Banshee Neue Folge 30

Nachricht von Ayse Konopski

Also, wie war das. Ich bin so schön am Räumen hier im Haus, und die Welt ist so, wie sie ist, und tief in mir drinnen arbeitet es. Diese Nacht unter der Kathedrale. Mit einem Teil meiner selbst bin ich immer noch dort unten. PvM sagt ganz trocken, das ging jedem so. Wer immer da unten war und wieder hochkommt, der lässt unten ein Teil von sich zurück. Aber nicht wie ein Gepäckstück, sondern wie ein lebendiges Teil, das kommuniziert. Man könnte ja auch umgekehrt sagen, man war drunten, kommt wieder hoch, und nimmt das alles mit sich. Jedenfalls, man ist hinterher ein anderer Mensch.

Ich sag das, weil ich jeden Tag spür, wie das arbeitet in mir, dieses Teil von mir, das ich unter der Kathedrale zurückgelassen hab. Versucht sozusagen, die Fäden zu entwirren. Alles auf die Reihe zu kriegen. Ich selber, wenn ich nachdenk, ich krieg nie was auf die Reihe. Aber was da drinnen in mir arbeitet, ohne dass ich was dazu tu, das kommt dann schon irgendwann zu Potte. Versteht ihr, was ich meine?

Ich auch nicht.

Also noch mal zurück. Wir kamen am frühen Morgen wieder zu Hause an, ich den Kopf an PvM’s Schulter, und die Besucher haben schon auf uns gewartet. Sie waren aber ganz still, keine Aufregung, sie saßen nur überall rum, zerstreut, das ist jetzt anders als am Anfang, am Anfang hatten sie sich ja drüben auf den Wiesen versammelt, auf der anderen Seite der Straße, inzwischen hängen sie überall ab, in den Bäumen, auf den Mäuerchen und Zäunen bei den Vorgärten, ringsum auf den Dächern, sie sitzen und stehen und balancieren überall, wo sie einen guten Blick auf PvM’s Häuschen haben, und da bin ich ja drin. Ich bin die kleine Tänzerin, die in der Schneekugel wohnt, und alle können sie beobachten.

Wir sind ins Haus gegangen an diesem Morgen, und ich hab mich nicht einmal richtig ausgezogen, ich bin einfach ins Bett gefallen und bin eingeschlafen, ohne es überhaupt zu merken. Das war keine Müdigkeit, das war Erschöpfung, ich war erledigt, fertig, tot.

Na ja, tot, das nun doch nicht. Irgendwann gegen Mittag haben mich die Katzen geweckt. Sie heißen übrigens Kitty und Mohrle. Kitty ist die Schwarzweiße, und Mohrle das schwarze Katerchen. Der Name Mohrle ist inzwischen natürlich sowas von politisch unkorrekt, aber da steht PvM auf seinen Hinterbeinen, schwarze Kater heißen in Weldbrüggen Mohrle, und zwar urkundlich nachweisbar seit dem zwölften Jahrhundert, hat er getönt, und damit hat es sich. Das mit dem „urkundlich nachweisbar“ ist zwar nur ein Scherz, aber die Sache klingt gut. Kitty jedenfalls hat ihre eigene Technik, mich zu wecken, wenn ich gar nicht aufstehen will, sie kommt ins Bett geklettert und pustet mir ins Ohr, doch, das macht sie, man sollte nicht glauben, dass eine Katze auf so eine Idee kommt. Ich wache zuverlässig davon auf, weil es nämlich kitzelt, und da es also funktioniert, macht sie es wieder und wieder. Learning by doing. Die Katzen haben mich also geweckt, und ich bin in die Küche getorkelt und hab sie gefüttert und dann eine riesige Kanne Tee gekocht, um zu Bewusstsein zu kommen. PvM war schon wach, der Mann schläft ja sowieso nie, und wir haben den Tee vernichtet, geredet haben wir dabei nicht, und ich hab noch ein Buttercroissant gekriegt, und dann war es schon so gut wie an der Zeit, wieder aufzubrechen.

„Aber ich weiß doch gar nicht, was ich sagen soll“, hab ich gesagt. „Ich hab mir noch gar nichts überlegen können.“

„Das macht nichts“, sagte PvM. „Wir fangen an zu reden, und du lässt einfach raus, was dir einfällt, und wie‘s dir einfällt, du kannst dich gut ausdrücken, das wissen wir doch, und am Besten, wenn du nicht lang nachdenkst.“

Immerhin, das hat nicht irgendwer gesagt.

Also bin ich erst mal Duschen gegangen und hab mir frische Klamotten angezogen, es war mir eine klare Sache, Regina würde was anderes anhaben als heute Nacht, also müsst auch ich anders auftreten. Oben auf dem Speicher, unter all den alten Sachen, hab ich gleich am Anfang beim Räumen ein paar Blusen gefunden, uralt, mindestens siebzig Jahre, und eine war drunter, blau und grau marmoriert, mit edlen Längsfalten, und einer Schleife vor der Brust, Omastil, hab sowas noch nie gesehen, aber mir kam ein Gedanke, und ich hab das Teil mal versuchsweise über einer Jeans getragen, und auf einmal sah das umwerfend aus. In der Reinigung haben sie den Kopf gewiegt und mich unterschreiben lassen, dass ich das auf meine eigene Gefahr reinigen lasse, aber alles ist gut gegangen, und das Grau kam hinterher noch besser raus als vorher, so ein weiches ich weiß gar nicht wie ich das beschreiben soll so ein weiches Gewittergrau, ja, richtig blaugrau, wie eine Gewitterwolke, und das Teil hab ich mir also über eine helle Jeans gezogen, und als statement piece, okay, bloße Füße. Jawohl, das setzte ich mir auf einmal in den Kopf, ich steh oben auf dem Fons barfuß auf der Matte.

„Ich wär soweit“, hab ich zu PvM gesagt, der im Korridor schon auf mich wartete, und da ist es endlich mal passiert, er hat eine Frau in mir gesehen, das erste Mal, schon komisch, wo der mich doch schon so oft nackt gesehen hat, und er sagte ganz ernst, „du siehst großartig aus“, und die Frage „Keine Schuhe?“ verkniff er sich, getreu seiner Devise, auf keinen Fall darüber reden.

(Nachricht eingegangen am 20.05.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 21.05.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)