Banshee Alte Folge 32

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 14.01.2022

Im Augenblick schläft sie, jetzt kann ich euch in Ruhe schreiben. Ich war so erleichtert, als ich sie gesehen hab, ich konnt nichts sagen, mir ist richtig die Luft weggeblieben. Die Katzen. Das war, gespenstisch. Die haben wirklich unter der Tür von meinem Arbeitszimmer gestanden und nach mir geschrien, ich lass die Tür gern angelehnt, eben wegen der Katzen, die kommen und gehen ja gerne, wie es ihnen passt. Und die haben laut und dringend miaut und mich angesehen, und dann sind sie in den Flur hinaus verschwunden und haben sich nach mir umgeguckt, das war schräg, mir ist es kalt den Rücken runtergelaufen, und ich hab sofort an Ayse gedacht, das war mein erster Gedanke, und ich bin den Katzen hinterhergerannt, durch die kleine Verandatür in der Küche in den Garten hinaus, und da hat sie gehockt, unter dem Fenster, wie ich es geschrieben hab. Klein und zusammengedrückt, und es war schon dunkel, und sie hatte wieder dieses unwirkliche weiße Leuchten an sich. Ich hab kein Wort rausgekriegt, ich hab sie hochgehoben, irgendwie hab ich sie ins Haus gekriegt, ihre Beine haben sie nicht mehr richtig getragen, irgendwie hab ich sie ins Bad gebracht, ich weiß nicht, woher mir die Idee kam, ich müsst sie in die Badewanne setzen, aber das war mein erster Gedanke, schien mir absolut vordringlich, ich war nicht mehr ganz bei mir, und so hab ichs dann gemacht, ich glaube, ich hab sie die letzten Meter getragen, ich hab sie in die Wanne gehoben, und da saß sie, die Arme um die Knie, ich sah, sie hatte ein paar Kratzer oder Abschürfungen, wies nicht anders zu erwarten ist, wenn einer nackt durchs Gelände rennt, und sie hatte schmutzige Füße, und ich hab das Wasser laufen lassen, hab mit dem Duschkopf warmes Wasser über sie geschüttet, und sobald das warme Wasser sie berührt hat, hat sie angefangen, mit den Zähnen zu klappern, nicht vorher, da bin ich ganz sicher, aber dann hat sie so angefangen zu zittern, dass es schon eher Schüttelfrost war, und ich hab den Stöpsel in den Abfluss gesenkt und hab weiter das Wasser laufen lassen, und irgendwann hab ich gefragt, noch wärmer?, und sie hat bloß genickt, immer das Gesicht in den Knien, also hab ich weitergemacht, das ging so lange, bis die Wanne voll war, das Wasser war zum Schluss so heiß, ich hätt es da drin überhaupt nicht ausgehalten, und irgendwann hat sie angefangen, Sachen zu murmeln, ich hab erst nicht verstanden, und dann hörte ich, es tut mir leid, doch, das hat sie gesagt, ich hab bloß geantwortet, ist doch ganz egal jetzt, darüber reden wir später, und dann wollt ich, dass sie sich zurücklegt in der Wanne, ich hab versprochen, nicht hinzugucken, wär auch egal gewesen, ich hab ja nun wirklich schon alles von ihr gesehen, und sie hat es auch versucht, aber sobald sie die Arme von ihren Knien gelöst hat, hat sie derart unkontrolliert gezittert, dass sie sich wieder an sich selber festgehalten hat, immer die Arme um die Knie, und das ging eine ganze Zeit lang so, ich hab immerfort das heiße Wasser nachlaufen lassen, oben ist es durch den Überfluss abgelaufen, und Ayse hat mit den Zähnen geklappert, aber irgendwann hat das krampfhafte Zittern dann doch nachgelassen, und sie hat es geschafft, sich in der Wanne zurückzulehnen, hat dabei sehr züchtig und nicht ohne eine gewisse Anmut die Arme vor der Brust gekreuzt, so hat es jedenfalls ausgesehen, das war dann der Punkt, wo ich mir eingebildet hab, ich könnte die Sache ein bisschen von der leichteren Seite nehmen, ich glaube, ich hab sinnloses Zeug geredet, dabei hab ich an Regina gedacht, und dass ich sie sofort benachrichtigen müsse, aber ich hab mich nicht getraut, Ayse in der wassergefüllten Wanne allein zu lassen, und endlich hat sie angefangen zu reden, richtig artikuliert, kein Gemurmel, und was wollte sie, was hatte sie zu sagen? Ich meine, da wär doch allerhand zu erklären und zu erzählen gewesen, sie war volle zwei Nächte und zwei Tage draußen in der Wildnis gewesen, was war da passiert, was musste sie als erstes loswerden? Wasch mir die Haare, brachte sie raus, mit ziemlich rauer Stimme, aber deutlich zu verstehen, und ob ihr es glaubt oder nicht, ich fand das im Augenblick ein ziemlich einleuchtendes Verlangen, also hab ich es gemacht, sie war zurückgekommen, und das erste, was ich gemacht hab, das war, ich hab ihr die Haare gewaschen, und sie saß da in dem heißen Wasser wie ein Kind und hat sich die Augen zugehalten.

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 15.01.2022

Das ist ja richtig süß, also sag mal, ihr beiden …

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 15.01.2022

Nein, süß war das leider nicht, im Gegenteil, es war eine Katastrophe, und die wurde immer schlimmer, mit jeder Minute. Ich hab ja schon gesagt, und ich hab das ernst gemeint, wir Menschen sind nicht für den Verkehr mit übersinnlichen Wesen ausgerüstet. Mit Wesen, die hauptsächlich eine geistige Natur haben, die nicht körperlich sind, was immer. Wie unsere Besucher. Ayse macht da keine Ausnahme, auch wenn sie sich das einbildet. Ihr versteht, in uns ist der körperliche und der geistige Anteil gut gemischt. Wir sind Körper und Geist gleichzeitig, der Körper wirkt in den Geist hinein, der Geist in den Körper. Wenn bei einem Menschen der körperliche Anteil überwiegt, und es nicht viel Geist da, ist das nicht so schlimm, der ist dann halt ein stumpfer Klotz. Wenn aber der geistige Anteil sich vordrängt, und wenn womöglich ein immer noch größerer Anteil erzwungen wird, sagen wir, durch Trance und Meditation, dann geht das immer auf Kosten des Körpers. Die Geschichte ist voll von Heiligen und Wundermännern und Seherinnen, die hatten Visionen, die sahen den Himmel offen, die gingen um mit Engeln und Toten oder Dämonen und Vampiren, und sie hörten die Stimme GOttes und konnten vielleicht in die Zukunft sehen oder erhoben sich gar in die Lüfte, was weiß ich, aber körperlich wurden die schnell zum Pflegefall, mussten von ihren Angehörigen oder den anderen Nonnen oder Mönchen versorgt werden, wurden bettlägerig, also, ich meine, ich hab schon mal davon geschrieben. Ich sag das, weil ich schnell gemerkt hab, dass mit Ayse was nicht stimmte.

Mit mir auch nicht. Ich war nicht ganz bei mir. Das ist noch zu wenig gesagt. Ich war vollkommen von der Rolle. Ich war auf einmal von dem Gedanken besessen, ich müsse sie sauber bekommen, und ja, das war auch nötig, aus ihren Haaren kam dunkle Brühe raus beim Waschen, und also hab ich das Wasser aus der Wanne abgelassen und hab ihr gesagt, du musst dich jetzt waschen, sie hatte mehr Kratzer und Abschürfungen, als es zuerst den Anschein gehabt hatte, und ich hatte Angst, dass sie sich da draußen im Gelände irgendwelche Infektionen geholt haben könnte, wär ja möglich, ich hatte überhaupt Angst, unbestimmte Angst, und da stellte sich raus, sie konnte sich nicht waschen, sie hatte einfach nicht die Kräfte dazu, oder nicht den Willen, oder sie begriff nicht, was ich von ihr wollte, da hab ich erst mal gemerkt, dass sie vollkommen weggetreten war, auch, als sie mir gesagt hatte, ich solle ihr die Haare waschen, das hatte sie überhaupt nicht bewusst gesagt, mit dieser fremden rauen Stimme, die da aus ihr gekommen war, und diese rührende Geste, als sie die Arme über der Brust gekreuzt hatte, das war rein mechanisch gewesen, da stand ich dann kurz vor Panik, was, wenn das nun nicht mehr Ayse war da in der Wanne, sondern bereits ein fremdes Wesen in ihr wohnte, einer von den Besuchern vielleicht? was, wenn Ayse auf Nimmerwiedersehen verschwunden war aus diesem Körper? Und auf einmal erschien mir dieser Gedanke als ernsthafte Möglichkeit, und ich wusste nicht mehr, was ich tun sollte, dann hab ich mir fieberhaft überlegt, wenn einer nicht weiß, was er tun soll, dann muss er das Nächstliegende tun, immer das Nächstliegende, also — hab ich zu Waschlappen und Seife gegriffen und mich ans Werk gemacht.

Und Ayse hat das über sich ergehen lassen, ohne eine sichtbare Regung hat sie das über sich ergehen lassen. Ich hab bei ihrem Gesicht angefangen und mich über die Schultern bis zu den schmutzigen Füßen runtergearbeitet. Mit Wasser und Seife und Waschlappen und Schwamm. Viel Wasser, warmes Wasser in Mengen. Erspart mir die Einzelheiten, ich hab auf einmal begriffen, wie das ist, wenn man einen alten Menschen versorgen muss, der nicht mehr ganz bei sich ist. Der nicht mitmacht, wenn man sich um ihn kümmert, der nicht mitarbeitet. Egal. Irgendwie hab ich sie saubergekriegt, und abgespült, und dann, dann musste sie ja aufstehen in der Wanne, aber sie verstand wieder nicht, was ich von ihr wollte, sie saß einfach da, nicht widerwillig, nicht widerspenstig, einfach bloß willenlos, sie ließ alles mit sich machen wie eine Puppe, also hab ich mich unter Stöhnen und Ächzen drangemacht, sie rauszuheben, das war ein Ringen und Würgen, sie hat kaum mitgeholfen, ich hab keine Ahnung, wie ich sie endlich doch auf die Beine gekriegt habe, mir ist bald das Kreuz gebrochen dabei, ich hab ihr unter die Arme gegriffen und an ihr gezerrt und gehoben, und irgendwann stand sie denn doch aufrecht, nackt und triefend nass, aber mittlerweile war ich genauso nass wie sie, und dann stellte sich raus, sie kam nicht mehr aus eigener Kraft aus der Wanne, ich hab mir ihre Arme um den Hals gelegt, und das verstand sie, das war wohl ein Reflex, wie bei einem Baby, sie hat sich an mir festgehalten, und ich hab ihr erst das eine Bein aus der Wanne gehoben, dann das andere, und dabei hing sie an meinem Hals wie ein Mühlstein, hat an mir gezogen und gezerrt mit ihrem ganzen Gewicht, glaubt mir, ich bin tausend Tode gestorben dabei, wenn wir umgefallen wären, und keine Hilfe irgendwo, da waren außer uns nur die Katzen im Haus, was hätten die anderes tun können als jammern?

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 16.01.2022

Irgendwann war sie draußen aus der Wanne, und sie stand leidlich stabil auf ihren Füßen, und ich hab sie abgetrocknet, und sie hat mich dabei angesehen, als wüsste sie nicht, wer ich sei. Ich hab ihr erst mal ein Badetuch umgehängt, ich hab mich keine Sekunde getraut, sie allein zu lassen, da ist ein Hocker im Bad, mein erster Gedanke war, sie da erst einmal abzuparken, aber das Teil hat keine Lehne, sie wär einfach runtergefallen, und dann wuselten mir die Katzen zwischen den Beinen herum und hätten mich beinahe zum Stolpern gebracht, die Tiere miauten und klagten, ich weiß nicht, was die hatten, und ohne Unterlass beschäftigte mich der Gedanke, ich muss Regina benachrichtigen, mussmussmuss, also hab ich Ayse kurzerhand hochgehoben und in die Küche rüber getragen. Hab ich gemacht. Ich hab sie getragen wie ein Kind. Sie ist ja nicht schwer, aber ich bin ein alter Mann, also okay, sie hat Tonnen gewogen, Tonnen, und ich dachte, mir fallen die Arme ab, aber ich habs bis in die Küche geschafft, und dort hab ich sie erst mal auf die Eckbank am Küchentisch geschoben, da hatte sie Halt, hätte jedenfalls nicht weit fallen können, und ich hab mich erst mal selber setzen müssen, und die Katzen setzten sich zu uns und sahen uns an, vom einen zum anderen, und miauten klagend, und ich sagte zu ihnen, ja, zu den Katzen, passt mal ein bisschen auf sie auf, und dann raffte ich mich hoch und stolperte rüber in Ayses Zimmer und hab Klamotten geholt, und dann hab ich Ayse in der Küche angezogen, Socken und Höschen zuerst, und dann hab ich mich daran erinnert, in Jahrzehnten hatte ich mich daran nicht mehr erinnert, jetzt fiel es mir ein, wie meine alte Tante mir den Pullover angezogen hat, als ich noch ein Baby war, Arme zuerst, und dann schnell die Öffnung über den Kopf, so hab ichs jetzt bei Ayse gemacht, alles weitere ging ein bisschen leichter, ich hab gar nicht erst versucht, ihr Hosen anzuziehen, sie trägt ja immer Jeans, kein Gedanke, dass ich sie da reingebracht hätte, ich hab einfach eine weiche Decke geholt und sie ihr über die Beine gelegt, und so saß sie erst mal am Tisch, leidlich angezogen, und ich hab mich alt gefühlt, sowas von alt.

Ich hab dagestanden, vor ihr, die Arme auf die Tischplatte gestützt, und hab ihr ins Gesicht gesehen, und sie hat zurückgeblickt, mit weit offenen Augen, ohne zu blinzeln.

Ich dachte wieder an das Nächstliegende. Jetzt bist du sauber, hab ich zu ihr gesagt, jetzt brauchst du unbedingt was zu essen und zu trinken.

Das mit dem Trinken war einfach, ich hab einen dicken Pott schwarzen Tee gekocht, mit Milch und Zucker, damit sie von innen warm wird, hab ich gedacht, und also hab ich ihr einen Henkelbecher vollgefüllt und vor sie hin geschoben. Sie hat das Teil einfach bloß angesehen. Blieb mir nichts anderes übrig, ich hab ihr den Becher an den Mund gehoben und ihr Schluck für Schluck den warmen Tee eingeflößt, und wenigstens haben bei ihr die Reflexe noch funktioniert, sie hat gehorsam geschluckt, wie ein Baby, und hat dabei ins Leere gestarrt.

Nach der ersten Tasse hab ich ans Essen gedacht, was essen junge Frauen gern, was kriegen sie auf jeden Fall runter, Pizza? Fischstäbchen? Käsekuchen? oder ist das für Kinder? egal, Pizza Margherita ist bei uns immer im Gefrierschrank, also hab ich eine in den Backofen geschoben, und während der vor sich hin gerumpelt hat, hab ich Ayse einen zweiten Becher Tee eingeschüttet, und einen dritten, und einen vierten, und dann wurde mir klar, sie musste halb verdurstet sein, denn egal, wieviel ich ihr einfüllte, sie hat alles runtergeschluckt, und dann war die Pizza fertig.

Ich hab den Teller vor sie hin geschoben, und der hat wirklich geduftet, appetitlich, und sie hat bloß geguckt, immerfort mit dem gleichen leeren Blick, und mir wurde klar, das wird nichts, also hab ich ihr die Pizza auf dem Teller in kleine Häppchen geschnitten und ihr die Gabel in die Hand gedrückt. Sie hat die Gabel einfach fallen lassen, es war überhaupt keine Kraft in ihren Fingern, so hab ich ihr die Pizza häppchenweise in den Mund geschoben, und das klappte, wunderbarerweise, denn sobald sie den ersten Bissen auf der Zunge hatte, erwachten offenbar ihre Geschmacksnerven zum Leben, und sie fing an zu kauen, richtig mit Appetit, und sie sah mich an dabei, mit weit offenem Blick, so wie ein Säugling beim Stillen seine Mutter anschaut, ich kann nicht sagen, dass mir das gefallen hat, aber sie aß die ganze Pizza auf, Bissen für Bissen, und jedes Mal, wenn ich ihr die Gabel mit dem nächsten Happen an die Lippen schob, hab ich ihr die Lippen mit dem Bissen leicht berührt, und schon machte sie brav den Mund auf, das klappte, gekaut und geschluckt hat sie selbständig, und zwischendurch hab ich ihr immer mal wieder Tee eingespült, bis ich ein zufriedenes Gluckern aus ihrem Bauch gehört hab.

So. Sie war jetzt also gebadet und gewickelt und gefüttert, Zeit zum Schlafengehen.

Ich hab auch das noch auf die Reihe gebracht, ich hab sie hinter dem Tisch hervorgezogen und hab gepustet und geschnauft und hab sie mir auf die Arme gestemmt, ein Arm unter ihren Knien und einer um ihren Leib, und sie hat sich wieder auf die gleiche reflexhafte Weise an meinem Hals festgehalten, so hab ich sie in ihr Zimmer gewuchtet und sie auf ihr Bett gelegt, na ja, ich hab sie praktisch auf ihr Bett geschmissen. Bin gestolpert bei dem letzten Schritt, und da lag sie dann. Hätte mich beinahe dazugelegt, so haben mir die Knie gewackelt, aber ich hab mich berappelt und hab sie zugedeckt, da war sie schon eingeschlafen.

Als nächstes hab ich mir erst mal meinen Gehstock aus dem Arbeitszimmer geholt, glaubt mir, den hab ich jetzt wirklich gebraucht. Minuten später, ich wollt gerade mich ans Abspülen machen, hat es außen an der Küchentür geklopft, die in den Garten hinaus führt, das war Regina. Ich hatte sie angerufen und nur gesagt, „sie ist wieder da“, und ich weiß nichts mehr davon. Ich weiß nicht mehr, wann ich Regina angerufen hab. Ich weiß nicht einmal mehr, dass ich es getan hab. Wir standen eine Weile in Ayses Zimmer, vor ihrem Bett, und sahen auf sie hinab, wie sie da lag und schlief, als würde nichts und niemand je sie wieder wecken können, und dann gingen wir in die Küche, um uns zu beraten, vorher sah Regina noch die Verwüstung im Badezimmer und half mir, alles wieder in Ordnung zu bringen, ich wollte das nicht, aber sie ließ sich gar nicht erst auf Diskussionen ein.

Dann saßen wir in der Küche und arbeiteten uns an der nächsten Kanne Tee ab und redeten.

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 17.01.2022

Ich war sowas von fertig, es ist nicht zum Sagen. Ich erzählte Regina alles. Ich sagte, wahrscheinlich hätte ich den Notarzt rufen müssen, aber ich hab mich nicht getraut. Wenn sie aufwacht, und sie ist immer noch in diesem Trancezustand, dann braucht sie ärztliche Hilfe, was soll ich dann machen, dann muss ich Erklärungen abgeben, sie werden sie in die Psychiatrie bringen, und mir wird die Polizei bohrende Fragen stellen, wir können uns das nicht leisten, hoffentlich wacht sie auf und ist wieder sie selbst, aber was dann? Ich kann sie doch nicht in ihrem Zimmer einsperren und den Schlüssel in die Tasche stecken! Aber wir können auch nicht das Risiko eingehen, dass sie so etwas noch einmal macht, in ihrem Interesse nicht und nicht in unserem.

Wir müssen erst mal hören, was sie zu erzählen hat, sagte Regina. Und dann müssen wir alles mit ihr bereden. Wir brauchen eine Perspektive, was weiter wird. Es scheint, sie fühlt Verantwortung für diese Wesen. Aber sie hat auch eine Verantwortung gegenüber uns. Wir müssen darüber reden.

Wir hatten beide denselben Gedanken. Was, wenn sie zu diesen Wesen ernsthaft eine Beziehung aufgebaut hat? Emotionale Beziehung, geistige Beziehung? Was, wenn sie soweit ist, dass sie auf ihr eigenes Leben keine Rücksicht mehr nimmt? Sie hat ja selber gesagt, ich kann nicht anders, das waren ihre Worte. Ich kann nicht anders. Was, wenn sie gegenüber diesen Wesen ein Gefühl unbedingter Verbindlichkeit entwickelt hat, unbedingter Verpflichtung? Die wollen etwas von ihr, die brauchen sie, wie und wozu auch immer, und sie ist bereit, denen alles zu geben? Sind dann irgendwelche anderen Rücksichten für sie noch von Bedeutung? Bedeutet es ihr dann noch was, was aus uns wird?

Menschen, die wirklich sich in eine Beziehung zu dem Übernatürlichen verstrickt haben, von Angesicht zu Angesicht, zu übernatürlichen Dingen, zu übernatürlichen Wesen, denen wird die irdische Wirklichkeit egal. Denen wird ihr eigenes Leben egal. Die Heilige Johanna hat ihre Stimmen gehört, und sie ist dafür auf den Scheiterhaufen gestiegen. Sie wusste ja, was sie gehört hatte. Auf unserem Kontinent gibt es keine Scheiterhaufen mehr. Dafür haben wir die psychiatrischen Kliniken. Menschen verbrannt werden dort auch, nur auf kleiner Flamme.

Die Sache hört auf, noch irgendwelchen Spaß zu machen.

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 18.01.2022

Wir saßen bis in den frühen Morgen beisammen, Regina und ich. Regina tippte in ihr Smartphone eine Nachricht an die Schlapphüte, dass Ayse wieder aufgetaucht sei. Ihr könnt die Suche einstellen.

Ihr könnt die Suche einstellen, das heißt, früher oder später tauchen die hier auf und stellen Fragen.

Ich erzählte Regina, wie ich Ayse gefüttert hatte. Ich erzählte auch, wie ich überlegt hatte, was gebe ich ihr. Pizza Käsekuchen Fischstäbchen? Bei der Erwähnung des Käsekuchens bekam Regina derart hungrige Augen, dass es sogar mir auffiel. Ich hatte einen im Gefrierschrank, in der Mikrowelle war der im Handumdrehen aufgetaut, ich staune immer über diese neuen Zurüstungen, die man heute hat, und ich habe sie also auch. Wir machten den Käsekuchen klein, bis auf den letzten Krümel, und tranken unseren Tee dazu, und redeten über Ayse.

Einmal kam mir der naheliegende Gedanke, der mir gleich hätte kommen sollen, und ich ging an die Haustür und schaute hinaus.

Sie waren wieder da. Hockten drüben auf den Wiesen, dichtgedrängte Masse. Wieder fiel mir auf, wie schön die Frauen waren, herzzerbrechend schön. Regina stand hinter mir. Die Besucher beachteten uns nicht groß, sie sahen hinüber nach Ayses Fenster, an dem hatte ich die Laden vorgelegt. Ich hab Klappläden an den Fenstern im Erdgeschoss.

Wir müssen Diana beiholen, sagte ich, in der Eingebung eines Augenblicks. Wir müssen Diana hier hinstellen, und dann sehen wir, wie sie reagieren.

Ich hatte Regina schon von dieser Ähnlichkeit erzählt, zwischen Diana und den schönen Frauen der Besucher.

Wäre einen Versuch wert, sagte die Chefin des Fons.

Wieder in der Küche, redeten wir von Balbutin, und seiner rätselhaften Nachricht.

Don‘t worry, I‘ve seen her, she‘s well.

Der geistert hier irgendwo in den Gärten herum, sagte ich, es ist nicht anders möglich. Vielleicht war er die ganze Zeit schon hier.

Den kriegen wir, sagte Regina. Es gibt hier in Weldbrüggen etliche Internetcafés, vor allem an der Uni, in der Nähe der Mensa. Wenn der dort war, erinnern die sich an ihn.

Alles klar, Balbutin? Regina hat ein Foto von dir, der Fons sucht nach dir, und die kriegen dich. Du hast jetzt lange genug deinen Spaß gehabt, wir holen Diana her, und die wird dich wieder mit nach Hause nehmen, zu deiner Familie und deinen Kindern, wo du hingehörst. Und wenn du recht höflich bittest, kriegst du vielleicht sogar deinen alten Job wieder.

Irgendwie hab ich das Gefühl, jetzt ist Schluss mit lustig. Wir müssen ernsthaft einen Anlauf nehmen, alles auf die Reihe zu kriegen. Ein neuer Anfang muss her. Wir waren zu lange die Getriebenen. Die Dinge sind passiert, wir haben sie über uns ergehen lassen. Wir könnten ja mal versuchen, selber zu handeln.

Ich hab das auch zu Regina gesagt. Mir reicht es. Ich hab in den vergangenen paar Tagen so viel Angst gehabt, Angst wegen Ayse, dass es auf Jahre hinaus langt. Ich bin ein alter Mann. Ich hab das nicht verdient, rumirren zu müssen und Panik zu schieben, richtige Panik. Das ist ein blödes Gefühl, entdecken zu müssen, die Mitte hält nicht mehr, alles gleitet auseinander. Ich hab mein Leben, und das will ich ordnen, so wie ich es für richtig halte.

Also alles wie immer, sagte Regina amüsiert. PvM gegen den Rest der Welt.

Amen, sagte ich.

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 19.01.2022

Regina ging irgendwann, da war es noch nicht hell, und ich stromerte nervös im Haus hin und her. Treppe hoch, Treppe runter. Ab und zu spähte ich in Ayses Zimmer hinein. Sie schlief, tief und traumlos, wie es schien. Ich fühlte, es war irgendwie – unangebracht, mir fällt das richtige Wort nicht ein, unrecht, ungehörig, vielleicht sogar unanständig, einfach so ins Zimmer einer jungen Frau reinzugehen und ihr beim Schlafen zuzuschauen. Unangemessen. Ich kam mir vor – übergriffig. Ich tat es dennoch, und ich fühlte wieder diese Panik in mir hochklettern. Es geht nicht darum, dass sie eine junge Frau ist, dachte ich. Es geht darum, dass sie gefährdet ist. Die ganze Zeit fielen mir die passenden englischen Wörter ein, ich weiß auch nicht, warum. Inappropriate, das war eines von diesen Wörtern. Ich hab sie doch nicht alle, dachte ich.

Ich überlegte mir, ich könnte in den Keller gehen, ich habe dort unten noch eine Campingliege, ich hatte mal eine, die muss noch da sein, woher hab ich die eigentlich, im Leben war ich noch nicht Campen, das Letzte, was mir einfiele, egal, ich hol die hoch und stell sie in den Korridor, direkt vor Ayses Zimmer, so dass sie die Tür blockiert, da schlaf ich, wie ein treuer Hund auf der Türschwelle, da kann sie nicht raus, ohne dass ich wach werd.

Ich wusste selber, dass ich im Begriff war, die Kontrolle zu verlieren, Kontrolle über die Dinge, Kontrolle über mich selber, ich hatte zwei Tage und drei Nächte nicht geschlafen, ich war ununterbrochen unterwegs gewesen, ich hatte Ayse gesucht, ich war meinen eigenen Gedanken hinterhergerannt, jetzt war sie wieder da, und ich dachte nur, ich muss da sein, wenn sie wieder aufwacht, womöglich versucht sie erneut, wegzulaufen.

Doch nicht am hellen Tag, redete ich mir zu.

Warum nicht, sagte diese blöde Stimme. Vielleicht weiß sie nicht mehr, wer sie ist.

Es war mittlerweile hell, und mir war klar, ich musste schlafen, unbedingt, ich konnte mich nicht mit Gewalt wachhalten. Ich musste schlafen, um bei klarem Verstand zu bleiben. Ich stolperte die Treppe hoch in mein Schlafzimmer, ich dachte, ich muss mich einfach nur für ein paar Minuten hinlegen, einfach nur die Augen zu machen, dann geht es mir besser, so ein kleines Schläfchen, das tut oft Wunder.

Ich fiel auf mein Bett, angezogen wie ich war, ich hörte noch meine Krücke auf den Boden poltern, dann weiß ich nichts mehr.

Doch. Ich weiß noch, dass ich schlief in der Tiefe des Schlafs. Ich lag am Grund eines stillen Ozeans, der hütete mich, der drängte mich nicht, der presste mich nicht, der wölbte sich über mir, droben am Licht spielten die Meermädchen, im Schaum der Wellen, ich aber lag unten in der Tiefe, in der guten schwarzen Tiefe und wollte nichts mehr. Ich lag bei den Muscheln und den räumenden Wesen, die es dort unten gibt, bei den Tintenfischen, die tasteten zuweilen sacht nach mir, wer ist das? wo kommt der her? und ich schlief, ich hatte keine Wünsche, ich träumte nicht, ich schlief.

Als ich erwachte, fühlte ich mich hochtauchen wie aus einem unendlichen Behagen. Danke, dachte ich bloß, was hat das gut getan. Schlaf, tiefer Schlaf. Das hab ich gebraucht. Jetzt muss ich aufstehen. Muss mich um Ayse kümmern.

Ich hatte es nicht eilig, der Schlaf war noch überall in meinen Gliedern, so warm und schwer, endlich raffte ich mich auf und öffnete die Augen.

Ich lag auf dem Rücken in meinem Bett, vollständig angezogen, schlaff und warm, und mir wurde klar, warum ich so friedlich geschlafen hatte, so unbeschwert, so frei von Sorgen.

Ayse lag im Bett neben mir, Kopf an meiner Schulter, und schlief tief wie ein junges Kätzchen. Über uns beiden lag meine warme Steppdecke, die hatte ich jedenfalls nicht ausgebreitet. Ich wurde nun doch wach, da lag eindeutig ein Mädchenbein auf meinen Knien, und ein Mädchenarm über meiner Brust, und ich fühlte Ayses Haare an meiner Wange.

Inappropriate, sowas.

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 20.01.2022

Ich lag eine Weile still, ich weiß nicht, was ich dachte, und dann hörte ich ihren Atem, tief und gleichmäßig.

Sie ist irgendwann aufgewacht, dachte ich, und dann hat sie hier hoch gefunden, ob halb schlafend oder halb wach, das ist ja ganz egal. Jedenfalls heißt das, das ist Ayse, da drin.

Es war warm im Bett, und daheim, und ich hatte gar keine Lust, mich zu rühren. Also stimmt, was immer behauptet wird, überlegte ich vor mich hin, man schläft tiefer, wenn noch jemand mit im Bett liegt, wahrscheinlich fühlt man sich dann sicherer.

Ich glaube, ich habe seit Jahren nicht mehr so gut geschlafen.

Endlich glitt ich doch aus dem Bett, unter ihrem Arm und Bein durch, und sie murmelte ein bisschen im Schlaf, kindlicher Protest, wachte aber nicht auf, ich sammelte meine Krücke vom Boden auf und deckte Ayse warm zu, und dann ging ich hinunter, um zu tun, was ich immer als Allererstes tue, nach dem Aufwachen, und überhaupt in allen Lebenslagen: Tee kochen.

Es war heller Nachmittag.

Die Katzen beschwerten sich im Chor. Ich hatte vergessen, sie zu füttern, gestern schon? Ich hoffe nicht, ich habe nicht daran gedacht, das macht sonst immer Ayse, so arbeitete ich eine Weile am Teekocher und an dem Dosenöffner für das Katzenfutter und fühlte mit Bedauern, wie mein Kopf allgemach klar wurde, ich liebe das gar nicht, der Zustand nach dem Aufwachen, diese leise Benommenheit, bevor die Gedanken ihr übliches Karussell beginnen, den halte ich gern so lange aufrecht wie möglich.

Ich stellte den Katzen ihre Schälchen hin, wie üblich dachten sie gar nicht daran, danke zu sagen, und dann hörte ich auf der Treppe das leise Tappen nackter Füße, das war Ayse, ich drehte mich um, da stand sie schon unter der Küchentür, in Höschen und T-Shirt, so wie ich sie in der Nacht angezogen hatte, und sagte, in etwas schmollendem Ton: Ich hab Angst gehabt, allein.

Ich begriff, das war als Erklärung gedacht, warum sie auf einmal in meinem Bett gelegen hatte, und ich begriff ebenfalls, in namenloser Erleichterung, ja, das war wirklich Ayse, da drin in dem Mädchenkörper, sie war noch da, da war kein fremder Bewohner drin.

Hätt ich vielleicht nicht machen sollen, aber ich ging ohne ein Wort zu ihr hin und nahm sie in die Arme und drückte sie an mich. Ich bin so froh, dass du wieder da bist, sagte ich in ihre Haare hinein, warum hast du das nur gemacht, ich bin fast gestorben vor Angst.

Sie erwiderte meine Umarmung und murmelte, es tut mir leid es tut mir leid es tut mir leid —

Und dann sagte sie: Gibt’s was zu essen?

Ihre Stimme war wieder die alte, weich mit etwas spröden Obertönen, das ist der türkische Akzent.

In diesem Augenblick klingelte es an der Haustür. Mir fiel das Herz in die Hose, mir war klar, das waren die Schlapphüte, die würden jetzt wissen wollen, was Sache ist. Ich musste die nicht reinlassen, konnte sagen, Ayse ist noch zu mitgenommen für ein Interview, aber durfte ich es mir leisten, die zu  verärgern?

Setz dich an den Tisch, sagte ich zu Ayse, ich muss aufmachen, ich bin gleich wieder da, setz dich hin, lauf nicht weg.

Es klingelte erneut, anhaltend, fordernd, ich fand das unverschämt. Ich stützte mich würdig auf meinen Stock, ging vor zur Tür, öffnete.

Mir gefror das Blut zu Eis, oder ich erstarrte zur Salzsäule, wie ihr wollt. Da draußen, direkt unter der Tür, im hellen Nachmittagslicht, stand eine von ihnen. Eine von den Frauen. Eine von den Besuchern. Trat noch auf mich zu, trat direkt auf mich zu, da ich die Tür öffnete, der Kopf umtost von einem Tumult schwarzer Haare, schwarze Haare wie Schlangengewühl, und der Blick starr und brennend, bohrte sich mir in die Augen, große Gestalt wie Marmor im Sturm, und hinter ihr drängte sich eine ganze Meute der Besucher, in meinem Vorgarten, auf der Treppe, und sie starrten mich an, und es war klar, die wollten ins Haus, und die marmorschöne Hexe trat auf mich zu, aufrecht wie das Standbild einer Göttin, und sie streckte die Hand nach mir aus, ich hatte mich, ohne es zu merken, am Türrahmen festgehalten, hatte mich festhalten müssen, um nicht den Stand zu verlieren, und dann machte der düstere Engel den Mund auf und sagte mit der klaren und kalten Stimme, die ich kannte:

Was ist mit dir los? Kennst du mich nicht mehr? Ist Balbutin hier?

Ich wäre beinahe in die Knie gegangen, ob vor Erleichterung, ob vor Schrecken, ich weiß nicht. Es war Diana, natürlich war es Diana, und sie hatte keine Ahnung, dass sie ein ganzes Rudel der Besucher im Schlepptau hatte, sie sieht die ja nicht.

Ich hab jemand anderes erwartet, sagte ich lahm. Komm rein, Ayse ist wach, ich bin froh, dass du da bist.

Sie sah mich an, unüberzeugt, sagte aber nichts weiter und trat ein, und ich schloss die Tür und unterdrückte dabei gerade eben noch den Impuls, zu der Meute auf der Treppe zu sagen: Und ihr bleibt draußen.

(Nachrichten vom 14. bis 20.01.2022, neu eingestellt auf dieser Seite am 23.05.2022 von Peter Flamm, © Verlag Peter Flamm 2022)