Banshee Alte Folge 33

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 21.01.2022

Da lang, sagte ich, den Korridor hinunterweisend. Ich hatte Mühe, mich daran zu erinnern, dass sie schon einmal hier gewesen war. Diana war schon einmal hier gewesen. Ich hatte Mühe, mich nicht vor ihr zu fürchten. Sie war groß und schön wie der Tod.

Ich weiß, sagte sie mit ihrer kalten und klaren Stimme, ich kenn mich hier aus.

Sie steuerte umstandslos in die Küche, und da saß Ayse am Küchentisch und sah uns entgegen.

Was hast du gemacht? fragte Diana zur Begrüßung, und dann wiederholte sie meine Worte, ohne es zu wissen: Wir sind fast gestorben vor Angst.

Zu meiner Überraschung fing Ayse an zu weinen, sie sah Diana an aus geweiteten Augen, und die Tränen rollten ihr über die Wangen, ohne dass sich ihr Gesicht dabei verzog.

Ehe ich etwas sagen konnte, klingelte es erneut.

Diesmal sind es wirklich die Schlapphüte, dachte ich. Ich fühlte einen leichten Ärger in mir aufsteigen, ich bin es gewöhnt, Herr zu sein in meinem Haus, und das war mir zuviel Auftrieb im Augenblick, zu viele Leute, die einfach taten, als seien sie hier zu Hause, ich ließ die beiden jungen Frauen allein in der Küche und tappte zurück zur Haustür. Die meisten Leute in meiner Gegend haben eine Sprechanlage an der Tür, wer hat das heute nicht, ich hab das nicht. Ich hab nicht einmal einen Spion in der Tür. Ich könnte natürlich durch die geschlossene Tür rufen, wer ist da?, aber das wär mir um Längen zu blöd, also riss ich einfach die Tür auf, etwas unwirsch, und draußen stand Regina.

Regina, sagte ich erleichtert. Ich bin so froh, dich zu sehen.

Was ist hier los? fragte die schöne alte Frau, und ihre silbernen Haare glitzerten im Nachmittagslicht, sie hatte Grund zu fragen, die Meute der Besucher stand ihr praktisch auf den Fersen, und sie sahen mir ins Gesicht, mit einer Zudringlichkeit, wie ich es noch nie erlebt hatte, mir wurde klar, sie hatten mich endlich als den Hausherrn ausgemittelt, als den, dessen Burg das Zentrum der Dinge ist, der Ort, wo die Party abgeht. Sie spähten über Reginas Schultern nach mir, unter ihren Armen hindurch, an ihren Hüften vorbei.

Lass mich rein, sagte Regina, wenig erfreut über die Gesellschaft. Ich zog sie am Arm ins Haus, und die Besucher blieben draußen, mit knapper Not. Sie machten jedoch keinen wirklichen Versuch, über die Schwelle zu kommen.

Was ist mit denen los? fragte Regina, sobald die Tür zu war. So hab ich die noch nie gesehen. Die haben dich angeguckt —

Die haben mich nicht wirklich angeguckt, sagte ich. Die haben mich eher taxiert wie ein unbegreifliches Schauspiel, ungefähr wie dumme Leute im Zoo ein seltenes Tier anstarren, und es ist ihnen ganz egal, was das Tier dabei fühlt.

Vielleicht Vorstufe zum Begreifen, überlegte Regina. Möglicherweise wird ihnen gerade klar, dass sie mit uns reden könnten?

Reden? fragte ich. Wie? Sie sind nicht materiell.

Sie könnten uns Zeichen geben, sagte Regina achselzuckend. Irgendein Zeichen, einen Hinweis darauf, was sie eigentlich wollen.

Wir standen immer noch im Korridor, und ich winkte einladend in Richtung Küche. Ich machte den unverzeihlichen Fehler, Regina nicht vorzuwarnen, meine Gedanken waren bei den Besuchern, und Regina tat wie vor wenigen Minuten Diana, sie schlug einfach den ihr bekannten Weg ein, und ich tappte verdrossen hinterher, und dann stand Regina unter der Küchentür, und ich sah, dass sie sich mit einem instinktiven Griff am Türrahmen festhielt, genau wie ich es getan hatte, als ich die Haustür öffnete, und draußen stand Diana.

Diana.

Ich nahm Regina sachte von hinten bei den Ellbogen und sagte so beiläufig, wie mir das nur möglich war, wir haben Besuch, das ist Diana Hindrance.

Diana saß neben Ayse auf der Eckbank an meinem Esstisch und hatte den Arm um die Schultern des Mädchens gelegt, und Ayse weinte noch immer und schaute hinunter in die Tischplatte, und da Diana meine Stimme hörte, blickte sie auf und sah Regina direkt in die Augen, mit ihrem unbeirrbaren, niemals ausweichenden Blick.

Die Person, von der Regina sich würde niederstarren lassen, ist noch nicht geboren, aber ich wusste, was Reginas Blick sagte, obwohl ich hinter ihr stand und ihn nicht sehen konnte. Ich glaub das nicht, sagte der Blick, das kann doch nicht sein, sagte der Blick, so etwas ist doch nicht möglich, sagte der Blick.

Dianas Haare flackerten wie schwarze Feuer, so dunkel wie das Schwarz zwischen den Sternen zur Mitternacht, und sie saß in meiner Küche, als hätten nun die Besucher ihren Platz eingenommen, mitten unter uns.

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 22.01.2022

Sorry, sagte ich, meine Schuld.

Und dann stellte ich die beiden einander vor, so formvoll, wie ich nur konnte, und die ließen sich nicht eine Sekunde aus dem Blick, wie zwei Schlangen vor dem Angriff.

Regina, das ist Diana Hindrance, die Frau von Balbutin.

Diana, das ist Ihre Excellenz Frau Professor Doktor Regina Austri, Direktorin des Fons Affluens in Weldbrüggen.

Ich sagte das, und die Worte standen in der Küche wie Gegenstände.

Regina nickte. Die Frau von Balbutin, sagte sie. Ich habe von Ihnen gehört.

Wir müssen was ausprobieren, sagte ich, und Regina nickte, sie verstand sofort, was ich wollte.

Ich erklärte Diana, sie müsse mit uns rauskommen, vor die Tür, vor die Haustür, und sie sah mich scharf an, folgte aber meiner Aufforderung. Bevor sie aufstand, drückte sie noch einmal die Schulter von Ayse, und Ayse schniefte.

Aber Diana räumt niemals freiwillig das Feld, das hätte ich wissen können.

Auf dem Weg zur Tür sah sie mich wieder an. Ihr habt also Sex miteinander, stellte sie fest, schneidend, mit lauter heller Stimme und einem unmissverständlichen Blick zurück auf Ayses nackte Beinchen unter dem Tisch.

Ich dachte zurück an die Vorgänge in der Nacht in meinem Badezimmer und überlegte, wenn das was mit Sex zu tun gehabt hat, dann meinen wir mit dem Wort verschiedene Dinge. Laut sagte ich nur — nein, ich sagte nichts. Ich holte schon Atem und machte den Mund auf, aber noch rechtzeitig dachte ich mir, es gibt Bemerkungen, auf die antwortet man nicht. So wies ich nur mit einer schweigenden Kopfbewegung zur Tür, und ausnahmsweise einmal verstand Diana eine menschliche Geste. Wenn sie nicht verstanden hätte, hätte ich wahrscheinlich mit dem Stock gezeigt. Regina brachte sachte eine ihrer silbernen Augenbrauen hoch zu perfekter Wölbung und sagte nichts.

Wir schoben Diana vor uns her zur Haustür, und ich öffnete.

Da draußen war wildes Gedränge, sie waren überall, auf der Treppe, im Vorgarten, sie hingen an dem schmiedeeisernen Gitter, trieben sich unter den Fenstern herum, und als Diana erschien, wichen sie im ersten Augenblick etwas zurück.

Was jetzt? fragte Diana kalt. Schmeißt du mich raus?

Natürlich nicht, sagte ich. Wir wollen nur was sehen. Stell dich einfach hin, oben auf den Treppenabsatz.

Diana zuckte die Achseln und tat, was ich gesagt hatte. Sie stand oben auf der Treppe wie die Königin eines wilden Stammes, Haare und Kleid lodernd im Sturm. Es wehte kein Wind, aber die Auftritte von Diana sind immer dramatisch. Sie trug eines ihrer lärmenden Kleider, wie man sie sich an Wahrsagerinnen vorstellt, bodenlange Faltenjagd, und golden spiegelnde Ohrringe. Sie hatte flache Sandalen an den nackten Füßen, wie immer, sie will wohl nicht noch größer aussehen, als sie ohnehin schon ist.

Sie sah hinaus mit weitem Blick, ich wusste, was sie sah: nichts. Nur die leeren Wiesen hinüber zu den Gärten, wo Ayse verschwunden war.

Ich sagte ihr das, mehr oder weniger, um überhaupt etwas zu sagen, da drüben irgendwo war Ayse, wir haben noch nichts erfahren, sie ist eben erst aufgewacht, sie hat noch nichts erzählt.

Diana blickte hinüber ohne großes Interesse, und Regina und ich hielten die Luft an.

Die ganze Meute drängte sich herbei. Alle, aber die Frauen voran. Die Frauen, die alle Schwestern waren von Diana. Zwillingsschwestern, schön und groß, mit wilden Gebärden, Gestalten wehend im Sturm. Sie umringten Diana, kraftlose Hände flogen ihr entgegen, Arme wie treibende Wasserpflanzen, suchten Diana zu greifen, Gesichter nahe an ihrem, manche der Gestalten bückten sich, um ihr Gesicht von unten her zu betrachten, knieten nieder vor ihr, kamen ihr immer noch näher, spähten in sie hinein, wie ein Kurzsichtiger in ein Buch hineinspäht, und die Männer fingen an, an ihr herumzutasten, spinnenlange Finger, die hageren weißen Gesichter angespannt in einem Paroxysmus konzentrierter Beobachtung, die riesigen Augen schwarz, schwarz und saugend —

Regina trat einen Schritt zurück, zurück ins Haus, als wolle sie sich hinter der Schwelle in Sicherheit bringen.

Siehst du irgendwas? fragte ich Diana.

Was soll ich schon sehen? fragte Diana zurück, in einem Ausbruch ihrer schnellen Genervtheit. Was du mir zeigst. Die Wiesen, und drüben dieses Zeugs da, dieses Gebüsch …

Sonst nichts?

Was willst du eigentlich von mir? fauchte sie.

Komm wieder rein, sagte ich. Wir setzen uns in die Küche, da können wir reden.

Guter Gedanke, lobte Regina halblaut. Ich muss mich jetzt wirklich setzen.

Und mir wurde klar, jetzt erst, in diesem Augenblick, warum Balbutin geflohen war. Aus irgendeinem Grund, aus Zufall wohl, hatten die Besucher Diana nie gesehen, und er war abgehauen, weil er dachte, so könne er die Begegnung verhindern.

Ich war froh, dass ich meinen Gehstock hatte. Wie Regina fühlte auch ich jetzt, ich muss mich setzen, dringend.

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 23.01.2022

Diana sah uns beide nur an mit leichtem Stirnrunzeln, was ihr das Aussehen einer majestätischen Medusa verlieh, und machte sich dann auf in die Küche, ihr langer Rock wehend im Sturm.

Unpassenderweise dachte ich daran, ich möchte wirklich gern mal diese Fotos sehen, von denen Sandra geredet hat.

Das ist also Diana, sagte Regina. Du hättest mich vorwarnen können.

Ich wusste nicht, dass sie kommt, verteidigte ich mich. Sie hat plötzlich vor der Tür gestanden. Und ich habe dir mehrfach gesagt, dass sie aussieht wie die Frauen von denen, wir haben alle davon geredet.

Ja, nickte Regina. Aber du hast nicht gesagt, dass sie eine von denen IST.

Ist sie nicht, sagte ich. Sie ist aus Fleisch und Blut, und sie sieht die nicht.

Stimmt das, du hast was mit der kleinen Türkin? fragte Regina.

Natürlich nicht, erwiderte ich resigniert. Diana sagt immer solche Sachen. Sie sagt, was sie denkt. Sie sagt alles, was ihr gerade durch den Kopf geht. Sie ist das wandelnde Beispiel dafür, dass man auf keinen Fall immer sagen soll, was man denkt. Sie ist vollkommen taktlos, genauso, wie sie vollkommen humorlos ist. Nicht aus Bosheit. Sie ist einfach so.

Als wir in die Küche kamen, standen die beiden jungen Frauen schon am Herd. Sie hatten den Kühlschrank und den Gefrierschrank praktisch ausgeräumt, es standen ganze Stapel von Geschirr und Töpfen und Pfannen bereit, ich hatte gar nicht gewusst, dass ich so viel Hausrat besitze. Nun ja, ich gehe auf die siebzig, da sammelt sich was an, im Laufe der Jahrzehnte.

Diana blickte sich nach uns um, als wir eintraten, und sagte erklärend: Ayse hat Hunger. Sie hat zwei Tage lang nichts gegessen.

Und dann sah sie Ayse an von der Seite und zischte ihr zu: Geh und zieh dir was an, untenrum.

Ayse gehorchte auf der Stelle, sie drehte sich um und wischte an Regina und mir vorbei auf ihren nackten Beinchen, mit gesenktem Blick, sie hatte „untenrum“ ja nur das Höschen an, das ich ihr in der Nacht angezogen hatte.

Interessant. Hätte ich zu ihr gesagt, sie soll sich was anziehen, hätte sie nur gemurmelt, jaja, gleich, und nichts wäre passiert. Von Diana genügte ein Wort, und sie gehorchte, auf ihre türkische Art mit niedergeschlagenen Augen. Ich komm mit solchen Sachen nicht zurecht. Ich bin Schriftsteller, Menschen zu erfinden ist viel leichter, als mit wirklichen Menschen zurechtzukommen.

Setz dich hin, sagte ich zu Regina. Du hast hoffentlich Zeit. Wir essen jetzt und reden. Ayse wird uns alles erzählen, und wir diskutieren das aus, ein und für alle Mal.

Wo ist Balbutin? fragte Diana vom Herd her, Kochlöffel in der Hand. Ich bin wegen Balbutin gekommen, ich kann nicht ewig hier bleiben, ich hab die Kinder bei einer Nachbarin untergebracht, ich bin drei Stunden auf der Autobahn gewesen, ich will jetzt wissen, wo mein Mann ist.

Wir wissen nichts, sagte ich. Der ist hier irgendwo um die Wege. Du kannst dich ja raus in den Garten stellen und nach ihm rufen. Ist nicht ausgeschlossen, dass er sich irgendwo hinterm Haus rumtreibt.

Diana, wie ich sagte, vollkommen humorlos, machte ernsthaft Miene, meinem Vorschlag zu folgen, da kam Ayse wieder herein, zwar barfuß, aber mit einer Jeans an den Beinen. Sofort war Balbutin vergessen, und die beiden jungen Frauen machten sich daran, das Essen zu diskutieren, sie handelten das aus mit schnellen, wischelnden und zischelnden Silben, von denen ich nichts verstand, nach Frauenart verständigten sie sich zur Hälfte telepathisch, die gesprochenen Laute dienen da ja nur zur Unterstützung. Und mehrmals warf Diana mir einen scharfen Blick zu, ich weiß nicht warum, vielleicht suchte sie immer noch rauszubekommen, ob mein Vorschlag, im Garten laut zu rufen, ernst gemeint war, oder sie war hartnäckig dem Sex zwischen Ayse und mir auf der Spur. Ich dachte daran, wie ich vor einer Stunde aufgewacht war, Ayse halb auf mir liegend, und ich beschloss, das erst mal zurückzustellen. Die glauben mir ja doch nicht, dachte ich.

Ayse machte immer ausuferndere Vorschläge, was sie noch alles kochen könnten, und dabei fing sie schon an zu essen, was nur verzehrfertig war, Cracker und Käsewürfel und Salzstangen, sie schien wirklich halb verhungert zu sein, aber klar war auch, sie wollte nicht an den Tisch kommen, sie wollte sich so lange wie möglich davor drücken zu erzählen, was vorgefallen war.

Sie hätte natürlich einfach behaupten können, sie könne sich an nichts mehr erinnern, aber sie ist ein gutes Mädchen, ich habe sie noch niemals bei einer Lüge erwischt.

Also stand ich auf, nahm sie in die Arme, sagte: Ayse, du musst dich jetzt an den Tisch setzen, du musst uns erzählen, was passiert ist, wir müssen das wissen. Du musst keine Angst haben. Wir sind alle deine Freunde.

Sie hielt sich für einen Augenblick an mir fest, sogar noch einen Augenblick länger, dann ließ sie mich los und sagte hastig: Ich rühr grad noch den Kartoffelbrei an, dann sind wir soweit, dann können wir schon mal essen.

Sie hatte ein dunkelrotes Gesicht dabei.

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 24.01.2022

Es wurde allmählich Abend. Wir aßen, und Diana stand am Backofen und erledigte die Hauptarbeit. Mir wurde klar, was für eine gute Hausfrau sie ist. Sie eilte zwischen Tisch und Herd und Anrichte hin und her, immer mit ihrem wehenden Rock, fast geräuschlos, sie tat die Dinge. Und Ayse fing an zu erzählen. Wie es mit dem Erzählen so geht, sie berichtete am Anfang noch stockend, dann kam sie in Fahrt. Sie wusste alles, sie erinnerte sich an alles. Wir hörten zu. Selbst die Katzen saßen irgendwann mit am Tisch und hörten zu. Und Ayse erzählte.

Sie soll es euch selber sagen.

(Nachrichten vom 21. bis 24.01.2021, neu eingestellt auf dieser Seite am 24.05.2022 von Peter Flamm, © Verlag Peter Flamm 2022)