Banshee Neue Folge 31

Nachricht von Ayse Konopski

Und was hab ich gemacht? Ich hab gefragt, ohne einen Augenblick nachzudenken, habs einfach so rausgeblökt: „Darf ich fahren?“ Und er hat mir wortlos die Schlüssel hingehalten.

Das war doch mal was.

Ich hab also das Wägelchen aus der Garage gesteuert, und PvM hat derweilen den Polizisten gesagt, wo wir hinfahren, dann ist er zugestiegen und hat sich in sein übliches Schweigen gehüllt. Der stellt einfach die Augen auf Fernsicht und ist weit weg, ihr kennt das ja.

Ich kenn mittlerweile den Weg hoch zum Fons, aber selber gefahren bin ich noch nie, das war abenteuerlich, durch das finstere Montbel und dann den Berg hoch, und immer wollte ich unbedingt den Blick runter auf die Stadt haben, musst aber auch auf die Straße aufpassen, und unten, unten war die Kathedrale. Sah jetzt, am hellen Nachmittag, nicht mehr aus wie ein Raumschiff, eher wie, eher wie eine Glucke, und um sie rum die wuselnden kleinen Küken, das war die Stadt.

Ist nur mäßig komfortabel, ohne Schuhe Auto zu fahren, versucht es lieber nicht.

Ich hab es aber ohne Zwischenfall bis auf den Besucherparkplatz hoch geschafft, und hinter uns her kroch der Polizeiwagen. Dass etwas nicht stimmte, merkte ich daran, dass vor dem Portal des Fons zwei bewaffnete Wachleute standen, sahen irgendwie nicht nach Landespolizei aus, eher nach professioneller Security, die hatten richtig Schutzwesten an, und Knarren im Anschlag. Und als wir kamen, hat der eine in sein Handy geguckt, der hat unsere Gesichter abgeglichen.

Das kleine Männchen, das sonst in der verglasten Rezeption sitzt, machte die Tür für uns auf, wir mussten nicht einmal klingeln, und der guckte mich ganz hingerissen an, das muss Liebe auf den ersten Blick gewesen sein, und da kam schon Regina herbeigestöckelt, und ich fragte: „Was ist da draußen los?“

„Wir müssen ein bisschen auf uns aufpassen“, gab die Chefin zur Antwort und umarmte mich und hielt mich für einen Augenblick fest. „Geht’s dir gut?“ fragte sie, und ich wunderte mich, wieso ich auf einmal so von allen Seiten geknuddelt wurde. „Mir geht’s gut“, sagte ich und hielt meinerseits Regina ein bisschen fest, sie ist kaum größer las ich, selbst mit hohen Absätzen, aber viel dünner, sie hat Knochen wie ein Vögelchen. „Was soll das heißen, auf uns aufpassen?“

Regina löste sich von mir, hielt aber ihre Hände auf meinen Armen, und blickte mich von oben bis unten an. „Todschick“, sagte sie, und das Signal war eindeutig. Keine Frage nach den bewaffneten Wächtern.

„Wir setzen uns ins Palmenhaus“, sagte die Chefin, nachdem sie auch PvM begrüßt hatte, wie sich alte Freunde eben begrüßen, und dann passierte alles, wie ich es schon erzählt hab, wir gingen unter den Palmen, bis richtig der Urwald über uns zusammenschlug, und dann war es wie damals, als ich es mit den Koi hatte, die Bäume und der Boden dampften, überall waren seltsame Vogelschreie, und ich sah eine große schimmernde Schlange kriechen zwischen den Wurzeln, die Schlange glänzte und spiegelte wie Metall, ich hätte sie gern berührt, und dann war ein krächzender Papagei in den Ästen über uns, weiß nicht, ob es derselbe war wie damals, der sich so an meine Fersen geheftet hatte, ich spürte den Waldboden unter meinen bloßen Sohlen, der war ganz weich und federnd, wie dickes Moos, und dann wiegte sich voraus der Teich in seiner Bucht, lag da wie in einer kostbaren Schale, und ich dachte, noch nie hab ich ein solches Grün gesehen, so unwirklich stark, und auch das Braun der Baumstämme war, irgendwie, ich weiß nicht, saftig, stark, wie nasse Teeblätter, duftend.

Und am Teichufer waren Tisch und Stühle aufgebaut, und ein Servierwagen, und bei dem Servierwagen stand die schicke Russin und hütete den Käsekuchen und den Kaffee.

In der Luft war zwitschernde Jagd, das waren die Pihis, die spielten wieder und trieben ihre Kapriolen, noch schneller als Schwalben vor einem Gewitter, und ich sah nach der Insel hinüber, da waren sie wieder, die drei Frauen die drei Schwestern, Dianas Schwestern, sie saßen am Ufer der Insel, die eine sehr hoheitsvoll in der Mitte, die anderen beiden von den Seiten her an sie gelehnt, Köpfe an ihrer Schulter, so blickten sie über das Wasser zu uns herüber, traurig und aufmerksam, und ihre schwarzen Haare wehten, als wäre da irgendwo Wind, es war aber keiner.

Wir setzten uns hin, und die Russin versorgte uns, dann verabschiedete sie sich unauffällig, und Regina blickte einmal in ihr Smartphone, wir haben also Empfang hier, dachte ich, und rief mich gleich zur Ordnung, natürlich haben wir Empfang hier, wir sind nicht wirklich im Urwald, und dann wiederholte Regina ganz unerwartet ihre Worte von eben, „wir müssen auf uns aufpassen“, und dann sagte sie Sachen, viele Sachen, die ich im ersten Augenblick gar nicht verstand.

(Nachricht eingegangen am 21.05.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 22.05.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)