie haben irgendetwas angestellt, etwas so Schlimmes, dass Gott sich vor ihnen verbirgt. Dass SIE IHR Angesicht verbirgt vor ihnen. Sie können SIE nicht mehr sehen, es ist, als wäre SIE tot.

Und da bin auf einmal ich, nachts, mitten in der Finsternis und Kälte ein nacktes Mädchen. Mädchen, das leuchtet. Mädchen, dem die Finsternis und Kälte nichts anhaben können. Mädchen, das mehr aussieht nach IHR als alles, was sie sonst sehen können. Wie sollten sie nicht in die Knie fallen und mich anbeten? Wie könnte ich mich ihnen verweigern? Wie könnte ich mich weigern, mich von ihnen anbeten zu lassen?

Nachricht von Ayse Konopski, vom 28.01.2022

Ja, ist mir ja alles klar. Ich hör schon eure Fragen. Wie konntest du so blöd sein? Wie konntest du dich auf so was nur einlassen? Wie konntest du glauben, damit durchzukommen? In welcher Welt lebst du eigentlich?

Die Antwort auf die letzte Frage ist noch die einfachste. Ich leb in meiner Welt, wie jeder. Ich konnte nicht anders, konnte nicht.

Ich war nicht ganz allein, übrigens. Wie ich da so stand auf der Treppe, saßen die Katzen neben mir. Die nahmen das alles viel cooler als ich. Die saßen bloß und guckten, und ich glaube, die eine putzte sich sogar.

Und dann geschah etwas.

Wie ich sagte, die Nacht war pechschwarz. Da war kein Licht mehr, nur ich. Irgendwie waren selbst die Straßenlaternen nur Schatten, sie warfen zwar Licht, aber das Licht sah eher aus wie dünne goldfarbene Vorhänge, die wehten vor sich hin, die erleuchteten nichts, die verdeckten eher die Dinge, ein bisschen jedenfalls, sie waren so gut wie durchsichtig. Nein. Ich war es. Ich war es, die leuchtete. Ich gab Licht in dieser Welt.

Wenn ich mir das so überlege, glaube ich, ich sah die Welt mit ihren Augen. Mit den Augen der Besucher. Die nehmen unser irdisches Licht … also … die sehen das Licht der Sonne und das Licht der Sterne und all das künstliche Licht, das wir haben, die sehen das gar nicht als Licht, sondern als Materie, wie alles andere auch. Ziemlich durchsichtige, dünne Materie, ich hab das gesehen, diese wehenden Lichtvorhänge der Straßenlaternen, die nichts erhellten. Licht, das ist für die was anderes. Licht, das ist für die diese unbegreifliche Wärme, die aus mir herausdrang, die hat sie angelockt, von der fühlten sie sich angezogen, die hat ihre ganze Welt erhellt.

Sie sehen die ganze Welt in Finsternis getaucht, in Finsternis und Kälte, und dann war da auf einmal dieses Licht, das Licht war ich.

Versteht ihr? Auch wenn die auf den öffentlichen Plätzen sitzen, wenn die in den Straßen abhängen, alles, was die sehen, das sind verschiedene Schattierungen von Finsternis und Kälte. Verschiedene Schattierungen von Schwärze.

Ich hab Angst. Wenn ich so darüber nachdenke … was, wenn wir selber alle in diese Finsternis getaucht sind und merken es nur nicht? Wir, mit unseren Augen aus Fleisch, wir sehen das Licht der Sonne als Licht, wir fühlen die Wärme auf unserer Haut, ja, aber das ist eben doch nur Materie, alles Materie, wenn wir aber sagen: Licht, dann meinen wir doch was ganz anderes, wir meinen diese überwältigende Helligkeit, die in den Dingen selber wohnt, die alle Dinge durchleuchtet, und ohne die alle Dinge tot sind.

Wandelnde Leichen. Alle die Dinge und Wesen wandelnde Leichen, ohne dieses Licht, dieses Licht aus der Mitte heraus.

Ich meine … was, wenn wir irgendwo dazwischen stehen? Was, wenn die Welt der Besucher in Wirklichkeit auch unsere Welt ist? Was, wenn wir alle schon auf halbem Weg sind, so zu werden wie die Besucher? Herumirrend in einer Welt aus Nacht und Kälte? Und rufend, immerfort rufend, verzweifelt rufend, dass doch endlich Licht werden möge, endlich Morgen, endlich Sonnenaufgang, endlich Hilfe, endlich Rettung?

Ich hab das alles nicht so gedacht, als ich da stand, auf der Treppe vor PvM’s Haus, natürlich nicht, ich hab ja gar nichts gedacht, ich war erfüllt von einer überirdischen Wärme, und die Wärme und das Licht, das war alles so stark und überquellend, dass ich davon abgeben konnte ohne Ende, so dachte ich, so fühlte ich, ich war wie der Brennstab in einem Kernreaktor, wenig Materie, aber immerfort abgebend, abgebend Energie, wie diese wunderbaren Schmelzprozesse im Inneren der Sonne, wir wissen ja alle, eines Tage nimmt das mal ein Ende, und unsere Welt erkaltet, aber wie weit bis dahin! Milliarden Jahre.

So hab ich mich gefühlt, als ich da stand, nackt in der Nacht. Milliarden Jahre bis dahin, dass ich jemals erkalten würde, Milliarden Jahre, bis ich meine Kraft verlieren würde, Milliarden Jahre würde ich leuchten und meine Wärme verspenden, die Generationen würden sich nähren von mir, ich spürte es ich fühlte es ich wusste es.

Ich fühlte mich unverwundbar.

Ich habe mich geirrt, das würde mir klar werden.

Aber mir war es nicht klar, ganz und gar nicht.

Und dann, wie ich sagte, dann geschah etwas.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 29.01.2022

Es kam Bewegung in die schwarzen Massen, es kam Bewegung in die Beter, in meine Anbeter. Sie begannen zu tanzen.

Lacht nur. Es war nicht komisch. Sie tanzten vor mir.

Vor mir. Für mich.

Ich begriff, das war eine Kulthandlung. Das war … es ist schrecklich, das zu sagen … es war ihr Gottesdienst. Sie mussten das oft und oft schon getan haben. Ich sah das. Es war Übung in ihren Bewegungen, das war nicht spontan, es war nicht so, dass einfach bloß Freude aus ihnen herausgebrochen wäre, und sie deshalb angefangen hätten zu tanzen. Es war ihre Andacht. Oder vielleicht … ihre Art der Bitte. Gemeinsames Gebet.

Sie rührten sich, sie bewegten sich. Feierlich, gemessen. Da war irgendwo eine lautlose Musik, der gehorchten sie. Ich sah sie gemessen sich drehen, Gebärden wie das Tasten und Suchen langbeiniger Spinnen. Es war nicht gruselig, eher zerbrechlich. Oder gebrechlich. Weiß nicht, wie ich es sagen soll. Die schönen Frauen neigten sich vor mir, und ihre Arme spielten. Die Männer, mit ihren dünnen langen Gliedern, sie sahen mich an so ernst, und schritten an mir vorbei wie in einer Prozession. Ich begriff, das war ihre Art, Gott zu rufen. Gott herbeizurufen. Zu Gott zu rufen, ich weiß nicht. Sie glitten im Kreis, es war ein langsames Strudeln und Gleiten, und ich war der Mittelpunkt.

Ich merkte das erst gar nicht. Ich stand ja einfach nur da. Ich leuchtete.

Sie waren die Finsternis, ich war das Licht. Sie waren kalt, ich gab ihnen Wärme. Sie waren bedürftig, ich gab ihnen die Spende.

Sie rieselten um mich herum wie Wasser. Wie Wasser in der Nacht, und die schwarzen Augen waren so tief, so unendlich tief. Arme hoben sich mir entgegen, da war Winken, da war Bitten.

Sie luden die Gottheit ein zum Fest.

Das machen die Gläubigen doch. Sie kommen zusammen und rufen Gott an, dass er mitten unter sie trete.

Ich war da. Ich war erschienen. Ich offenbarte mich. Mir wurde klar, es gab kein Zurück mehr. Das machte mir nichts aus, ich hatte keine Angst. In mir war ja dieses schmelzende Feuer, das trug mich, in mir war dieser brennende Honig, der wärmte die ganze Welt.

Ihre Gesten wurden einladend, weisend. War das so? Hab ich mir das nur eingebildet? Sie waren überall, sie umkreisten mich, sie waren hinter mir, sie waren vor mir und um mich herum, sie waren selbst auf dem Vordach über dem Eingang, und ich glaube, sie waren auch auf dem Hausdach. Und ihre Augen tranken mich, ich war für sie alles, was es noch gab in der Welt, nichts mehr war ihnen wichtig in der Welt, nur noch ich. Ich war erschienen, ich hatte mich offenbart. Endlich. Gott war gekommen. Ich war unter sie getreten und hatte mich gezeigt.

Ich war die Fülle, ich war das lebendige warme Fleisch, ich spendete Licht und Wärme.

Ich trat eine Stufe hinunter, und noch eine. Ich fühlte den Stein unter meinen nackten Fußsohlen, niemals zuvor in meinem Leben habe ich Wirklichkeit so gefühlt wie in diesem Augenblick. Ich war alles, was wirklich war, und der Nachtwind tanzte auf meiner Haut, ich fühlte seine Berührungen, wie ich auch die Berührungen der Blicke spürte, der Blicke meiner Anbeter, Millionen Blicke, und immer, wenn ein Blick traf meine Haut, fühlte ich ein winziges Stechen, als ginge da ein Stern auf. Meine Magengrube glühte. Mein Herz begann zu jagen. Ich … sorry … ich wurde feucht zwischen den Beinen, ich kann es nicht ändern, es war so. Ich fühlte ein Glück wie nie in meinem Leben. Ich hatte keine Schwere mehr. Ich schwebte. Ich trat nicht die Stufen hinab, ich sank, ich glitt, wie getragen. Getragen von Millionen Blicken.

Ich wusste, ich muss dort raus gehen. Hinaus in die Welt, nackt wie ich war. Es war ein Schritt, der war — logisch, unvermeidlich. Ich durfte nicht länger stehenbleiben im Schutz des Hauses, um mich gleich wieder verkriechen zu können. Ich musste hinausgehen in den Wind und die Nacht, so weit hinaus, dass es kein Zurück mehr gab. So weit hinaus, dass ich wirklich draußen war. Ich musste Ernst machen, ich fühlte das.

Da war das Gartentor. Da war die Straße. Jenseits der Straße die Wiesen. Die Wiesen in der Nacht. Und hinter den Wiesen die Gärten. Und hinter den Gärten die Welt.

Eine ungeheure Erregung ergriff mich. Dort hinaus! Die Brücken hinter mir abbrechen! Die Türen hinter mir schließen! Hinübergehen in die andere Welt!

Denn das war mir klar, wenn ich jetzt dort hinausging, dort hinüber ging in die Wiesen und weiter hinaus in die Gärten und hinaus ins Land, nackt und nichts als ich selbst, dann würde alles anders sein. Ich würde ein anderes Wesen sein. Nacktes Mädchen, wandelnd in den Wäldern. Und das wollte ich doch, das wollte ich so sehr, das begriff ich auf einmal. Ich wollte jemand anderes sein, ich wollte dieses nackte Mädchen sein in den Wäldern, frei streifend durch die Länder, aller Bindungen los und ledig. Mit nichts umkleidet als dem Wind und der Nacht und den Blicken meiner Begleiter meiner Anbeter, ich wollte das. Es gab nichts mehr was ich wollte als das.

So ging ich hinaus.

(Nachrichten vom 24. bis 29.01.2021, neu eingestellt auf dieser Seite am 25.05.2022 von Peter Flamm, © Verlag Peter Flamm 2022)