Banshee Neue Folge 33

Nachricht von Ayse Konopski

„Ich hab die reden gehört“, platzte ich heraus, und die beiden Alten sahen mich an, nicht irritiert, nur leicht verrätselt, wovon redet die jetzt? „Sorry“, sagte ich, „ich weiß ja, dass ihr mir nicht glaubt, und sorry, dass ich jetzt einfach damit anfange, aber all die Sachen, was ihr hier redet, euer Handyempfang, und die Neonazis und die Geheimdienste und was weiß ich, ich glaub schon, dass das wichtig ist, aber für mich, für mich ist bloß das eine wichtig, ich war heut Nacht mit euch unter der Kathedrale, und ich hab die reden gehört, was anderes zählt für mich nicht.“

Und PvM sagte ganz langsam: „In der Tat. Wenn du die wirklich gehört hast, ist das wichtiger als alles andere, und dann sollten wir jetzt darüber reden.“

Ich stellte den Teller mit meinem Stück Käsekuchen auf den Tisch, ich hatte ihn die ganze Zeit in der Hand gehalten, jetzt stellte ich ihn hin, und glaubt mir, das fiel mir nicht leicht, denn ich hatte außer dem Croissant zu Mittag noch nichts gegessen heute, und davon abgesehen, ist der Käsekuchen bei Regina immer exzellent, egal, ich setzte mich zurecht, ich sagte: „So, ich erzähl euch das jetzt. Deswegen hab ich auch die ganze Zeit so geheult. Da ist ein Gespräch im Gange, unter denen. Uraltes Gespräch. Ich meine, die reden nicht erst, seit sie da unten sind, unter der Kathedrale. Die haben schon vorher miteinander geredet, und sie sind da in diesen – in diesen Warteraum reingekommen oder was das ist und haben weitergeredet, ihr versteht, die haben das Gespräch fortgeführt, das schon vorher begonnen hatte, und wenn sie eines Tages am Ziel sind und wieder rausdürfen, wird das Gespräch noch nicht zu Ende sein, die werden weiterreden.“

„Das sind —“ fing Regina an, und ich fiel ihr einfach ins Wort.

„Das sind Reisende“, sagte ich störrisch, „die sind unterwegs, das ist – das ist ein Fahrzeug, die Kathedrale, ich weiß selber, dass das eine Kathedrale ist und dass die aus Stein ist, aber ich hab gesehen was ich gesehen hab, das ist ein Raumschiff oder irgendwas in der Art, das ist unterwegs, und die Leute da unten, das sind Reisende, und die führen ein Gespräch, sorry, ich hab kein Wort davon verstanden, aber die haben gemurmelt und geredet, sowas von dringlich, Regina, wenn du auf PvM einredest, und es ist dir wirklich wichtig, dann machst du, also ich hab das gesehen, dann hältst du PvM am Knopfloch fest und redest ganz leise und dringend, und so reden die auch da unten, miteinander, leise und dringend, und ich weiß, ich weiß das einfach, die haben das Gespräch angefangen, bevor sie da unten gelandet sind, im Bauch des Raumschiffes, ich weiß das einfach, und wenn das – wenn das Raumschiff ankommt, wo immer es ankommen soll, dann werden sie rausgehen, und das Gespräch wird noch nicht beendet sein, sie werden weiterreden, ohne Unterbrechung, vielleicht werden sie hinterher sagen, das und das ist gesagt worden vorher, als wir noch nicht in dem Raumschiff waren, und das und das, als wir da in dem Warteraum waren, so in der Art, sie werden das unterscheiden können, aber das Gespräch, das geht immer fort. Ich weiß, was ich gehört hab. Ich hab das Murmeln gehört. Wir sehen ja auch die Besucher, und wer die nicht sieht, der glaubt uns sowieso nicht. Und sorry, wenn ihr das Murmeln nicht gehört habt, aber ich hab das gehört, ihr müsst mir einfach glauben.“

Peinlich, aber ich hatte schon wieder Tränen in den Augen, aber ich war entschlossen, nicht zu heulen, ich war entschlossen, das jetzt durchzuziehen.

Und PvM, der stellte nun auch seinen Teller auf den Tisch und sagte langsam und methodisch: „Das ist also die Situation. Lasst uns das mal festhalten. Ayse hat da unten ein murmelndes Gespräch gehört – du hast das sonst noch nirgendwo gehört, Ayse?“

„Das waren die“, sagte ich. „Ich hab keine Halluzinationen, ihr habt doch auch keine Halluzinationen, wenn ihr die Besucher seht, und ihr wisst das, ihr seht die wirklich, also glaubt mir, wenn ich euch sage, ich hab das wirklich gehört.“

„So“, sagte PvM, „das sind Juden da unten, unter der Kathedrale, und natürlich war ein Gespräch unter denen, schon bevor sie da runtergeschleppt worden sind, und das Gespräch geht zurück, weit in die Zeit, vielleicht in den Anfang aller Zeit, geht zurück, da gab es Weldbrüggen noch nicht, geht zurück in die Zeit der Wüstenwanderung, und weiter in die Zeit der Väter, und, in die Zeit der Engel auf Erden, der Engel, die sich mit den Menschenfrauen vermischt haben, wie es im Buch Henoch erzählt wird. Und natürlich hört das Gespräch nicht auf, da unter der Kathedrale. Es ist seither immer weiter gegangen, egal was passiert ist, es ist niemals abgebrochen, und wenn du es gehört hast da unten, könnte es sein, dass es weitergeht bis ans Ende der Zeiten.“

Regina hatte, während PvM redete, unverdrossen weiter an ihrem Käsekuchen gekaut, und jetzt sagte sie, methodisch dabei die Zinken ihrer Kuchengabel ganz leicht auf den Teller stoßend, das gab ein Geräusch, wie ein Glöckchen aus Zinn, und sie sagte, zu PvM: „Dein Gedanke also ist, was Ayse da gehört hat, das war nicht das reale, das materielle Gespräch zwischen Leuten, sondern das Gespräch schlechthin, das Gespräch unter den Juden, wie es stattfindet – sagen wir, im oberen Raum, im Außerhalb, im geistigen Raum, und das würde bedeuten, dieses Gespräch ist wirklich, es ist wirklich da, und wenn die wirklichen Menschen in der wirklichen Welt, ich meine in der Welt, die wir alle anfassen können und über die wir uns auch alle verständigen können, wenn also diese ganz gewöhnlichen Menschen sich an dem Gespräch beteiligen, dann – dann – „

Sie brach ab, sah PvM hilfesuchend an.

„Dann tun sie das, was wir alle tun, ob wir es nun wissen oder nicht“, sagte der alte Mann. „Dann hören sie mit halbem Ohr hinauf in den geistigen Raum, und in ihrem Bewusstsein formen sich die Worte, die haben teil an dem Gespräch da oben, die Worte sind das Gelenk zwischen dem Gespräch da oben und unserem Gespräch hier unten, die Worte bewohnen beide Welten, und was wir hier unten reden, wird auch da oben geredet, alles hängt ganz einfach davon ab, ob man ernst nimmt, was die Menschheit behauptet seit Anbeginn der Zeiten, nämlich dass die geistige Welt da oben wirklich ist. Uns wird heute gern erzählt, gibt’s ja alles gar nicht, hahaha, hat die Wissenschaft längst rausgekriegt, da sag ich, Blech. Seit es die Menschheit gibt, war die Rede immer dieselbe, den geistigen Raum da oben, den gibt es wirklich, und wir haben Anteil daran, wir sehen da rauf, wir empfangen Nachrichten von da oben, all die Gedanken und Weisheiten und Einsichten, und ich sage, und all die Geschichten und Verrücktheiten, was immer, da oben ist das Reich des Möglichen, und das träufelt und tropft in unsere Wirklichkeit runter wie Regen, wir wären längst verdurstet und vertrocknet, wenn das nicht so wäre, all unsere Gedanken und Ideen sind nicht unsere Erfindungen, aber finden tun wir sie schon, sie regnen herein, und was Ayse gehört hat, war einfach das Gemurmel, das aus dem Oberhalb zu uns niedersinkt, unaufhörlich.“

(Nachricht eingegangen am 23.05.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 24.05.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)