Banshee Neue Folge 32

Nachricht von Ayse Konopski

Sie hatte eines von ihren edlen puderfarbenen Kostümen an, und was sie sagte, passte so überhaupt nicht zu den weichen Tönen. Auch nicht zu ihrer leicht spröden Stimme.

„Wir wissen nicht wirklich, was los ist“, sagte sie. „Aber im Innenministerium gehen Warnungen ein, jeden Tag. Nicht nur von den Deutschen. Auch von ausländischen Diensten. Erhöhte Aktivitäten werden wahrgenommen, überall auf der Welt. Vorbereitungen – zu Anschlägen. Koordinierte Vorbereitungen. Seltsame Vernetzungen. Gruppen tun sich zusammen, die haben sonst nichts miteinander am Hut. Ich hab mit dem Koordinator gesprochen, dem vom Geheimdienstausschuss im Landtag, der sagt, da draußen macht sich Endkampfstimmung breit. Und es ist nicht klar, gegen wen und für was der Kampf geht, aber überall stellen sie sich auf und sind bereit zu kämpfen. Jetzt.“

„Leute wie dieser Burroblast?“ fragte PvM, der bisher noch kaum ein Wort gesagt hatte und nur widerwillig seine Augen auf Nahfokus stellte. „Nazis also?“

„Nazis und Islamisten, kommunistische Befreiungskämpfer, Endzeitsekten. Und liberale Clowns auf soziologischen Lehrstühlen.“

„Da passt doch nichts zusammen.“

„Es ist erhöhte Alarmbereitschaft angeordnet.“

„Was hat das mit uns zu tun?“

Regina blickte hinüber zur Insel, zu den drei traurigen Schwestern, und sie sagte, mit einer leichten weisenden Bewegung des Kinns: „Die werden mittlerweile überall auf der Welt gesichtet, und überall versuchen die Dienste, den Deckel drauf zu halten. Ihr versteht, was ich meine. Wenn ich sage, die werden überall gesichtet, so will ich sagen, es tauchen überall Leute auf, die die sehen. Wie wir. Und überall sehen die allermeisten Leute sie eben nicht. Infolgedessen ist Unruhe, und auch wieder nicht, es gibt auch in den Diensten und in den Ministerien Leute, die die sehen, und also wissen, an den Berichten ist was dran, aber die überwältigende Mehrheit der Menschen erfährt nichts. Soll auch nichts erfahren. Da ist überall diese Angst vor – Massenhysterie. Wenn da was durchsickert, tauchen die falschen Propheten auf. Menschen wie Ayse werden belagert werden. Bedroht. Ausgefragt. Es geht allen wie uns. Die was sehen, halten sich bedeckt. Ihr wisst, was passiert, wenn das öffentlich wird. Die höhnischen Berichte im Fernsehen, das ist eine neue Sekte, und das sind alles Schwindler, oder true believers, arme Irre, die sich selbst einreden, sie sehen was, Ufo-Gläubige. Und dann die selbsternannten Künder, die wirklichen Schwindler, die nichts von dem sehen, was wir sehen, aber rufen, das Ende der Zeit ist nahe. Wie der Burroblast, der die Schlange nicht sieht, die sich da in seinem Büro windet, aber weiß, dass sie da ist, und deshalb nach Helfern sucht. Nach – Dolmetschern. Und denkt, wenn Leute wie der Hindrance auftauchen, jetzt hab ich dich. Wenn das alles erst mal hochschwappt, ist es nicht mehr zu kontrollieren. Das wird jeden einzelnen Tag über die Bildschirme flimmern. Weltweit. Talkshows. Statements von Politikern. Der ganze Krampf. Weltöffentlichkeit. Atemlose Aufmerksamkeit. Es geht allen wie uns. Alle, die wie wir wirklich was sehen, wollen nicht, dass öffentlich darüber geredet wird.“

„Hört der Geheimdienst hier mit?“ fragte PvM, etwas zusammenhanglos, wie mir schien.

„Wenn die nicht gerade das ganze Palmenhaus verkabelt haben, dann nicht“, sagte Regina. „Deshalb hab ich eben mein Smartphone kontrolliert. Wir haben keinen Empfang hier.“

Ich schnappte ein bisschen nach Luft, und PvM zog sein Handy aus der Tasche und blickte auf das Display und sagte, mit einem nachdenklichen Nicken: „Kein Empfang. Wieso haben wir hier keinen Empfang?“

„Es waren schon mal Leute von der Messstation hier“, sagte Regina und spielte mit ihrer Kuchengabel. „Die haben das auch nicht rausgefunden. Drüben in der Bibliothek und in der Verwaltung ist der Empfang einwandfrei. Die Störung betrifft nur das Palmenhaus, und nur unmittelbar die Gegend um den Teich, und natürlich die Insel. Man kommt von draußen nicht rein, und von drinnen nicht raus. Kein Signal.“

Für einen Augenblick war Stille, und ich hörte einen sonderbar rasiermesserscharfen Klang, das waren die schlanken Flügel der Pihis, die schnitten die Luft in lange Streifen, und dann fragte PvM sanft: „Treffen wir uns deshalb hier?“

„Ja“, nickte die Chefin des Fons, „genau deshalb.“

(Nachricht eingegangen am 22.05.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 23.05.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)